Das Medizinbündel der Kiowa
N. Scott Momaday, „The Journey of Tai-me” 1967
Das 1967 erstmals erschienene schmale Bändchen (mir liegt ein bibliophiler Nachdruck von 2009 vor ) ist die Basis von Momadays Text “The Way to Rainy Mountain”, der die Geschichte der Kiowa ausführlicher darstellt, sowie des Romans „House Made of Dawn“. Alle drei sind mythologische Identitätsdefinitionen ebenso wie literarische Erzählwerke. Die Hauptperson in „Journey of …“ ist Tai-me – das geheimnisvolle Medizinbündel, das den Kiowa einst in einer bedrohlichen Situation ihrer Geschichte übergeben wurde und dessen Power den Stamm begleitet.
Als „weißer“ Leser fragt man sich natürlich, was man darin finden würde, wenn man es auspacken könnte – wobei das rundliche Objekt, das auf den Vorsatzseiten des kleinen Buches an einer Schnur zu hängen scheint, auf dem Cover und später auch in dem Buch „The Way to Rainy Mountain“ ganz anders auftritt, nämlich als etwa 60 cm große menschenähnliche Figur aus dunkelgrünem Stein, mit weißen Federn und Gehängen aus Hermelinfell und blauen Perlen bedeckt, sowie mit Sonnen- und Mondsymbolen auf Gesicht, Brust und Rücken. Das kostbare Objekt sei, so Momaday, in einem Behälter aus ungegerbtem Leder aufbewahrt und nur einmal jährlich anlässlich des Sonnentanzes den Kiowa vorgeführt worden, zuletzt 1888. Er selbst habe es nur ein einziges Mal gesehen – soweit die Textstelle in „The Way to Rainy Mountain“. Tai-me, oft erwähnt wie ein Name ohne den sächlichen Artikel, ist dem Mythos zufolge kein toter Gegenstand, sondern eine sakrale Macht, die sich an Situationen anpasst und mitunter von allein meldet.
„The Journey of Tai-me is preeminently the history of an idea… Man’s idea of himself… The journey herein recalled is an expression of the human spirit…most truly made in terms of wonder and delight“, schreibt Momaday im Vorwort. In 33 kurzen Texten, die der „alten Frau Ko-Sahn“ gewidmet sind, verzeichnet Momaday die mythologische Geschichte seines Stammes bis hin zum erstmals aufgeführten Sonnentanz (Gourd Dance), der für Tai-me veranstaltet wird und nichts mit dem Sonnentanz der Sioux und deren physischen Selbstopfern zu tun hat. Wie allerdings der Kürbis als Motiv in den Gourd Dance kam, ist nicht eindeutig herauszufinden. Die Texte berichten nicht nur von Tai-me, sondern erinnern vor allem an die Geschichten, die bei den Kiowa entstanden - von Riesenbäumen, tapferen Männern, guten und weniger guten Frauen sowie von einer Spinne, die als Großmutter Kinder aufzieht, und von Mädchen, die auf der Flucht vor ihrem Bärenbruder zu Sternen werden.
Ungewöhnlich für die Kiowa-Malerei aber sind Momadays Illustrationen, die mal figürlich, mal mit Wischungen und halb transparenten Aquarellfarben arbeiten und durch subtile Unschärfen die Phantasie der Leser anregen. So entstehen der Büffel mit den Metallhörnern, die Großmutter-Spinne und das bei der ersten Begegnung von Federn bedeckte Tai-me als geheimnisvolle Erscheinungen, die vom sanften Nebel der Irrealität umgeben sind und trotzdem eine mythische Realität repräsentieren. Die auf jeweils einer Buchseite auftretenden 33 Texte geben folgende Überlieferungen wieder:
1. Die Kiowa, deren Name aus dem Wort „kwuda“ (herauskommen) entstand, beschreiben ihre Ursprungsgeschichte als Leute, die aus einem hohlen Block (hollow log) hervor kamen. Eine schwangere Frau blieb wegen ihres Umfangs im Block stecken, so dass niemand sonst mehr heraus kam – daher ist der Stamm so klein geblieben.
2. Ein kleines Mädchen wird in seinem Wiegenbrett auf einen Baum gesetzt (ein Motiv, das von einer Schutzfunktion ausgeht und häufiger in indigenen Geschichten vorkommt), krabbelt aber daraus hervor, um einem wunderschönen Vogel hinterher zu klettern. Derweil wird der Baum größer und größer, und als er den Himmel erreicht hat und das Mädchen erwachsen ist, steht anstelle des Vogels die Sonne als Mann vor ihr und begehrt es zur Frau.
