Der Mythos des Bärenfelsens 

 

N. Scott Momaday: „The Ancient Child”

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Ein vielschichtiger Roman, und nicht in allen Schichten blickt man klar durch. Momaday hat Traum und Wirklichkeit, historische und zeitgenössische Ebenen verflochten mit mythischen und autobiographischen Erzählsträngen, und was zu Beginn ebenso deutlich wie seltsam vor den Augen des Lesers steht und sich im Laufe der Erzählung zu klären scheint, löst sich zum Ende gänzlich auf in ein dunkles Gewebe - als würde ein dichtes Tuch Schutz spenden, aber zugleich das Dahinter dem Blick entziehen.

  

Schon die Liste der handelnden Personen entspricht keinem üblichen Romanschema. Da sind der Maler Locke Setman, die junge Träumerin Grey, die unter Anleitung ihrer Großmutter Kope-Mah zur Schamanin wird, ferner der früh gestorbene Revolverheld Billy the Kid (1859-1881), der sehr lebendig, aber nur im Kopf von Grey zu existieren scheint, da ist die ehrgeizige schöne Lola und in einer erotischen Episode die Pariser Galeristin Alais Sancerre, da ist Setmans Adoptivvater Bent, aber auch eine weitere historische Figur, nämlich der Kiowa-Krieger Set-Angya, der als Erinnerung auftaucht – und schließlich „der Bär“. Mit dem erhebt sich der Ursprungsmythos der Kiowa aus dem Dunkel, und im Grunde ist er die zentrale Figur des Romans, obwohl er als Figur gar nicht auftaucht, sondern eher als ambivalente Kraft, die sich auf den Menschen übertragen, ihn aber auch zerstören kann.

 

Mit dem Bären hat es folgende Bewandtnis: Sieben kleine Mädchen und ihr Bruder spielten einst im Freien, und plötzlich verwandelte sich der Bruder in einen Bären. Die Mädchen retteten sich erschrocken auf einen Baum, der Bär kratzte an der Rinde, um sie herunterzuholen, aber der Baum wuchs und wuchs… bis die Mädchen als Sterne am Himmel zurückblieben, manchmal heißt es, sie seien die Sterne des Big Dipper (also Ursa Maior), andere beziehen sie aufs Siebengestirn, die Plejaden. Es ist eine Geschichte, die von vielen indigenen Völkern auf dem amerikanischen Kontinent geteilt wird, und für Momaday stellt sie eine persönliche Bedeutung und Verwurzelung dar. Sein indigener Kiowa-Name lautet Tsoai-talee, Rock-Tree Boy, und bezieht sich sowohl auf den Bären als auch auf den mythischen Baum. Wer das als unerheblich mutmaßt, irrt sich gewaltig, es geht keineswegs um irgendeinen längst verfallenen oder versteinerten Baum. Der „Rock Tree“, auf Lakota „Mato Típila“, (Bärenhaus) ist ein 265 Meter hoher, isolierter Felsen auf einer Hochebene am Rand der Black Hills zwischen South Dakota und Wyoming, gemessen vom Meeresspiegelniveau werden 1558 Meter erreicht.  Die seltsame, zutiefst beeindruckende vulkanische Formation zählt zu den Naturwundern der USA und wird von Weißen als „Devil‘s Tower“ bezeichnet. Dass nicht weniger als 21 indigene Völker sich auf diese Erhebung beziehen und ihre konstituierenden Mythen daraus ableiten, versteht man beim Anblick des Monuments sofort.

 

Mit seinem Roman „The Ancient Child“ schrieb Momaday eine Art Antwort auf die Kraft dieses Felsens, indem er seinen eigenen Ursprung mit dem Mythos verknüpfte. Es muss der Literaturwissenschaft überlassen bleiben, wie dicht Momaday seine Biographie in das Erzählwerk einarbeitete, der Roman scheint jedenfalls über weite Strecken autobiographisch und die Figur des Malers Locke Setman ein Aspekt seiner eigenen Person. Momaday, einer der belesensten und kulturell umfassend gebildeten amerikanischen Autoren, war selbst Maler, und die Passagen über das Wesen der Malerei gehören zu den am tiefsten durchdachten Erkenntnissen des Buches. Der Name der Figur Locke „Setman“ bedeutet „Bärenmann“ – Set ist auf Kiowa der Bär. In der historischen Figur des Kiowa-Kriegers Set-angya (Sitting Bear, um 1800-1871) erfasst Momaday die Ethik seines Volkes – Set-angya gehörte zu den zehn auserwählten Kaitsenko-Kriegern, die verpflichtet waren, bis zum Tod für ihr Volk zu kämpfen. In dem Lyrikband „The Death of Sitting Bear hat er dem Vorfahr ein Denkmal gesetzt, und im Roman tut er es ebenso.

