Überlebensgeschichten von der Nishnabe Aski Nation
Manuel Menrath: „Unter dem Nordlicht. Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land“
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Auf den ersten Blick könnte man das rund 480 Seiten starke Buch für einen Erzählband halten, eine Anthologie mit Geschichten indigener Autoren. Aber das ist es nicht, es ist das ebenso bienenfleißige wie engagierte Werk des Schweizer Historikers Manuel Menrath, Oberassistent des renommierten Aram Mattioli, der sich nach einer Hochschulkarriere inzwischen als frei forschender Autor niederließ. Menrath hatte „Unter dem Nordlicht“ als Habilitationsschrift an der Universität Luzern geplant, aber dann gingen die Indianer mit ihm durch.
Das kann man wörtlich nehmen, denn es ist eine Mentalitätsverschiebung. In der deutschsprachigen Wissenschaft wird persönliches Engagement tunlichst vor der Tür gelassen. Wissenschaftler, die ihr Herz nicht vorm Schreiben in den Schrank hängen, werden nicht ernst genommen: Wo bliebe sonst die Objektivität, die doch Basis jeder Wissenschaft sein muss? Menrath, außer seiner Verwurzelung in historischen Fakten auch noch theateraffiner Komponist, Museumsleiter und Pädagoge, scheint die nötige Trockenheit als genetische Veranlagung zu fehlen. Aber damit ist er die ideale Besetzung, wenn es um die Indianer Nordamerikas und das Verständnis ihres Andersseins geht. Wahrscheinlich haben diese anderen Menschen nie nachvollziehen können, was die weißen Unterdrücker mit ihrer mörderischen Systematik und neurotischen Verbissenheit eigentlich bezwecken. Erkenntnis – und das eint Menrath und seine indianischen Freunde und Genozid-Überlebenden, Erkenntnis ist keine Anhäufung von Fakten, sondern Einsicht in Zusammenhänge.
Menrath, 1974 in Luzern geboren, ist als Wissenschaftler früh auf die Indianer gekommen, weil er einem Detail der Schweizer Geschichte auf der Spur war. Er schrieb seine Doktorarbeit 2014 mit der Studie „Martin Marty O.S.B. (1834–1896) – Vom Einsiedler Mönch zum Indianermissionar und Bischof in Amerika“. Als dieser Marty 1876 ins Standing Rock Reservat nach Dakota kam, wollte er die Sioux nachdrücklich missionieren und ein Benediktinerkloster gründen, was dank indigener Resilienz fehlschlug, aber dazu führte, dass einige Gegenstände von Sitting Bull ins Museum «Haus zum Dolder» im schweizerischen Beromünster führten, dessen Leiter Menrath ist.
Der Benediktiner Marty war übrigens nicht der einzige katholische Missionar, der sich dem Seelenheil der Sioux widmete – der deutsche Jesuit Eugen Büchel (Eugene Buechel, 1874-1954) hat sicherlich tieferes Verständnis für die Mentalität seiner Schäfchen gewonnen, jedenfalls sprach und schrieb er fließend Lakota, verfasste das erste systematische Wörterbuch der Lakota-Sprache und zählte zu seinen kirchlichen Mitarbeitern keinen Geringeren als den Seher Black Elk (1863-1950), der vermutlich aus Verzweiflung über die Massaker an seinem Volk 1904 zum Katholizismus übergetreten war.
Menrath nun untersuchte speziell die Verbindungen zwischen der Schweiz und den Sioux, so publizierte er 2016 die Untersuchung „Mission Sitting Bull: Die Geschichte der katholischen Sioux.“ Mittlerweile hat er aber den Blick nach Norden, und zwar nach Nordkanada in die für weiße Kanadier fast unbekannt gebliebenen Gebiete der Cree und Ojibwe gerichtet. Sein Buch „Unter dem Nordlicht“ basiert, ungewöhnlich genug unter Historikern, nicht nur auf Dokumenten, Verträgen, Buch-, Zeitungs- und Internet-Publikationen, sondern vor allem auf persönlichen Interviews mit rund 100 indigenen Elders, Chiefs und Stammesangehörigen, so dass man als Leser in eine Mischung aus Historiographie und Journalismus eintaucht.
