Ein Volk findet sich bei seiner Wanderung
N. Scott Momaday: „The Way to Rainy Mountain” 1998
Deutsch: “Der Weg zum Regenberg” 1991
An die Vorstellung muss man sich als weißer, sesshafter Europäer erstmal gewöhnen, dass ein ethnischer Verband zum Volk wird und seine kulturelle Identität entwickelt – durch Migration. Kiowa-Schriftsteller Scott Momaday ist Mitglied dieses Volkes, und die Wanderung seiner Vorfahren vom kahlen, kalten Norden des amerikanischen Kontinents nach Süden und Osten in Gegenden, in denen die Menschen aufblühen und sich finden konnten, hat ihn immer fasziniert. Was ihn als Autor groß gemacht hat, ist eben das Hinabtauchen in die Mythen und Geschichten, die auf dieser Wanderung zum „Rainy Mountain“ entstanden.
Sicherlich verfolgten die Menschen zunächst kein festes Ziel, sondern eine unbestimmte Suche, und außer dem täglichen Überlebenskampf waren es Sprache und Geschichten, die sie miteinander verbanden. Als europäischer Leser könnte man den „Rainy Mountain“ als poetischen Namen für einen fiktiven Ort auffassen, aber das ist er nicht. Die Wirklichkeitsauffassung der nordamerikanischen Indigenen ist oft mit Poesie identisch. Wünsche, Träume und ein Begriff von Schönheit sind etwas, was nicht erfunden oder ausgedacht wird, sondern sich als natürliche Ebene existierender Dinge erweist. Insofern: Der „Rainy Mountain“ ist ein separat sich erhebender Hügel nordwestlich der teils abenteuerlich zerklüfteten Wichita Mountains in Oklahoma. Als dominanter Einzelfelsen ist er für viele Plains-Indianer eine geografische und zugleich mythische Landmarke.
Aber auch der seltsame Ursprungsmythos der Kiowa resultiert offenbar aus der realen Notwendigkeit ihrer Migration, nämlich aus Kälte und Enge – sie seien einer nach dem andern aus einem hohlen Holzklotz oder Baumstamm gekrochen („a hollow log“), bis eine schwangere Frau darin feststeckte und niemand sonst mehr herauskam, daher seien die Kiowa ein zahlenmäßig kleines Volk geblieben. Und selbst auf ihrer Wanderung kamen sie in prekäre Situationen:
„Long ago there were bad times,“ schreibt Momaday. “The Kiowas were hungry and there was no food.” Auf der Suche nach Nahrung für seine weinenden Kinder kam ein Mann durch einen Cañon, als plötzlich Blitz und Donner ausbrachen, und eine Stimme fragte: „Warum verfolgst du mich? Was willst du?“ Der erschrockene Mann sah sich vor einem Wesen mit Hirschfüßen und gefiedertem Körper und antwortete, die Kiowa seien hungrig. „Take me with you“, sagte das Wesen, „and I will give you whatever you want.” Es war Tai-me, und es hielt nicht nur dieses Versprechen, sondern auch das kleine Volk zusammen, das in der Verehrung von Tai-me seinen zentralen Mythos fand – die Kraft des Überlebens, den Glauben an sich selbst.
Das schmale Buch „The Way to Rainy Mountain” präsentiert alle Geschichten noch einmal, die Momaday in “The Journey of Tai-me” gesammelt hatte, und setzt sie in Bezug zu historischen Ereignissen und seinen eigenen Erlebnissen, so dass hinüber und herüber ein dichtes Netz an Mythen, Geschichte und persönlicher Erfahrung gewebt wird. Ein Netz, das sich dennoch verblüffend einfach und übersichtlich vorm Leser ausbreitet – Nachdenken und Beziehungen knüpfen muss er schon selber.
Jedes der 24 Themen ist nur eine Doppelseite lang, wobei auf der linken Seite der Mythos referiert wird, während die rechte Seite geteilt ist in zwei kurze Absätze in unterschiedlichen Satzzeichen: die historischen Fakten in Normalsatz, Momadays persönliche Äußerung kursiv. Dieser ganze Komplex wird von einem Prolog und einem Epilog gerahmt und ist selber in drei Abteilungen gegliedert: „The Setting Out“ (der Aufbruch), „The Going On“ (Wanderung und Reife) und schließlich „The Closing In“ (das Ende) - womit keine ruhige, stabile Sesshaftigkeit gemeint ist, sondern das durch die brutale Kolonisation verursachte Scheitern, der Abstieg von dem rund ein Jahrhundert dauernden Höhepunkt als Nation.