 

Locke Setman und die schöne junge Schamanin Grey, die er später heiratet, werden durch die Übergabe eines Medizinbündels bereits miteinander verbunden, ohne es zu wissen: Das Bündel enthält die sorgfältig präparierten Teile eines Bärenjungen und erweist sich als Aufgabe für Setman, dies als mythischen Kern seiner Person zu akzeptieren. Was den Roman für weiße Leser verwirrend macht, ist die Nähe sehr detailliert beschriebener Vorgänge der Alltagswirklichkeit und ihrer irrealen Basis, die sich zum Ende des Romans über die Realität hinwegsetzt: Setman, von dem Grey ein Kind erwartet, löst sich auf in den Mythos. Schon zuvor werden „normale“ Vorgänge (etwa eine Autofahrt durch wechselnde Landschaftsformen oder die sexuelle Begegnung zwischen Setman und seiner Galeristin) unterbrochen durch mythische Einschübe, so dass sich keine geradlinige, auf eine Kulmination zulaufende Handlung ergibt. Es ist ein dichtes, rätselhaftes, in seinen Bedeutungen irisierendes Erzählwerk, und wer sich auf den Mythos einlassen kann, der unterhalb der Realität die dunkle Basis des Lebens schlechthin abgibt, wird mit etwas veränderter Mentalität daraus auftauchen.

 

Doubleday Dell Publishing, 315 S., New York 1989, ISBN 0-385-27972-8

 

23. Juni 2024    Copyright Christel Heybrock

 

Bedauernswerte Übersetzerin 

 

N. Scott Momaday: "Im Sternbild des Bären" („The Ancient Child“ deutsch)

 

Der Roman "The Ancient Child" des amerikanischen Autors N. Scott Momaday ist wahrlich keine leichte Lektüre. Momaday, Kiowa-Indianer, taucht tief in den Ursprungsmythos seines Volkes hinab und verknüpft ihn mit einer Hauptfigur, die im 20. Jahrhundert lebt. Der Roman erschien 1989, die deutsche Erstausgabe 1993 - und die vorliegende Taschenbuchausgabe 1995. Die Übersetzerin Viky Ceballos hatte ihre liebe Not mit der rätselhaften indianischen Mentalität und musste sich, wie aus einer Bemerkung am Ende des Buches hervorgeht, erstmal kenntlich machen, was die fremde Kultur betraf. Das war seinerzeit nicht eben einfach noch fast ohne Wikipedia, das World Wide Web und Google.

 

Man merkt es, ist irritiert, versteht es aber auch wieder, wenn nur nicht etliche Flüchtigkeitsfehler den Leser wirklich zweifeln lassen an der Sorgfalt der Edition. Da wird aus dem Begriff "east" schon mal "Westen", was ärgerlich ist, da die Himmelsrichtungen ausgerechnet bei einem Ritual, um das es an der Textstelle geht, eine konstituierende Bedeutung haben. Und wenn der seltsame Mann auf dem Pferd dem Maler Setman eine Bärentatze auf die "throat" schleudert, dann ist das eben nicht das "Genick" (so die Übersetzung), sondern die Kehle. Durchgehend wird der Begriff "beautiful" mit "wunderbar" oder "wunderschön" übersetzt, was die Tendenz verstärkt, dass der fremde indianische Mythos nicht anders als durch die Brille weißer Banalität gesehen werden kann: Bei Momaday hat „beautiful“ auch eine magisch-entrückte Bedeutung.

