Das weiße Amerika ist nur ein Klecks in der Geschichte
Pekka Hämäläinen „Indigenous Continent. The Epic Contest for North America”
Deutsch: Pekka Hämäläinen: „Der indigene Kontinent. Eine andere Geschichte Amerikas“
Wie indigen sind die USA? Im Gegensatz zur gängigen Meinung weltweit, dass die Indigenen keine Rolle mehr spielen, scheint es einen finnischen Historiker benötigt zu haben, um den USA ihren anhaltenden indigenen Bestandteil unter die Nase zu reiben: Pekka Hämäläinen hat die Geschichte der Kolonisierung des Kontinents geschrieben von vor Kolumbus bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als durch das Massaker bei Wounded Knee an rund 300 wehrlosen Sioux das „Indianerproblem“ endlich als „gelöst“ galt. Das ist es aber nicht, denn die indigenen Menschen aus den fast bis zur Vernichtung getriebenen Nationen sind noch da, und der indigene Bestandteil lässt sich zwar aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen, aber es ist einer jener Fälle von Wirklichkeitsverleugnungen, von denen die weiße Mentalität in USA geprägt wird.
Die dauerhafte Resilienz der indigenen Nationen – in rassistischer Diskriminierung von den Eroberern als „Stämme“ definiert - hat sie den Völkermord überleben lassen. Amerika ist latent immer noch indigen und wird es bleiben. „Das souveräne indigene Amerika lebt heute weiter in der Dynamik der modernen indigenen Communitys … und in ständiger Weiterentwicklung der primären indianischen Reaktion auf den Kolonialismus,“ zieht Hämäläinen das Fazit: „Auf einer indigenen Zeitskala sind die Vereinigten Staaten nur ein Fleck.“
Das mag utopisch klingen, deutet aber nicht zuletzt eine fundamentale Unvereinbarkeit weißer und indigener Mentalität an, da kann es offenbar auch keinen Ausgleich geben. In seinen vorangegangenen Büchern über „Lakota America“ und „The Comanche Empire“ macht Hämäläinen die Unterschiede klar, indem er den Begriff des Imperiums anders definiert als traditionelle europäische Historiker: Indigene Imperien lassen sich nicht durch hierarchische, von klaren geographischen Grenzen bestimmte Machtbereiche definieren, sondern durch die fließenden, dynamischen Grenzen von Einflussbereichen, und die werden vornehmlich erzielt durch Bündnisse, Freundschaften, weitreichende familiäre Bindungen – durch ein Kinship-Prinzip, das die deutschen Übersetzer mit dem Verwandtschaftsbegriff nicht sehr treffend wiedergeben, aber es gibt kein Wort dafür in weißem Denken.
Es ist aber genau das, was den Eroberern einerseits den Zugang erleichterte – indem Indigene bei der Ankunft der Weißen zunächst glaubten, sie als Zugewinn ihres Einflussbereichs integrieren zu können – aber andererseits das Ziel weißer Gewaltherrschaft unerfüllbar machte, nämlich die Unterwerfung und Auslöschung der indigenen Bevölkerung. Bis tief ins 18. Jahrhundert hinein wurden die Kolonialisten, allen voran die brutal missionierenden Spanier, verwirrt durch die Tatsache, dass sie keine indigenen Führungspersönlichkeiten fanden, die man töten und durch eigene ersetzen konnte. Hämäläinen macht damit auch die mentale Ursache des Konflikts deutlich – das nicht zuletzt religiös untermauerte Prinzip von Macht, Gewalt und Unterwerfung auf Seiten der Eindringlinge gegen das Kinship-Prinzip von Bündnissen und geteilter Verantwortung auf Seiten der Indigenen. Er verschweigt wahrlich nicht die Grausamkeiten, die beide Seiten einander zufügten, wobei aber klar ist, dass die Indigenen sich zunehmend in der Position des Überlebens um jeden Preis fanden.
Was Hämäläinens Rundumblick über mehr als fünf Jahrhunderte amerikanischer Geschichte nicht leicht lesbar macht, ist einerseits die erschlagende Fülle von Details, andererseits der Verzicht auf die Schilderung einzelner Persönlichkeiten – bedeutende indigene Führer wie Pontiac, Tekumseh oder Sitting Bull werden erwähnt, gehen aber als Personen unter in den zunehmend dramatischen Ereignissen. Das macht für den Leser die Identifikation mit den Personen und damit die Anschaulichkeit des Geschehens schwierig. Auch die Fakten selbst, kriegerische Auseinandersetzungen, Vertragsbrüche, Umsiedelungen, das erklärte Ziel weißer Politiker und Siedler, die „Indianer“ auszurotten – die Ereignisse im Einzelnen werden relativ kurz abgehandelt, wie sonst hätte man mehr als 500 Jahre in ein einziges Buch pressen können?
Hämäläinens Text fasziniert andererseits durch den flüssigen, eleganten Schreibstil, der sich auf Deutsch nicht vermitteln lässt. Noch dazu ist die deutsche Ausgabe nicht gänzlich (druck)fehlerfrei und erweckt den Eindruck, die beiden Übersetzer hätten zumindest gegen Ende etwas die Nerven verloren. Kein Wunder bei 546 Seiten Text plus mehr als weiteren hundert Seiten Anhang und Register. Doch Hämäläinen hat weit mehr als eine unglaubliche Fleißarbeit hingelegt – es ist ein souveräner Standpunkt, der dem Leser Ursachen und Tragweite eines bis heute und noch lange andauernden kontinentalen Konflikts vermittelt.
Pekka Hämäläinen „Indigenous Continent. The Epic Contest for North America, 571 S., Anmerkungen, Index, Liveright Publishing Corporation, New York 2022, ISBN 978-1-63149-699-8
Pekka Hämäläinen, “Der Indigene Kontinent. Eine andere Geschichte Amerikas“, aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Werner Roller, 651 S., Verlag Antje Kunstmann, München 2023, ISBN 978-3-95614-564-3
13. März 2024 Copyright Christel Heybrock