Das Journal vom Lesen

 

Was beim Lesen passiert zwischen dem Text und dem Mensch, der liest

 

18. April 2026

 

Uff. Gestern gepostet von Eastman "Red Hunters and the Animal People". Wieder so ein schmales Bändchen, das dann wochenlang Arbeit gemacht hat. Ich habe es vor Jahren mal so runtergelesen, aber nicht gleich geschrieben, es kam immer etwas dazwischen, und je länger so was liegen bleibt... Ich habe es jetzt erst verstanden, so weit man die Beziehung zwischen Indianern und wildenTieren überhaupt verstehen kann. Man versteht erst, indem man schreibt, was man liest, es ist immer eine Selbsterforschung, eine Öffnung ins Unbekannte. Was ich so gerne ausblende: die Bedeutung von Tod und Töten, die Beziehung zwischen ethischem Handeln und Töten in der indianischen Kultur. Ich neige zu ihrer Idealisierung, weil ich diese Kultur für eine der bewundernwertesten Leistungen der Menschheit halte - und dann schlachten diese Leute auch noch ihre heiligsten Verbindungen zu Wakan Tanka ab: das weiße Büffelkalb in der Erzählung "Mustering of the Herds" . Es hat mir ziemlich Probleme gemacht.

Aber ich stelle fest, wie eng und selektiv die weiße Ethik  ist, die andere Normen festgelegt hat und alles als böse beargwöhnt, was fremd ist und von außerhalb weißen Denkens kommt. Ich hasse den Vergleich mit katholischem Christentum, das bei Indianern - bitte - nichts zu suchen hat, aber Ohíyesa stand dem Katholizimus nicht fern, und was haben Christen mit Jesus gemacht? Ein blutiges Opfer, das sie anschließend Jahrtausende lang verspeisen als heilige Handlung. Dann doch lieber das weiße Kalb, das über die konkrete Nahrung spirituelle Energie bringt.

Ich glaube, die Lösung des indianischen Ethik"problems" heißt Balance. Indianische Ethik bedeutet, dass man zwischen Töten und Verehrung, zwischen Gut und Böse die Balance halten muss. Das Böse, das Töten, es lässt sich aus dem Leben nicht ausklammern, aber das Handeln nach der einen und der andern Seite muss sich die Wage halten, und das ist eine Lebenskunst. Vielleicht war es Ohíyesa nicht deutlich bewusst, aber unterschwellig basieren seine zwölf Jagderzählungen auf diesem Gleichgewicht, es basiert das Handeln der Jäger auf diesem Gleichgewicht - dass man dem erlegten Beutetier zum Dank für sein Selbstopfer Wasser und Tabak zukommen lässt. Es ist eine kulturelle Handlung, in der man sich distanziert von primitiver Fressgier.

Ach Gott, meine weißen Vorfahren, meine weißen Zeitgenossen - kennen wir kultuelles Handeln überhaupt außer im Konzert oder im Museum? Wahrscheinlich ist es noch in uns drin, aber die Werbung, die Geschäfte der großen Konzerne - sie haben uns eine hemmungslose Gier nach Vereinnahmungen anerzogen.

Dauenhauer still in my mind.

 

 14. März 2026

 

Dauenhauer still in my mind.

 

Neulich  "The Names" von Scott Momaday platziert - ich mache die gleiche Erfahrung immer wieder. So ein Buch sieht so einfach aus, übersichtlicher Satz, alte Fotos zwischen den Textseiten - Familiengeschichte, da liest man drüber, schreibt ein paar Bemerkungen dazu, fertig. Und dann wurde es eine Arbeit, die an Grundsätze führte. An das Wesen von Sprache überhaupt, an die Herkunft als Basis des Individuums...es war anstrengend. Charles Eastman liegt schon so lange in der Ecke, ich hätte damit sofort weitermachen müssen, aber ich war einfach ausgelaugt. Und es lag auch so ein anderes schmales kleines Buch schon eine Weile herum, "American Indian Love Lyrics", also wenn einen so was nicht wieder auf die Beine bringt...

