Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"
Wild Animals from the Indian Stand-Point
Die Schlussgeschichte ist ein lockeres, von geselligem Pfeiferauchen und spontaner Gesangseinlage begleitetes Gespräch zwischen vier Indianern. Sie haben sich im Tipi von Sheyaka, einem namhaften Jäger, eingefunden, unter ihnen der alte Hohay und die beiden jungen Kangee und Katola. Sie diskutieren die Frage, ob und wie wilde Tiere miteinander kommunizieren und wie die menschliche Kommunikation dem Verhalten der Tiere ähnelt. Alle Vier sind erfahrene Beobachter von Tieren. Der alte Hohay gibt zu bedenken, dass zwar die vierbeinigen Leute kein Äquivalent zur menschlichen Sprache haben – aber verständigen sich Menschen nicht auch oft nonverbal? Sprechen wir nicht manchmal mit Augen, Lippen, Händen – wer kann behaupten, dass Tiere keine Sprache haben?
Kangee bestätigt das und geht darüber hinaus. Er hat beobachtet, wie Alarmrufe von Haubentaucher, Kranich und Wildgänsen nicht nur von Wasservögeln, sondern von praktisch allen Tieren des Umfelds wahrgenommen und durch unterschiedliches Verhalten beantwortet werden – sie schwimmen vom Ufer weg, beziehungsweise verstecken sich und suchen Schutz. Liebes- und spielerische Laute dieser Vögel bleiben aber ohne Reaktion der anderen, obwohl sie sehr viel lauter und lärmender sein können.
Außerdem hat Kangee beobachtet, wie eine Ricke ihr Kitz veranlasst, sich auf ihren Gefahrenruf hinzulegen und zu verstecken, obwohl das Kitz bei Gefahr sonst eher in ihre Nähe läuft. Und er hat auch gesehen, wie Ricke und Kitz miteinander spielen oder wie die Ricke durch verschiedene Rufe und Nasenstupsen ihr Kleines veranlasst, über einen Bach zu springen, obwohl es sich fürchtet.
Katola dagegen meint, es sei einfach instinktives Verhalten von Kitzen, sich bei Gefahr im Gras zu verstecken, dazu brauche es keine Kommunikation mit der Mutter. Oh nein, wirft der alte Hohay ein, sogar Tiere erziehen ihre Jungen und lehren sie bestimmte Verhaltensweisen, sogar mit Nachdruck, wenn sie nicht gehorchen, das ist genauso wie bei uns. Zahme Kitze und Büffelkälber trauten sich beispielsweise nicht ins Wasser, weil sie nicht die Chance hatten, von ihren Müttern dazu angehalten zu werden. Und ganz radikal gehen Bärinnen mit ihren Kleinen um - sie veranstalten ein Rennen bis zum Limit, nur das Bärenkind, das bis zum Schluss mitrennt, wird den Winter mit ihr in der Höhle verbringen, das kann auch Sheyaka bestätigen.
Dennoch mag Katola sich nicht vorstellen, dass Tiere ihre Jungen erziehen so wie Menschen. Hohay bringt das Gespräch noch einmal auf die Ricke, deren Geschwindigkeit und Geschick in Fluchtsituationen sprichwörtlich sind, die sich aber wie ein Bock verteidigt, wenn sie ihr Kitz in Gefahr sieht. Und um die Diskussion zu entschärfen, wird nicht nur rundum die Pfeife gereicht, sondern Gastgeber Sheyoka fordert Katola auf, etwas zu singen. Das geschieht nicht nur, indem alle mitsingen, sondern Katola gibt auch den Rhythmus vor, indem er zwei Stöcke aneinander schlägt, während Sheyokas Söhnchen Washaka dazu tanzt.
Hohay, der erfahrene alte Jäger, greift noch einmal Katolas Standpunkt auf – man könne ihm nicht vorwerfen, dass er die Erfahrungen anderer Jäger nicht teile: „We believe what we ourselves see, and we are guided by our own reason and not that of another.“ Hier wirft Kangee dazwischen, er habe gesehen, wie eine Coyotin ihre Jungen veranlasst habe, die Büffelknochen aus der Höhle zu räumen und zu stapeln. Nun ist es an Hohay zu zweifeln: Coyoten seien gute und ordnungsliebende Erzieher, alte Büffelknochen in der Nähe ihrer Höhlen seien tatsächlich gefunden worden – aber gestapelt? Stattdessen geht Hohay noch einmal zurück zu den Fähigkeiten von Rehen. In seiner Kindheit, auf Jagd mit dem Papa, habe er gesehen, wie eine Ricke auf der Flucht vor Wölfen sich in einen Teich gerettet und mit ihren Hufen einen der Verfolger buchstäblich zu Tode getrommelt habe. Den zweiten Wolf, der seinem Gefährten zu Hilfe kam, sei es nicht besser ergangen, Vater und Sohn hätten den Kampfgeist der Ricke bewundert und einen anerkennenden Kriegsschrei ausgerufen.
Aber ihr habt die Ricke nicht erschossen? fragt die Runde.
„If we did that, we would be cowards”, erwidert Hohay. “We let her go free, although we were in need of food.” Aber die Erfahrung habe sein eigenes Verhalten als Jäger geprägt: “My game is fully awake to the situation, and I must use my best efforts and all my wit to get him. They think, and think well, too.”
