Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"

 

The River People

 

Der Zauber dieser Geschichte besteht darin, dass Ohíyesa über lange Strecken ausschließlich die Perspektive der River People teilt – der Biber. Im Zentrum steht das alte Biberpaar Chapawee und Hezee = Gelbzahn, aber als sie sich kennenlernten, war Hezee ein hübscher junger Mann und hieß Kamdoka = Slaps the Water = Wasserpatscher. Oma Chapawee versammelt ihre Enkel um sich herum und lehrt sie das Biberleben: Dass man immer einen guten Platz zum Wohnen an einem Fluss suchen, dass man seine Dämme in Ordnung halten muss, dass Büffel, die zum Trinken ans Ufer kommen, höchst lästig sind, weil sie die Dämme zertrampeln, aber dass Chapawees Mutter einmal sogar einen Grizzly vertrieb, indem sie einen Haltepfosten unter ihm wegzog und ihn noch dazu in die Hinterpfote biss. Am wichtigsten: beim Bäumefällen immer darauf achten, dass der Baum in den Fluss und nicht ans Ufer oder auf einen drauf fällt. Und: Wasser ist der sicherste Platz. Geht nie zu weit weg vom Wasser!

 

Ganz nebenbei erzählt Oma Chapawee ihre und Hezees gefahrvolle Lebensgeschichte, denn sie waren nicht immer am Pipestone Creek (in der Gegend des Pipestone Quarry, des Steinbruchs, wo Indianer den Catlinit für ihre Sakralpfeifen abbauen). Klein-Chapawees Familie verlor einst ihre Dammwohnung durch eine Überschwemmung und wurde auf einem Floß aus Weidenzweigen von reißender Strömung davongetrieben. An einem umgestürzten Baumstamm konnten sie Halt machen und ein Nest einrichten, Vater und Mutter wollten noch die Umgebung erkunden – und kamen nie wieder. Chapawee und ihre Geschwister wollten im Nest übernachten, aber als ein raubgieriger Puma über den Baumstamm kroch, ließ sich Chapawee sofort ins Wasser fallen – auch ihre beiden Brüder sah sie nie wieder. Sie ließ sich lange von einer auf dem Fluss treibenden Eisscholle davon tragen, aber als sie an einer Insel landen musste, weil sie Hunger hatte, begegnete ihr Kamdoka mit einem saftigen jungen Baumtrieb im Maul… beide waren allein, und so blieben sie zusammen, trieben zu zweit weiter auf Eisschollen, bis sie einen guten Platz für die Familiengründung fanden. Dort trieben Fallensteller ihr Unwesen, und als eins ihrer Kinder in eine Falle geriet, verließen sie auch diese Gegend. In der Umgebung des Pipestone Quarry fanden sie endlich den Platz, an dem sie blieben, mehrere Generationen in die Welt setzten und alt wurden: “No village was kept in better order than this one, for it was the wisdom of Chapawee and Hezee that made it so. Summer nights, the series of ponds was alive with their young folks in play and practice of the lessons… Inzwischen bewohnt das alte, blinde und zahnlose Paar einen eigenen Teich, und manchmal kommt ein jüngerer Biber und bringt etwas zu essen.

 

Und dann entdecken indianische Catlinit-Sucher und Fallensteller die ungestörte Idylle am Creek. Als sie eine unglaubliche Anzahl an Biberspuren finden, setzen sie sich erstmal hin und rauchen Pfeife: „We must smoke to the beaver chief’s spirit, that he may not cast an evil charm upon our hunting.” Sie erkunden die Ausdehnung des Biberreichs, in dem es keine Fische, aber glasklares Wasser gibt – sie halten die ganze Anlage fast für verzaubert, jedenfalls für behütet von einem besonderen Chief…und dann sehen sie ihn, er hat keine Ohren mehr, der ganze Kopf bis zum Schnurrbart ist grau, sein Körperfell ist kurz und struppig , und dann kommt auch Chapawee und setzt sich neben Hezee in die Sonne, beide sind wohl auch taub, bewohnen den Pond aber ganz allein, während die Jugend ihre eigenen Teiche hat.

 

Die Indianer sind beeindruckt – wenn sie morgen die Biber jagen, werden sie dieses Paar schonen. Das Massaker an den Bibern dauert zwei Tage, und ganz schonen kann man das Paar nicht. Aber die Hunde werden zurückgerufen, und die Jäger lassen vier junge Biber leben, damit sie das  alte Paar versorgen können. Als am Tag danach die Jäger noch einmal kommen, um den Damm bei Chapawees und Hezees Wohnung zu reparieren, liegen beide tot außerhalb. Sie haben wohl versucht, des Nachts den Damm selber zu reparieren, aber sie hatten keine Kraft mehr.

 

Ohíyesa wirft keine Schuldfragen auf, aber setzt Töten und Schonung in eine dem Jäger bewusste Balance. In dieser Geschichtensammlung führen die Jäger den Tod der Tiere nicht immer aktiv aus, sondern sind mitunter nur der Anstoß, dass ohnehin geschwächte Tiere das Leben lassen. Durchgängig ist ein spirituelles Miteinander die Basis von Leben und Tod. Dass mit der Canunpa der Spirit der Biber geehrt und um Verständnis gebeten wird, geht über das Leben des konkreten Tiers hinaus, das mehr oder weniger nur eine Erscheinungsform des Spirits ist - so sehen sich indigene Menschen heute noch selbst, als Erscheinungsform von Wakan Tanka, des großen Prinzips Leben, in dem der Tod seinen selbstverständlichen Platz hat. Leben und Tod sind keine getrennten Bereiche, beide wirken ineinander und sind spirituelle Aktivitäten. Der Schnitt zwischen Leben und Tod, wie er weißes Denken beherrscht, existiert nicht.