Langsam rettet der Mythos das Leben

 

 

Leslie Marmon Silko: „Ceremony“

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„Ceremony“  ist der 1977 erschienene Erstlingsroman der Laguna Pueblo Autorin Leslie Marmon Silko. Ich habe ihn mehrmals gelesen, anfangs in der Originalsprache Englisch, dann in der deutschen Übersetzung (Titel: „Gestohlenes Land wird ihre Herzen fressen“) - sie ist hilfreich, wenn auch durch Druckfehler irritierend. Schließlich habe ich immer mal hinüber, herüber, durcheinander gelesen. Ich schreibe diese Rezension aus einer persönlichen Perspektive, weil ich denke, sie ist vielleicht beispielhaft für die Rezeption weißer Leser, die sich indigener Literatur aussetzen.

 

Anfangs konnte ich eine Oberfläche wahrnehmen: die Handlung, so wie man als weißer Leser eben liest. Die Handlung ist einfach und scheint nicht einmal spannend: Tayo ist ein Halbblut-Indianer (unbekannter weißer Vater, indianische Mutter, die als Prostituierte zur Schande ihrer Familie wird, das vierjährige Kind zurücklässt und früh stirbt). Als mental schwer angeschlagener Veteran kommt Tayo aus dem Zweiten Weltkrieg (Japan) zurück und nach Klinikaufenthalt in Los Angeles wieder zu seiner Familie in New Mexico, auf dem Land in der Gegend zwischen Gallup, Laguna, dem Puerco River und der Route 66, einer Gegend, aus der auch die Autorin stammt. Das Buch schildert Tayos langsame Heilung mithilfe des Medizinmannes Old Betonie. Außer dieser leidlich interessanten Oberfläche habe ich anfangs nichts wirklich verstanden. Als weißer Leser bin ich einer solchen Literatur noch nie begegnet, und es ist nicht so, dass man das Buch liest, sondern das Buch liest vielmehr den Leser. Indem Tayo Heilung findet und man lernt, in den Text einzudringen, scheint einem der Text allmählich kulturelle Verkrustungen aufzubrechen und wie eine unnütze Hautschicht abzustreifen: Noch immer hat das Buch mich nicht ganz zu meinem eigenen Kern gebracht, man darf es nicht zu früh weglegen. Auch Tayo, desorientiert bis in ein tiefes somatisches Durcheinander, muss sich durch zahllose „Übergänge“ kämpfen, bis er wieder er selbst ist.

 

Old Betonie, der Tayos Heilung voraus-, ja: zeichnet, indem er mit Gebetshölzern und einem Sandbild die Muster des Sternenhimmels, die Solstizien, die Bewegungen von Mond, Sonne und Menschen notiert, Old Betonie benutzt als Erklärung für die lange Dauer von Tayos Heilung das Bild eines Jungen, der bei Bären aufwächst und von Menschen behutsam zu seiner eigenen Natur zurückgebracht wird. Die vielen lyrik-artigen Einschübe, mit denen die Autorin den Text aufbricht, empfindet man zunächst nur als fremdartig mythisch. Was ist das? Gebete? Ritualtexte? Gesänge? Beschwörende Gedichte? Mythische Berichte, in denen die Erzählhandlung auf anderer Ebene gespiegelt wird? Was der Autorin gelingt, ist ein Brückenschlag zwischen Magie und Gegenwart, indem sie weiße Mentalität definiert: „…seit mehr als zweihundert Jahren arbeiteten weiße Menschen daran, ihre innere Leere zu füllen; sie versuchten, die Hohlheit mit patriotischen Kriegen und mit überragender Technologie auszustopfen.“ Das geht bis hin zum Uranabbau in Tayos Gegend und zu nuklearen Versuchsreihen auf dem White Sands Proving Ground in New Mexico, deren Emissionen Tayos Großmutter in nächtlichen Schrecken versetzen. Silko definiert die von Weißen geschaffene atomare Bedrohung als „Schnittpunkt aller Lebewesen und der Erde“ – alles auf diesem Planeten und der Planet selbst sind vereint durch den Todeskreis potentieller atomarer Vernichtung. Auch dieses Muster hatte der alte Betonie in der Zeremonie gezeichnet.