Sowohl die äußere als auch die innere Struktur der kurzen Kapitel unterliegt einer Dreiteilung, wobei die äußere Teilung in drei Kapitel für Übersicht, die innere Dreiteilung auf jeweils einer Doppelseite jedoch für eine subtile Vernetzung sorgt. Dabei ist, wie gesagt, der Leser gefragt, der selbst die Beziehungen knüpfen muss, etwa so (Kapitel XV):
- zwischen der Geschichte, in der Many Bears‘ Frau ihre Familie verlässt wegen des jungen Kriegers Quoetotai
– der Erwähnung des Malers George Catlin, der 1834 zu den Kiowa kam und von der klassischen Größe und Schönheit der Männer fasziniert war
– und Momadays persönlicher Betrachtung eines solchen Catlin-Porträts, einer Betrachtung, die selbst wieder mit einer Imagination schließt: „Diesen Mann möchte ich sehen wie Catlin ihn erblickte, wenn er auf mich zukommt oder in der Ferne schreitet und sich allein gegen den Himmel erhebt.“
Die Verknüpfung dieser drei Stufen im Kopf des Lesers macht die mythischen Geschichten lebendig, die ja viele unlösbare Irrealitäten enthalten. Durch die kurzen historischen Konnotationen bekommen sie einen gewissen realen Hintergrund - aber Momadays persönliche Reaktionen darauf sind von großer Poesie und Vorstellungskraft, in ihren Schlussbemerkungen oft an die staunenswerte Energie von japanischen Dreizeilen-Haikus erinnernd. Das, was einst prähistorische Imagination war, wird über die Stufe historischer Realität schließlich wieder zu Imagination – auf anderer, nämlich poetisch-literarischer Ebene.
Wer sich auf diese Stufen des Mitdenkens einlässt, wird es vielleicht angenehm finden, dass alle mythischen Geschichten in „The Way to Rainy Mountain“ bereits wörtlich im “Tai-me“-Band erzählt werden und nicht mehr unbekannt sind. Darüber hinaus hat Momaday Teile seiner Einführungstexte seitenweise wörtlich wiederholt im Nachfolgeroman “House Made of Dawn“, in dem es ein, wenn auch kompliziert strukturiertes, fortlaufendes Geschehen gibt - es ist also gerechtfertigt, die drei Bücher zusammen zu sehen als ein Gesamtwerk in drei sich verdichtenden Stufen.
Momaday, der seine literarische und persönliche Existenz aus der Kiowa-Nation und ihren Menschen bezieht und intensiv auch aus der Geschichte seiner Familie, hat „The Way to Rainy Mountain“ seinen Eltern gewidmet, Al und Natachee, einem Maler und einer Schriftstellerin. Wobei Al mit seinen ganzseitigen Schwarzweiß-Illustrationen wesentlichen Anteil an einer Vorstellung der Mythen hat: Großmutter Spinne etwa mit ihren acht pelzigen Beinen oder der in ein (elegant-schauriges) Krokodil verwandelte Bruder, der unvorsichtig etwas Fremdes gegessen hat – das Motiv taucht als beunruhigende Erscheinung bei Momadays Großvater Mammedaty in anderer Form wieder auf. Diese expressiven Illustrationen (Linolschnitte? Holzschnitte?) sind stilistisch von Momadays eigenen Zeichnungen völlig verschieden und faszinieren nicht durch traumhafte Unschärfen oder halbtransparente Überlagerungen, sondern durch schwungvolle Konturenschärfe.
... und die deutsche Übersetzung
Sowohl die englischsprachige Ausgabe als auch die deutsche Übersetzung liegen mir in unterschiedlich gestalteter bibliophiler Ausstattung vor. Im Gegensatz zu dem schmalen Band, der 2019 zum 50. Jahr der Ersterscheinung bei der University of New Mexico Press erschien, ist die deutsche Übersetzung von 1991 ein liebevolles Hardcover mit dem schönen Gesicht von Momadays Großmutter Aho auf dem Einband, mit Texten und Illustrationen auf cremefarbenem weichem Papier in dunkelbraunem Satz. Peter Baum von den leider recht klein gebliebenen Baum-Publications ließ es sich nicht nehmen, selber zu übersetzen und einen Anhang mit Erläuterungen und kurzem Lebenslauf von Momaday anzufügen. Beide Ausgaben schließen mit einem Gedicht vom „Rainy Mountain Cemetery“:
…“The early sun, red as a hunter’s moon,
Runs in the plain. The mountain burns and shines;
And silence is the long approach of noon…”
“…Die frühe Sonne, rot wie der Mond des Jägers,
Läuft über die Prärie. Die Berge brennen, leuchten…“
„The Way to Rainy Mountain“, illustrated by Al Momaday, 50th Anniversary Edition, University of New Mexico Press, Albuquerque 2019, 88 S., ISBN 978-0-8263-6121-9
“Der Weg zum Regenberg”, ins Deutsche übertragen von Peter Baum, Umschlag-Entwurf nach einer alten Fotografie von Aho, 99 S., Baum-Publications, Idstein 1991, ISBN 3-9802155-2-0
21. September 2025 Copyright Christel Heybrock