Menraths Ziel: die Geschichte Nordkanadas einmal nicht aus der offiziellen Sicht eingewanderter Eurokanadier zu rekonstruieren, sondern aus indigener Perspektive, in der sie radikal anders aussieht. Menrath skizziert zunächst die indigene Mentalität, die sich bis heute erhalten hat, um zu verdeutlichen, auf welche Gegebenheiten die Europäer im 17. Jahrhundert stießen, als der Pelzhandel die ersten Kontakte begründete. Dabei blieb es nicht, 1670 wurde die Hudson‘s Bay Company gegründet und damit der wachsende Zugriff auf Ressourcen, die Europäern nicht zustanden, von ihnen aber als selbstverständlich verfügbar aufgefasst wurden. Probleme mit indigener Mentalität und Widerständigkeit schienen sich durch Missionierung lösen zu lassen, wobei Menrath weitgehend die kriegerischen Auseinandersetzungen des 18. Jahrhunderts zwischen Briten und Franzosen ausblendet, sowie die Auseinandersetzungen der Kolonialisten mit ihrem Mutterland – indigene Nationen wurden auf beiden Seiten in diese weiter südlich ausgetragenen Konflikte hineingezerrt, mit denen sie nichts zu tun hatten, durch die aber ganze Stammesgemeinschaften zerschlagen wurden.
Missionierung veränderte zwar den Umgang von Europäern und Indigenen, aber nicht deren Widerständigkeit. Schließlich wurden Verträge aufgesetzt, die den Unterworfenen Scheinrechte zubilligten - seit 1871 schloss die britische Krone elf National Treaties mit indigenen Nationen ab – von denen kein einziger in deren Sinn erfüllt wurde. Zweifellos hatte und hat das auch damit zu tun, dass die Bürokraten in den Großstädten, ja, weithin überhaupt die nichtindigenen Bürger Kanadas, keine Ahnung hatten und haben, welche Notwendigkeiten in den entlegenen Dörfern im Norden bestehen, die häufig nur per Kleinflugzeug oder im Winter auf Eisstraßen erreichbar sind.
Die Schrecken der Unterwerfung kulminierten in einem Trauma, das noch Generationen fortwirken wird – von ihren Wurzeln her sollten „Indianer“ zwangsintegriert werden, indem staatliche und kirchliche Institutionen den Eltern die Kinder wegnahmen und in Residential Schools steckten, eine verheerende Praxis, die unglaubliche 150 Jahre angewendet und erst 1996 beendet wurde. Menrath berichtet aus erster Hand, was die Zerstörung von Familien und Kinderseelen bedeutete, und wie schwierig bis unmöglich es war und ist, sich davon zu befreien und neues Selbstverständnis durch die Rückorientierung an die eigene, nur noch in Rudimenten erhaltene Kultur zu entwickeln. Indigene in USA, wo häufiger als in Kanada offene Gewalt ausgeübt wurde und das „Indianerproblem“ erst durch das Massaker von Wounded Knee 1890 gelöst schien, rufen heute zu „Indigenization“ auf – decolonize yourself!
Betrachtet man die Jahrhunderte der Kolonisierung Amerikas aus einer weiteren Perspektive, so entpuppt sich das Vorgehen der Kolonisatoren als symptomatisch für autoritäre, diktatorische Systeme: Man schränkt Nahrungsketten ein, stülpt den Menschen Gehirnwäschen über und hält ihnen als Ausweg aus zentraler Erschütterung die Akzeptanz von Gewalt vor. Aber vor allem versucht man, Fortpflanzung zu kontrollieren und zu verhindern. Man trennt Kinder von Familien und sterilisiert Frauen ohne ihr Wissen – probate Mittel und nicht auf den amerikanischen Kontinent begrenzt.
Die Cree, Oji-Cree und Ojibwe in Ontario, die Menrath kontaktierte, sind bei der Selbst-Dekolonisierung ein gutes Stück vorangekommen: 1973 schlossen sie sich zu einem politischen Gemeinwesen aus 49 First Nations zusammen und schufen die Nishnabe Aski Nation (NAN), die Zweidrittel der Provinz Ontario einnimmt – ein Gebiet größer als Deutschland, Österreich, die Schweiz, die Niederlande und Belgien zusammen mit rund 45.000 indigenen Menschen. Die NAN, geführt von einem Grand Chief und drei Deputy Grand Chiefs, soll das Gewicht der Indigenen gegenüber der weißen Regierung stärken, Hauptsitz ist Thunder Bay am Nordwestufer des Lake Superior.