 

Absatzeinteilungen werden schon mal ignoriert ebenso wie die ausdrückliche Verwendung verschiedener Schrifttypen in der Originalausgabe, und es kommt auch vor, dass die Gänsefüße direkter Rede an der falschen Stelle und damit einer anderen Person als im Originaltext zugeordnet werden. Aber dass mitunter ein ganzer Absatz wegfällt, mindert nun wirklich die Qualität. In einer Liebesszene zwischen Setman und seiner Galeristin wird das Haar der Frau besonders intensiv beschrieben als etwas "Lebendiges" - nichts davon in der deutschen Ausgabe, deren Übersetzerin über die spirituelle Beziehung von Indianern zu stofflich-organischen Dingen nichts wusste: wie denn auch in einer Zeit, in der Indianer weißen Lesern so fern waren wie Leute von einem andern Planeten. Das Manko wirkt aber zurück auf die Wahrnehmung des  Originaltextes, dessen poetisch-spirituelle Kraft dadurch geschwächt wird. Da eine moderne, kenntnisreichere Übersetzung wohl zurzeit von keinem Verlag in Angriff genommen wird, hilft nur eins - den Originaltext neben die Übersetzung legen und zweigleisig lesen. Es bleiben immer noch Rätsel und Geheimnisse genug,  die sich weißem Denken verschließen. Man sollte trotzdem so lesen - denn warum liest man denn überhaupt?

 

„Im Sternbild des Bären“, ein indianischer Roman, 311 S., Unionsverlag Taschenbuch 58, Zürich 1995, ISBN 2-293-20058-3

 

20. Juni 2024    Copyright Christel Heybrock

 

 

The Myth of the Bear Rock

 

N. Scott Momaday: *The Ancient Child*

 

A multi-layered novel—one whose layers cannot all be clearly penetrated. Momaday has interwoven dream and reality, historical and contemporary planes with mythic and autobiographical narrative strands; what initially appears before the reader’s eyes as something both distinct and strange—and which seems to clarify as the story unfolds—ultimately dissolves into a dark tapestry, much like a thick cloth that offers protection while simultaneously obscuring what lies behind it.

 

Even the list of characters defies the usual conventions of a novel. There is the painter Locke Setman; the young dreamer Grey, who becomes a shaman under the guidance of her grandmother Kope-Mah; and the long-dead gunslinger Billy the Kid (1859–1881), who seems very much alive yet exists only within Grey’s mind. There is the beautiful, ambitious Lola and—in an erotic episode—the Parisian gallerist Alais Sancerre; there is Setman’s adoptive father, Bent, as well as another historical figure—the Kiowa warrior Set-Angya—who emerges as a memory; and finally, "the Bear." Through him, the Kiowa creation myth rises from the shadows; he is, in essence, the novel’s central figure, even though he does not appear as a character in the traditional sense, but rather as an ambivalent force that can be transmitted to a human being—yet also destroy them.

 

The story of the bear is as follows: Seven little girls and their brother were once playing outdoors when, suddenly, the brother transformed into a bear. Startled, the girls scrambled up a tree to save themselves; the bear clawed at the bark to pull them down, but the tree grew and grew... until the girls remained in the sky as stars—sometimes said to be the stars of the Big Dipper (Ursa Major), while others associate them with the Seven Sisters, or Pleiades. It is a story shared by many indigenous peoples across the Americas, and for Momaday, it represents a source of personal meaning and rootedness. His indigenous Kiowa name is Tsoai-talee—"Rock-Tree Boy"—referring to both the bear and the mythical tree. Anyone who dismisses this as trivial is sorely mistaken; this is by no means just any long-decayed or fossilized tree. The "Rock Tree"—known in Lakota as *Mato Típila* (Bear Lodge)—is an isolated rock formation rising 265 meters above a plateau on the edge of the Black Hills, between South Dakota and Wyoming; its summit reaches an elevation of 1,558 meters above sea level. This strange, deeply impressive volcanic formation is one of the natural wonders of the United States and is known to white Americans as "Devil's Tower." Upon seeing the monument, one immediately understands why no fewer than twenty-one indigenous peoples look to this landmark and derive their foundational myths from it.