Oh Gott, es hat mir seit Monaten kein Buch solche Arbeit gemacht, es ging immer weiter bei den Recherchen, und schließlich musste ich abbrechen, weil ein eigenes Buch daraus hätte werden können. Die Texte sind zwar anonym, aber gesammelt und kommentiert von zwei weißen Damen 1925, da ist man mit indianischenTexten ziemlich "weiß" umgegangen, in bester Absicht. Aber viele "Gedichte" aus der Sammlung wurden Zeremonien entrissen, von denen ich nie etwas gelesen hatte... nun, jetzt habe ich, wobei mir eine freundliche KI Sachinformationen zusammentrug, für die ich Monate an Suche gebraucht hätte. Ich bin skeptisch bis total ablehnend, was KI betrifft - hier war ich dankbar ,und das gute elektronische Gehirn hätte mir auch den Artikel geschrieben, du liebe Güte. NEIN! Denken tu ich immer noch selber!

Und jetzt? Eastman, endlich. Das sind drei Bücher, vielleicht vier?

Zwischendurch habe ich einen Autor zu lesen begonnen, der zu den bedeutendsten überhaupt gehört, Romancier, elegant, tiefschürfend, psychologisch voller Erkenntnis, eine Sprache so einfach wie das Leben (oh...), man ist sofort im Text drin: D'Arcy McNickle. Unglaublich. Ich würde Leckerbissen sagen, wenn es nicht so tiefgründig wäre. 

Nein, jetzt erst Eastman.

 

2. Februar 2026

 

Dauenhauer still in my mind.

 

Wenn ich beim Essen aus dem Fenster sehe, hinein in das Gewebe trockener Zweige und dunkler Äste, hindurch sehe in die stahlgraue Geschlossenheit oder die orangefarbene, blaue, von grellen Lichtinseln geschichtete Pracht der Erdatmosphäre, dann weiß ich: Ich bin im Universum die einzige Person, die diesen Blick hat. Meine Nachbarn zweieinhalb Meter über oder unter mir würden es bereits ganz anders sehen, sie hätten ihren eigenen Blick auf das Atmen der Erde. Falls sie ihn denn haben, denn ich glaube, sie gucken gar nicht.

 

Heute Russell Means platziert, ein wirres, aber tief ins Bewusstsein greifende Büchlein, 100 Seiten, die eine Menge Arbeit gemacht haben, weil alle Themen unabgrenzbar ineinander greifen – das war es wohl auch, dass den beiden Autoren (Means mit Bayard Johnson) die Systematik unmöglich machte.

 

Schade, dass ich von Brigitte Georgi nichts hörte. Ihr Buch über Momadays „House Made of Dawn“ ist völlig enttäuschend, es entspringt einem Grundsatzfehler weißer Wissenschaft. Wie kann man einen indigenen Roman an weißer Literaturgeschichte messen, mit weißer Systemverbissenheit den brodelnden Kosmos eines indigenen Bewusstseins einzäunen? Ich habe sie natürlich verrissen und dabei meine Wut gebremst, aber ein Verriss ist ein Verriss. Ich habe ihr den Artikel geschickt in der Hoffnung, über Perspektiven und Zugangswege von Wissenschaft zu diskutieren, sich auszusprechen. Nichts. Nun ja, sie ist emeritiert, womöglich hat sie inzwischen andere Sorgen als über ein Buch zu reden, das sie vor 40 Jahren geschrieben hat. Aber ich hätte gern gewusst, wie Wissenschaftler heute an indigene Literatur herangehen. Womöglich indigene Wissenschaftler?

