N. Scott Momaday (1934-2024)

 

 

Navarre Scott Momaday nimmt aus vielen Gründen unter den indigenen Autoren Nordamerikas eine herausragende Stellung ein. Zum einen gehört er zu den umfassend gebildeten und interessierten Autoren überhaupt - die Grundlage wurde sicherlich in seiner Kindheit gelegt: Als Sohn eines Kiowa-Malers und einer Schriftstellerin mit europäischen und Cherokee-Vorfahren, verbrachte er seine frühe Kindheit in Arizona und die Schulzeit im Schmelztiegel New Mexiko, wo der Umgang mit Navajo, Apachen, spanisch- und englischsprachigen Menschen selbstverständlich war. Auch die Ausbildung scheint umfassend gewesen zu sein: von der Militärakademie in Virginia (wo er William Faulkner und John Dos Passos kennenlernte) zur Politikwissenschaft, zu Jura und schließlich zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit englischer Literatur und Lyrik.

 

Momaday, der mit seinem ersten Roman „House Made of Dawn“ den Pulitzer-Preis erhielt, gilt als Erneuerer indigener Literatur, beziehungsweise als deren Gründer auf moderner englischsprachiger Basis, aber er ist viel mehr als das. Sein umfassendes Weltbild  basiert auf dem tief verwurzelten Bewusstsein indigener Identität, er machte sogar einen Ort aus für diese Verwurzelung: den Devil‘s Tower im Nordosten Wyomings, ein von vielen indigenen Nationen verehrtes Naturwunder, das an einen riesigen versteinerten Baumstamm erinnert. Als Säugling hatte man ihn dorthin gebracht und ihm den Namen Tsoai-talee (Rock-Tree-Boy) gegeben. Der Name und der Felsen sind Bestandteil von Momadays Literatur und persönlicher Spiritualität – beides ist nicht zu denken ohne seine Beziehung zum Land und zur Erde als kreativer Instanz schlechthin.

 

Titel, die hier besprochen werden:

"Earth Keeper"

 

Der Dreier-Komplex 

- The Journey of Tai-Me

- The Way to Rainy Mountain

- House Made of Dawn 

 

"The Ancient Child", ein Roman 

"The Names", ein Memoir über Momadays Familiengeschichte

Lyrikbände

 

 

Von seinen zahlreichen Büchern möchte ich gleich hier als erstes einen schmalen Band vorstellen, der womöglich die Quintessenz seines Schaffens enthält. So unscheinbar das kleine Werk daherkommt – es ist in Sprache und Bewusstsein ebenso einfach wie vollendet:

 

Zu einem Ort gehören –  

die bedrohte Erfüllung

 

 

N. Scott Momaday: „Earth Keeper. Reflections on the American Land“

 

“Dies ist eine Art spiritueller Autobiographie”, schreibt der Kiowa-Indianer N. Scott Momaday (1934-2024) in seiner Vorbemerkung des gerade mal 65 Seiten umfassenden Bändchens. „Wenn ich über mein Leben und das meiner Vorfahren nachdenke, bin ich überzeugt, dass ich und sie zum amerikanischen Land gehören…“ Im Englischen ist das Wort „gehören“ an dieser Stelle unübersetzbar: „…that I, and they, belong to the American land. This is a declaration of belonging. And it is an offering to the earth.“ In “belonging” steckt auch das Wort “to long for” – sich sehnen, und so ist das kleine Buch eine “Zugehörigkeits-Erklärung” mit einer umfassenden Sehnsucht als Fundament.

 

Die Kultur der Indianer Nordamerikas, nicht nur der Kiowa,  ist spirituell und zugleich real auf das Land bezogen, und „Land“ meint alles: die Erde, die Weite, die Luft, den Himmel bis hin zu den Sternen, aber auch die Steine, Tiere, Pflanzen und Menschen – alle sind lebendig, beseelt und ohne Hierarchie ebenbürtig. Wahrscheinlich hat es nie ein indigenes Volk gegeben, dessen Mitglieder das anders empfunden hätten, aber es gibt wohl auch keinen indianischen Autor, der das in einer so einfachen, klassischen, meditativen Sprache formuliert wie Momaday. Es sind Sätze, die gleichsam leise zittern in der Stille von Bildern und Empfindungen, Sätze, die in sich selber zu atmen scheinen wie die Erde, an die sie sich wenden.

