Geschichten von Leben, Tod und Respekt
Charles Eastman (Ohíyesa)
„Red Hunters and the Animal People“ 1904
Weiße Leser haben ein ganz spezielles Verhältnis zu Tieren: Haustiere wie Hund und Katze sind Schmusewesen. Dass auch Kühe und Schweine mitunter als Haus- statt als Schlachttiere definiert werden, mutet seltsam an, jedenfalls sitzt bei mir kein Ferkel auf der Couch (na ja). Die wilden Tiere dagegen nutzen wir für Rehbraten, Zoo oder Safari, jedenfalls stehen „wir“ immer auf der höheren Stufe, sind intelligenter, sozial differenzierter und überhaupt die Krone der Schöpfung. Doch unsere Perspektive wird von anderen Ethnien nicht unbedingt geteilt.
Das spezielle Verhältnis nordamerikanischer Indianer zu Tieren hat der Santee Dakota Sioux Charles Eastman (1858-1939) in den Erzählungen „Red Hunters and the Animal People“ (1904) beschrieben – zehn Tier- und zwei Geschichten über indianische Jäger. Die einmalige Sammlung gibt Aufschluss über die Ambivalenz von Leben und Tod bei Lebewesen, die einander fremd sind, aber sich den Lebensraum teilen. Indianer haben Tiere gejagt, getötet, materiell genutzt. Ihre Tipis waren aus Bisonhaut, ihre Kleidung aus Hirschleder, ihre Schlaflager aus Büffel- oder Bärenfell, und Fleisch war Hauptnahrungsmittel der Präriebewohner. Hunde und Pferde könnte man als ihre Haus- und Nutztiere bezeichnen, aber grundsätzlich wurden Tiere als Mitbrüder angesehen, einfühlsam beobachtet, oft hoch geehrt, als Vorbild für eigenes Verhalten genommen – und dennoch getötet.
Der irritierende Widerspruch war angesichts der Lebensverhältnisse unumgänglich, Lebensverhältnisse, die bei Mensch und Tier ähnlich prekär waren: stets bedroht von Hunger, Verletzungen, Krankheiten, Naturkatastrophen. Wer überleben wollte, musste lernen zu töten – ein „humaneres“ Verhalten kann man sich nur leisten, wenn man Ackerbau und Viehzucht als pervertierte Nahrungsmittelindustrie im Hintergrund weiß. Man könnte die zwölf Geschichten einfach als ethnisches Kuriosum herunter lesen, wobei man die spirituelle Basis übersehen würde, die indianischem Denken zugrunde liegt und sich nie als leeres Fantasiegespinst äußert. Indianische Spiritualität ist stets an belebte materielle Wirklichkeit gebunden, sie ist geradezu fundamentaler Ausdruck von Lebensenergie, so dass den Tieren der gleiche spirituelle Wert zugestanden wird wie Menschen, Pflanzen, Steinen, Erde, Sonne… sie alle sind spirituell lebendig.
Eastman (indianischer Name Ohíyesa = Sieger) nimmt beispielhaft Puma, Wolf, Mäuse, Waschbär, Büffel, Adler, Präriehunde, Mufflon , Bär, Biber und „Elk“ (= Wapiti) heraus, große und kleine, fliegende, laufende und schwimmende Völker, und beobachtet sie als selbständige Individuen, die in einigen Fällen in enger Beziehung zu Menschen stehen. Er identifiziert sich mit ihnen ähnlich, wie man einem Kollegen oder Nachbarn begegnen würde, deren Nöte und Sorgen, soziale Position, Erfolge und Niederlagen man verstehend zur Kenntnis nimmt. Es ist stets eine Empathie aus Distanz, nie wird ein Tier vermenschlicht, als süß, niedlich, putzig dargestellt, nicht einmal Mäuse werden in ihrem Rang verkleinert. Dabei trifft mitunter ein Strahl liebevoller Nähe ins Herz des Lesers, etwa in der Erzählung „The Wolf Mountain“, in der Wolfsrüde Manitoo in schicksalhaftem Pech einsam umherstreift und fast verhungert, weil er seine Jagdgefährten verloren hat. Mitten in seiner Depression, es ist auch noch kalt und stürmisch, kommt ein hübsches Wolfsmädchen vorbei, sie sehen sich an und bleiben beieinander „during their lifetime“.
Die Schicksalhaftigkeit der Lebensumstände von Tieren und indianischen Menschen ähnelt sich bis zur Identität. Schon in der Anfangserzählung „The Great Cat’s Nursery“ wird das deutlich. Puma-Mutter Igmútanka hat ihren Lebensgefährten durch den Tod verloren und muss nun wenigstens ihre beiden Babys retten. Sie selbst wird aber auch von einem Jäger getötet, der das eine Baby mitnimmt. Das andere, einziger Überlebender der vierköpfigen Familie, wird zufällig von Igmútankas Cousine gefunden.
Tiere – Mitgeschöpfe, die respektiert und getötet werden
Egal auf welche Weise Indianer sich Tiere zunutze machen – Tiere werden geachtet. Ein alter Pawnee erklärt einer vorwitzigen Jungsgruppe, die sich einen Spaß aus der Mäusejagd macht, dass man fairerweise nicht die angreifen darf, die sich verstecken, und dass man keinesfalls weiterjagen darf, wenn eine weiße Maus als Chief hervorkommt, dem man den Respekt nicht versagen darf. Insgesamt ist das Verhältnis roter Jäger zu den Tiervölkern von kaum definierbarer Komplexität. In der Erzählung „Wechah the Provider“ scheint eine Beziehung wie bei Weißen zu ihren Haustieren zu bestehen, doch Waschbär Wechah bleibt ein Vertreter der Wildnis. Wasula, das Mädchen, dass ihn aufgezogen hat, stellt sogar fest, wie wilde Tiere sprachlich miteinander kommunizieren - der Kommunikation von Tieren widmet sich auch das gesamte Schlusskapitel.
Die Ambivalenz zwischen Liebe und Freiheit, Verantwortung und Selbstbewusstsein im Verhältnis Mensch-Tier beschäftigt den Leser lange. Als ich das rund 200 Seiten schmale Bändchen bekam, hielt ich die Lektüre für eine Sache weniger Tage, inzwischen sind Jahre vergangen, in denen das spezielle Verhältnis von indigenen Menschen und Wildtieren immer wieder als Thema aufkam. Leider gibt es Störfaktoren hinsichtlich der Edition. So fehlt die Paginierung – ich habe einen fotomechanischen Reprint. Wer eine Erstausgabe von 1904 findet, sollte sie behalten! Aber auch inhaltlich entstehen Bedenken. Ohíyesa heiratete 1891 die intellektuell anspruchsvolle, weiße Lehrerin Elaine Goodale, die ihn unterstützte in dem Bemühen, indianisches Denken weißen Lesern zu vermitteln. Aber sie lektorierte und tippte Ohíyesas Texte zur Publikation ab, so dass nicht mehr festzustellen ist, welche Passagen authentisch von ihm sind. Mit Sicherheit hat sie darauf gedrängt, die Mentalität christlicher weißer Leser zu berücksichtigen, so ist gelegentlich einschränkend die Rede von „indianischem Aberglauben“ – für radikale nichtweiße Äußerungen war die Zeit nicht reif. Die Spannungen in der Ehe führten 1921 zur Trennung, Ohíyesa hat danach nichts mehr publiziert. Seine Position als Arzt, Vortragsreisender und sozialpolitischer Berater zwischen Weißen und Indigenen ist dennoch von historischer Bedeutung, und seine Bücher sind einzigartige Zeugnisse indianischen Denkens.
Hier eine Zusammenfassung der einzelnen Geschichten als Übersicht:
The Dance of the Little People
Wild Animals from the Indian Stand-Point
Foreword
Ohíyesa lokalisiert die Tiergeschichten in die Gegend, die er selber kennt, in den Nordwesten des Kontinents zwischen Minnesota und die Dakotas, in die Bad Lands und die Gegend des Little Rosebud River. Er bezieht sich auf die Zeit vor 1870, als es noch Büffel gab und Indianer ihr authentisches Lebens verfolgten: „… and the red men lived the life I knew as a boy.“ Was erstaunlich ist - dass es zwei Herangehensweisen gab in der Mensch-Tier-Beziehung, die des Jägers und die der spirituellen Suche. Die vorliegenden Tiergeschichten handeln von Jägerbeziehungen. Aber da alle Tiere Erscheinungen des Great Mystery sind und entsprechend behandelt werden müssen, ist die spirituelle Dimension noch eine andere Erfahrungsebene. Bei der “spirit hunt” begegnet man dem Tier mit anderer Identifikation, deren Erkenntnisse nicht für die normale Jagd benutzt werden dürfen: „If you wish to know (the secrets of an animal) you must show him that you are sincere, your spirit and his spirit must meet on common ground… and that is impossible until you have… entered into perfect accord with the wild creatures.“ Ein solch spirituelles Einverständnis erfordert vom Menschen eine temporäre Selbstaufgabe – er muss sein Zuhause, seine menschlichen Sozialkontakte, seine Waffen und jeden Gedanken an die Beutejagd zurücklassen. Allein gelassen in der Wildnis begegnet er dem Tier als fremder, ebenbürtiger Instanz. Die „spirit hunt“ ist nicht Thema der Jägergeschichten. Mir ist auch kein indigener Text dazu bekannt.