 

In den Literaturangaben Brigitte Georgis sind aber unglaublich viele Autoren aufgelistet, an die ich anders nie gekommen wäre. D’Arcy McNickle – was für ein Autor! „The Surrounded“ von 1936. Habe ich jeweils ein besser geschriebenes, tiefgreifenderes Buch gelesen? Nun ja, ich habe mich mal wieder verstrickt. Wollte ja Momaday „The Names“… Ich komme wie immer neugierig vom Weg ab und lese dabei so furchtbar langsam. Wakan Tanka – 300 Jahre…? Bitte!

 

4. Januar 2026

 

Momadays "House Made of Dawn" - wenn ich gewusst hätte, worauf ich mich da einlasse, hätte ich es noch länger vor mir hergeschoben. Dreimal gelesen, Deutsch und Englisch, immer mal geblättert und herumgesucht, Notizen, Chronologie notiert. Dieses Buch ist ein poetisches Gestrüpp! Doch, ich glaube, ich habe es jetzt verstanden, abgesehen von einigen kleinen dunklen Passagen, die Momaday womöglich selbst etwas entglitten sind beim Schreiben. Wie hat der nur den Überblick behalten bei diesem Mosaikwerk? Ich habe das Buch über "House Made of Dawn" von Brigitte Georgi bestellt - man schreibt ja kein Buch über ein Buch, wenn man nicht glaubt, man müsse seine Geheimnisse wirklich bis in die letzte Ecke ausleuchten. Aber jetzt erstmal vergleichsweise Leichtlektüre: "The Names" von Momaday - die Geschichte seiner Vorfahren. Fundamental für einen Indigenen. Und für die Leser, die ihn verstehen wollen.

 

Dauenhauer noch immer in my mind. 

 

25. November 2025

 

Ich bin ein gieriger Leser. Wenn ein Buch neu ankommt, muss ich hineinschauen - und es dann erstmal weglegen, weil ich ja bereits mit anderen Büchern beschäftigt bin. Zurzeit mit dreien, aus denen mehr werden können, und gestern fiel mir wieder so ein schmales Geschöpf beim Kramen in die Hand: Russell Means "If You've Forgotten the Names of the Clouds..." Der Mann definiert unter anderem die Bedeutung von Sprache für die Indigenen! Und ich habe diesen Titel lange liegen lassen, ohne zu realisieren, dass es ja DAS Thema dieser Website ist! Also jetzt erstmal diesen schrecklichen Roman von Franzobel  ("Die Entdeckung Amerikas") beenden, und dann...

 

Lieber Gott - (Wakan Tanka) gib mir 300 Jahre Zeit für meine Bücher!

 

24. November 2025

 

Richard Dauenhauers "Phenologies" vor ein paar Tagen gepostet, sie gehen mir immer noch durch den Kopf. Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Wolken hinter dem Netz kahler Äste und tanzender trockener Blätter im Wind, ich sehe die Veränderungen der Atmosphäre, unmerklich, aber ständig, die Farbmodulationen von Orange zu Violett, das Aufreißen, das Sichschließen, die stählern-blaue Schicht, die sich ins Orange erwärmt - ich finde die Perspektive nicht wie Dauenhauer, der das Atmen der Erde in einer einzigen Zeile sichtbar machte. Was für ein Könner!

 

Heute Nachmittag war ich bei der Collagen-Künstlerin Kike, die so viele witzige, pointierte Ideen (nicht nur) zum Thema Lesen geschnitten und geklebt hat. Habe eine Collage von ihr erworben (Reproduktion mit freundlicher Genehmigung von  https://www.kike-collagen.de/): In einem Park sitzt eine Frau hoch oben auf einem wackligen Bücherstapel - es kommt mir vor wie ein Porträt von mir. Denn immer sind Bücher ein nach oben endloser Höhenflug. Der vielleicht schmerzhaft am Boden endet? Ja, da gibt es zwei fatale Möglichkeiten - wenn sich die Realität rüde dazwischen quetscht in Form der Steuererklärung. Oder wenn das Verstehen eines Buches die Möglichkeiten des Lesers überschreitet. Aber ist das Verstehen eines Buches nicht immer eine unerreichbare Utopie?  Können wir sie so verstehen, wie sie sind in ihrer Authentizität? Und was macht die Zeit mit ihnen? Ich hatte mal einen dicken, kostbar gebundenen Band mit Predigten aus dem 18. oder 19. Jahrhundert in der Hand, eine sogenannte Hauspostille - unerträglich. Wer hat das jemals und mit welchen Folgen in seinen Kopf hineingelassen?