Bei seinem Erscheinen 2020 erregte Menraths Buch großes Aufsehen vor allem im deutschsprachigen Raum. Zeitungen, Funk und Fernsehen berichteten, Interviews wurden gesendet, Menrath vertonte Gedichte von Chief Mike Metatawabin und machte daraus eine Theateruraufführung in Chur unter dem Titel „Songs of the Land“ mit Videoschalte nach Kanada… Bereits 2021 erschien eine zweite Buchauflage, und wenn man sich in Menraths Website www.unterdemnordlicht.de eingräbt, lässt sich zwischen Fotos von Land und Leuten, Links zu Youtube-Filmen und all den Presseveröffentlichungen kaum ein Ende finden. Aber seither ist dort nicht viel mehr gepostet worden - wie das so ist, nach dem Hype kommt die Stille. Der Hype ist immer so etwas wie das temporäre Gewissen der Vergesslichen.
Wie sieht es denn heute aus – das Bewusstsein der weißen Zivilisation dafür, dass es anderswo auf der Welt, in entlegenen Gebieten, Leute gibt, die anders denken, andere Prioritäten setzen als Wohlstand, Wachstum (was für ein Irrsinn - wohin denn) und ständige Verfügbarkeit aller Ressourcen, die eine fortschrittliche Gesellschaft nun mal braucht? Antworten auf diese Frage oder gar die Konsequenzen daraus sollte man sich gar nicht erst ausmalen. Sie würden die Katastrophe vor Augen führen, die der weißen Zivilisation bevorsteht.
Manuel Menrath, „Unter dem Nordlicht. Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land“, Galiani Verlag, Berlin 2021, 479 S., ISBN 978-3-86971-216-1
13. November 2025 Copyright Christel Heybrock
Survival Stories from the Nishnabe Aski Nation
Manuel Menrath: *Under the Northern Lights: Indigenous People from Canada Talk About Their Land*
At first glance, one might mistake this book—spanning some 480 pages—for a collection of narratives or an anthology of stories by Indigenous authors. Yet it is nothing of the sort; rather, it is the product of the tireless dedication and commitment of Swiss historian Manuel Menrath. Formerly a senior research assistant to the renowned Aram Mattioli, who has since left his academic career to work as an independent researcher and author. Menrath had originally planned “Unter dem Nordlicht” as his *Habilitation* thesis at the University of Lucerne, but then the Indigenous people he was studying went through with him.
This can be taken quite literally, as it represents a fundamental shift in mindset. In German-speaking academia, personal engagement is customarily left at the door. Scholars who do not "hang up their hearts in the closet" before they start writing are often not taken seriously—after all, what would become of objectivity, the very foundation of all scholarship? Menrath—who, beyond his grounding in historical facts, is also a composer with a passion for theater, a museum director, and an educator—seems to lack the genetic predisposition for the requisite dryness. Yet this makes him the ideal person to explore the Indigenous peoples of North America and foster an understanding of their distinct worldview. These other peoples likely never could fathom what the white oppressors—with their murderous systematic approach and neurotic tenacity—were actually trying to achieve. True understanding—and this is what unites Menrath with his Indigenous friends and survivors of genocide—is not merely an accumulation of facts, but an insight into connections.
Born in Lucerne in 1974, Menrath first became interested in Indigenous peoples as a scholar while investigating a specific detail of Swiss history. He completed his doctoral thesis in 2014 with a study titled "Martin Marty O.S.B. (1834–1896) – From Hermit Monk to Missionary to Native Americans and Bishop in America." When Marty arrived at the Standing Rock Reservation in Dakota in 1876, he was determined to evangelize the Sioux and establish a Benedictine monastery; while this effort failed due to Indigenous resilience, it did result in certain artifacts belonging to Sitting Bull finding their way to the "Haus zum Dolder" museum in Beromünster, Switzerland—an institution directed by Menrath.
Incidentally, the Benedictine Marty was not the only Catholic missionary dedicated to the spiritual welfare of the Sioux; the German Jesuit Eugen Büchel (1874–1954) certainly gained a deeper understanding of his flock's mindset. He spoke and wrote fluent Lakota, authored the first systematic Lakota dictionary, and counted among his ecclesiastical collaborators none other than the visionary Black Elk (1863–1950)—who had converted to Catholicism in 1904, likely out of despair over the massacres inflicted upon his people.
Menrath specifically investigated the connections between Switzerland and the Sioux, publishing the study "Mission Sitting Bull: The History of the Catholic Sioux" in 2016. Since then, however, he has turned his gaze northward—specifically to Northern Canada and the territories of the Cree and Ojibwe, regions that have remained virtually unknown to white Canadians. His book *Unter dem Nordlicht* (Under the Northern Lights) is based—unusually for a historian—not only on documents, treaties, and published materials (books, newspapers, and online sources) but primarily on personal interviews with around 100 Indigenous elders, chiefs, and tribal members, immersing the reader in a blend of historiography and journalism.