The Great Cat’s Nursery
Einige Tage im Leben von Igmútanka, einer Puma-Mutter am Bear-Runs-in-the-Lodge River, einem Nebenfluss des Smoking Earth River in den Bad Lands. Es ist eine tragische Geschichte, schrecklich und prekär wie die Natur selbst. Igmútanka hat zwei Babys zu versorgen, allein, denn ihr Gefährte Igtín wurde wahrscheinlich von einem Jäger getötet. Die Reste der letzten Jagd, bei der sie Igtín verlor, sind verzehrt, sie muss die Babys allein lassen und neue Nahrung suchen. Sie erlegt geschickt ein Rehkitz, kann fürs erste den Hunger stillen und deckt den Rest der Mahlzeit zu, versehen mit einer Duftmarke: Das hier gehört mir! Auf dem Rückweg zur Höhle der Babys hat sie eine ungeschützte Passage und stellt fest, dass seit dem Vortag in der Ebene unter ihr eine Menge Tipis aufgestellt wurden - menschliche Jäger sind eine Lebensgefahr: „There are the homes of those dreadful wild men! They always have with them many dogs, and these will surely find my home and babies.“
Sie muss einige Biberdämme überqueren – zwischen ihr und dem Bibervolk besteht ein stilles Übereinkommen – keiner stört den andern. Aber dann kommt eine weitere ungeschützte Passage, bei der sie von einem Jäger gesehen und von dessen Pfeil getroffen wird. Sie rennt in Todesangst um ihre Babys weiter und findet die beiden unversehrt in der Höhle, füttert sie und zieht sich den Pfeil aus dem Rücken. Es ist ihr klar, dass der Jäger mit den Hunden ihre Spur verfolgt hat, so dass die Babys in dieser Höhle nicht mehr sicher sind. Sie muss die Kinder wegbringen, aber der Weg zu einer Zwischenstation bei den Bibern ist weit und gefährlich, sie schafft es nur mit dem kleineren Baby im Maul, das kann sie in einem verlassenen Biberbau verstecken. Es ist dunkel geworden, als sie das zweite Baby aus der Höhle holt, und der kürzeste Weg zum Cedar Fluss führt dicht am Camp der Indianer vorbei, die nachts allerdings nicht jagen. Sie kann das Baby auch sicher am Fluss unterbringen, nun muss sie die beiden wieder zusammenführen, denn der Platz im Biberbau ist nur vorläufig. Der Umzug dauert die Nacht lang, am Morgen ist Igmú müde und hungrig, sie erinnert sich an den versteckten Rest ihrer Mahlzeit vom Vortag – aber über die hat sich gerade ein Bär hergemacht. Igmú ist so wütend, dass sie den Mato attackiert – böse und tödlich. Aber sie kann den von ihm zurückgelassenen Rest der Mahlzeit nicht selbst essen, die ist vom Bär verseucht. So macht sie sich für eine erneute Jagd auf den Weg und hat Erfolg bei einem weiteren Kitz.
Inzwischen aber hat eine Cousine von Igmú das eine Baby gefunden, das offenbar Hunger hat – fürsorglich und ahnungslos nimmt sie es mit, um es zusammen mit ihrem eigenen aufzuziehen. Derweil muss Igmú, um das Baby aus dem Biberbau zu holen, noch einmal an ihrer alten Höhle vorbei – betreten wird sie das alte Nest nicht: Pumas würden nie einen Unterschlupf betreten, aus dem sie hatten fliehen müssen – bad spirits! Fast bei den Bibern angekommen, hört sie Hundegebell und Laute von roten Jägern. Als sie vorsichtig die Szene überblickt, sieht sie, dass ihr Baby sich auf einen Baum gerettet hat, unten stehen drei Jäger mit Hunden und schütteln den Baum. Igmú kann sich nicht zurückhalten - sie attackiert die Jäger, greift die Hunde an, rauf auf den Baum, ihr Baby ins Maul, wieder runter und weg. Aber sie wird vom Pfeil eines Jägers getroffen und bricht zusammen, das Baby fällt aus ihrem Maul: „She staggered towards the bank, but her strength refused her, so she lay down beside a large rock. The baby came to her immediately, for she had not had any milk since the day before. She gave one gentle lick to his woolly head before she dropped her own and died.“ Eine Puma-Familie ist ausgelöscht. Der triumphierende Jäger nimmt das Baby mit. Es ist eine Existenz in ständiger Todesgefahr, nur Mut, Geschicklichkeit und Fürsorge ermöglichen ein Überleben, niemand hätte das besser gewusst als ein Indianer.
On Wolf Mountain
Die Wölfe halten eine große Ratsversammlung, denn die „Männer mit dem Haar im Gesicht“ (die weißen Siedler) zerstören das Land und dezimieren die Tierpopulationen. Dabei sind die Wölfe eigentlich daran gewöhnt, zusammen mit Menschen zu jagen, aber nur mit den Red Hunters, die ihnen auch immer einen ordentlichen Teil der Beute überlassen. Sie begleiten die roten Jäger in einer festgelegten Ordnung bei der Büffeljagd – stets auf der Hut und unter Deckung, aber zu zweit und mit Abstand voneinander in einer Linie. Nur wenn es ans Fressen geht, kann jeder losrennen, wie er will, eine tolle Geschichte über den gemeinsamen Lebenskampf Wolf-Mensch.
Aber es ist November, und es hat begonnen zu schneien. Weiße Schäfer, mit den Gegebenheiten nicht vertraut, haben ihre Herde im Freien gelassen und sich selbst vor dem Schneesturm in ihre Hütte zurückgezogen. Sie hören ein Schaf blöken und glauben, ein Bär habe sich der Herde genähert, und als sie die Tür öffnen, ist in der Dunkelheit draußen nichts zu sehen. Dennoch holen sie ihre Gewehre, ziehen sich die cowhide overcoats an, nehmen Laternen und gehen nach draußen, wo sie merken, dass die meisten Schafe außerhalb des Corrals und zahllose Wölfe eingedrungen sind. Blindes Drauflosfeuern bringt nichts, im Sturm verhallen die Schüsse, während die Schäfer zugleich hören, wie Schafsknochen unter Wolfszähnen zerbrechen, und Hunderte glühender Augen im Laternenlicht aufscheinen. Als sie einen großen alten, einäugigen Wolf zusammen mit einem jungen auf sich zukommen sehen, ergreifen sie die Flucht, die beiden Wölfe folgen ihnen bis in die Hütte, Manitoo, der junge, hat den Siedler Jake am Bein ergriffen und ihm einen Stiefel weggerissen, der alte wird mit einem Feuerhaken erschlagen. Die beiden Männer verbarrikadieren sich in der Hütte und überlassen die Schafe ihrem Schicksal – sie werden alle getötet, entweder von den Wölfen oder durch den Schneesturm. Manitoo hat den Stiefel als Kriegstrophäe zu seinen Gefährten mitgebracht, die sich siegreich zusammenfinden und ein Triumphgeheul ausstoßen im Bewusstsein, dass sie es den haarigen weißen Männern endgültig gezeigt haben.
Ein Indianer bleibt im Schneesturm in der Nähe der Wolfsversammlung mit seinem Pony hängen und findet am Morgen nicht nur den zurückgelassenen Stiefel, sondern auch den wópata – den Kriegsschauplatz der Wölfe mit zahlreichen Schafskadavern. Zuhause in seinem Camp freuen sich alle Indianer über die Lektion der Bruder-Wölfe an den weißen Männern, die hier nichts zu suchen haben: „Let us sing war-songs for the success of our brother!“
Der ruinierte Schäfer macht sich derweil auf zum Handelsposten und beklagt sein Pech. Der Händler, brutal und von weißer Mentalität: „I told you before to take out all the strychnine you could get hold of. We have got to rid the country of the Injuns and gray wolves before civilization will stick in this region!“
Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Wolf Manitoo hat seinen Bruder verletzt vorgefunden und will ihn nicht allein lassen. Er lässt das Rudel weiterziehen und bleibt, bis der Bruder stirbt. Dann macht er sich zu spät auf, um seine Gefährten wieder zu finden. Er ist allein, weiße Jäger entdecken seine Spur, Soldaten schießen auf ihn, werden aber aufmerksam auf eine bedrohliche Indianer-Versammlung und kehren vorsichtshalber auf ihren Posten zurück: „So, perhaps, after all, his brothers, the wild hunters, had saved Manitoos life.“ Und Manitoo läuft weiter, frierend und hungrig, denn ohne sein Rudel kann er nicht jagen. Es ist kalt, es schneit, es stürmt, Manitoo kämpft mit einer tiefen Depression aus Hunger und Einsamkeit, es geht ihm just, wie es auch einem menschlichen Jäger gehen würde. Aber zufällig kämpft sich irgendwann ein hübsches Wolfsmädchen durch den Schnee, Manitoo erwacht zum Leben, beide stellen beglückt die buschigen Schwänze hoch und sehen sich an. Und dann bleiben sie beieinander „during their lifetime“.
Dance of the Little People
Es geht um das Volk der Mäuse (itúnkala, bei Ohíyesa „he-tunk-a-la“). Die Geschichte gibt tiefen Einblick in die Artenvielfalt, das Alltagsleben alter und junger Indianer sowie in den Reichtum ihres Erzählens, bevor die weißen Siedler zum Zusammenbruch der indigenen Kultur führten.
Nichtsnutzige Jungs sind auf Mäusejagd und teilen aus taktischen Gründen ihre Gruppe: Die einen imitieren Fuchslaute und locken damit die Mäuse aus den Löchern, die anderen fangen sie dann. Zum Schluss geht es darum, wer die meisten geschnappt hat. Aber es besteht das Verbot, dass man nicht die fangen darf, die sich verstecken, sondern nur die unvorsichtigen. (Das scheint generell eine Verhaltensregel indigener Jäger zu sein.) Und man darf auch nicht weiterjagen, wenn der Chief sich gezeigt hat: Einer weißen (Chief-)Maus muss man immer Respekt erweisen. Wer trotzdem weiter machen würde, bekäme Unglück.
Ein alter Pawnee (Padánee) unterrichtet die Jungs, dass es diverse kleine Tiere gibt mit sehr verschiedenem Verhalten und zu verschiedenen Zwecken, etwa dem Zweck, als Nahrung für Füchse zu dienen: „These little folk have their own ways. They have their plays and dances, like any other nation.“ Seine Beobachtungen, die europäischen Lesern völlig fremd sein dürften, bestehen unter anderem darin, dass eine bestimmte Mäuseart bei Vollmond Tänze vollführt. Es sind die kleinsten Mäuse mit der spitzen Nase und dem langen Schwanz, und sie tanzen zu Ehren derjenigen, die „to be cast down from the sky“ stammen, „when the nibbling moon begins“ (abnehmender Mond), denn diese Hetúnkala sind Moon Nibblers. Woraufhin der Pawnee-Großvater mitten in seiner Rede anfängt zu singen und: „Einer von euch muss jetzt tanzen“, denn es ist ja die Rede von tanzenden Mäusen.