Das sei alles wahr, ruft Kangee begeistert aus, aber der Büffel sei der weiseste von allen großen Vierfüßern bei der Erziehung seines Kalbs.
Skeptiker Katola: „They do not train their young, I tell you!”
Jetzt muss Hohay diesen Katola doch etwas zurechtweisen: „Warte doch, bis Kangee uns seine Gedanken mitgeteilt hat, es ist nicht fair, das Wort eines Kollegen zu bezweifeln.“ Und Kangee berichtet, wie eine Bisonmutter mit zwei Kälbern auf der Flucht mit zwei unterschiedlichen Verhaltensweisen ihrer Sprösslinge zu tun hatte, weil einer nicht verstand, dass er sich verstecken sollte. Katola hält das Einwirken der Mutter immer noch nicht für Erziehung, aber Erziehung, so Hohay, bestehe darin, dass man einem Kind wiederholt das richtige Verhalten zeige.
Und das mit der Tiersprache glaube er auch nicht, beharrt Katola. Und Hohay: „Kann ja sein, dass sie nicht so reden wie wir, aber übermitteln wir nicht auch manchmal die wichtigsten Dinge ohne einen Laut oder ein Wort - gerade durch Schweigen, einen Blick, eine Geste?... We Red men have no books nor do we build houses for schools as the palefaces do. We are like the bear, the beaver, the deer, who teach by example and action and experience.”
Er habe, so Sheyaka, sogar gesehen, wie eine Ricke mit ihrem Kitz Verstecken gespielt habe, und Hohay konnte beobachten, wie eine Bibermutter ärgerlich wurde, als ihr Kleines stets hinter ihr herkam, statt an sicherem Ort zu warten, bis sie einen Baum gefällt hatte. Und Kangee bewundert, wie manierlich Füchse speisen und den Welpen nicht erlauben, einfach drauflos zu mampfen: Wenn eine Füchsin ein Entennest ausräubert, rollt sie jedes Ei einzeln zu einem ihrer Jungen hin, alle müssen warten, bis sie bedient werden.
Aber es ist an dem Zweifler Katola, bei Sheyoka mangelnde Fairness zu kritisieren, als dieser zum Besten gibt, wie er einen Fuchs mit Mäuserufen austrickste und ihm schließlich ein Fellbüschel aus dem Schwanz ausriss. Ja, aber manchmal kann ein Jäger sich wohl auch einen Scherz mit einem Kollegen erlauben, meint Hohay, der nun lieber Pfeife rauchen will. Mit einem Lied ist alles besser, und Kangee singt ein Büffel-Lied, in das alle einstimmen.
Sheyoka fasst noch einmal zusammen, wie Tiere jagen, kommunizieren und ihre Kinder betreuen: „All these characteristics are shown also among men…” Und nachdenklich fügt er hinzu: “They have made everything possible to us in our free life. They supply us with food, shelter, and clothing. And we in turn refrain from needlessly destroying the herds.”
Damit nimmt das zwanglose Treffen eine unerwartete Wendung. Die roten Jäger seien für die Tiere schon schlimm genug, aber die Gier und Brutalität des weißen Mannes überträfe alles: „He wants the whole world for himself! The buffalo disappear before him – the elk too - and the Red man is on the same trail.“ Der Gedanke an ihre bedrohte Zukunft lässt die Vier schweigend auseinander gehen.
Dass die zwölf Geschichten mit dem Gedanken indianischer Jäger an ihre eigene Vernichtung enden, lässt alle Erfahrungen, die hier mitgeteilt werden, im Licht unausweichlicher Bedrohung erscheinen. Die vor Leben vibrierenden Landschaften, die Fülle der Erscheinungsformen, die sich alle aufeinander beziehen, werden in dem schmalen Band noch einmal ausgebreitet, bevor sie unterm Druck der genozidalen Kolonisierung verschwinden. Die Gesprächsatmosphäre unter den vier Männern scheint ein letztes Mal den unaufgeregten, kollegialen Umgang indianischer Band- und Stammesmitglieder heraufzubeschwören – wüssten wir ohne Ohíyesas Geschichten, wie es über Jahrhunderte unter diesen Menschen zuging? Wie zivilisiert und unverkrampft sie miteinander umgingen?
Dass die Erzählung eines indianischen Autors so endet, entspricht nicht indianischer Mentalität, die eigentlich keine Schnitte kennt, sondern in zirkulärem Denken den Schwung ihrer Energie von neuem, aber auf anderer Ebene ansetzt. Ohíyesa hat in autobiographischen Texten mitgeteilt, was er hier nur andeutet: Wie weiße Institutionen und Vertragspartner das Ende einer Jahrtausende alten Kultur herbeiführten. Wie alle Versuche, den Kolonisatoren indianisches Denken verständlich zu machen, scheitern mussten. Den langsam aufkeimenden Trotz seiner Nachkommen, ihre unbesiegbare Resilienz und schließlich die Fortsetzung ihrer Kultur, ihrer Sprachen, ihrer Spiritualität auf anderer Ebene – das hat er nicht mehr erlebt. Aber auch seine Mitteilungen wirken weiter und sind Teil einer unzerstörbaren Prägung von Leben und In-der-Welt-Sein.
Charles Eastman: „Red Hunters and the Animal People”, unpaginiert, 247 S., printed in USA, o.J., o.O., ISBN 9 798709 290266
15. April 2026 Copyright Christel Heybrock