Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"

A Founder of Ten Towns

 

Aber nicht immer stellt sich Harmonie her zwischen Mensch und Tier. Prairie-Dogs sind keine Präriehunde, sondern putzige, emsige, eifrig Höhlen buddelnde Erdhörnchen. Es gibt Leute, die die zutraulichen Kerlchen als Schmusetiere halten, aber das waren in alten Zeiten sicherlich keine Indianer. Bei denen haben sie heute noch einen schlechten Ruf wegen ihrer unglaublichen Vermehrung – Indianer erinnert das an die erschreckende Ausbreitungsrate der weißen Siedler.

 

Aber Ohíyesa nimmt die Hörnchen mit einfühlsamem Interesse in die Beobachtungen der Animal People auf und  berichtet aus dem Leben von Pezpeza, dem Prairie-Dog-Mann, der mit seinen Leuten am Ufer des Owl River eine umfangreiche Erdhöhlen-Stadt gebuddelt hat. Mit Pezpeza assoziiert ist der Kaninchenkauz, die kleine Prairie-Eule Pezpeza ta ayanpahalah, die besseren Weitblick hat und bei Gefahr die Hörnchen warnt, aber auch schon mal eine verlassene Höhle selber bezieht. Die Klapperschlange Sintaý hadah wird von Pezpezas Leuten geduldet, sie ist nützlich, weil sie Hörnchenbeutejäger wie Fuchs, Wolf, Koyoten, Wildkatzen und Dachse, aber auch rote Jäger auf Distanz hält. Und die Schlange selbst fühlt sich zwischen den vielen Erdlöchern vor Raubvögeln geschützt.

 

Wenn allerdings ein Wolf einen Pezpeza erlegt hat, sieht sich die Kolonie nicht mehr sicher, rückt ab und gründet anderswo eine neue Stadt, wobei die mit der Kolonie verbundenen Eulen mitwandern, gelingt es den fliegenden Freunden doch, mitunter nachts sogar Wölfe zu vertreiben. Die suchen nämlich rasch das Weite angesichts des nervtötenden Schnabelklapperns und der vorgetäuschten Sturzflüge der Eulen. Die Pezpezas leben also in lockerer Symbiose mit den kleinen Käuzen, Hörnchen- und Eulenkinder spielen miteinander, und wenn ein Pezpeza auf der Suche nach neuem Lebensraum in Gefahr von Raubvögeln gerät, stößt die Eule einen Warnruf aus, worauf der Pezpeza sich platt auf den Boden legt und „toter Mann“ spielt.

 

Neue Kolonien wachsen in enormer Schnelligkeit und können innerhalb weniger Tage eine größere Fläche völlig verändern. Wenn die Umgebung leer gefressen ist – die Pezpezas fressen Büffelgras und Kräuter – wird anderswo neuer Lebensraum gesucht. Sobald die Kolonie etabliert und richtig gut drauf ist, findet ein unglaubliches Schauspiel statt: Die Pezpezas hüpfen fröhlich keckernd in die Luft. Zuerst macht es einer, dann hüpfen ein paar mehr, und zum Schluss hopst die ganze Kolonie rauf und runter.

 

Einmal sind Pezpezas in eine Büffelherde geraten, die den Owl River überquerte. Ein Bulle hatte zuvor direkt neben einem Pezpeza am Erdwall die Hörner in die Erde gestoßen, und einer der flinken Leutchen rettete sich auf den Bullenrücken, die Eule auf einen anderen, und so kamen die Pezpezas  über den Fluss und gruben wieder eine Kolonie. Ohíyesas Hörnchenbock fand am andern Ufer ein Weibchen und gründete eine Familie, dann zogen sie weiter,schufen eine neue Kolonie und eine neue Familie… Seine zehnte und letzte Stadtgründung begann Pezpeza nah bei einem Indianerdorf, was er nicht merkte. Pezpeza war inzwischen Witwer und fand in der neuen Stadt ein hübsches Hörnchenmädchen, aber er und seine Leute sahen nicht, dass sie sich bis zu den Totengerüsten der Indianer ausgedehnt hatten. Die Indianer, die in der Nähe auch  ihren Sonnentanz veranstalteten, hatten sich bisher nicht gestört gefühlt.

 

Eines Morgens aber sang ein nackter, schwarz bemalter Indianer unter einem Totengerüst eine laute Klage und störte damit Pezpezas, die ihn anbellten, während empörte Eulen sich sogar auf dem Totengerüst niederließen. Der Mann „sprach lange“ mit den Tieren, die den heiligen Platz entweiht hatten. Am nächsten Tag kam er mit Hunden und weiteren Männern zurück - und dann fand ein tagelanger Pogrom statt: Alle Pezpezas, die Eulen und sogar die Klapperschlagen wurden getötet, wer sich in den Höhlen vergrub, wurde mit verstopften Eingängen festgesetzt, schließlich lösten die Indianer einen Präriebrand aus. Viele Pezpezas konnten nachts fliehen, aber der alte Stadtgründer erlag einem Pfeil unter einem Totengerüst. Seine junge Frau und ihre Eule konnten entkommen… um anderswo eine neue Stadt zu gründen.

 

Grundsätzlich sind indigene Gesellschaften nach Möglichkeit harmonisch ausbalanciert, das betrifft auch das Verhältnis zwischen Tier und Mensch. Periphere Störungen werden geduldet, zentrale Konfliktsituationen aber nicht. Bei sacred places und gar beim Umgang mit Verstorbenen ist für Indianer eine mentale Basis erschüttert, da wird auch nicht nachgedacht über eine möglichst schmerzfreie Vertreibung der unwissenden Störgeister, da wird die Identifikation mit den Brudergeschöpfen aufgekündigt und jeder Respekt versagt, der normalerweise selbst Spinnen, Schlangen und, wie wir gesehen haben, Mäusen erwiesen wird. Die rücksichtslose Ausbreitung der Pezpezas bringt eine Balance der Lebenssicherheit ins Wanken, die darin besteht, dass alle sich an ihre Grenzen halten. Als weißer Leser kann man nur ahnen, wie furchtbar sich die Kolonisierung auf die Mentalität indigener Gesellschaften ausgewirkt hat – ganz abgesehen von der physischen Vernichtung - nämlich als gestörte Weltordnung.