Land und Menschen, eine spirituelle Identität
In dem Memoir „The Names“ blickt Kiowa-Autor N. Scott Momaday zurück auf seine Vorfahren und die Jahre in Jemez/New Mexico
Zwei Dinge prägen indianische Identität – Familie und Vorfahren sowie das Land. Die aktuell von Indigenen verbreitete Forderung „Land back“ meint nicht irgendein Stück Wald, Prairie oder Wüste, sondern: ich will mein Land zurück, in dem meine Vorfahren begraben sind und in dem ich meine Wurzeln habe. “Land back“ heißt: Ich will mein Recht auf mich selber zurück.
Das sollte man als Weißer im Kopf haben, wenn man N. Scott Momadays Memoir „The Names“ liest. Momaday hat in fast allen seiner Bücher den Ursprungsmythos seines Volkes, der Kiowa, beschworen - die „Kwuda“, die „Hervorgekommenen“ aus einem hohlen Baumstamm, sprich aus beengten Verhältnissen, sie definieren das Selbstverständnis dieses Autors ebenso wie der Devil’s Tower, der Rock-Tree-Felsen zwischen South Dakota und Wyoming, von dem Momaday seinen indigenen Namen Tsoai talee = Rock Tree Boy hat. In „The Names“ greift er auf vier Generationen seiner Familie zurück - soweit sie sich eben verfolgen ließ – und bezieht sich auf zwei Linien, die schließlich bei ihm zusammenlaufen.
Da ist einmal die Linie aus dem Südwesten mit der einst von Kiowas gekidnappten mexikanischen Sklavin Kau-au-ointy, die sich klug und durchsetzungsfähig in den Stamm integrierte. Und da sind andererseits Vorfahren aus dem Osten, aus Virginia und Louisiana, mit einer latenten Reminiszenz an Europa: Hatte Gründungsvater I.J. Galyen unter anderem französisches Blut? Wie auch immer, er heiratete die Kiowa Natachee, nach der später Momadays Mutter benannt wurde. In vier Teilen rekapituliert Momaday die Geschichten der beiden familiären Linien und die seiner Kindheit und Jugend sowie die wichtigsten Erfahrungen aus seiner Zeit in Jemez Pueblo/New Mexico, wo seine Eltern an der Tagesschule arbeiteten.
Charakteristisch ist Momadays Erzählkunst, in scheinbar lockerem Plauderton einzelne Personen nicht nur in Aussehen und mit Anekdoten vorzustellen, sondern sie immer als verwoben mit ihren Standorten auftreten zu lassen, mit Stimmen, Geruch, Geräuschen, ihren Innenräumen oder der luftigen Laube, mit Tages- und Mondlicht, mit Stürmen, Sommerhitze, Schnee und Eiseskälte. Da gibt es eine berührende, Generationen übergreifende Szene zwischen dem kleinen Buben Momaday und seiner Urgroßmutter Keah-dine-keah ( Kau-au-ointys Tochter), die einst eine willensstarke junge Frau war, besser reiten konnte als die Männer – und sich nach dem allzu frühen Tod ihres Sohnes Mammedaty immer mehr in sich selbst zurück zog. Momaday (der Familienname war von „Mammedaty“ abgeleitet) beschreibt das Zimmer, das die alte Frau kaum mehr verlässt, sie ist blind, immer noch voll Würde, Momadays Vater Huan-toa spricht Kiowa mit ihr, und das Kind, von dem zwischen Urgroßmutter und Vater die Rede ist, legt schließlich seine Hände in ihre, die klein und so zart sind, als wären sie nicht wirklich aus Fleisch und Blut: „Long afterwards I think: That was a wonderful and beautiful thing that happened in my life. There, on that warm, distant afternoon: an old woman and a child, holding hands across generations.”
Es gibt wahnwitzige kleine Geschichten, die nicht wegen ihrer Effekte erzählt werden, sondern weil sie Lebensrealität spiegeln. So die Geschichte von Momadays Mutter Natachee, die als junge Ehefrau bei den Schwiegereltern Mammedaty und der schönen, eigenwilligen Aho leben musste - sie und Aho tendierten offenbar beide zur Mentalität von Alphaweibchen. Seine Mutter sei von den Schwiegereltern nicht freundlicher aufgenommen worden als im Jahrhundert zuvor die Sklavin Kau-au-ointy, lässt Momaday durchblicken, und der junge Ehemann Huan-toa unternahm auch nichts, um seine Frau zu schützen, obwohl ihre Verbindung leidenschaftlich und intensiv war.