 

Momaday hat diesen zutiefst berührenden Text in „Dawn“ und „Dusk“ gegliedert und durch ein Vorwort und einen kurzen Epilog gerahmt. Es ist erstaunlich, wie kurz und verdichtet die einzelnen Stücke jeweils sind, die meisten erreichen nicht einmal eine Seite. In der „Dawn“-Hälfte, der „Morgendämmerung“, erinnert er sich an seine Vorfahren und die eigene Kindheit, vor allem aber an den alten Indianer Dragonfly (Libelle), den er gar nicht gekannt und von dem nur der Vater erzählt hat: Wie Dragonfly sich frühmorgens, das Haar geflochten und das Gesicht bemalt, auf einen Hügel stellte und mit erhobenen Armen betend den neuen Tag begrüßte: „… and a bird sang from the dawn. This happened a long time ago. I was not there. My father was there when he was a boy. He told me of it. And I was there.”

 

Es ist die mythische Bewusstseinsebene von Momadays Sprache, und sie ist identisch mit Poesie schlechthin. Poesie nicht nur als ästhetische Magie, sondern als Instanz, die Grenzen zwischen Traum und Realität bewusst überschreitet. Das magische Bewusstsein, das auf dieser Grenze balanciert wie der Artist auf dem Seil, scheint seine Stärke und seine Ruhe eben aus beiden Welten zu beziehen und daraus eine unerschütterliche Sicherheit zu gewinnen. Die bewundernswerte Resilienz, mit der die fast ausgerotteten Völker Nordamerikas den Kopf heben und auf dem „Wir sind noch da“ bestehen, hat eine ihrer Wurzeln sicherlich aus der Gewissheit, dass die zersplitterte Realität der Weißen eben nicht die ganze Realität ist.

 

Im Textteil „Dusk“ (Abenddämmerung) setzt sich Momaday auch damit auseinander, mit der Zerstörung der Erde als eines mythischen Organismus. In kurzen, blitzartig aufscheinenden Sätzen tritt „weißes“ Handeln auf als das, was es ist: verantwortungslos. Momaday beobachtet ein Wapiti, das in schneebedeckter Landschaft hervor tritt und in einem Wald verschwindet – ein Bild von unaussprechlicher Schönheit. „Am nächsten Morgen hörte ich das Kreischen von Kettensägen in der Ferne“, fügt er lakonisch hinzu. Er ruft die Jahrzehnte zurück, in denen sein Volk fast verhungerte, nachdem weiße Siedler das Wild ausgerottet hatten: „Es war eine Zeit tiefer Scham … aber die Erde verlangt keine Scham, sie will Liebe.“

 

Wie sieht Momaday aus dem „Dusk“ heraus die Zukunft? „Der Planet erwärmt sich, das Eis des Nordens schmilzt… Tausende von Arten wurden ausgerottet, unsere eigene Art ist bedroht. Die Erde und ihre Bewohner befinden sich in einer Krise, und im Zentrum ist es eine moralische Krise. Der Mensch ist dabei, seine Menschlichkeit über Bord zu werfen.“ Das vielleicht Erstaunlichste: Momaday sieht den verhängnisvollen Prozess mit nüchterner Klarheit und bleibt doch völlig unangefochten bei sich selbst. Sein indianischer Name „Felsen Baum Junge“ (Rock-Tree Boy, auf Kiowa: Tsoai-talee) ist mehr als eine Bezeichnung, er ist seine Identität: „and I will carry that name to the end of the world and beyond… I will tell the ancient stories and I will sing the holy songs. I belong to the land.”

 

Man liest diese kurzen Texte nicht aus, ihre Schönheit ist wie ein Atem, der einen sanft berührt, wie eine leise Stimme, die zu tieferem Sehen auffordert. Es ist die Quintessenz von Momadays Schreiben überhaupt.

 

HarperCollins, New York 2020, 65 S., ISBN 978-09-06-300933-2

 

21. Dezember 2021         Copyright Christel Heybrock