Und der Pawnee erzählt weiter: „Einmal hielt der Bär ein Medizinfest und lud alle Medizinmänner der Stämme ein: Was ist eure beste Medizin? Alle erzählten es, nur die kleine Maus nicht.“ –„Das ist mein Geheimnis“, sagte sie. Der Bär wurde wütend und wollte die Maus mit der Pranke zerquetschen, aber sie war weg. Die andern lachten: „Sie ist auf deinem Rücken!“ Der Bär rollte sich auf den Rücken, die Maus auf ihm drauf. Allgemeines Gelächter: „Die wirst du nicht mehr los!“ Der Bär fürchtete, die Maus würde ihm ins Ohr krabbeln und bat die Umstehenden, sie herunter zu schubsen, aber man weigerte sich: „Probier doch selber deine Medizin aus – die Maus wendet ja auch ihre an!“ Der Bär versuchte alles: erfolglos. Dann sagte er der Maus, wenn sie nur von ihm runterginge, würde nie mehr einer seines Stammes Mäuse essen. Da ging sie runter – seither fressen Bären keine Mäuse. Doch nun wurde die Maus von der Eule gepackt: „Jetzt sagst du diesen Leuten, was deine Medizin ist, oder ich wende meine bei dir an!“ Die Maus zitterte und versprach es zu sagen, wenn nur die Eule sie los ließe. Und das ist die Geschichte der Mäuse:
Einst waren sie alle auf dem Mond und rollten ihn herum, und bei jedem Vollmond knabberten sie etwas von seiner hellen, mit Silber bedeckten Oberfläche ab. Manche Mäuse knabberten versehentlich Löcher in den Mond und wurden zur Strafe auf die Erde geschickt, wo viele starben, manche aber sich allmählich zurechtfanden. „We do not know how to work. We can only nibble other peoples‘ things and carry them away to our hiding places… But we still retain our power to stay upon moving bodies, and that is our magic.“
Und der alte Pawnee fährt fort: „It was therefore decreed… that all the animals may kill the hetúnkala wherever they meet them, on the pretext that they do not belong upon earth. All do so to this day except the bear, who is obliged to keep his word.“ Und zu Hunderten tanzen die Mäuse nachts bei Vollmond am Seeufer, sie tanzen im Kreis, manchmal sind zwei allein in der Mitte, und sowie die Hinhan (Eule) herbeifliegt, bleiben die Mäuse bewegungslos wie Steine liegen. Wenn die Eule weg ist, tanzen sie heftiger als zuvor, und manche beißen in den Schwanz ihrer Nachbarn. Einige springen sogar hoch, dem Mond entgegen. Dann aber kommt der Fuchs. „No people know the secret of the dance except a few old Indians and Red Fox.“ Bei dessen Auftreten sind alle plötzlich weg wie nix, und nur die Spuren ihrer Füßchen bleiben wie eine Schrift im Sand.
„Heute Nacht haben wir etwas gelernt,“ sagt einer der Jungs: „Was mich betrifft - ich werde nie wieder die kleinen Völker jagen.“ Der halb aus Beobachtungen, halb aus Erzählfantasie gespeiste Zauber der Geschichte gibt auch Einblick in die indigene Pädagogik: Kinder werden nicht durch Befehle und Bestrafungen erzogen, sondern durch die Stärkung ihrer eigenen Fantasie und ihres Einfühlungsvermögens. Die Geschichte verlockt zur Identifikation mit anders gearteten Lebewesen, sie führt nicht zu einer Erfolgsmentalität von Beute und Besitz.
Wechah the Provider
Wechah ist ein Waschbär, als Baby von Wasulas Vater von einer Jagd mitgebracht und von der jungen Frau wie ein menschliches Wesen aufgezogen. Das heißt - so wie Indianer ihre Kinder aufziehen, mit Strenge, Liebe und gegenseitigem Respekt. Wasula ist ein Einzelkind und eine tolle Person – Waldläuferin, Haushälterin, sie kann Tipis aufbauen, aber auch nähen, sticken, einfach alles, und sie ist eine begehrte Partie unter jungen Männern.
Aber wer auch immer ihr den Hof macht, muss mit Wechah rechnen. Der vorwitzige Waschbär ärgert ihre potentiellen Liebhaber nach Kräften, mopst ihnen Mokassins, Tomahawk, Pfeil und Bogen, zieht sie an den Haaren, reißt ihnen die Decke weg oder die Feder aus dem Haar. Wasula ist es recht, aber als er einmal in seinem Übermut sogar die junge Brut in einem Vogelnest ausraubt, muss sie ihn bestrafen. Sie stülpt ihm einen Beutel aus Büffelleder über, bindet seine Vorderpfoten zusammen, lässt ihn einen Tag lang fasten und in der Nacht von ihrem Hund bewachen. Der Hund allerdings schläft ein, und Wechah ruft leise seine Artgenossen zu Hilfe: Wasula „… had discovered that his people have danger-calls and calls for help quite different from their hunting and love calls.“
Und tatsächlich ist ein großer Waschbär dem Ruf bereits gefolgt – die Dorfhunde erwachen und schlagen an, die Jäger stürzen aus ihren Tipis, und Wasula hat Mühe, sie von Schüssen abzuhalten. Doch sie ziehen lachend ab, als sie Wechas Situation erfahren, und Wasula befreit ihren Liebling und nimmt ihn mit ins Tipi. Der Leser könnte glauben, Wechah sei perfekt gezähmt, aber das trifft nicht zu. Er ist von Streifzügen stets von allein zurückgekommen. Hat er die Möglichkeit geschätzt, bei dem Mädchen seinen Spieltrieb auszutoben? Der besondere Charakter dieser Bindung erweist sich bei einer Katastrophe: Nach einer erfolgreichen Jagdsaison geraten die Männer in eine Auseinandersetzung mit den Ojibwe und werden alle getötet. Es ist Winter, Zeit der Schneestürme. Die Fleischvorräte sind irgendwann verzehrt – und es gibt keine Jäger. Die Dorfgemeinschaft sieht dem Hungertod entgegen.
Wasula greift Bogen, Köcher und Pfeile ihres Vaters, nimmt die Schneeschuhe und macht sich auf, Wechah kommt neugierig mit. Und er ist es, der das Dorf rettet, indem er Wasula Spuren jagdbarer Tiere im Schnee zeigt, die sie nicht hätte finden können. Sie scheinen einander in ständigem Führungswechsel zuzuarbeiten – Wechah entdeckt die Spuren, Wasula erlegt die Tiere, und zum Schluss schnappt der Waschbär auch noch jede Menge Fische zwischen Eisschollen aus einem Fluss. Aus Dankbarkeit beschließen die Dorfbewohner, keine Waschbärfallen mehr aufzustellen.
Als das Frühjahr kommt, tollt Wechah überall herum, die Bewohner sehen seine Spuren, aber ihn selber nicht mehr. Wasula entdeckt ihn schließlich auf einem Baum, von dem er nicht herunter will – da oben sitzt Wechawee, ein Raccoon-Mädchen. Wasula, erleichtert, dass ihr Freund am Leben ist, singt für die beiden ein Hochzeitslied. Die Geschichte zeigt exemplarisch Bindungen in der indigenen Gesellschaft. Bindungen, die mit Besitz und Dominanz nichts zu tun haben, sondern auf der Basis wechselseitiger Anerkennung und Entscheidungsfreiheit funktionieren. Das Füreinandereinstehen geschieht ebenso unspektakulär wie die Lösung aus der Beziehung, ein Teil der Bindung bedeutet auch zu akzeptieren, dass der andere sich löst.
The Mustering of the Herds
Büffeldame Hinpoha hat ein Kälbchen geboren – ein weißes! Es ist die Color of Royalty, das scheinen die Büffel ebenso zu wissen wie die Lakota, denen einst die Weiße Büffelkalbfrau die Spiritualität der Canunpa, der Sakralpfeife, brachte. Hinpoha versteckt ihr Baby im hohen Gras und begibt sich zurück zu ihrer Herde, die sie wegen der Geburt verlassen hat. Bei der Herde findet eine Trauerfeier statt – die bisherige Königin, die weiße Büffelkuh Ptesanwee, ist gestorben, alle kommen daher zusammen, Bisonkühe und die Bullen, und erweisen der Toten die Ehre.
Die große Herde weckt aber auch die Aufmerksamkeit der Indianer, die zur Frühjahrsjagd aufrufen – der Medizinmann old Buffalo Ghost bereitet die Zeremonie vor, mit der das Jagdglück beschworen wird. Die Zeremonie besteht nicht nur aus dem Gebrauch der Canunpa, sondern auch aus Tänzen für die Büffelspirits, damit sie den Weg in die Spirit-Welt antreten können: Die Identifikation mit den Lebewesen, die man töten will, endet nicht mit deren Tod. Die Jagdstrategie sieht vor, die Büffel in großen Scharen zum Shaeyela River zu treiben, dem abschüssigen Ufer des Cheyenne River, wo drei Gruppen der Jäger sie angreifen können.
Zum Erstaunen der Indianer lässt sich die Herde aber nicht geschlossen treiben, sondern teilt sich in verschiedene Richtungen, manche Tiere laufen in den Wald, einige brechen durch die Linien der Jäger, andere laufen gar nicht weg, sondern tun sich zusammen und bilden einen Verteidigungsring. Einige Jäger reiten gegen den Ring vor mit Hunden und Gesängen, aber als der Anführer „hanta, hanta yo!“ (dann mal los) ruft und ein Reiter vorprescht, wird der von einem Riesenbullen sofort auf die Hörner genommen und bleibt tot liegen.