 

Silko bleibt ohne Vorwurf, sie weiß um die Resilienz indianischer Mentalität, die sich heute allmählich wieder zeigt: „Only a few people knew that the lie was destroying the white people faster than it was destroying Indian people…. The plastic and neon, the concrete and steel. Hollow and lifeless as a witchery clayfigure.“ Ja, was sind wir Weißen unter dem ganzen Überbau der Technisierung? Tayo nimmt schließlich die Kraft aus der Landschaft, seiner Verwurzelung: „The mountain remains, the love remains“, und Old Betonie weiß um Dauer wie um Veränderungen: „There are balances and harmonies always shifting, always necessary to maintain.“

 

Das Merkwürdigste ist, dass diese mythische Grundverhaftung nichts Schweres, Dunkles hat, sondern irritierend leicht, stellenweise fast bindungslos auftritt, als huschten einem Lichtreflexe durch den Kopf. Tayo hat zwei wortlos warme sexuelle Erfahrungen mit Frauen – die eine ist die Geliebte seines Onkels, die er später sucht und nicht mehr findet. Die andere ist mit einem indianischen Jäger verheiratet und verlässt Tayo, schmerzhaft für beide, um zu ihrer Familie zurückzukehren. Auch die Textstruktur hat dieses rätselhafte Schweben, was das Lesen nicht erleichtert. Bei aller Detailfreude von Naturerscheinungen, von Tayos physischen Zuständen – da ist so viel Duft von Pflanzen, Erde und Tieren, da klopft ihm das Herz, scheuert er sich die Knie auf, friert oder schwitzt er - bei aller Detailfreude bricht ein Handlungsstrang, ein Ort plötzlich ab und wird anders fortgesetzt. So heißt es einmal in einem einzigen Satz: „Die Veränderungen strebten in ihm in die verschiedensten Richtungen; das Maultier war blind und alt gewesen.“ Die Veränderungen beziehen sich dabei auf Tayo, nicht auf das Maultier. Ts’eh, die Frau des Jägers, steht irgendwann da wie aus dem Nichts, es heißt einfach „sie“ – erst viel später bekommt sie einen Namen.

 

Auf die Reflexhaftigkeit ebenso wie auf die Detailgenauigkeit des Textes muss man sich einlassen lernen – auf den Tiefenzusammenhang, das Wurzelwerk des Textes ebenso. Als Leser ist man mit diesem Buch einer wiederholten Selbsterforschung und Selbstvergewisserung ausgesetzt. Mir ist in der weißen Literatur kein Buch mit diesen speziellen Qualitäten bekannt, es ist eine Erfahrung, die durch nichts zu ersetzen ist.

 

Penguin Classics, New York  2016, 244 S., (ISBN 9780143129462)

 

22. August 2022                Copyright Christel Heybrock

 

 

Myth Slowly Saves a Life

 

Leslie Marmon Silko: *Ceremony*

 

*Ceremony* is the debut novel by Laguna Pueblo author Leslie Marmon Silko, published in 1977. I have read it several times—initially in the original English, then in the German translation (titled *Gestohlenes Land wird ihre Herzen fressen* [Stolen Land Will Devour Their Hearts]); the latter is helpful, though occasionally irritating due to typos. Eventually, I found myself reading back and forth between the two, mixing them up. I am writing this review from a personal perspective because I believe it may be representative of how white readers experience Indigenous literature.

 

At first, I could only perceive the surface: the plot—the way a white reader typically reads. The plot is simple and doesn't even seem particularly suspenseful: Tayo is a mixed-race Native American (his father was an unknown white man; his mother was a Native American woman who became a prostitute—a source of shame for her family—left her four-year-old child behind, and died young). Tayo returns from World War II (Japan) as a veteran suffering from severe mental trauma; after a stint in a Los Angeles hospital, he rejoins his family in rural New Mexico—in the area between Gallup, Laguna, the Puerco River, and Route 66, the very region the author herself comes from. The book chronicles Tayo’s slow healing with the help of the medicine man Old Betonie. Beyond this reasonably interesting surface, I didn't really understand anything at first. As a white reader, I had never encountered literature like this before; it is not so much a case of reading the book as the book is reading *you*. As Tayo finds healing and one learns to penetrate the text, the writing seems to gradually break open cultural encrustations and shed them like a useless layer of skin—though the book has not yet fully brought me to my own core; one must not put it aside too soon. Tayo, too—disoriented to the point of profound somatic disarray—must fight his way through countless "transitions" before he is himself again.