3. Eines Tages hat das Paar Streit, und die Frau gräbt die Wurzeln eines Strauchs aus, dessen bloße Näherung der Sonnenmann ihr verboten hat. Die Frau, ein Baby auf dem Rücken, sieht durch die Öffnung in der Erde die Menschen ihres alten Stammes und will an einer Schnur hinabklettern, aber die Entfernung ist zu groß. Als am Abend der Sonnenmann zurück kommt, tötet er im Zorn die Frau mit einem Ring – das Kind bleibt allein zurück.
4. Der Sohn der Sonne wächst heran und sieht sich um in der Welt. Eines Tages trifft er auf die Großmutter-Spinne, die den Jungen gefangen nimmt und mit einem Kiowa-Lied in den Schlaf singt.
5. Der Junge wächst heran, und die Spinne warnt ihn, den Ring, mit dem seine Mutter getötet wurde, niemals hoch zu werfen. Das tut er aber doch, und etwas stößt ihn an – siehe da, er hat einen Zwilling, der auch von der Großmutter-Spinne aufgezogen wird.
6. Jetzt haben beide einen tödlichen Ring, und als sie beide die Ringe hochwerfen, rollen die in eine Höhle, in der ein schrecklicher Riese mit seiner Frau lebt. Der will die Jungen töten, aber mit dem Zauberspruch „thain-mom, above my eyes“ können sie entkommen.
7. Zurück bei Großmutter Spinne, entdecken sie eine große Schlange im Tipi und töten sie. Großmutter Spinne ist entsetzt: Sie haben ihren Großvater getötet! Und die Spinne stirbt auch. Die Jungs beerdigen sie und leben lange. Sie wurden von den Kiowa hoch geachtet.
8. Vor langer Zeit ging es den Kiowa schlecht vor Hunger und Durst. Ein Mann begegnet in einem Canon einem Wesen mit Hirschfüßen und einem von Federn bedeckten Körper. „Was willst du?“ fragt das Wesen. „Wir sind hungrig“, sagt der Mann. „Nimm mich mit, und ich gebe euch, was immer ihr wollt.“ Von da an gehört Tai-me zu den Kiowas.
9. Sieben Mädchen und ein Junge spielen miteinander. Plötzlich geschieht mit dem Jungen eine Veränderung, und er wird zum Bär. Die Mädchen flüchten sich vor Angst auf einen Baum, der immer höher wächst, der Bär will hinterher, aber sie sind schon zu hoch und werden schließlich zu den „Sieben Schwestern“, den sieben Sternen des Großen Bären.
10. Bevor die Kiowa Pferde bekamen, arbeiteten sie mit großen Hunden, die sprechen konnten. Ein Hund rettet einem Mann das Leben vor einem Bär, weil der Mann sich der Hundewelpen angenommen hatte.
11. Zwei hungrige Brüder im Winter: Plötzlich taucht von irgendwoher Fleisch auf, und einer von beiden isst es, ohne die Warnung des anderen ernst zu nehmen: Er wird zum Krokodil. Aber weil sie Brüder sind, werden sie einander immer besuchen.
12. Ein Mann fertigt nachts in seinem Tipi einen Pfeil, während draußen ein Feind lauert. Aus dem Tipi heraus erschießt der Mann durch trickreiche Bewegungen den lauernden Widersacher (bei beleuchteten Tipis ist von außen sichtbar, was die Insassen tun).
13. Schlechte Frauen werden „weggeworfen“, nämlich ausgestoßen. Die Frau eines Blinden belügt den Mann bei der Büffeljagd und verlässt ihn, um das erbeutete Fleisch allein zu essen. Aber der Mann findet sie und wirft sie bei Sonnenaufgang weg.
14. Von zwei Brüdern wird einer von den Ute gefangen. Der andere will ihn befreien und wird auch gefangen. Der Ute-Häuptling verspricht beiden die Freiheit, wenn der zweite seinen Bruder huckepack über eine Reihe glitschiger Büffelschädel tragen kann. Der Mann bekommt das hin - die beiden Männer werden großzügig mit Pferden versorgt und frei gelassen.