So ein Büffelverhalten haben die Jäger noch nie beobachtet – gegen Wölfe bilden Büffel mitunter einen Ring, aber gegen Indianer? Doch plötzlich lösen die Büffel den Ring und setzen sich langsam in Bewegung, die Kühe zuerst, die Bullen hinterher, in einer langen Linie. Als sie den Platz freigegeben haben, sehen die Männer die tote weiße Büffelkuh und verstehen alles. Sie nähern sich respektvoll wie auf heiligem Grund und trauern mit, verstreuen Tabak rund um die tote Königin und brechen den Frühjahrsjagdgang ab.
Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein, aber es ist nur die eine Hälfte. Die andere spielt ein paar Monate später, das weiße Kälbchen ist größer und stark geworden und wird von Hinpoha in die Herde eingeführt, wo Mutter und Kind überall mit Staunen und Respekt begrüßt werden. Die Versammlung der Bison-Herde hat die Indianer wieder aufmerksam gemacht, und ein Scout konnte sogar das weiße Kalb ausfindig machen. Das ist eine Sensation, und im Gegensatz zu Behauptungen, die Lakota hätten niemals Jagd auf heilige weiße Büffel gemacht, planen die Männer in Ohíyesas Geschichte genau das – das Erlegen eines weißen Büffels würde dem Stamm Glück und Ehre über Generationen bringen.
Im Teyo-Tipi (Ratstipi) wird diskutiert, wie man das weiße Kalb, diesen „Spirit auf Erdenbesuch“, einfangen könnte, denn die Herde wird es verteidigen. Man zieht also in einen Kampf, Männer und Pferde werden schon mal kriegsbemalt. Dann eines warmen Maimorgens machen sich ein paar hundert Krieger auf zu der riesigen, friedlich grasenden Herde, in deren Mitte das weiße Kalb geschützt wird – die Büffel haben sogar Außenposten aufgestellt. Und mit hokahey preschen die Indianer donnernd vor, während die Büffel ihrerseits staubaufwirbelnd sich wieder zum Kreis formieren – mehrere Tausend Hörnerpaare gegen bemalte Reiter, die den Ring nicht aufbrechen können. Bis ein erfahrener alter Kämpfer zur brennenden Fackel greift, woraufhin die Herde flieht und das Kalb mit dem Lasso eingefangen wird.
Der Rest der Geschichte wird in wenigen Zeilen, aber als Höhepunkt berichtet – für rationale weiße Leser irritierend. Dass die Herde ihrer spirituellen Führung beraubt wurde und das Kalb getötet werden muss, ist nicht der Rede wert. Der Stamm ist überzeugt, dass es „der Wille des Great Mystery“ sei, „to recall the spirit of the white chief,“ womit wohl die Weiße Büffelkalbfrau gemeint ist, die den Lakota die Canunpa und die spirituellen Zeremonien brachte. „Wir werden ihr weißes Fell erhalten, es wird von Generation zu Generation weiter gegeben… wir werden nie mehr hungern, und wo immer sich das Fell befindet, wird es im Überfluss Nahrung geben für die Indianer.“ Es ist eine Art „Gott-Essen“, wie der polnische Literaturwissenschaftler Jan Kott (1914-2001) einst über griechische Tragödien schrieb: Man nimmt die sakrale Instanz in sich auf und nährt sich von ihr, sie ist es letztlich, die den Essenden das Leben sichert. Es ist also nicht nur die materielle Substanz, die in den Körper des Essenden übergeht, sondern auch die spirituelle. Wie geht das noch mal, wenn Katholiken den Leib Christi verspeisen, der in der Eucharistie real anwesend ist?
The Sky Warrior
Noch eine Geschichte, in der Tiere einem Menschen das Überleben sichern. Da ist das Adlerpärchen Hooyah und ihr Ehemann Wambelee (auf Lakota auch: Wanbli). Und da sind die Jäger Opagela und Matoska (eigentlich: Mato Ska = Weißer Bär), die sich auf Bären- oder Hirschjagd machen und auf das Adlerpärchen stoßen, das ebenfalls bei der Jagd ist. Wanbli hat sich eines Rehkitzes bemächtigt und sich auf dessen Rücken verkrallt, und Matoska zückt bereits Pfeil und Bogen, denn Indianer brauchen immer Adlerfedern. Aber Opagela stoppt ihn: „Das sind meine Freunde!“ Wanbli fliegt über sie hinweg, eine Bärenklaue, die an seinem Hals hängt, ist deutlich zu sehen, und Opagela beginnt zu erzählen.
Vor Jahren wurde er bei einem Kampf mit den Ute durch einen Knieschuss verletzt. Seine Gefährten trugen ihn zu dem Bach, der heute deswegen Wounded Knee heißt, aber da kam es zu einer War-Party mit den Crow, und Opagela wurde auf eigenen Wunsch dort gelassen, weil er glaubte, sich am Kampf beteiligen zu können. Aber tagelang lag der verletzte Warrior ohne Nahrung und Wasser im Gebüsch und glaubte sich bereits dem Tode nah inmitten einer Natur, die vor Leben und Nahrung nur so strotzte. Plötzlich sprang eine Hirschkuh über ihn hinweg. Von ihren beiden Kitzen wurde eines von einem riesigen Adler gepackt, bevor es sich retten konnte, und der Vogel begann seine Beute auch gleich zu verspeisen – Opagela kaute und schluckte bei jedem Bissen mit leerem Magen mit, bis er es nicht mehr aushielt und leise „hallo, Freund“ zu dem königlichen Vogel hinüberrief. Der setzte seine Herrschermiene auf und schien überrascht und empört. „Hallo, Freund“, fuhr Opagela fort, „es ist Zeit, einen sterbenden Krieger aufzumuntern…“
Da erblickte der Adler ihn und ließ seine halb verzehrte Beute erschrocken los, so dass Opagela zu ihm herüber humpeln konnte. Adler sind hilflos, wenn sie eine große Beute gefressen haben, sie können dann für Stunden nicht fliegen, und sie sind auch nicht gut zu Fuß, sodass Wanbli mit ausgebreiteten Flügeln vor Opagela liegen blieb. Der band den Vogel mit weitem Lasso an einen Baum und machte sich über den Rest der Beute her, aber da beide den Ort nicht verlassen konnten, fingen sie an, sich aneinander zu gewöhnen: „Little by little we became friends.“
Am zweiten Tag kam Wanblis Frau Hooya angeflogen und schimpfte heftig. Beim nächsten Mal versuchte sie, Opagela anzugreifen, aber der hatte seine Kraft zurück gewonnen und schwang den Bogen über seinem Kopf, so dass sie heftig flügelschlagend davonflog. Das wiederholte sich einige Male. Schließlich blieb Hooya in einiger Entfernung sitzen und beobachtete die Szene, wobei sie mit ihrer Gegenwart dem Ehemann Mut machte. Ein paar Mal kreiste sie über den beiden „Männern“ und rief Wanbli beruhigende Laute zu. Mittlerweile nahm der Adler Fleischstücke aus Opagelas Hand an – und die Brocken, die Opagela Wanblis Frau hinwarf, nahm auch Hooyah an.
Irgendwann konnte Opgela wieder jagen und kurze Strecken gehen, so dass er dem Pärchen erklärte, er müsse nun zurück zu seinen Leuten. Als Dank für die Lebensrettung und zur Besiegelung der Freundschaft hängte er Wanbli eine Bärenklaue aus seinem Halsschmuck um, Hooya erhielt eine kleine Männerfigur, die Opagela aus einem Hirschhuf geschnitzt hatte. Aber die Vögel wollten noch nicht fort, so dass Opagela jedem von ihnen zwei Federn entnahm und sich ins Haar steckte. Dann flogen sie weg, und Opagela machte sich auf. Auf seinem ganzen Humpelweg nach Hause kam Wambelee immer wieder vorbeigeflogen, um nach ihm zu sehen.
Matoska hat fasziniert zugehört. Aber, fragt er, wieso hast du so viele Adler getötet? – „Ich habe keinen einzigen getötet“, erwidert Opagela und berichtet von einer Jagdmethode, die auch bei Scott Momaday überliefert wird: Man gräbt ein tiefes Loch in die Erde, so dass man darin hocken oder stehen kann. Man fängt ein Kaninchen, versteckt sich in dem Loch, das mit Ästen und Zweigen zugedeckt wird, wobei das tote Kaninchen sichtbar darauf liegt. Wenn dann ein Adler die Beute fangen will und aufsitzt, packt man ihn von innen an den Beinen, zieht ihm zwei Schwanzfedern aus und lässt ihn wieder los – bei Momaday wird der Adler getötet. „Aber“, sagt Opagela, „so was macht man mit keinem Adler zweimal, beim zweiten Mal tricksen sie einen aus. Aber diese beiden – wir kennen einander, und ich habe die Geschichte niemand erzählt. Sag es nicht weiter.“
Zwei Dinge faszinieren an dieser kurzen Erzählung – die genaue Verhaltensbeobachtung und die ungewöhnliche Situation. Dass es sich nicht um blanke Fantasie handelt, wird aus dem Verhalten der beiden Tiere deutlich, dem Zögern von Wambelee, als er am Ende freigelassen wird, der Hartnäckigkeit von Hooyah, die ihren Partner in einer so verstörenden Situation findet und ihn zu befreien sucht. Einen wesentlichen Vertrauensschub gewinnt Wambelee sicherlich durch ein Detail – Opagela hält ihn an einem so langen Lasso, dass der Vogel selbst in der Fessel ein Kleintier erlegen kann. Obwohl hier der Mensch das Geschehen vorgibt, gehen die Vögel eine langfristige Bindung ein, ohne gezähmt zu werden. Dass die ebenso lose wie dauerhafte Beziehung etwas Besonderes ist, deutet sich durch Opagelas Bitte an, darüber zu schweigen. Mit dem Schweigen wiederholt sich auf nonverbaler Ebene das Geschehen – es ist eine geschützte, aber nicht eingeengte Beziehung zwischen gleichrangigen Lebewesen.
