Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"

Dance of the Little People

 

Es geht um das Volk der Mäuse (itúnkala, bei Ohíyesa „he-tunk-a-la“). Die Geschichte gibt tiefen Einblick in die Artenvielfalt, das Alltagsleben alter und junger Indianer sowie in den Reichtum ihres Erzählens, bevor die weißen Siedler zum Zusammenbruch der indigenen Kultur führten.

 

Nichtsnutzige Jungs sind auf Mäusejagd und teilen aus taktischen Gründen ihre Gruppe: Die einen imitieren Fuchslaute und locken damit die Mäuse aus den Löchern, die anderen fangen sie dann. Zum Schluss geht es darum, wer die meisten geschnappt hat. Aber es besteht das Verbot, dass man nicht die fangen darf, die sich verstecken, sondern nur die unvorsichtigen. (Das scheint generell eine Verhaltensregel indigener Jäger zu sein.) Und man darf auch nicht weiterjagen, wenn der Chief sich gezeigt hat: Einer weißen (Chief-)Maus muss man immer Respekt erweisen. Wer trotzdem weiter machen würde, bekäme Unglück.

 

Ein alter Pawnee (Padánee) unterrichtet die Jungs, dass es diverse kleine Tiere gibt mit sehr verschiedenem Verhalten und zu verschiedenen Zwecken, etwa dem Zweck, als Nahrung für Füchse zu dienen: „These little folk have their own ways. They have their plays and dances, like any other nation.“ Seine Beobachtungen, die europäischen Lesern völlig fremd sein dürften, bestehen unter anderem darin, dass eine bestimmte Mäuseart bei Vollmond Tänze vollführt. Es sind die kleinsten Mäuse mit der spitzen Nase und dem langen Schwanz, und sie tanzen zu Ehren derjenigen, die „to be cast down from the sky“ stammen, „when the nibbling moon begins“ (abnehmender Mond), denn diese Hetúnkala sind Moon Nibblers. Woraufhin der Pawnee-Großvater mitten in seiner Rede anfängt zu singen und: „Einer von euch muss jetzt tanzen“, denn es ist ja die Rede von tanzenden Mäusen.

 

Und der Pawnee erzählt weiter: „Einmal hielt der Bär ein Medizinfest und lud alle Medizinmänner der Stämme ein: Was ist eure beste Medizin? Alle erzählten es, nur die kleine Maus nicht.“ –„Das ist mein Geheimnis“, sagte sie. Der Bär wurde wütend und wollte die Maus mit der Pranke zerquetschen, aber sie war weg. Die andern lachten: „Sie ist auf deinem Rücken!“ Der Bär rollte sich auf den Rücken, die Maus auf ihm drauf. Allgemeines Gelächter: „Die wirst du nicht mehr los!“ Der Bär fürchtete, die Maus würde ihm ins Ohr krabbeln und bat die Umstehenden, sie herunter zu schubsen, aber man weigerte sich: „Probier doch selber deine Medizin aus – die Maus wendet ja auch ihre an!“ Der Bär versuchte alles: erfolglos. Dann sagte er der Maus, wenn sie nur von ihm runterginge, würde nie mehr einer seines Stammes Mäuse essen. Da ging sie runter – seither fressen Bären keine Mäuse. Doch nun wurde die Maus von der Eule gepackt: „Jetzt sagst du diesen Leuten, was deine Medizin ist, oder ich wende meine bei dir an!“ Die Maus zitterte und versprach es zu sagen, wenn nur die Eule sie los ließe. Und das ist die Geschichte der Mäuse:

 

Einst waren sie alle auf dem Mond und rollten ihn herum, und bei jedem Vollmond knabberten sie etwas von seiner hellen, mit Silber bedeckten Oberfläche ab. Manche Mäuse knabberten versehentlich Löcher in den Mond und wurden zur Strafe auf die Erde geschickt, wo viele starben, manche aber sich allmählich zurechtfanden. „We do not know how to work. We can only nibble other peoples‘ things and carry them away to our hiding places… But we still retain our power to stay upon moving bodies, and that is our magic.“

 

Und der alte Pawnee fährt fort: „It was therefore decreed… that all the animals may kill the hetúnkala wherever they meet them, on the pretext that they do not belong upon earth. All do so to this day except the bear, who is obliged to keep his word.“ Und zu Hunderten tanzen die Mäuse nachts bei Vollmond am Seeufer, sie tanzen im Kreis, manchmal sind zwei allein in der Mitte, und sowie die Hinhan (Eule) herbeifliegt, bleiben die Mäuse bewegungslos wie Steine liegen. Wenn die Eule weg ist, tanzen sie heftiger als zuvor, und manche beißen in den Schwanz ihrer Nachbarn.  Einige springen sogar hoch, dem Mond entgegen. Dann aber kommt der Fuchs. „No people know the secret of the dance except a few old Indians and Red Fox.“ Bei dessen Auftreten sind alle plötzlich weg wie nix,  und nur die Spuren ihrer Füßchen bleiben wie eine Schrift im Sand.

 

Heute Nacht haben wir etwas gelernt,“ sagt einer der Jungs: „Was mich betrifft - ich werde nie wieder die kleinen Völker jagen.  Der halb aus Beobachtungen, halb aus Erzählfantasie gespeiste Zauber der Geschichte gibt auch Einblick in die indigene Pädagogik: Kinder werden nicht durch Befehle und Bestrafungen erzogen, sondern durch die Stärkung ihrer eigenen Fantasie und ihres Einfühlungsvermögens. Die Geschichte verlockt zur Identifikation mit anders gearteten Lebewesen, sie führt nicht zu einer Erfolgsmentalität von Beute und Besitz.