Der mit Momaday schwangeren Natachee wurde wegen der Spannungen geraten, in einer Klinik zu entbinden, aber die Klink war weit weg, und Natachee langweilte sich, weil kein Besuch kam. Schließlich ließ sie sich im Bademantel nachts per Anhalter „nachhause“ fahren, und derweil Mammedaty und Aho schliefen, war nur der Familientrinker James wach - der empfing Natachee mit der Flinte in der Hand. Es passierte offenbar nichts Schlimmeres, und eingebettet in den doch recht prekären Vorgang ruft Momaday das Bild der nächtlichen Landschaft hervor: „There is a whole silence on the earth… the river running and lapping. And the plain rolls like water in the low night…Oklahoma shines like the Moon.” Diese Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit aller Vorgänge, der menschlichen und der in der Natur, aber auch des historischen und des jeweils aktuellen Geschehens, ist ein Charakteristikum fast aller indigenen Autoren, speziell aber das von Momaday.
Er kam schließlich am 27. Februar 1934 im “Kiowa and Comanche Indian Hospital” in Lawton/Oklahoma zur Welt, einem historisch belasteten Ort, denn die Klinik lag „…near the old stone corral at Ford Sill, where my ancestors were imprisoned in 1873 for having fled to the last buffalo range in the staked Plains.”
In alle Vorfahren, soweit er Details ihres Lebens in Erfahrung bringen konnte, fühlte Momaday sich intensiv ein, imaginierte ihren Alltag und ihre kulturelle Verwurzelung. So berichtet er von seinem Urgroßonkel Pohd-lohk, wie der einen Tag in der Laube verbrachte und wie es dort aussah: „Inside, on such a day as this, there are innumerable points of light at the roof, like stars… At times you can hear the wind, for it runs upon the walls and moans…” Details, die nicht ihres poetischen Hintergrunds wegen aufgeführt werden, sondern weil sie als Äußerungen der lebendigen Erdatmosphäre den gleichen Stellenwert haben wie menschliches Handeln.
Pohd-lohk, der den wenige Monate alten Momaday zum Rock-Tree-Felsen brachte und ihm den Namen gab, war Analphabet. Aber er sorgte penibel für ein Ledgerbook, das im November 1833 begonnen hatte, dem Monat des historischen Meteoritenregens. Pohd-lohk trug wie seine Vorgänger zeichnend die Ereignisse seiner Lebenszeit ein, was für Momaday Anlass ist, sich auch denen mitunter ausführlicher zu widmen, bevor er zurück auf seine Erzähllinie kommt, die keine Gerade ist, sondern die charakteristische Kreis- oder Spiralstruktur indigenen Erzählens schlechthin. So wird in dem Ledgerbook die verheerende Epidemie von 1837-1840 erwähnt, bei der ein Drittel der Plains-Indianer starb, aber auch der Sonnentanz der Nez Percé 1883, die fünf Jahre zuvor aus der Haft in Fort Leavenworth entlassen worden waren – Pohd-lohk hat Chief Joseph Nez Percé noch selbst gekannt. Aber es sind nicht die „großen“ Ereignisse, sondern die Erfahrungen scheinbar unbedeutender Menschen an der Grenze zur Anonymität, die Momaday für behutsame Exkursionen herausgreift.
Die wichtigen Jahre in Jemez
Die für ihn wichtigsten Jahre aber war die Schulzeit in Jemez, wo er zwischen Land und Leuten sein Selbstverständnis entwickelte. Viele Details in seinem preisgekrönten Roman “House Made of Dawn“ erscheinen plastischer und anschaulicher nach der Lektüre der langen, teilweise ohne Satzzeichen als Bewusstseinsstrom dahinfließenden Textpassagen in „The Names“. Die Farben und Formationen der Cañon-Landschaft, die kleinen Landwirtschaftsbetriebe im Tal mit ihren sorgfältig gepflegten Bewässerungskanälen, die Sprache der Bewohner, deren Kinder im Unterricht bei Natachee erst Englisch lernen mussten, und vor allem die Feste teils indigenen, teils christlichen Ursprungs - Momaday entwickelt das atmende, vielfältige, vibrierende Bild einer einzigartigen Landschaft.