A Founder of Ten Towns
Aber nicht immer stellt sich Harmonie her zwischen Mensch und Tier. Prairie-Dogs sind keine Präriehunde, sondern putzige, emsige, eifrig Höhlen buddelnde Erdhörnchen. Es gibt Leute, die die zutraulichen Kerlchen als Schmusetiere halten, aber das waren in alten Zeiten sicherlich keine Indianer. Bei denen haben sie heute noch einen schlechten Ruf wegen ihrer unglaublichen Vermehrung – Indianer erinnert das an die erschreckende Ausbreitungsrate der weißen Siedler.
Aber Ohíyesa nimmt die Hörnchen mit einfühlsamem Interesse in die Beobachtungen der Animal People auf und berichtet aus dem Leben von Pezpeza, dem Prairie-Dog-Mann, der mit seinen Leuten am Ufer des Owl River eine umfangreiche Erdhöhlen-Stadt gebuddelt hat. Mit Pezpeza assoziiert ist der Kaninchenkauz, die kleine Prairie-Eule Pezpeza ta ayanpahalah, die besseren Weitblick hat und bei Gefahr die Hörnchen warnt, aber auch schon mal eine verlassene Höhle selber bezieht. Die Klapperschlange Sintaý hadah wird von Pezpezas Leuten geduldet, sie ist nützlich, weil sie Hörnchenbeutejäger wie Fuchs, Wolf, Koyoten, Wildkatzen und Dachse, aber auch rote Jäger auf Distanz hält. Und die Schlange selbst fühlt sich zwischen den vielen Erdlöchern vor Raubvögeln geschützt.
Wenn allerdings ein Wolf einen Pezpeza erlegt hat, sieht sich die Kolonie nicht mehr sicher, rückt ab und gründet anderswo eine neue Stadt, wobei die mit der Kolonie verbundenen Eulen mitwandern, gelingt es den fliegenden Freunden doch, mitunter nachts sogar Wölfe zu vertreiben. Die suchen nämlich rasch das Weite angesichts des nervtötenden Schnabelklapperns und der vorgetäuschten Sturzflüge der Eulen. Die Pezpezas leben also in lockerer Symbiose mit den kleinen Käuzen, Hörnchen- und Eulenkinder spielen miteinander, und wenn ein Pezpeza auf der Suche nach neuem Lebensraum in Gefahr von Raubvögeln gerät, stößt die Eule einen Warnruf aus, worauf der Pezpeza sich platt auf den Boden legt und „toter Mann“ spielt.
Neue Kolonien wachsen in enormer Schnelligkeit und können innerhalb weniger Tage eine größere Fläche völlig verändern. Wenn die Umgebung leer gefressen ist – die Pezpezas fressen Büffelgras und Kräuter – wird anderswo neuer Lebensraum gesucht. Sobald die Kolonie etabliert und richtig gut drauf ist, findet ein unglaubliches Schauspiel statt: Die Pezpezas hüpfen fröhlich keckernd in die Luft. Zuerst macht es einer, dann hüpfen ein paar mehr, und zum Schluss hopst die ganze Kolonie rauf und runter.
Einmal sind Pezpezas in eine Büffelherde geraten, die den Owl River überquerte. Ein Bulle hatte zuvor direkt neben einem Pezpeza am Erdwall die Hörner in die Erde gestoßen, und einer der flinken Leutchen rettete sich auf den Bullenrücken, die Eule auf einen anderen, und so kamen die Pezpezas über den Fluss und gruben wieder eine Kolonie. Ohíyesas Hörnchenbock fand am andern Ufer ein Weibchen und gründete eine Familie, dann zogen sie weiter,schufen eine neue Kolonie und eine neue Familie… Seine zehnte und letzte Stadtgründung begann Pezpeza nah bei einem Indianerdorf, was er nicht merkte. Pezpeza war inzwischen Witwer und fand in der neuen Stadt ein hübsches Hörnchenmädchen, aber er und seine Leute sahen nicht, dass sie sich bis zu den Totengerüsten der Indianer ausgedehnt hatten. Die Indianer, die in der Nähe auch ihren Sonnentanz veranstalteten, hatten sich bisher nicht gestört gefühlt.
Eines Morgens aber sang ein nackter, schwarz bemalter Indianer unter einem Totengerüst eine laute Klage und störte damit Pezpezas, die ihn anbellten, während empörte Eulen sich sogar auf dem Totengerüst niederließen. Der Mann „sprach lange“ mit den Tieren, die den heiligen Platz entweiht hatten. Am nächsten Tag kam er mit Hunden und weiteren Männern zurück - und dann fand ein tagelanger Pogrom statt: Alle Pezpezas, die Eulen und sogar die Klapperschlagen wurden getötet, wer sich in den Höhlen vergrub, wurde mit verstopften Eingängen festgesetzt, schließlich lösten die Indianer einen Präriebrand aus. Viele Pezpezas konnten nachts fliehen, aber der alte Stadtgründer erlag einem Pfeil unter einem Totengerüst. Seine junge Frau und ihre Eule konnten entkommen… um anderswo eine neue Stadt zu gründen.
Grundsätzlich sind indigene Gesellschaften nach Möglichkeit harmonisch ausbalanciert, das betrifft auch das Verhältnis zwischen Tier und Mensch. Periphere Störungen werden geduldet, zentrale Konfliktsituationen aber nicht. Bei sacred places und gar beim Umgang mit Verstorbenen ist für Indianer eine mentale Basis erschüttert, da wird auch nicht nachgedacht über eine möglichst schmerzfreie Vertreibung der unwissenden Störgeister, da wird die Identifikation mit den Brudergeschöpfen aufgekündigt und jeder Respekt versagt, der normalerweise selbst Spinnen, Schlangen und, wie wir gesehen haben, Mäusen erwiesen wird. Die rücksichtslose Ausbreitung der Pezpezas bringt eine Balance der Lebenssicherheit ins Wanken, die darin besteht, dass alle sich an ihre Grenzen halten. Als weißer Leser kann man nur ahnen, wie furchtbar sich die Kolonisierung auf die Mentalität indigener Gesellschaften ausgewirkt hat – ganz abgesehen von der physischen Vernichtung - nämlich als gestörte Weltordnung.
The Gray Chieftain
Die Szene spielt im Innern der Bad Lands in South Dakota, in stark zerklüftetem, fast unzugänglichen Terrain am Cedar Butte. Schroffe Felswände, enge Schluchten und Kamine machen die Gegend nicht nur für indigene Jäger, sondern sogar für die meisten Tiere gefährlich – wer da einmal bei der Verfolgung einer Fährte eine falsche Route wählt, findet sich an einem Ort, an dem es keine Umkehr gibt. Wenn man aus- oder abrutscht, fällt man womöglich in einen tiefen Kamin, aus dem man nicht mehr hochkommt. Einzig die Spoonhorns sind an diesen Lebensraum angepasst…und indigene Jäger stellen ihnen nach wegen ihrer Hörner. Spoonhorns = Löffelhörner sind Dickhornschafe (Ovis canadensis), die auf fast senkrechten Felsen klettern können. Die Böcke tragen Hörner, die sich mit zunehmendem Alter eindrehen, bis zu 30 Pfund schwer und bis zu 80 cm lang werden können. Ohíyesa berichtet aus einer von Weißen unberührten Vergangenheit – heute sind die Bad Lands ein Nationalpark, die Spoonhorns waren 1925 ausgerottet, werden aber seit 1964 wieder angesiedelt, immerhin sollen dort inzwischen wieder 80 Tiere leben.
Die Böcke hatten wegen der schweren langen Hörner mitunter Probleme, ans Weidegras zu kommen, sie mussten den prachtvollen Kopfschmuck immer mal abschaben, Ohíyesa notiert, dass sie dies diskret abseits der Herde an geheimem Ort taten. Die beiden kühnen Indianer, die offenbar neue Löffel brauchen (aus den Hörnern wurden auch andere Gegenstände geschnitzt), können an einer Stelle hören, dass lautstark Hörner abgeschabt werden – sie sind also auf dem richtigen Weg: „This chipping-place is a monastery to the priests of the spoonhorn tribe. It is their medicine-lodge.“
Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt, die aufeinander zulaufen und mit dem Zusammenstoß enden: Da ist einmal das Spoonhorn-Paar, und da sind zum andern die beiden ortskundigen Freunde auf Beutesuche. Die Männer: geschickte, gelenkige Jäger mit Erfahrung, was das Gelände sowie das Verhalten der Tiere betrifft. Die beiden Spoonhorns: Sie bringt auf einem schmalen, etwas bewaldeten Vorsprung ein Lämmchen zur Welt. Er ist der Chieftain, ein älterer, erfahrener Herrscher, der sich seiner Würde bewusst ist.
Die beiden Männer haben sich lautlos angeschlichen, die Morgendämmerung steht bevor, und plötzlich sehen sie ihn da stehen hoch oben auf einer Terrasse, der Chieftain des Cedar Butte, der sein Reich überblickt, nicht ahnend, dass er beobachtet wird. „Soll ich ihn erschießen?“ fragt Wacootay. „No, do not do it“, sagt Grayfoot, „he is a real chief. He looks mysterious and noble… We have plenty of buffalo meat… All we want is spoons…” Dann sehen sie die große Spur des Muttertiers und entdecken sogar das Lämmchen, weil es nach der Mutter ruft. Wacootay will es töten, aber Grayfoot: nein, wir brauchen ja kein Fleisch, wir brauchen nur Horn für Schöpflöffel. Wacootay, gewöhnt zu jagen ausschließlich wegen der Fleischversorgung, akzeptiert den Standpunkt des Freundes, der ihm erklärt: „I believe they are people as much as we are… Although they do not speak our tongue, we often seem to understand their thought. It is not right to take the life of any of them unless necessity compels us to do so…”
Und Grayfoot lehrt ihn die Erfahrungen und Beobachtungen, die er mit den Spoonhorns gemacht hat, wie sie miteinander kämpfen, ihre Jungen erziehen, wie Generationen wechseln, wie sie sich in dem Gelände behaupten, in dem um ein Haar eben auch Wacootay abgestürzt wäre… Auch die Animal People können sich gegen die Jäger schützen: “How often we are outwitted by the animals we hunt! The Great Mystery gives them this chance to save their lives by eluding the hunter, when they have no weapons of defence.”Und danach handelt jetzt das Mutterschaf, das die beiden Jäger durchaus wahrgenommen hat, es nimmt sein Baby und verlässt den Ort, um weiter unten die Herde zu informieren, die sich auf die Flucht begibt.
