Kurzer Sommer in der Stille  zwischen Berg und Fluss

 

 

Lyrikbändchen „Phenologies“ von Tlingit-Sprachforscher Richard Dauenhauer

 

 

Man kann kaum aufzählen, was der in Syracuse/New York geborene Richard Dauenhauer (1942-2014) alles geleistet hat. Wenn man ihn als Sprachforscher und Linguist definiert, klingt das wissenschaftlich nüchtern und lässt nicht ahnen, wie tief er mit seiner Materie persönlich verbunden war. Vor allem als Übersetzer machte er sich zunächst einen Namen – er übersetzte literarische Texte aus dem Russischen und Deutschen, aus dem Altgriechischen, aus slawischen Sprachen, Schwedisch, Finnisch…Dem Russischen fühlte er sich so nah, dass seine Bestattung nach orthodoxem Ritus stattfand. Aber dass sein Name in Deutschland fast unbekannt blieb und in USA eher ein Begriff ist, wenn auch nicht in breiter Öffentlichkeit – es hängt damit zusammen, dass seine Liebe der Sprache und den Traditionen der Tlingit galt, dem bedeutenden indigenen Volk an der Nordwestküste der USA.

 

 

Dauenhauer hat wörtlich in die Tlingit hineingeheiratet: 1973 wurde die 15 Jahre ältere Tlingit-Lyrikerin Nora Marks seine Frau, sie machte ihn mit einem ungehobenen kulturellen Schatz vertraut, dem er fortan sein Leben widmete. Zusammen publizierten sie Tlingit-Sprachbücher, unterrichteten und entwickelten Tlingit-Schriftformen, um die gesprochene Sprache zu erhalten und in der Gegenwart zu verankern. Ein paar Jahre verbrachten sie am Alaska Native Language Center der Universität von Alaska Fairbanks, zwei Jahre hatten sie eine Residency in Anchorage am Fuß  des Flattop Mountain, aber ihr großes Lebenswerk bestand in der Sammlung des kulturellen Erbes der Tlingit: In 30 Bänden publizierten sie in englischer Übersetzung die Mythen, Sagen und Geschichten des Volkes, die „Tlingit Raven Stories“.

 

 

Unter dem großen Werk geht fast die Tatsache verloren, dass Richard Dauenhauer auch Lyriker war. Ein schmales Bändchen von 79 Seiten zeigt ihn als bedeutenden - ja: was? Sprachkünstler? Konzentrierten Naturbeobachter? Die Begriffe werden ihm nicht gerecht, denn er schrieb die kurzen Stücke unter dem Titel „Phenologies“ aus einer Position nicht des Vor-Ort-Seins, sondern des Im-Ort-Seins, als jemand, der Bestandteil des Ortes ist, wobei die Wörter so natürlich und unaufdringlich erscheinen wie die Luft, die er ein- und ausatmete. Der Titel deutet Dauenhauers Selbstverständnis als Lyriker an: keine Metaphern, keine Symbolik, nichts, was den Leser durch artifizielles Können beeindrucken und dirigieren könnte. Die Dinge, die Erscheinungen, die Phänomene sprechen durch sich selbst, sie werden wahrgenommen vom Autor, der selbst nichts anderes als eine lebendig auftretende „Erscheinung“ ist.

 

 

In der Kürze und verblüffenden Einfachheit, auch in der Art ihrer Wahrnehmung erinnert Dauenhauers  Lyrik mitunter an japanische Haiku, aber es fehlt die Strenge der Dreizeilen-Struktur. Die „Phenologies“ sind offene, gleichsam atmende Formen mit einer Zeilenbrechung, wie man einen Satz beim normalen Sprechen gliedern würde, und natürlich reimt sich da nichts. Ist Dauenhauer beeinflusst von indianischer Lyrik, die mitunter einen ähnlich offenen, fließenden Duktus hat? Ich glaube eher, es ist eine Geistes-, eine Lebensverwandtschaft.