 

17. November 2025

Wollte heute die Indianerbücher endlich wieder einräumen, ist mir sogar geglückt, die tonnenschwere neue Couch in Position zu bringen. Beim Einräumen fiel mir ein schmales Bändchen in die Hände, es gehörte zu den ersten, die ich vor ein paar Jahren erwarb, als die Indianer in mein Leben traten: "Phenologies" von Richard Dauenhauer. Ich hatte damals mal geblättert, es zog mich nicht an, aber ich hatte es nun mal. Weil es den Anschein machte, dass man es schnell beim Abendessen durchlesen könnte, hab ich es endlich mal von vorn angefangen, konzentriert, neugierig. Und - es war richtig. Wie dämlich und kenntnislos muss ich damals gewesen sein? Ein Jahr in Alaska. Kühl, sachlich, ohne Symbolik, die reinen "Phänomene". Manche Zeile hätte von mir sein können. Ich frage mich - warum sind sie nicht von mir? Weil ich der Symbolik, den Metaphern hinterher laufe. 80 augenöffnende Seiten. Demnächst auf Native Storytellers (dabei stünden längst Momaday, Eastman, Franzobel an... jaja).

Und ebenfalls beim Einräumen: Ich habe - auch noch gebunden - mehrere Titel von dieser Welskopf-Henrich. Oh mein Gott.

 

13. November 2025

Menrath gepostet.  Jetzt liegen vor mir Franzobel, Momaday und Ohíyesa. Gestern nette Email-Reaktion auf Louise Erdrich vom Lindenmuseum Stuttgart. Tiefes Einatmen. Auf Twitter heute einige berührende Lakota-Sätze, die mich festhalten. Das ist es immer, was von diesen Menschen kommt - wie man sich hält in sich selbst. Ich lerne immer noch.

 

12. November 2025

Und nochmal, 14.41 Uhr. Die bisher einzige Reaktion auf meinen Artikel über "The Mighty Red":

"Das Buch von Louise Erdrich kenne ich nicht. Ich habe mal im Internet geschaut, die Inhaltsangabe gelesen und denke, ich werde es mir besorgen. Vielen Dank für Ihren Tipp!"
Nein. Nicht nachdenken. Es muss ja weitergehen.

 

1.34 Uhr. Nachteule. Manuel Menrath "Unter dem Nordlicht". Dickes Buch, Interviews mit kanadischen Indigenen, 2. Auflage 2020. Bei Erscheinen hat das im deutschsprachigen Raum viel Aufsehen erregt. Heute? Ich frage mich, was davon übrig bleibt, wenn mal zehn Jahre rum sind. Was bleibt von Native Storytellers übrig? Man sollte sich diese Frage niemals stellen, man kann nicht mehr arbeiten, wenn man so fragt, die Zeit ist ein Tsunami, der alles wegspült. Und was heißt überhaupt arbeiten? Heute Wohnung gesaugt mit neuem (nicht mehr) Miele Staubsauger, musste im Internet gucken, wie man den Filter wechselt! Fenster geputzt. Gardinen gewaschen. Wie lange krieg ich das noch hin? Nicht fragen. Unser Leben ist ein Schatten, so wie der Wind übers Präriegras streicht.  

Ich wünschte, ich könnte morgens so loslegen wie ein Frühaufsteher, jedenfalls mit dieser mentalen Wachheit. Ich brauche ewig jeden Tag, bis ich da bin. Ich fürchte mich vorm Daseinmüssen.