Aber der Chieftain hat die Gefahr noch immer nicht bemerkt. Er ist müde vom Schaben und legt sich noch mal hin für ein Nickerchen. Die Jäger sehen ihre Chance. Grayfoot: „Shoot now! A warrior is always a warrior – and we are looking for horn for spoons.” Der alte Chief schreckt auf, aber zu spät -Wacootays Pfeil trifft ihn tödlich. „My friend, the noblest of chiefs is dead!“ sagt Grayfoot, und die Männer “stood over him, in great admiration and respect for the gray chieftain.”
Alter, Selbstüberschätzung und mangelnde Vorsicht haben den Chief das Leben gekostet. Das klingt für weiße Leser nach Bestrafung, aber es handelt sich nicht um Schuld. Der Chief ist sozusagen abgestürzt an sich selber – ein Chief, der nicht mehr wachsam ist, kann seine Herde nicht schützen und steht auf der Kippe, von einem helleren Kopf ersetzt zu werden. Für die beiden Jäger ist es große „Medizin“, den Bock gerade noch auf dem Gipfel seines Lebens getötet zu haben – der Tod setzt immer auch Energien frei. Mangelnde Wachsamkeit in einem Lebensraum, in dem jeder das eigene Überleben durch das Leben anderer sichern muss, ist bereits die Schwelle zum Lebensverlust. Jedes Lebewesen hat eine Chance, sich zu behaupten - temporär. Die beiden Indianer sind nicht ohne Mitgefühl, Grayfoot hat Mitgefühl bis zur Empathie, und die Lebensleistung des Chiefs fordert beiden Respekt und Bewunderung ab. Aber sein Leben muss jeder selber schützen. Wie anders hätte der Chief wohl seines beendet – durch einen Absturz und jämmerliches Verenden in einer Schlucht? Durch den Riss eines Pumas, den Biss einer Schlange? Vielleicht war es kein schlechter Tod für ihn, über den Tod hinaus respektiert zu werden.
Hootay of the Little Rosebud
Es ist die vielleicht leiseste, unaufgeregteste und folgenreichste Erzählung der Sammlung. Sie spielt am Little Rosebud River (heute Rosebud Creek) in South Dakota, und Ohíyesa beschreibt eine von Weißen unberührte Landschaft aus Wasser, Hügeln, Wäldern und Lichtungen, in der ein alter Chief nach kampffreudiger Karriere seinen Lebensabend verbringt: Hootay, Kurzkralle, ein Grizzlybär. Eine ganze Reihe von Sioux-Männern hat er das Leben gekostet, etliche Kampfverletzungen und zwei fehlende Krallen an einer Pfote konnten ihm nichts anhaben, nun ist er alt und ein bisschen rheumatisch, aber immer noch gefährlich. High Head, Häuptling über eine Band von elf Männern, sichert demjenigen, der Hootay erlegt, die Ehre einer Warbonnet zu, einer großen Federhaube.
Hootay hatte sich im Herbst an geschützter Stelle eine kuschelige Höhle für den Winter gegraben, aber bevor der Frühling kommt, ereilt ihn das Pech. Endlose Schneefälle, Stürme und Unwetter haben eine Baumwurzel so unglücklich quergelegt, dass Schmelzwasser direkt in Hootays Höhle strömt, er muss sie verlassen und eine trockene Stelle suchen, vor allem aber Nahrung. Ein paar Wurzeln können den unterbrochenen Winterschlaf nicht ausgleichen.
Derweil ist auch die kleine Sioux-Band in Not, denn die Fleischvorräte sind verbraucht, aber Jagen angesichts der Witterungsverhältnisse ist so gut wie unmöglich. Die Feuerstellen werden immer kleiner, die Indianer und ihre Familien immer hungriger, bald werden sie zu schwach sein, um noch ein Tier zu erlegen. Da sieht eines Nachts der schlaflose Zechah, Schwiegersohn des Häuptlings, durch den Rauchabzug seines Tipis einen Stern – das Unwetter hat wohl aufgehört. Er singt stumm ein Jagdlied, dann macht er sich vor Tagesanbruch mit Pfeil und Bogen auf.
Draußen liegt alles in tiefem Schnee, aber ein Wolf hat Zechah bemerkt, der Shunkmanitoo ist in derselben Situation, hungrig, allein, in aussichtsloser Lage, aber nicht mutlos. Als Zechah ihn wahrgenommen hat, lässt er den Wolf die Führung übernehmen und folgt ihm – kluges Indianerverhalten, denn Wolf und Mensch jagen oft gemeinsam, so auch hier. Der Wolf führt den Mann zu einem im Schnee nach Gras scharrenden einsamen Bison, den Zechah erlegen kann – genug Nahrung für Mann, Wolf und die Indianerfamilien. Es ist klar, dass der Wolf so viel Fleisch abkriegt, bis er satt ist.
Aber auch Hootay ist auf den Spuren der beiden Jäger und hofft auf Nahrung. Zechah, beschäftigt mit dem Zerteilen des Bisons, hört ihn brummen, und als er aufblickt, ist Hootay bereits da und will den Wolf angreifen. Der kann sich gerade noch zwischen zwei Felswänden retten, aber Hootay stürzt dabei tief in eine Schneemulde, aus der er nicht mehr herauskommt. Zechah sieht seine Chance gekommen, zum federgeschmückten Helden zu werden – der durch heftiges Treten immer tiefer sinkende Hootay ist eine leichte Beute. Aber. Und hier passiert das Entscheidende. Hootay scheint zu ihm zu sprechen, jedenfalls nimmt Zechah das tief innen wahr: Nein, Zechah, schone das Leben eines alten Kriegers! „My spirit shall live again in you. You shall be henceforth the war prophet and medicine-man of your tribe…” Und Zechah steckt den Pfeil wieder ein.
Zurück bei den Tipis seiner Leute wird er freudig empfangen, und High Head sichert ihm die Warbonnet zu. Als man den zerlegten Bison abholen will, findet man Hootay tot in der Schneewehe ohne eine einzige Verletzung. Man veranstaltet eine ehrenvolle Opferung für den großen alten Kämpfer. Welche Worte aber von Hootays Spirit in Zechahs Herz drangen, davon hat er nie gesprochen. Und Zechah wurde später zum berühmten War Prophet. Der Spirit des Bären, den er geschützt und in sich aufgenommen hatte, gab Zechah seine Identität und darüber hinaus eine Wirkungsposition, die weit über die kleine Band hinaus ging.
Der Bär ist ein machtvolles Spirit-Tier. Die Intensität dieser Geschichte erinnert an die Spirit Hunt, die Ohíyesa im Vorwort erwähnt. Mensch und Bär kommunizieren auf einer stummen spirituellen Ebene und finden eine temporäre Übereinstimmung. Kraft, Intuition und Weisheit des Bären werden Teil von Zechahs Person, es ist, als hätte der todgeweihte Hootay seine Fähigkeiten losgelassen und an Zechah weiter gegeben als Dank für den Augenblick der Empathie.
The River People
Der Zauber dieser Geschichte besteht darin, dass Ohíyesa über lange Strecken ausschließlich die Perspektive der River People teilt – der Biber. Im Zentrum steht das alte Biberpaar Chapawee und Hezee = Gelbzahn, aber als sie sich kennenlernten, war Hezee ein hübscher junger Mann und hieß Kamdoka = Slaps the Water = Wasserpatscher. Oma Chapawee versammelt ihre Enkel um sich herum und lehrt sie das Biberleben: Dass man immer einen guten Platz zum Wohnen an einem Fluss suchen, dass man seine Dämme in Ordnung halten muss, dass Büffel, die zum Trinken ans Ufer kommen, höchst lästig sind, weil sie die Dämme zertrampeln, aber dass Chapawees Mutter einmal sogar einen Grizzly vertrieb, indem sie einen Haltepfosten unter ihm wegzog und ihn noch dazu in die Hinterpfote biss. Am wichtigsten: beim Bäumefällen immer darauf achten, dass der Baum in den Fluss und nicht ans Ufer oder auf einen drauf fällt. Und: Wasser ist der sicherste Platz. Geht nie zu weit weg vom Wasser!
Ganz nebenbei erzählt Oma Chapawee ihre und Hezees gefahrvolle Lebensgeschichte, denn sie waren nicht immer am Pipestone Creek (in der Gegend des Pipestone Quarry, des Steinbruchs, wo Indianer den Catlinit für ihre Sakralpfeifen abbauen). Klein-Chapawees Familie verlor einst ihre Dammwohnung durch eine Überschwemmung und wurde auf einem Floß aus Weidenzweigen von reißender Strömung davongetrieben. An einem umgestürzten Baumstamm konnten sie Halt machen und ein Nest einrichten, Vater und Mutter wollten noch die Umgebung erkunden – und kamen nie wieder. Chapawee und ihre Geschwister wollten im Nest übernachten, aber als ein raubgieriger Puma über den Baumstamm kroch, ließ sich Chapawee sofort ins Wasser fallen – auch ihre beiden Brüder sah sie nie wieder. Sie ließ sich lange von einer auf dem Fluss treibenden Eisscholle davon tragen, aber als sie an einer Insel landen musste, weil sie Hunger hatte, begegnete ihr Kamdoka mit einem saftigen jungen Baumtrieb im Maul… beide waren allein, und so blieben sie zusammen, trieben zu zweit weiter auf Eisschollen, bis sie einen guten Platz für die Familiengründung fanden. Dort trieben Fallensteller ihr Unwesen, und als eins ihrer Kinder in eine Falle geriet, verließen sie auch diese Gegend. In der Umgebung des Pipestone Quarry fanden sie endlich den Platz, an dem sie blieben, mehrere Generationen in die Welt setzten und alt wurden: “No village was kept in better order than this one, for it was the wisdom of Chapawee and Hezee that made it so. Summer nights, the series of ponds was alive with their young folks in play and practice of the lessons…” Inzwischen bewohnt das alte, blinde und zahnlose Paar einen eigenen Teich, und manchmal kommt ein jüngerer Biber und bringt etwas zu essen.