Menrath’s goal is to reconstruct the history of Northern Canada not from the official perspective of immigrant Euro-Canadians, but from an Indigenous perspective—one in which that history looks radically different. He begins by outlining the Indigenous mindset that has persisted to this day, illustrating the realities Europeans encountered in the 17th century when the fur trade established the first points of contact. Matters did not stop there; the founding of the Hudson’s Bay Company in 1670 ushered in an era of increasing encroachment upon resources to which Europeans had no legitimate claim, yet which they regarded as theirs for the taking. Missionary work appeared to offer a solution to issues regarding the Indigenous mindset and resistance; notably, Menrath largely omits the 18th-century military conflicts between the British and the French, as well as the disputes between the colonists and their mother countries—conflicts played out further south that dragged in Indigenous nations on both sides, despite their having no stake in the matter, and which resulted in the shattering of entire tribal communities.
While missionary efforts altered the nature of interactions between Europeans and Indigenous peoples, they did not eliminate Indigenous resistance. Ultimately, treaties were drafted that granted the subjugated peoples only illusory rights. Since 1871, the British Crown concluded eleven "National Treaties" with Indigenous nations, yet not a single one was honored in the spirit intended by the signatories. Undoubtedly, this is partly because bureaucrats in major cities—and indeed, non-Indigenous Canadians in general—had and have no conception of the needs in remote northern villages, which are often accessible only by light aircraft or via ice roads in winter.
The horrors of subjugation culminated in a trauma that will persist for generations: "Indians" were to be forcibly assimilated by having their children taken from them by state and church institutions and placed in residential schools—a devastating practice employed for an incredible 150 years, ending only in 1996. Menrath provides a firsthand account of the destruction wrought upon families and the souls of children, as well as the immense difficulty—or impossibility—of breaking free from this legacy and forging a new sense of self by reconnecting with a culture that survives only in fragments. Indigenous people in the United States—where open violence was more common than in Canada and the "Indian problem" seemed resolved only after the 1890 Wounded Knee Massacre—are today calling for "Indigenization": *decolonize yourself!*
When viewing the centuries of colonization in the Americas from a broader perspective, the actions of the colonizers appear symptomatic of authoritarian, dictatorial regimes: they restrict food supplies, subject people to brainwashing, and offer the acceptance of violence as a way out of profound existential upheaval. Above all, however, they attempt to control and prevent reproduction. Children are separated from their families and women are sterilized without their knowledge—tried-and-tested methods, and not limited to the Americas.
The Cree, Oji-Cree, and Ojibwe peoples in Ontario whom Menrath contacted have made significant strides in the process of self-decolonization: in 1973, they united to form a political entity comprising 49 First Nations, creating the Nishnabe Aski Nation (NAN). This territory covers two-thirds of the province of Ontario—an area larger than Germany, Austria, Switzerland, the Netherlands, and Belgium combined—and is home to approximately 45,000 Indigenous people. Led by a Grand Chief and three Deputy Grand Chiefs, the NAN aims to strengthen the Indigenous voice vis-à-vis the white government; its headquarters are located in Thunder Bay, on the northwestern shore of Lake Superior.
Upon its release in 2020, Menrath’s book caused a major stir, particularly in the German-speaking world. Newspapers, radio, and television covered the story, and interviews were broadcast; Menrath set poems by Chief Mike Metatawabin to music and adapted them into a theatrical premiere in Chur titled "Songs of the Land," featuring a live video link to Canada… A second edition of the book appeared as early as 2021, and if one delves into Menrath’s website www.unterdemnordlicht.de , the wealth of content—photos of the land and its people, links to YouTube videos, and extensive press coverage—seems endless. Yet, little has been posted there since; as is often the case, silence follows the hype. Hype is always something of a temporary conscience for the forgetful.
What is the situation today regarding white civilization’s awareness that elsewhere in the world—in remote regions—there are people who think differently and set priorities other than prosperity, growth (what madness—growth toward what, exactly?), and the constant availability of all the resources that an "advanced" society supposedly requires? One should not even attempt to imagine the answers to this question, let alone the consequences. They would lay bare the catastrophe awaiting white civilization.
Manuel Menrath, *Unter dem Nordlicht. Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land* [Under the Northern Lights: Indigenous People from Canada Tell of Their Land], Galiani Verlag, Berlin 2021, 479 pp., ISBN 978-3-86971-216-1
November 13, 2025 Copyright Christel Heybrock
Translation by Google