Nix weiter. Ab zu Menrath.

 

7. November 2025 

Endlich geschafft, Louise Erdrich "The Mighty Red". Hat noch einmal zwei Tage gekostet, den Text zu schreiben und hier einzupassen. Die Untersuchung der formalen Struktur hat mich wochenlang beschäftigt, am vorletzten Tag kam noch eine Kunstausstellung mit dem Österreicher Constantin Luser dazwischen. Verblüffenderweise stellte sich heraus - der Mann mit den schwebenden schwarzen Drahtobjekten und den röhrenden Musik-Skulpturen ist von der Ojibwe-Autorin gar nicht so weit entfernt. Beide erkennen die Welt als Geflecht einander überlagernder Energien, als ein unglaublich dichtes Gewebe von Realitäten.

Jetzt bin ich doch etwas erschöpft. Heute Abend im Fernsehen die  Heute Show mit Olli Welke. Danach meine wöchentlichen Asteroiden-Notate. Ich müsste die Kakteen ins Winterquartier räumen. Fenster putzen. Oh Gott: Wäschegebirge bügeln.

Uff. Heute nicht mehr. 17.30 Uhr. Noch kein Mittagessen.

 

2. November 2025

Noch immer nicht fertig mit Louise Erdrich "The Mighty Red". Ich lebe mit Büchern, es sind sicher so um die 10.000 Bände, ich habe das Verzichten auf Bücher nie gelernt. Aber ich konnte auch immer Ordnung schaffen, nach Sachgebieten, alphabetisch, hat immer geklappt, auch wenn es immer Platzprobleme gab und gibt. Nur bei den Indianerbüchern - Hergott, wie soll man die ordnen? Einteilen? Musste ein Regal auseinandernehmen, weil eine neue Couch ins Wohn-Arbeitszimmer kam - und nun das Wiedereinräumen... alphabetisch nach Autoren? Nach indigenen? Weißen? Belletristik, Lyrik, Sachthemen? Geschichte? Mir fiel Chief Dan George in die Hand, schmaler Band "The Best of Chief Dan George" - indianische Gesichter öffnen mir immer das Herz, ja, klingt kitschig, ist mir so egal. Und es gibt zwei oder drei, die... ja, was? Sitting Bull ist so ein Gesicht. Grandpa Ted Thin Elk aus dem Film "Thunderheart". Und Chief Dan George. Ich schau wieder dieses Gesicht an, das, umrahmt von langem weißem Haar und geprägt vom Leben,  keinem Weißen je ähnlich sähe. Und ich bin zuhause. Ich räume nicht weiter auf oder ein, morgen vielleicht. Solche Menschen lassen sich ja nicht einordnen.

 

30. Oktober 2025

Werden heute weniger Bücher gelesen? Wird überhaupt weniger gelesen als früher? Keine Ahnung, es ist mir egal. Seit ich lesen gelernt habe, lese ich. Manche Bücher haben mich mehr verändert als irgendetwas sonst. Ich bin noch nicht fertig damit. Ich lerne. Ich bin fast 83. Vor ein paar Jahren haben mir Indianer das Lesen beigebracht – das andere Lesen. Das andere Denken. Ich lese, was sie gesagt und geschrieben haben und was sie heute schreiben. Sie sind die Zukunft.

 

Black Thin Elks unerfüllte Vision - es ist die Zukunft.

Leslie Marmon Silkos „Ceremony“ – sie war und ist eine Lehrmeisterin.

Tommy Orange, Morgan Talty – junge Autoren, sie sind die Zukunft.

Louise Erdrich, die Ojibwa mit den deutschen Vorfahren, die die Verbrechen und Verstrickungen der Kolonisierung aufarbeitet – sie bereitet der Zukunft den Boden.

 

Ich lerne. Nie in meinem Leben war ich wirklich dankbar. Jetzt bin ich es.