Und dann entdecken indianische Catlinit-Sucher und Fallensteller die ungestörte Idylle am Creek. Als sie eine unglaubliche Anzahl an Biberspuren finden, setzen sie sich erstmal hin und rauchen Pfeife: „We must smoke to the beaver chief’s spirit, that he may not cast an evil charm upon our hunting.” Sie erkunden die Ausdehnung des Biberreichs, in dem es keine Fische, aber glasklares Wasser gibt – sie halten die ganze Anlage fast für verzaubert, jedenfalls für behütet von einem besonderen Chief…und dann sehen sie ihn, er hat keine Ohren mehr, der ganze Kopf bis zum Schnurrbart ist grau, sein Körperfell ist kurz und struppig , und dann kommt auch Chapawee und setzt sich neben Hezee in die Sonne, beide sind wohl auch taub, bewohnen den Pond aber ganz allein, während die Jugend ihre eigenen Teiche hat.
Die Indianer sind beeindruckt – wenn sie morgen die Biber jagen, werden sie dieses Paar schonen. Das Massaker an den Bibern dauert zwei Tage, und ganz schonen kann man das Paar nicht. Aber die Hunde werden zurückgerufen, und die Jäger lassen vier junge Biber leben, damit sie das alte Paar versorgen können. Als am Tag danach die Jäger noch einmal kommen, um den Damm bei Chapawees und Hezees Wohnung zu reparieren, liegen beide tot außerhalb. Sie haben wohl versucht, des Nachts den Damm selber zu reparieren, aber sie hatten keine Kraft mehr.
Ohíyesa wirft keine Schuldfragen auf, aber setzt Töten und Schonung in eine dem Jäger bewusste Balance. In dieser Geschichtensammlung führen die Jäger den Tod der Tiere nicht immer aktiv aus, sondern sind mitunter nur der Anstoß, dass ohnehin geschwächte Tiere das Leben lassen. Durchgängig ist ein spirituelles Miteinander die Basis von Leben und Tod. Dass mit der Canunpa der Spirit der Biber geehrt und um Verständnis gebeten wird, geht über das Leben des konkreten Tiers hinaus, das mehr oder weniger nur eine Erscheinungsform des Spirits ist - so sehen sich indigene Menschen heute noch selbst, als Erscheinungsform von Wakan Tanka, des großen Prinzips Leben, in dem der Tod seinen selbstverständlichen Platz hat. Leben und Tod sind keine getrennten Bereiche, beide wirken ineinander und sind spirituelle Aktivitäten. Der Schnitt zwischen Leben und Tod, wie er weißes Denken beherrscht, existiert nicht.
The Challenge
Im Gegensatz zu den anderen zehn Geschichten wird diese fast ausschließlich aus der Perspektive der roten Jäger, nicht aus der der Tiere erzählt, obwohl die Ähnlichkeiten zwischen tierischen und menschlichem Verhalten auch hier eine Rolle spielen.
Der Elk = Wapiti wird von Indianern wegen seiner Eleganz, seiner Kraft und seinem Stolz bewundert, Wapiti-Damen gelten als kokett und anspruchsvoll. Jugendliche Indianer ahmen die Liebesrufe von Elkmännern nach, wenn sie ein Mädchen beeindrucken wollen – und kluge Jäger können ohnehin Tierlaute täuschend ähnlich imitieren.
Bei Tawahinkpayota (Many Arrows), dem angesehenen Jäger und Kämpfer der Big Cat Band der Sioux, bricht das Jagdfieber aus, die Jahreszeit ist günstig, alles steht in voller Pracht, die Elk-, Hirsch- und Antelope- (Pronghorn-) Herden sind zahlreich, die Männer haben nach Tawahinkpayotas Ansicht genug Büffel in der Prärie gejagt, jetzt sollen mal die edleren Tiere an die Reihe kommen, die Band braucht feines Hirschleder für Zeremonien, die Damen brauchen Stachelschweinborsten und Elk-Zähne zur Schmuckherstellung. Tawahinkpayota lädt vier Freunde ein, Flying Bee, Black Hawk, Antler und Charging Bear. Nach leckerem Mahl und Canunpa-Rauchen weiht er die Männer in seinen Plan ein, etwa wie und von welchen Seiten man sich der Elk-Herde nähert, um möglichst lange unbemerkt zu bleiben, da gibt es so manchen Trick erfahrener Jäger. Vor allem soll die Jagd traditionell ablaufen – die Pferde bleiben außerhalb, die Männer nehmen nur Pfeil, Bogen und bestenfalls Messer mit, man geht den Elks also gewissermaßen auf Augenhöhe entgegen.
Trotz bester Planung ist einem das Jagdglück nicht immer hold. Die Elkherde ist nicht ganz allein an der Stelle, sondern von zahlreichen anderen Tieren durchsetzt. Als Flying Bee mit Tarnzweigen auf dem Kopf auf die Wapitis zuläuft, laufen aus der Richtung der anderen Tiere Charging Bear, Tawahinkpayota und Antler auf die Herde zu und schießen - aber die von überall aufgescheuchten Elks stieben donnernd davon. Ein weiterer Versuch wird ein paar Wochen später unternommen. Die Jäger haben wieder zwei große Herden entdeckt und ziehen dorthin in die Gegend von Smoky Hill. Inzwischen ist es Paarungszeit bei den Elks, und der prächtige, stolze Chief Hehaka, ein wahrer Monarch, bewacht seinen Harem, um zudringliche Rivalen zu vertreiben. Die Jäger beziehen wieder ihre Positionen, greifen aber nicht an, weil sie sich nicht sattsehen können an Hehaka und dem Schauspiel, wie vorwitzige Jungböcke, denen sich die Elkdamen interessiert nähern, von dem stolzen Herrscher zur Räson gebracht werden.
Und hier wechselt Ohíyesa doch wieder die Perspektive und versetzt sich in die tragische Situation des Herrschers. Im Gegensatz zu den fünf Sioux haben Yanktons in Unkenntnis der Situation die Herde attackiert, die entsetzt auseinanderstob, während der Chief sich ganz allein ins Gebirge rettete. Er kann seine Situation gar nicht fassen: Er, der Monarch, hat plötzlich sein Volk verloren. Aber er besinnt sich auf sich selbst: „To-morrow at sunrise my voice shall open the call upon the old elk hill!... If any buck should desire to meet me in battle, I am ready!”
Der einsame Herrscher frisst erstmal etwas und wandert dann herum, bis er auf einer Ebene im Tal tatsächlich wieder eine große Damenherde erblickt – natürlich bewacht von einem noblen Chief. Die rituellen Calls der beiden Elkmänner ertönen, der eine von oben, der andere von unten – Liebes- und auftrumpfende Anspruchsrufe, die dem jeweiligen Gegner signalisieren: ICH bin hier. Die fünf Sioux ahnen, welches Duell jetzt kommt und retten sich schleunigst auf die höchsten Bäume, und dann stürmen die Rivalen schon aufeinander zu, zwei gleichrangige Gegner, die ihre Köpfe aneinander stoßen, ihre Geweihe verhaken, einander auf die Knie zwingen und enorme Muskelkräfte einsetzen. Der Monarch setzt nach langem Kampf seine letzten Reserven ein und reißt dem Gegner die Seite auf, was der andere mit gleicher Wucht beantwortet. Tödlich verletzt, lassen sie voneinander ab und fallen nach wenigen Schritten zu Boden.
Die Damen verlassen fluchtartig die Stätte, während die Jäger herbei eilen, um die Kämpfer zu ehren. Der Monarch atmet noch, sein Gegner ist tot. Flying Bee hält seine gefüllte Pfeife dem Monarch entgegen: „Let thy spirit partake of this smoke, Hehaka!... May I have thy courage and strength when I meet my enemy in battle!” Die Männer streuen Tabak um die beiden Kämpfer, und Black Hawk nimmt eine der beiden Adlerfedern aus seinem Haar, um sie am Kopf des Monarchen zu befestigen. Zutiefst beeindruckt treten die Sioux den Rückzug zu ihren Tipis an – mit leeren Händen, ohne Jagdbeute.
The Challenge - die Herausforderung – thematisiert ein Tierschicksal, obwohl die Geschichte zunächst von Jägern zu handeln scheint. Ein dominierender Wapitibock verliert seinen Harem, und einfühlsam beschreibt Ohíyesa, dass dieses Pech einem Selbstverlust gleichkommt. In der Brunftzeit definiert sich der Elk als Herrscher, der mit seinen Brunftrufen, den Calls, seine Dominanz bestätigen muss. Er muss das auch einem Rivalen gegenüber, der das Gleiche von sich selbst durchsetzen muss. Es kann nicht anders enden als mit beider Tod. Die tief bewegten Indianer sehen in dem heldenhaften Kampf des „Monarchen“ ein Vorbild, und das ist mehr als Ausdruck von Anerkennung und Bewunderung – es ist eine Identifikation, verbunden mit der Bitte um dieselbe spirituelle Stärke, im Fall eines Kampfes den Tod nicht zu scheuen. Indianische Männer mussten mit solchen Situationen rechnen, um den Stamm, die Band, die Frauen und Kinder zu schützen. Die Bedingungslosigkeit dieser Mentalität erinnert an die Kaitsenko-Krieger der Kiowa, die an ihrem Platz stehen mussten, bis der Gegner besiegt war oder sie selber den Tod fanden. Die Erzählumg greift tief in traditionelles indigenes Selbstverständnis hinab.
Wild Animals from the Indian Stand-Point
Die Schlussgeschichte ist ein lockeres, von geselligem Pfeiferauchen und spontaner Gesangseinlage begleitetes Gespräch zwischen vier Indianern. Sie haben sich im Tipi von Sheyaka, einem namhaften Jäger, eingefunden, unter ihnen der alte Hohay und die beiden jungen Kangee und Katola. Sie diskutieren die Frage, ob und wie wilde Tiere miteinander kommunizieren und wie die menschliche Kommunikation dem Verhalten der Tiere ähnelt. Alle Vier sind erfahrene Beobachter von Tieren. Der alte Hohay gibt zu bedenken, dass zwar die vierbeinigen Leute kein Äquivalent zur menschlichen Sprache haben – aber verständigen sich Menschen nicht auch oft nonverbal? Sprechen wir nicht manchmal mit Augen, Lippen, Händen – wer kann behaupten, dass Tiere keine Sprache haben?