In “House Made of Dawn“ (der Titel ist eine poetische Metapher für eben diesen Lebensraum) fügte Momaday verschiedene Feste zu einem dramatischen Ereignis zusammen, ohne die pittoresken Details der von überall eintreffen Navajos mit ihrem reichen Türkis- und Silberschmuck oder die Bratendüfte aus den allseits für Fremde geöffneten Häusern zu vernachlässigen. Die Vielsprachigkeit zwischen Englisch, Spanisch, Kiowa und Navajo, die Multireligiosität und ihre Auswirkungen auf das Verhalten von Individuen – sie wurden für Momadays Sicht auf die Welt ebenso fundamental wie die Integration in diese Landschaft, die er mit tiefem Einverständnis beschreibt: „The character of the landscape changed from hour to hour in the day, and from day to day, season to season… you felt that creation was going on in your sight… From my home of Jemez I could see the huge, billowing clouds above the Valle Grande… how they drew close upon me and merged with my life.”
Und er definiert die Basis indianischer Weltauffassung, wie sie auch bei anderen Autoren, etwa bei Tommy Orange in dem Roman “There There“ zu spüren ist: den Ort. Momaday: „The events of one’s life take place, take place… And a part of my life happened to take place at Jemez. I existed in that landscape…I placed my shadow there in the hills, my voice in the wind that ran there…”
Der Südwesten der USA hatte Momaday schon zuvor geprägt. Die Eltern hatten 1936 in Gallup und von 1936-1943 im Navajo-Reservat gearbeitet: „… home was particularly the Navajo country, Dine bikeya… Just at the time I was learning to talk, I heard the Navajo language all around me.” Er erinnert sich an den Vater und die Geschichten, die er dem Söhnchen erzählte, an die warmen Sommernächte im dunklen Zimmer, die Stimmen der Erwachsenen in der Laube, an die Großmutter, die vorm Schlafengehen auf Kiowa betete: „If I were to remember other things, I should be someone else.“
Grundsätzliche Erkenntnisse gewinnt er auch in der Erfahrung des Monument Valleys: „The valley is vast. When you look out over it, it does not occur to you that there is an end to it. You see the monoliths that stand away in space, and you imagine that you have come upon eternity. They do not appear to exist in time.” Das Tal könne angemessen nur beschrieben werden auf Navajo, in dine bizaad, einer Sprache, die endlos sei. Es ist eine der Passagen, an denen Momadays Auffassung von Sprache an sich aufblitzt – Sprache ist viel mehr als das Handwerkszeug eines Autors, sondern die Basis des Menschen, in der Welt zu sein. Die Lebensorte von Menschen und diese selbst erschließen sich erst durch Wörter und Namen, durch die Bezeichnungen, mit denen sie erkannt und verstanden werden. Sprache steht am Anfang der Auffassung des Menschen von sich selbst. Man muss das ganze Buch unter dem Aspekt der archaischen Bedeutung von Namen verstehen, und Momadays Sprachverständnis reicht zurück bis zu Heilungswörtern schamanistischer Beschwörungen. Insofern liegt seinem Erzählen immer auch eine Ahnung von unerschütterlicher Dauer, von Ewigkeit zugrunde, die nichts zu hat mit dem eitlen Selbstanspruch eines Autors, der kulturell überdauern möchte. Sprache reicht hier herab bis zum Ursprung von Menschen überhaupt.
Mit 13 hatte Momaday ein Pferd geschenkt bekommen: Pecos. Auf Pecos erkundete er weitere Teile der Umgebung, und in den Schlusssätzen quasi den amerikanischen Kontinent – eine Vorstellung, in der Realität und Imagination ineinanderfließen. Damit schließt sich weit ausgreifendes indianisches Denken in Spiralwindungen zum Kreis: Auf seinem roten „Pony“ besucht Momaday die Gräber seiner Vorfahren auf Rainy Mountain, in der Laube begrüßen sie einander, der junge Mann auf dem Pferd und die verstorbenen Großeltern Mammedaty und Aho, Urgroßonkel Pohd-lohk, am Abend erzählen sie einander Geschichten… Der Ritt führt den jungen Mann weiter, vorbei am Rock Tree, und zuletzt im Nebel, der von den Bergwolken herabfällt, findet er in dünner Eiskruste den „hollow log“, den hohlen Baumstamm, aus dem die Kiowa, die Kwuda einst heraus in die Geschichte krochen. „I touched the fallen tree, the hollow log there in the thin crust of the ice.” Der Ursprung der Kiowa, überwuchert vom Eis der Vergangenheit, aber noch immer sicht- und fühlbar. Berührt von den warmen Händen lebendiger Gegenwart. Indianisches Erzählen at its best.
„The Names“, a Memoir by N. Scott Momaday, Harper & Row Publishers, New York 1976, , bibliophile Ausgabe mit 170 S. und zahlreichen alten Familienfotos, ISBN 0-06-012981-6
Das Buch ist online verfügbar bei dem Netzwerk TAIRP
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25. Februar 2026 Copyright Christel Heybrock