 

Old Betonie—who anticipates and indeed maps out Tayo’s healing by using prayer sticks and a sand painting to chart the patterns of the starry sky, the solstices, and the movements of moon, sun, and humanity—explains the long duration of Tayo’s recovery through the image of a boy raised by bears who is gently guided back to his own true nature by humans. The many lyrical interludes with which the author breaks up the text initially strike the reader as strangely mythical. What are they? Prayers? Ritual texts? Chants? Incantatory poems? Mythic accounts in which the narrative action is mirrored on another plane? The author succeeds in bridging the gap between magic and the present day by defining the white mentality: "…for more than two hundred years, white people had been working to fill their inner emptiness; they tried to stuff that hollowness with patriotic wars and superior technology." This extends to uranium mining in Tayo’s region and the series of nuclear tests at the White Sands Proving Ground in New Mexico—tests whose emissions fill Tayo’s grandmother with nocturnal dread. Silko defines the atomic threat created by white people as the "intersection of all living beings and the earth"—everything on this planet, and the planet itself, is united by the circle of death inherent in potential nuclear annihilation. Old Betonie had traced this pattern, too, during the ceremony.

 

Silko harbors no resentment; she understands the resilience of the Native American mindset, which is gradually re-emerging today: “Only a few people knew that the lie was destroying the white people faster than it was destroying Indian people…. The plastic and neon, the concrete and steel. Hollow and lifeless as a witchery clayfigure.” Indeed, what are we white people beneath the entire superstructure of technologization? Ultimately, Tayo draws strength from the landscape—from his roots: “The mountain remains, the love remains”—and Old Betonie understands both continuity and change: “There are balances and harmonies always shifting, always necessary to maintain.

 

The strangest thing is that this deep mythic grounding carries no heavy, dark quality; instead, it feels disconcertingly light—at times almost unmoored—like fleeting reflections of light darting through one’s mind. Tayo shares two wordlessly warm sexual encounters with women: one is his uncle’s lover, whom he later seeks out but cannot find; the other is married to a Native American hunter and leaves Tayo—a painful parting for both—to return to her family. The structure of the text itself possesses this enigmatic, floating quality, which does not make for easy reading. Yet, for all the loving detail devoted to natural phenomena and Tayo’s physical states—the scent of plants, earth, and animals; the pounding of his heart; his scraped knees; his shivering or sweating… For all the author’s delight in detail, a narrative thread or a setting will suddenly break off and continue in a different direction. At one point, for instance, a single sentence reads: “The changes within him were pulling in all sorts of directions; the mule had been blind and old.” The changes refer to Tayo, not the mule. Ts’eh, the hunter’s wife, appears out of nowhere at one point—referred to simply as “she”—and only much later is she given a name.

 

One must learn to engage with the text’s reflexive nature and its meticulous attention to detail—as well as with its deeper connections, the very root system of the writing. As a reader, one is exposed through this book to a process of repeated self-examination and self-affirmation. I know of no book in “white” literature that possesses these particular qualities; it is an experience that is truly irreplaceable.

 

 

Penguin Classics, New York 2016, 244 pp., ISBN 9780143129462

 

August 22, 2022               Copyright Christel Heybrock

Translation by Google

 

 

Indigenes Denken, von Druckfehlern getrübt

 

 

Leslie Marmon Silko: „Gestohlenes Land wird ihre Herzen fressen“

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Der Titel deutet nicht darauf hin, dass es sich um die deutsche Ausgabe von Leslie Marmon Silkos Erstlingsroman „Ceremony“ handelt, aber intensive Leser der Originalausgabe werden ihn als Zitat aus dem Buch erkennen: Mit der Formulierung wird weißen Eroberern des indianischen Lebensraums eine vernichtende Zukunft vorausgesagt. (Angesichts der von weißer Zivilisation betriebenen Zerstörung unseres Planeten scheint die Vorhersage mittlerweile in die Nähe der Berechtigung zu rücken.) Zwischen der amerikanischen Erstausgabe von 1977 und der deutschsprachigen Taschenbuchausgabe vergingen immerhin fast zwei Jahrzehnte, was auf langes Zögern deutschsprachiger Verlage hindeutet, nachdem Rogner & Bernhard jedoch bereits 1981 eine Hardcover-Ausgabe herausgebracht hatte – das vorliegende Taschenbuch ist ein Nachdruck dieser Ausgabe. Dass Silkos Roman Probleme auf dem deutschsprachigen Markt haben würde, war vorauszusehen, es scheint jenseits einer an der Oberfläche einfachen Handlung auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen noch fremd für Leser, die mit indigenem Denken nicht vertraut sind. Für Leser, die sich darauf einlassen können, wird „Ceremony“ jedoch zu einer Lektion über ein anderes Weltverständnis und zu einer Selbsterforschung und Selbstdistanzierung.