Kangee bestätigt das und geht darüber hinaus. Er hat beobachtet, wie Alarmrufe von Haubentaucher, Kranich und Wildgänsen nicht nur von Wasservögeln, sondern von praktisch allen Tieren des Umfelds wahrgenommen und durch unterschiedliches Verhalten beantwortet werden – sie schwimmen vom Ufer weg, beziehungsweise verstecken sich und suchen Schutz. Liebes- und spielerische Laute dieser Vögel bleiben aber ohne Reaktion der anderen, obwohl sie sehr viel lauter und lärmender sein können.
Außerdem hat Kangee beobachtet, wie eine Ricke ihr Kitz veranlasst, sich auf ihren Gefahrenruf hinzulegen und zu verstecken, obwohl das Kitz bei Gefahr sonst eher in ihre Nähe läuft. Und er hat auch gesehen, wie Ricke und Kitz miteinander spielen oder wie die Ricke durch verschiedene Rufe und Nasenstupsen ihr Kleines veranlasst, über einen Bach zu springen, obwohl es sich fürchtet.
Katola dagegen meint, es sei einfach instinktives Verhalten von Kitzen, sich bei Gefahr im Gras zu verstecken, dazu brauche es keine Kommunikation mit der Mutter. Oh nein, wirft der alte Hohay ein, sogar Tiere erziehen ihre Jungen und lehren sie bestimmte Verhaltensweisen, sogar mit Nachdruck, wenn sie nicht gehorchen, das ist genauso wie bei uns. Zahme Kitze und Büffelkälber trauten sich beispielsweise nicht ins Wasser, weil sie nicht die Chance hatten, von ihren Müttern dazu angehalten zu werden. Und ganz radikal gehen Bärinnen mit ihren Kleinen um - sie veranstalten ein Rennen bis zum Limit, nur das Bärenkind, das bis zum Schluss mitrennt, wird den Winter mit ihr in der Höhle verbringen, das kann auch Sheyaka bestätigen.
Dennoch mag Katola sich nicht vorstellen, dass Tiere ihre Jungen erziehen so wie Menschen. Hohay bringt das Gespräch noch einmal auf die Ricke, deren Geschwindigkeit und Geschick in Fluchtsituationen sprichwörtlich sind, die sich aber wie ein Bock verteidigt, wenn sie ihr Kitz in Gefahr sieht. Und um die Diskussion zu entschärfen, wird nicht nur rundum die Pfeife gereicht, sondern Gastgeber Sheyoka fordert Katola auf, etwas zu singen. Das geschieht nicht nur, indem alle mitsingen, sondern Katola gibt auch den Rhythmus vor, indem er zwei Stöcke aneinander schlägt, während Sheyokas Söhnchen Washaka dazu tanzt.
Hohay, der erfahrene alte Jäger, greift noch einmal Katolas Standpunkt auf – man könne ihm nicht vorwerfen, dass er die Erfahrungen anderer Jäger nicht teile: „We believe what we ourselves see, and we are guided by our own reason and not that of another.“ Hier wirft Kangee dazwischen, er habe gesehen, wie eine Coyotin ihre Jungen veranlasst habe, die Büffelknochen aus der Höhle zu räumen und zu stapeln. Nun ist es an Hohay zu zweifeln: Coyoten seien gute und ordnungsliebende Erzieher, alte Büffelknochen in der Nähe ihrer Höhlen seien tatsächlich gefunden worden – aber gestapelt? Stattdessen geht Hohay noch einmal zurück zu den Fähigkeiten von Rehen. In seiner Kindheit, auf Jagd mit dem Papa, habe er gesehen, wie eine Ricke auf der Flucht vor Wölfen sich in einen Teich gerettet und mit ihren Hufen einen der Verfolger buchstäblich zu Tode getrommelt habe. Den zweiten Wolf, der seinem Gefährten zu Hilfe kam, sei es nicht besser ergangen, Vater und Sohn hätten den Kampfgeist der Ricke bewundert und einen anerkennenden Kriegsschrei ausgerufen.
Aber ihr habt die Ricke nicht erschossen? fragt die Runde.
„If we did that, we would be cowards”, erwidert Hohay. “We let her go free, although we were in need of food.” Aber die Erfahrung habe sein eigenes Verhalten als Jäger geprägt: “My game is fully awake to the situation, and I must use my best efforts and all my wit to get him. They think, and think well, too.”
Das sei alles wahr, ruft Kangee begeistert aus, aber der Büffel sei der weiseste von allen großen Vierfüßern bei der Erziehung seines Kalbs.
Skeptiker Katola: „They do not train their young, I tell you!”
Jetzt muss Hohay diesen Katola doch etwas zurechtweisen: „Warte doch, bis Kangee uns seine Gedanken mitgeteilt hat, es ist nicht fair, das Wort eines Kollegen zu bezweifeln.“ Und Kangee berichtet, wie eine Bisonmutter mit zwei Kälbern auf der Flucht mit zwei unterschiedlichen Verhaltensweisen ihrer Sprösslinge zu tun hatte, weil einer nicht verstand, dass er sich verstecken sollte. Katola hält das Einwirken der Mutter immer noch nicht für Erziehung, aber Erziehung, so Hohay, bestehe darin, dass man einem Kind wiederholt das richtige Verhalten zeige.
Und das mit der Tiersprache glaube er auch nicht, beharrt Katola. Und Hohay: „Kann ja sein, dass sie nicht so reden wie wir, aber übermitteln wir nicht auch manchmal die wichtigsten Dinge ohne einen Laut oder ein Wort - gerade durch Schweigen, einen Blick, eine Geste?... We Red men have no books nor do we build houses for schools as the palefaces do. We are like the bear, the beaver, the deer, who teach by example and action and experience.”
Er habe, so Sheyaka, sogar gesehen, wie eine Ricke mit ihrem Kitz Verstecken gespielt habe, und Hohay konnte beobachten, wie eine Bibermutter ärgerlich wurde, als ihr Kleines stets hinter ihr herkam, statt an sicherem Ort zu warten, bis sie einen Baum gefällt hatte. Und Kangee bewundert, wie manierlich Füchse speisen und den Welpen nicht erlauben, einfach drauflos zu mampfen: Wenn eine Füchsin ein Entennest ausräubert, rollt sie jedes Ei einzeln zu einem ihrer Jungen hin, alle müssen warten, bis sie bedient werden.
Aber es ist an dem Zweifler Katola, bei Sheyoka mangelnde Fairness zu kritisieren, als dieser zum Besten gibt, wie er einen Fuchs mit Mäuserufen austrickste und ihm schließlich ein Fellbüschel aus dem Schwanz ausriss. Ja, aber manchmal kann ein Jäger sich wohl auch einen Scherz mit einem Kollegen erlauben, meint Hohay, der nun lieber Pfeife rauchen will. Mit einem Lied ist alles besser, und Kangee singt ein Büffel-Lied, in das alle einstimmen.
Sheyoka fasst noch einmal zusammen, wie Tiere jagen, kommunizieren und ihre Kinder betreuen: „All these characteristics are shown also among men…” Und nachdenklich fügt er hinzu: “They have made everything possible to us in our free life. They supply us with food, shelter, and clothing. And we in turn refrain from needlessly destroying the herds.”
Damit nimmt das zwanglose Treffen eine unerwartete Wendung. Die roten Jäger seien für die Tiere schon schlimm genug, aber die Gier und Brutalität des weißen Mannes überträfe alles: „He wants the whole world for himself! The buffalo disappear before him – the elk too - and the Red man is on the same trail.“ Der Gedanke an ihre bedrohte Zukunft lässt die Vier schweigend auseinander gehen.
Dass die zwölf Geschichten mit dem Gedanken indianischer Jäger an ihre eigene Vernichtung enden, lässt alle Erfahrungen, die hier mitgeteilt werden, im Licht unausweichlicher Bedrohung erscheinen. Die vor Leben vibrierenden Landschaften, die Fülle der Erscheinungsformen, die sich alle aufeinander beziehen, werden in dem schmalen Band noch einmal ausgebreitet, bevor sie unterm Druck der genozidalen Kolonisierung verschwinden. Die Gesprächsatmosphäre unter den vier Männern scheint ein letztes Mal den unaufgeregten, kollegialen Umgang indianischer Band- und Stammesmitglieder heraufzubeschwören – wüssten wir ohne Ohíyesas Geschichten, wie es über Jahrhunderte unter diesen Menschen zuging? Wie zivilisiert und unverkrampft sie miteinander umgingen?
Dass die Erzählung eines indianischen Autors so endet, entspricht nicht indianischer Mentalität, die eigentlich keine Schnitte kennt, sondern in zirkulärem Denken den Schwung ihrer Energie von neuem, aber auf anderer Ebene ansetzt. Ohíyesa hat in autobiographischen Texten mitgeteilt, was er hier nur andeutet: Wie weiße Institutionen und Vertragspartner das Ende einer Jahrtausende alten Kultur herbeiführten. Wie alle Versuche, den Kolonisatoren indianisches Denken verständlich zu machen, scheitern mussten. Den langsam aufkeimenden Trotz seiner Nachkommen, ihre unbesiegbare Resilienz und schließlich die Fortsetzung ihrer Kultur, ihrer Sprachen, ihrer Spiritualität auf anderer Ebene – das hat er nicht mehr erlebt. Aber auch seine Mitteilungen wirken weiter und sind Teil einer unzerstörbaren Prägung von Leben und In-der-Welt-Sein.
Charles Eastman: „Red Hunters and the Animal People”, unpaginiert, 247 S., printed in USA, o.J., o.O., ISBN 9 798709 290266
15. April 2026 Copyright Christel Heybrock