 

 

Auch der Zyklus, in dem er die Stücke auftreten lässt, entspricht indianischem Weltverständnis: Nach einem “Prelude“ von zwei Gedichten, die noch aus Dauenhauers Aufenthalt 1969 in Madison, Wisconsin, stammen, entfaltet sich von Januar bis Dezember ein Jahr, und wichtig für den Lyriker ist der Ort: am Fuß des Flattop Mountain auf der Kenai-Halbinsel in Alaska bei Anchorage. Nein, da wird nichts für potentielle Touristen vorgeführt, es sind keine Texte, die von überwältigender Natur künden, es sind Erscheinungen, die man mitunter kaum wahrnimmt wie ein Tropfen, der von einem Blatt zur Erde fällt, wie das Pfeifen von Murmeltieren, der Flug einer Eule. Wie Birkenholz fürs Feuer zerkleinert wird. Der Lichtschein einer Kerosinlampe, die auf einem Tisch verstreuten Manuskriptblätter.

 

 

Bei diesen berührend einfachen, intensiven Texten wird Sprache identisch mit den Dingen und Vorgängen, die sie evoziert. Das wird als eine im Bewusstsein des Autors hervorbrechende  Erkenntnis bereits deutlich in der „First Phenology“ von 1969,wo es heißt: „No pattern/ imposed on snow drops ...“,sondern einfach nur die Wahrnehmung, wie die Tropfen vom Dach fallen: „… dot-/ dash intersections/ of water and sunlight“. Diese Wahrnehmung eines simplen physikalischen Vorgangs ist von tiefer Schönheit, sie lässt den Leser teilhaben am Wechselspiel von Sonne und Schnee, am Ineinandergreifen von Prozessen, die die Erde gestalten.

 

 

Das Januar-Gedicht besteht aus fünf kurzen Zeilen: Stille. Tapsen von Meisen auf der Birke. Knirschen von Stiefeln im Schnee. Hinreißend schön die dreistrophigen „Gedanken beim Einbringen von Feuerholz“ am 17. Januar: „Cold night. Orion/ rising over Flattop by/ quarter moon… Der Blick von der kalten dunklen Erde (minus 37 Grad Celsius in Anchorage) hinauf zum Flattop-Gipfel und ins Weltall, zu Mond und Sternen, er öffnet sich dem Leser mehrmals, wobei Dauenhauer aber stets sein Bewusstsein als in vielen Kulturen verankerter Mensch der Gegenwart wachhält. So am 10. Januar, bei minus 20 Grad Fahrenheit (minus 29 Grad Celsius): zwei Elche auf der Zufahrtsstraße, Orion überm McHugh-Gipfel, Telemann-Konzert in B Dur und die Autobatterie auf dem Tisch beim Ölofen.

 

 

Einmal blättert Dauenhauer das Wort „Schnee“ in verschiedenen Sprachen auf. Die Namen von Freunden fallen ihm ein – sie sind mehr als Namen, sondern Aspekte seiner Person. Mondaufgang Ende Oktober überm Flattop: Dauenhauer steht und schaut, bis ihm der Nacken steif ist: „How long had I been standing/ in the mountain road/ staring at the moon/ in ecstasy of stasis?“ – sein eigenes Außersichsein angesichts des Mondes ruft ihm das Bild der griechischen Lyrikerin Sappho zurück, deren Gefährtinnen tanzend im Gras den Mondaufgang feierten: „circling an altar, rising/ to full moon rise/ twenty five/ centuries ago.

 

 

Der Schönheit des eisigen Nachthimmels steht die kurze Wärme der hellen Sommernächte nicht nach. Dauenhauer ändert seine Strophenform, löst die Zeilen auf in eine gegeneinander versetzte Struktur, die ein warmes Dahinwehen übers Land bei lang dauernden Sonnenuntergängen aufkommen lässt. Die Sommeratmosphäre ist durchsetzt vom Rascheln kleiner Tiere und vor allem vom Goldkronensperling, den Dauenhauer als subtiles Ganzlicht setzt: „golden/ crowned/ sparrow/ all/ night/ long“.

 

 

Dauenhauers Gedichte setzen existenzielle Wertmaßstäbe im Bewusstsein des Lesers. Sie werfen nicht die Frage auf nach dem, was wichtig ist im Leben - sie beantworten sie, leise und selbstgewiss. Der Band endet am 31. Dezember, völlig abseits von Sektgläsern, Feuerwerk und rauschender Party: „approaching midnight./ Silence.“ Zu hören nur das Fallen von Schneeflocken auf Dauenhauers Parka. Gegenwart über Jahrzehnte hinweg.

 

 

„Phenologies“, poems by Richard Dauenhauer, Thorp Springs Press, Austin/Texas 1986, 79 S., ISBN 0-914476-90-4

 

 

18. November 2025    Copyright Christel Heybrock