 

„Die Denkerin, die Spinne,/benannte Dinge und/wenn sie sie nannte,/dann erschienen sie.“

 

Zwischen der Heimkehr des physisch und psychisch ramponierten Weltkriegs -Veteranen Tayo, eines indianischen Halbbluts, und der Magie, den magischen und einsichtigen Texten, mit denen seine Heilung beginnt, muss man sich als Leser treiben lassen, allmählich aktiver mitdenken und versuchen zu verstehen. Es ist nur schade, dass die Übersetzung von Ana Maria Brock, so hilfreich sie in diesem Fall auch für die Rezeption des Originaltexts ist, nicht fehlerfrei ist und durch vermeidbare Druckfehler weiter geschwächt wird. Dass sie bei dem Begriff „elk“ regelmäßig von „Elchen“ spricht, obwohl es in New Mexico, wo sich die Handlung abspielt,  keine derart hitzeempfindlichen Tiere gibt, muss man hinnehmen – das Wort „Wapiti“ hätte den Textfluss vermutlich gestört. In anderen Fällen hätte man selber anders formuliert, aber dass da schon mal „Schwarz“ statt „Schwanz“ steht, „Kreig“ statt „Krieg“ und dass jemand etwas „trockente“ statt „trocknete“ – ja, es hätte nicht sein müssen, mindert aber die Konzentration beim Lesen ebenso wie die Tatsache, dass sich in der Buchmitte Seiten aus dem Klebeverbund lösen.

 

Nun ja, es ist eben ein Taschenbuch von fast 30 Jahren. Wenn man es gelesen hat und, was nötig ist, es mehrmals wieder zur Hand nimmt, ist man froh, wenigstens dieses Exemplar zu haben. Auf dem aktuellen Buchmarkt ist Silkos Roman in Deutschland längst nicht mehr zu haben.

 

Aus dem Amerikanischen von Ana Maria Brock, 304 S., Taschenbuch Unionsverlag 82, Zürich 1996, ISBN 3-293-20082-6

 

22. August 2022                Copyright Christel Heybrock

 

 

 Indigenous Thought, Marred by Typos

 

Leslie Marmon Silko: "Gestohlenes Land wird ihre Herzen fressen"

 

The title does not immediately indicate that this is the German edition of Leslie Marmon Silko’s debut novel, *Ceremony*, but avid readers of the original will recognize it as a quote from the book: the phrase foretells a devastating future for the white conquerors of Native American lands. (Given the destruction of our planet driven by white civilization, that prediction now seems to be edging toward validity.) Nearly two decades elapsed between the American first edition (1977) and the German-language paperback—suggesting a long period of hesitation among German publishers—though Rogner & Bernhard had actually released a hardcover edition as early as 1981; the paperback in question is a reprint of that edition. It was foreseeable that Silko’s novel would struggle in the German-speaking market; beyond its superficially simple plot, the book—even decades after its initial release—remains alien to readers unfamiliar with indigenous ways of thinking. Yet for readers willing to engage with it, *Ceremony* becomes a lesson in a different worldview, as well as an exercise in self-exploration and gaining distance from oneself.

 

 "The thinker, the spider, / named things and / when she named them, / they appeared."

 

Between the homecoming of Tayo—a World War II veteran of mixed Native American heritage who is physically and psychologically battered—and the magic (the magical, insightful texts that initiate his healing), the reader must simply let themselves drift, gradually becoming an active participant in the thought process and striving to understand. It is a pity that Ana Maria Brock’s translation—however helpful it may be for the reception of the original text—is not error-free and is further marred by avoidable typos. One has to accept that she consistently translates "elk" as *Elche* (moose), even though such heat-sensitive animals do not exist in New Mexico, where the story is set—using the word "Wapiti" would likely have disrupted the flow of the text. In other instances, one might have phrased things differently, but seeing "Schwarz" instead of "Schwanz," "Kreig" instead of "Krieg," or someone "trockente" instead of "trocknete"—well, these errors were unnecessary; they distract the reader, much like the fact that pages in the middle of the book are coming loose from the binding.

 

Then again, it is a paperback that is nearly thirty years old. Once you have read it—and picked it up again a few times, as is necessary—you are simply glad to have this copy at all. Silko’s novel is no longer available on the current German book market.

 

 

Translated from American English by Ana Maria Brock, 304 pages, paperback 82, Unionsverlag Zurich 1996, ISBN 3-293-20082-6

 

August 22, 2022               Copyright Christel Heybrock

Translation by Google