Die Orte widerstehen der Zeit
N. Scott Momaday: „The Death of Sitting Bear" , new and selected poems
Rund 200 Gedichte und Prosatexte, darunter rund 20, die bereits in früheren Publikationen erschienen - Kiowa-Autor Scott Momaday hat in diesem schön gestalteten Band erneut die Poesie und Tiefgründigkeit indigener Welterfahrung formuliert: seine Sicht auf das menschliche und das Leben überhaupt, auf Erde, Kosmos – und in kurz aufblitzenden Fragmenten auf andere Kulturen einschließlich der weißen Zivilisation. Momaday ist ein umfassend interessierter, gebildeter und belesener Autor, der sich mitten in diesem reichen Gedankenumfeld stets seiner mythischen Wurzeln bewusst ist.
Da trifft klassisches indigenes Denken auf die grundsätzlich rationale, fremde Perspektive anderer Zivilisationen, bei denen Fantasie und Imagination stets separate Kategorien bilden. Für Momaday jedoch sind beispielsweise die Stimmen seiner Kinder immer noch anwesend an dem Ort, an dem sie einst spielten: „Now when I go by, they are there.“ Denn Orte widersetzen sich der Zeit – sie speichern die Anwesenheit von Menschen, sie speichern Ereignisse über potentiell unendliche Dauer hinweg – die Orte vergessen nichts.
Für Momaday sind atmosphärische Kräfte wie Sturm, Regen, Gewitter, Nacht und Tageslicht lebendige Energien und Äußerungen der Erde als eines Lebewesens. Diese Wahrnehmung von umfassender Differenziertheit hat nichts Idyllisches, Romantisches an sich und ist gleichwohl erfüllt von intensiver Schönheit. Das Titelgedicht, verbunden mit einem kurzen erläuternden Prosatext, ist eine Würdigung des großen Kiowa-Kriegers Sitting Bear (1800-1871, nicht zu verwechseln mit dem Lakota-Sioux-Häuptling Sitting Bull), ausgehend von einem historischen Foto. Auch hier die irritierende Auffassung indigenen Denkens – der Krieger als ein Mann in herausgehobener Position, weil er nicht nur tötet, sondern vor allem selbst seinen Tod akzeptiert und bereit ist, sein Leben zu opfern.
Indigenes Denken reicht tief hinab in physischen Schmerz und Tod, in die Ambivalenz alles Lebenden, es ist eine Haltung jenseits von Eskapismus, in der auch feinste Wahrnehmungen zwischenmenschlicher Bindungen und Konflikte ihren Platz haben. Einige sehr einfach zu lesende Gedichte formulieren mit scheinbar banaler Beiläufigkeit die innige Liebe zwischen Mann und Frau: „“I give you sweetgrass/ That you may burn it/ That smoke may touch you…/That the medicine smoke of sweetgrass/ May welcome me to you!“
In dem Zyklus „A Century of Impressions“, der aus 50 jeweils dreizeiligen Strophen besteht (eine formale Strenge, die Momadays Formbewusstsein deutlich macht) ist ebenfalls von Sweetgrass die Rede, aber es ist eine Rundumsicht auf den Zyklus der Natur und den des menschlichen Lebens, in dem auch eine technische Umwelt eingebunden ist. Der Zyklus endet mit der hinreißend einfachen Andeutung von Sehnsucht: „when you went away/ I burned sweetgrass and cedar/ when will you return“. Das Fortgehen – das Brennen – das Verlangen nach Wiederkehr, die noch nicht stattgefunden hat – es ist eine der charakteristischen Kreisbewegungen indigenen Denkens.
Und welch widersprüchliche Nuancen sich in einer menschlichen Bindung äußern, lässt sich nach langsamem, mitdenkendem Lesen in dem ebenso einfachen wie komprimierten Gedicht „Octave“ entdecken. Vier „Strophen“ von jeweils nur zwei Zeilen, denn es geht um zwei Personen, die miteinander durchs Leben gehen und damit eine „Oktave“ herstellen. Schon in der ersten Doppelzeile stockt einem der Atem: „There have been broken promises, a few,/ And semblances of innocence seen through.“ Was denn – gebrochene Versprechen, hinter denen dennoch Unschuld durchscheint? Welche Beziehung könnte da anders sein - es ist pure Realität in zwei simplen Zeilen. Und das letzte Zeilenpaar: „I wish us well and take your tender hand/ As we approach an unfamiliar land.“ Das Wagnis, sich in unvertraute Zukunft zu begeben, indem man mit einer geliebten Person vorangeht – ein unabsehbares Risiko, aber es ist unumgänglich. Momadays Lyrik beschwört die vibrierende Fülle aller Lebensrealitäten, wie sie in indigenem Bewusstsein präsent sind.