Ich bin in dem Zwiespalt, dass ich viel, am liebsten „alles“ lesen möchte, aber immer langsamer, immer geduldiger lese. Wie soll das enden, ich werde ja keine 300 Jahre alt. Zurzeit lese ich alles durcheinander – die Bücher der Weißen, die über Indianer geschrieben haben, die Bücher der indianischen Autoren. In Arbeit sind auf der „weißen“ Seite Franzobel und Manuel Menrath, auf der indianischen Seite Charles Eastman, Morgan Taltys „Fire Exit“, Scott Momadays „House Made of Dawn“ und Louise Erdrichs jüngst deutsch übersetzter Roman „The Mighty Red“.

 

Es wäre eigentlich genug, um mal gerade so nicht völlig durcheinander zu geraten. Aber gestern kam noch etwas hinzu, wovor ich mich lange (und vielleicht mit Recht) zurückgehalten hatte: In einem öffentlichen Buchregal, in dem Leute ihre ausgelesenen Titel entsorgen, fand ich, unsauber und mit zerknautschtem Einband, einen der Romane von Liselotte Welskopf-Henrich (1901-1979) aus der Serie „Die Söhne der Großen Bärin“. Klassische DDR-Jugendliteratur, auch im Westen beliebt. Ich wollte Autoren der reinen Unterhaltungsgattung wie Karl May und eben auch Welskof-Henrich aus den „Native Storytellers“ eigentlich ausklammern, ich denke nicht, dass Indianer ein Thema für indianerspielende Kinder (und Erwachsene, man glaubt es kaum) sein sollten. Und dann lese ich bei Wikipedia, dass Welskopf-Henrich außer ihrer Zuneigung zu Indianern  auch eine anerkannte Althistorikerin war – was zu ihrer Qualifikation als Romanautorin ja nichts sagt. Die Dakota habe sie auf USA-Reisen zwischen 1963 und 1974 kennen- und verstehen gelernt, worauf diese Menschen so froh waren, einmal ernstgenommen zu werden, dass sie ihr, so Wikipedia, den Ehrentitel „Lakota-Tashina“ gaben = Schutzdecke der Lakota. Das Lakota-Wort Tashina kenne ich nicht, das will nichts heißen, meine Lakota-Kenntnisse sind begrenzt, aber ich sehe bei Eugene Buechel, dass das Wort sich zusammensetzt aus der Vorsilbe „ta“ und „shina“ = blanket. „ta“ deutet eine Zugehörigkeit an, also zusammen mit „Lakota“ eine shina, die zu ihnen gehört, für sie da ist. Auf eine solche Ehrung darf man schon stolz sein.

 

Statt den Artikel über „The Mighty Red“ endlich fertig zu machen, lese ich also erstmal „Die Söhne der Großen Bärin“ Band 2 und stelle fest – nein, um alles in der Welt, diese sechs Bände will ich auf keinen Fall alle lesen. Die Autorin hat detaillierte Kenntnisse über das Verhalten von brutalen Weißen und hoch zivilisierten Indigenen, über das harte Leben und die Schönheit der Landschaften zwischen Black Hills und Missouri. Aber Literatur ist das nicht. Sprachlich seltsam ungelenk, werden Spannungen und Konflikte, Verhalten und psychische Reaktionen stets von außen geschildert, als sähe der Leser durch Glasscheiben, ohne sich mit den handelnden Personen identifizieren zu können. Die dramaturgischen Fähigkeiten reichen eben, um Handlungsstränge so miteinander zu verknüpfen, dass so etwas wie Spannung entsteht, aber keine Stringenz, keine Zwangläufigkeit. Also ich werde den Band zu Ende lesen, aber nicht weiter analysieren – es ist eine Substanz, die dem Härtetest einer Analyse nicht standhält.

 

Ab morgen dann endlich zurück zu Louise Erdrichs „Mighty Red“.