15. Ein altes Ehepaar trickst seine Feinde aus, von denen sie wegen Nahrung erpresst werden. Während die Frau Fleisch brät, lockt der Mann sie in einem bestimmten Augenblick mit einem Vogelruf nach draußen, beide können weglaufen, aber das Essen gerät in Brand, und die Feinde haben das Nachsehen.
16. Ein Mann hat ein tolles, kämpferisches Pferd, das er nicht mal zu zügeln braucht. Einmal lenkt er das Pferd um, als er in den Kampf reiten soll. Das Pferd stirbt vor Scham.
17. Ein Mann muss sich vor einem Büffel mit Metallhörnern retten. Drei von vier Bäumen, auf die er klettert, werden von dem Büffel gefällt. Beim vierten Baum sagt eine Stimme dem Mann, er müsse mit dem Pfeil auf die Hufansätze des Büffels zielen, um ihn zu töten. Die Metallhörner blitzen in der Sonne, als das Untier fällt.
18. Die Kiowa werden von den Osage überfallen und das Tai-me geraubt. Nach einem Jahr wird eine gefangene Kiowa-Frau freigelassen: Sie bringt das Tai-me zurück, aber im Winter spielen die Sterne verrückt (es handelt sich um den historischen Meteoriten-Fall vom 13. November 1833) und dann ist nichts mehr wie vorher.
19. Der junge Quoetoti verliebt sich in die Frau von Many Bears und wird von ihm verletzt, aber vom Medizinmann gerettet. Bei einem Tanz, der einen Kampfzug nach Mexiko vorbereitet, singt die Frau offen, dass sie ihren Mann verlassen wird. Sie und Quoetoti ziehen danach 15 Jahre mit den Comanchen umher, bevor sie zurückkommen. Many Bears macht Quoetoti darauf hin zu seinem Bruder.
20. Nach einem Kampfzug in Texas kommen müde Krieger nachts an eine Mauer und fallen in Schlaf, werden aber überfallen. Sie rennen weg, doch einer hat seinen Schild vergessen. Man redet ihm zu, auf die Rückkehr zu verzichten und zu erzählen, sein Pferd habe bei dem Gewehrlärm gescheut und sei mit dem Schild davongelaufen. Als es aber im Winter zu einem weiteren Kampf kommt, stürzt sich der Mann zu Fuß ins Getümmel, bis er blind ist vor Pulverrauch. So hat er für seinen Schild bezahlt.
21. Botone war der letzte Hüter des Tai-me, aber einmal vergaß er es, weil er hinter einer Frau her war. Im Traum sagt Tai-me: „Du hast mich vergessen, jetzt vergesse ich dich.“ Und Botone muss sterben.
22. Vor seinem Tod hat er die Nachfolge für Tai-me sichern wollen, aber niemand erklärt sich bereit. Botones Tochter träumt von ihrer lang verstorbenen Großmutter, die einen angebissenen Riesenpilz aus einem Bündel holt. Da weiß Botone, dass Tai-me mit seiner Tochter leben wird.
23. Aho – Momadays Großmutter – besucht einst die Frau des damaligen Tai-me-Hüters. Als sie plaudern, hören sie etwas Schweres zu Boden fallen: Es ist Tai-me, und die Lederschnur hängt immer noch am Haken.
24. Östlich von Ahos Haus ist eine Frau in wunderbarem Gewand begraben. Niemand weiß die Stelle genau, aber das Gewand aus feinstem Hirschleder und Stickereien mit Perlen und Karibuzähnen ist immer noch da.
25. Momadays Großeltern Aho und Mammedaty erzählen von der Kiowa-Medizin: Die „Zehn Großmütter“ sind zehn sehr alte Medizinbündel, von denen eines Mammedaty am Hals trägt. Wenn jemand das Bündel nicht angemessen respektiert, wird es am Hals von Mammedaty tonnenschwer.
26. Mammedaty, Enkel von Guipahgo, wollte einst eine Herde Pferde aus der Koppel freilassen. Immer wenn der Leithengst sich dem einzigen Tor nähert, dreht er um und rennt zurück. Schließlich holt Mammedaty vor Wut Pfeil und Bogen und zielt auf den Leithengst als den ersten in der Reihe: Der Pfeil wird seltsam abgelenkt und trifft das zweite Pferd.
27. Ein Mann fährt einst durch die Plains – alles flach, nur Erde, Gras und Himmel. Plötzlich hört er eine Stimme und sieht das Gesicht eines kleinen Jungen über den Grashalmen. Er steigt ab, um zu sehen, was es gibt: Aber es ist nichts da.