Mit Illustrationen von N. Scott Momaday, 167 S., HarperCollins, New York 2020, ISBN 9780062961150
27. April 2023 Copyright Christel Heybrock
Wörter, Träume, Beschwörungen
N. Scott Momaday „Dream Drawings. Configurations of a Timeless Kind“
Die „poems“ und Texte in diesem schmalen Band von gerade mal 110 Seiten sind so verwirrend wie alles, was Pulitzer-Preisträger Scott Momaday bisher geschrieben hat. Sie sind so fern vom Wirklichkeitsverständnis der westlichen Zivilisation, wie es indigene Literatur nur eben sein kann – Momaday ist Kiowa-Indianer mit tiefer, sehr bewusster Verwurzelung in indigenem Denken. Als weißer Leser steht man davor, schüttelt den Kopf und sagt sich zugleich: „Mein Gott, ist das schön!“
Momaday stößt vor bis zu den Ursprüngen von Sprache überhaupt – zur magischen Funktion von Wörtern, zu Beschwörungen, zum dauerhaften Festhalten magischer Vorkommnisse durch Sprache, zur Menschwerdung durch Sprache: „We became human when we acquired language“, aber die Basis der Wörter liegt noch tiefer: „I could tell you a story without words. I could look you a story in the eyes.“ Die Basis der Wörter ist die Energie des Irrationalen, des Unerklärlichen, des Lebens schlechthin, eines Stroms, der alles durchzieht, alles mit sich nimmt und alles prägt. Eine Energie, die zwar gespürt und durch Wörter eingefangen werden kann, aber nicht rational verstehbar ist und das auch nicht sein muss.
Eine der grundsätzlichen Fähigkeiten indigenen Denkens ist die Gleichsetzung von Imagination und Realität. So heißt es in dem Text „The Spiritual Gravity of Place“ (S. 6): „I have been there, though I have not…“ , und an anderer Stelle: „I know these voices as well as I know my own, for I have heard them in my dreams.“ Realität und Mythos sind eins, geheimnisvolle Gestalten können wahrgenommen werden von Lebenden, obwohl sie nicht real, aber dennoch existent sind und reale Auswirkungen auf das Leben haben. Und es geht auch um eben diese Auswirkungen: Vergangene, vor der Geburt einer lebenden Person liegende Ereignisse treten wie in einer Spiralbewegung plötzlich wieder hervor und prägen aktuelles Geschehen. Das Denken, die Wahrnehmung, das Bewusstsein scheinen sich in einer ewigen Rotation zu drehen, zu verschwinden, wiederzukehren. Das betrifft selbst die Wörter: „Had they not been preserved in writing, it is perhaps of no matter…“, denn das einmal Gedachte, Gesprochene hat sich wie ein Schwarm in die Luft erhoben und wird wieder hörbar „in times of need“ – in Zeiten der Not, denn es sind die magischen Wörter, deren heilende Energie hilft.
Die Definition eines Ursprungs beschäftigt Momaday immer wieder. Der Ursprungsmythos der Kiowa? „The realm of dreams. It is the original place, the place of beginning.“ Und an anderer Stelle: „The story does not end. Rather it evolves on a wheel of telling. It begins again. In like manner, dreams do not end…“ Auch was die indigene Kunst des Geschichtenerzählens betrifft, sieht Momaday einen Ursprung – es gebe eine Art Urerzählung, zeitlos und universal: „…there is only one story, it is timeless and universal, and … it is composed of many stories in the one.“ Aus dieser Definition wird auch klar, wieso er Gedichte und kurze Prosatexte in diesem Band als gleichwertig zusammenfügt (sie sind nicht immer gleichwertig, es gibt durchaus auch Flachstellen), aber seine Texte seien „fragments of the original story, that which is told in the landscape of words and dreams“. Wenn Magie die Beschwörung von Kräften ist, die nicht verfügbar sind, dann ist Momadays Lyrik von magischer Energie durch die Intensität ihrer Sprache.
Aber Momaday ist nicht nur Geschichtenerzähler, Lyriker und „Magiker“, sondern auch Zeichner mit eigenartigem Duktus. Seine Figuren – Tiere, Menschen – erscheinen dunkel, massig, aber unscharf in ihrer Begrenzung und wie hingewischt, als verschwänden sie vorm Auge des Betrachters als ungreifbare, vorbeiziehende Schemen. „Dream Drawings“ – das Wort für Zeichnung – drawing – erweist seinen Doppelsinn, das Ziehen, Herbeiziehen, vielleicht auch das Vorbeiziehen… magischer Kräfte.
Mit Illustrationen von N. Scott Momaday, 107 S., Harper Perennial, New York 2022, ISBN 978-0-06-321811-6
14. April 2023 Copyright Christel Heybrock