 

In his novel *The Ancient Child*, Momaday penned a kind of response to the power of this rock, weaving his own origins into the myth. While it is up to literary scholars to determine exactly how closely Momaday wove his biography into the narrative, the novel appears largely autobiographical, with the character of the painter Locke Setman serving as a reflection of the author himself. Momaday, one of the most widely read and culturally erudite American authors, was himself a painter, and the passages concerning the essence of painting rank among the book’s most profound insights. The name of the character Locke "Setman" means "Bear Man"—*Set* is the Kiowa word for bear. In the historical figure of the Kiowa warrior Set-angya (Sitting Bear, c. 1800–1871), Momaday captures the ethos of his people; Set-angya was one of the ten chosen Kaitsenko warriors, pledged to fight for their people until death. He erected a monument to this ancestor in the poetry collection *The Death of Sitting Bear*, and he does the same in the novel.

 

Locke Setman and the beautiful young shaman Grey—whom he later marries—are linked from the start, unbeknownst to them, by the handing over of a medicine bundle. The bundle contains the carefully preserved remains of a bear cub, and accepting this object as the mythical core of his own identity proves to be a challenge for Setman. What makes the novel confusing for white readers is the proximity of highly detailed everyday events to their surreal underpinnings—an element that ultimately supersedes reality by the novel’s end: Setman, by whom Grey is expecting a child, dissolves into myth. Even earlier, "normal" occurrences (such as a car journey through changing landscapes or a sexual encounter between Setman and his gallerist) are interrupted by mythical interludes, preventing the emergence of a linear plot driving toward a single climax. It is a dense, enigmatic work, its meanings iridescent; and anyone able to engage with the myth—which, beneath the surface of reality, forms the dark foundation of life itself—will emerge from the experience with a somewhat altered mindset.

 

Doubleday Dell Publishing, 315 pp., New York 1989, ISBN 0-385-27972-8

June 23, 2024   Copyright Christel Heybrock

 

 

A Translator’s Struggle

 

 N. Scott Momaday: *Im Sternbild des Bären* (German edition of *The Ancient Child*)

 

The novel *The Ancient Child* by American author N. Scott Momaday is certainly not an easy read. Momaday, a Kiowa Native American, delves deep into his people's origin myth and intertwines it with a protagonist living in the 20th century. The novel was published in 1989, with the first German edition appearing in 1993—followed by the paperback edition under review here in 1995. Translator Viky Ceballos struggled considerably with the enigmatic Native American mindset; as a note at the end of the book reveals, she first had to familiarize herself with this unfamiliar culture. That was no simple task back then, in the days before Wikipedia, the World Wide Web, and Google.

 

One notices this and feels a sense of bewilderment—yet also understanding—though the experience is marred by numerous careless errors that make the reader question the editorial diligence. For instance, "east" is occasionally translated as "West"—an annoying mistake, given that cardinal directions are of fundamental importance to the ritual described in that passage. And when the strange man on horseback hurls a bear paw at the painter Setman’s "throat," the translation renders it as the *Genick* (back of the neck) rather than the *Kehle* (throat). Throughout the text, "beautiful" is translated as *wunderbar* or *wunderschön*; this reinforces the tendency to view the alien Native American myth solely through the lens of white banality, whereas in Momaday’s work, "beautiful" carries a magical, transcendent significance.

 

Paragraph breaks are sometimes ignored, as is the deliberate use of different typefaces found in the original edition; occasionally, quotation marks for direct speech are misplaced, attributing words to a different speaker than in the original text. However, the fact that an entire paragraph is sometimes omitted truly diminishes the quality. In a love scene between Setman and his gallerist, the woman’s hair is described with particular intensity as something "alive"—yet none of this appears in the German edition, as the translator lacked knowledge regarding the spiritual connection Native Americans have with material and organic things. Indeed, how could she have known, living in an era when Native Americans seemed as remote to white readers as people from another planet? This shortcoming inevitably affects one’s perception of the original text, weakening its poetic and spiritual power. Since no publisher seems likely to undertake a modern, more knowledgeable translation anytime soon, there is only one solution: place the original text alongside the translation and read them in tandem. Even then, enough mysteries and secrets remain that elude the white mindset. Yet one should read it this way regardless—for why do we read in the first place?

 

 

 "Im Sternbild des Bären" [In the Constellation of the Bear], a Native American novel, 311 pp., Unionsverlag Paperback 58, Zurich 1995, ISBN 2-293-20058-3

 

June 20, 2024   Copyright Christel Heybrock

Translation by Google