Die Besiegten sind noch immer da
Aram Mattioli „Zeiten der Auflehnung“
Scroll down for English version
Die „Geschichte des indigenen Widerstandes in den USA 1911-1992“, so wie sie der Schweizer Historiker Aram Mattioli beschreibt, ist noch lange nicht zu Ende, sie ist kompliziert, widersprüchlich und voller Details, von denen etliche den europäischen Lesern, aber auch dem weißen Amerika nicht bekannt oder zumindest nicht im Bewusstsein geblieben sein dürften. Mattioli erhebt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wirft Schlaglichter auf den Kampf von vermeintlich besiegten Leuten, die bei ihren weißen Unterdrückern „Indianer“ heißen - sie selbst definieren sich über die jeweils eigene Nation - auch in der Bezeichnung „Stämme“ liegt bereits eine Diskriminierung, mit der die Existenz von Nationen geleugnet werden sollte.
Mattioli erzählt in flüssiger Sprache, wie sich nach den Massakern des 19. Jahrhunderts die Indigenen allmählich wieder sammelten, widerständig wurden und letztlich allen perfiden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterdrückungen standhielten und -halten. Auch die kaum vorstellbare Brutalität notorisch gebrochener Verträge, der Zwangsadoptionen und Umerziehung von Kindern, deren mentale Verstörung durch die christliche Religion sich bis heute auswirkt, hat nichts daran geändert, dass etwa bei den Lakota-Sioux die eigene Sprache, die eigenen Zeremonien und Wertvorstellungen wieder lebendig wurden. Letztlich sind es Waffen und Werte der Eroberer, die indigene Menschen heute gegen diese selber anwenden.
Mattioli hatte bereits 2017 in seinem Buch „Verlorene Welten“ die Eroberung des amerikanischen Kontinents zwischen 1700 und 1910 aus indigener Sicht untersucht. Hauptsächlich europäische Autoren sind es, die den USA ihre Kolonialgeschichte unter die Nase reiben, und die sieht völlig anders aus, als heldenhafte Wildwestlegenden suggerieren. Vor allem der Finne Pekka Hämäläinen mit Publikationen über die Comanchen, die Lakota und zuletzt über die USA als „Indigenous Continent“ hat da Pionierarbeit geleistet – denen sowohl vereinzelte indigene als auch europäische Autoren vor Jahrzehnten vorausgingen.
In Mattiolis Perspektive nahmen die indigenen Nationen seit der Kolumbus-Entdeckung 1492 ihre Kolonisierung niemals widerstandslos hin, aber Auseinandersetzungen eskalierten mit den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen, in die Indigene auf beiden Seiten hineingezogen waren, und maßgeblich nach brutalen Unterwerfungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem erklärten politischen Ziel, die „Indianer“ völlig zu „assimilieren“, sprich auszurotten. Mit dem Massaker am 30. Dezember 1890 in Wounded Knee, bei dem die US-Kavallerie rund 300 praktisch unbewaffnete Menschen hingemetzelt hatte, schien auch das Ende der Indigenen gekommen, und mit dem „Termination Act“ der Fünfziger-Sechzigerjahre schien das „Indianerproblem“ unumkehrbar erledigt.
Das war es nicht, und das ist es nicht, beweist Mattioli, der detailgetreu darlegt, wie indigene Menschen trotz der Perfidie ihrer Unterdrücker allmählich ihr eigenes Bewusstsein wiederfanden. Spektakulär und bis heute als indigenes Empowerment wirksam ist nicht nur der „Trail of Broken Treaties“ 1972, sondern vor allem die von Witz und Sarkasmus geprägte Besetzung der einstigen Strafinsel Alcatraz vor San Francisco 1969, die schlankweg als Indian Country deklariert wurde (aber 1971 nach einem Unfall aufgegeben werden musste). Und schließlich zieht die abenteuerliche Besetzung des Dorfes Wounded Knee 1973 eine mentale Verbindung zwischen dem Massaker von 1890 und heutiger Erinnerungskultur.
Mattioli zeigt, wie vor allem die US-Popkultur mit indigenen Künstlern wie John Trudell und Buffy Sainte-Marie, wie aber auch Filme, Literatur und letztlich weiße Unterstützer wie Johnny Cash, Marlon Brando und sogar Mitglieder der Kennedy-Familie den indigenen Widerstand stützten, wie partielle Verbesserungen gelangen nicht zuletzt durch hartnäckigen, besonnenen Kampf indigener Frauen, die das Desaster von Zwangssterilisierungen erlebt hatten. Aber auch der leise, hartnäckige Kampf gegen katastrophale Umweltschäden der Großkonzerne, gegen mangelnde Bildung, Arbeitslosigkeit, Hunger und Krankheiten - eine indigene Mentalität bewundernswerter Resilienz also – bewirkte inzwischen Verbesserungen, bewirkte Rechte und respektvolle Wahrnehmung.
Was nach 1992 geschah, kann Mattioli nur andeutungsweise ins 21. Jahrhundert überführen, aber zu Ende ist der Kampf nicht, es gibt in USA bis heute starke politische und kulturelle Strömungen, indigene Menschen weiterhin zu diskriminieren. Mattioli wird beispielsweise anlässlich des Protestcamps von Standing Rock 2017 gegen die Errichtung einer umweltzerstörenden Ölpipeline Grund haben, einen dritten Band zu verfassen. Bis dahin sollte europäischen Lesern klar werden, dass unsere eigene Zivilisation nur einen Bruchteil so alt ist wie die der Indigenen, die seit mehr als zehntausend Jahren mit ihrem Kontinent umzugehen wissen.