28. Die alte Ko-Sahn erzählt, wie der Kürbis-Tanz (der Sonnentanz) zu den Kiowa kam. Ein Mann klettert auf einen Mesquite-Baum auf einem Hügel, um sich umzusehen, sein Kriegsgerät hat er auf den Boden gelegt. Da kommt ein Feind vom Wolfs-Klan und nimmt seine Sachen weg: Wie einen Kürbis hält er sie in der Hand und beginnt triumphierend zu tanzen. Da springt der Mann vom Baum und bricht dem Wolfs-Mann das Rückgrat. Mit seinen Leuten tritt er den Rückzug an, bevor der Klan nach seinem Mitglied suchen wird.
29. Der alte White Bear, Hüter des Heiligen Pfeils, will seinen „Besitz“ an einen Jüngeren weitergeben. Beim Tanz berührt er einen jungen Mann mit dem Pfeil – er ist der Nachfolger. Alle spenden Beifall, freuen sich und veranstalten ein großes Give-away.
30. Bei der Gelegenheit will jemand den Heiligen Pfeil mal eben leihen – was zu einem großen Durcheinander führt, denn: Wer gibt, wer bekommt, wer leiht (was ohnehin ungewöhnlich ist)? So kann kein Gourd-Dance (Kürbis-Tanz) begonnen werden.
31. Ko-Sahn erzählt, wie es dann doch zum Kürbis-Tanz kommt, der zum Teil des Sonnentanzes wird. Nach einer Reinigungszeremonie, zu der Tai-me mitgenommen wird, bekommt Tai-me ein eigenes Tipi, ein Büffel wird gebracht, viele Leute sind anwesend, Ko-Sahn, damals jung, bekommt ein wunderschönes Gewand, das sie zu anderen Gewändern rund um einen Baum schlingt.
32. Mit singenden Frauen und ausgewählten jungen Männern wird der Tanz vorbereitet. Eine alte Frau hat Sand auf ihrem Rücken herbei gebracht, die Leute müssen auf Sand tanzen.
33. Der Tanz beschwört die vier Himmelsrichtungen und vier Bünde: Ein Mann ruft viermal und legt sich viermal auf den Boden. Damit werden die vier Bünde thematisiert: die O-homo, Gourd Dance, Black Leggings und Hunting Horse, alle dargestellt von den Tänzern. Alle sind prächtig geschmückt, die Pendants glänzen in der Sonne. Der Tanz ist für Tai-me.
Die Energie mythischer Geschichten ergibt sich für weiße Leser nicht nur aus ihrer scheinbar einfachen Direktheit, sondern auch aus ihrem Realitätsbezug, der freilich nicht immer hergestellt werden kann. So ist beispielsweise die Geschichte mit dem Bären und den sieben Schwestern anschaulich nachvollziehbar angesichts des ungewöhnlichen Felsens, der sich als „Devils Tower“ im Nordosten von Wyoming erhebt - 265 Meter hoch, bei einem Durchmesser von 150 Metern. Der gewaltige Brocken aus Magmagestein, Gegenstand zahlreicher indigener Mythen und ebenso zentrales Objekt von Momadays Schreiben, weckt mit seinen vertikalen Rillen die Vorstellung, dass ein riesiger Bär bei der Verfolgung fliehender Mädchen den „Baum“ zerkratzt hatte.
Andere Geschichten geben subtilen Einblick in indigenes Wirklichkeitsverständnis, so die Geschichte 24, die keinerlei dramatisches Geschehen enthält. An unbekanntem Ort, aber in der Nähe liegt eine Frau in wunderbarem Gewand begraben. Die Reaktion eines weißen Lesers vermutlich: Na und? Es geht auch nicht um die Frau, sondern um die Existenz von etwas, was man nicht sieht, ja nicht einmal genau orten kann. Es ist aber da – es ist wirklich entgegen jeder Beweisbarkeit. Die Schönheit und Kostbarkeit des Gewands hat die Energie, Wirklichkeit in der Vorstellung zu sichern und die Ebene der Nichtrealität zu durchbrechen.
„The Journey of Tai-me“, University of New Mexico Press, Albuquerque 2009, Illustrationen und Cover von N. Scott Momaday, ISBN 978-0-8263-4821-0
16. September 2025 Copyright Christel Heybrock