Ziel des Widerstandes ist letztlich die Anerkennung eigener indigener Staaten auf dem Gebiet der USA. Ob das jemals gelingt? Das Land ist zerrissen wie nie zuvor – und es sind nicht die Indigenen, die dazu geführt haben.
Aram Mattioli „Zeiten der Auflehnung. Eine Geschichte des indigenen Widerstandes in den USA 1911-1992“, 460 S., mit Abbildungen, Anmerkungen, Bibliographie, Register, Klett-Cotta, Stuttgart 2023,ISBN 978-3-608-98348-7
21. April 2023 Copyright Christel Heybrock
The Defeated Are Still Here
Aram Mattioli: *Zeiten der Auflehnung* (Times of Rebellion)
The "history of Indigenous resistance in the USA from 1911 to 1992"—as described by Swiss historian Aram Mattioli—is far from over. It is a complex, contradictory narrative rich in detail, much of which is likely unfamiliar to European readers and perhaps even to white America, or at least not part of their collective consciousness. Mattioli makes no claim to comprehensiveness; instead, he spotlights the struggle of a people deemed defeated—referred to by their white oppressors as "Indians," though they define themselves by their specific nations (the very term "tribes" carries a discriminatory undertone intended to deny the existence of sovereign nations).
Mattioli writes in a fluid style, recounting how Indigenous peoples gradually regrouped after the massacres of the 19th century, mounted resistance, and ultimately withstood—and continue to withstand—insidious forms of political, economic, and cultural oppression. Not even the unimaginable brutality of flagrantly broken treaties, forced adoptions, and the re-education of children—whose psychological trauma caused by Christian indoctrination persists to this day—could prevent the revival of languages, ceremonies, and values among groups like the Lakota Sioux. Ultimately, Indigenous people today are turning the conquerors' own weapons and values against them.
In his 2017 book *Verlorene Welten* (Lost Worlds), Mattioli had already examined the conquest of the American continent between 1700 and 1910 from an Indigenous perspective. It is primarily European authors who confront the USA with its colonial history—a history that looks vastly different from the heroic legends of the Wild West. The Finn Pekka Hämäläinen, in particular, has pioneered this field with his publications on the Comanche, the Lakota, and—most recently—on the USA as an "Indigenous Continent"—though he was preceded decades earlier by a handful of both Indigenous and European authors.
From Mattioli’s perspective, Indigenous nations never passively accepted their colonization following Columbus’s 1492 “detection”; however, conflicts escalated during the American Revolutionary War—which drew Indigenous people into the fray on both sides—and intensified significantly following the brutal subjugation campaigns of the late 19th century, which were driven by the explicit political goal of fully "assimilating"—or rather, eradicating—the "Indians." The Wounded Knee massacre of December 30, 1890—in which the US Cavalry slaughtered around 300 virtually unarmed people—seemed to signal the end for Indigenous peoples, and the "Termination Act" of the 1950s and 60s appeared to have irreversibly resolved the "Indian problem."
Yet, as Mattioli demonstrates, that was not—and is not—the case; he details how Indigenous people, despite the perfidy of their oppressors, gradually reclaimed their own consciousness. Events that were spectacular—and remain potent examples of Indigenous empowerment to this day—include not only the 1972 "Trail of Broken Treaties" but, above all, the 1969 occupation of Alcatraz (the former penal colony off the coast of San Francisco), which was characterized by wit and sarcasm and boldly declared "Indian Country" (though it had to be abandoned in 1971 following an accident). Finally, the daring 1973 occupation of the village of Wounded Knee forged a mental link between the 1890 massacre and contemporary cultures of remembrance.
Mattioli illustrates how US pop culture—specifically through Indigenous artists like John Trudell and Buffy Sainte-Marie, as well as film, literature, and white allies such as Johnny Cash, Marlon Brando, and even members of the Kennedy family—bolstered Indigenous resistance. He shows how partial improvements were achieved, not least through the tenacious, level-headed struggle of Indigenous women who had endured the disaster of forced sterilizations. Yet, the quiet, persistent fight against the catastrophic environmental damage caused by major corporations—as well as against inadequate education, unemployment, hunger, and disease—also brought about improvements, securing rights and respectful recognition; this reflects an Indigenous mindset of admirable resilience.
Mattioli can only hint at developments extending into the twenty-first century beyond 1992, but the struggle is far from over; strong political and cultural currents in the US continue to perpetuate discrimination against Indigenous people to this day. Events such as the 2017 Standing Rock protest camp—organized to oppose the construction of an environmentally destructive oil pipeline—would, for instance, give Mattioli ample reason to write a third volume. In the meantime, European readers should come to realize that our own civilization is but a fraction of the age of Indigenous civilizations, which have existed for more than ten thousand years knowing how to steward their continent.
Ultimately, the goal of this resistance is the recognition of sovereign Indigenous nations within the territory of the United States. Will this ever succeed? The country is more deeply divided than ever before—and it is not the Indigenous peoples who have brought this about.
Aram Mattioli, *Zeiten der Auflehnung: Eine Geschichte des indigenen Widerstands in den USA 1911–1992* [Times of Defiance: A History of Indigenous Resistance in the USA, 1911–1992], 460 pages, including illustrations, notes, bibliography, and index; Klett-Cotta, Stuttgart 2023; ISBN 978-3-608-98348-7
April 21, 2023 Copyright Christel Heybrock
Translation by Google