Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"

Hootay of the Little Rosebud

 

Es ist die vielleicht leiseste, unaufgeregteste und folgenreichste Erzählung der Sammlung. Sie spielt am Little Rosebud River (heute Rosebud Creek) in South Dakota, und Ohíyesa beschreibt eine von Weißen unberührte Landschaft aus Wasser, Hügeln, Wäldern und Lichtungen, in der ein alter Chief nach kampffreudiger Karriere seinen Lebensabend verbringt: Hootay, Kurzkralle, ein Grizzlybär. Eine ganze Reihe von Sioux-Männern hat er das Leben gekostet, etliche Kampfverletzungen und zwei fehlende Krallen an einer Pfote konnten ihm nichts anhaben, nun ist er alt und ein bisschen rheumatisch, aber immer noch gefährlich. High Head, Häuptling über eine Band von elf Männern, sichert demjenigen, der Hootay erlegt, die Ehre einer Warbonnet zu, einer großen Federhaube.

 

Hootay hatte sich im Herbst an geschützter Stelle eine kuschelige Höhle für den Winter gegraben, aber bevor der Frühling kommt, ereilt ihn das Pech. Endlose Schneefälle, Stürme und Unwetter haben eine Baumwurzel so unglücklich quergelegt, dass Schmelzwasser direkt in Hootays Höhle strömt, er muss sie verlassen und eine trockene Stelle suchen, vor allem aber Nahrung. Ein paar Wurzeln können den unterbrochenen Winterschlaf nicht ausgleichen.

 

Derweil ist auch die kleine Sioux-Band in Not, denn die Fleischvorräte sind verbraucht, aber Jagen angesichts der Witterungsverhältnisse ist so gut wie unmöglich. Die Feuerstellen werden immer kleiner, die Indianer und ihre Familien immer hungriger, bald werden sie zu schwach sein, um noch ein Tier zu erlegen. Da sieht eines Nachts der schlaflose Zechah, Schwiegersohn des Häuptlings, durch den Rauchabzug seines Tipis einen Stern – das Unwetter hat wohl aufgehört. Er singt stumm ein Jagdlied, dann macht er sich vor Tagesanbruch mit Pfeil und Bogen auf.

 

Draußen liegt alles in tiefem Schnee, aber ein Wolf hat Zechah bemerkt, der Shunkmanitoo ist in derselben Situation, hungrig, allein, in aussichtsloser Lage, aber nicht mutlos. Als  Zechah ihn wahrgenommen hat, lässt er den Wolf die Führung übernehmen und folgt ihm – kluges Indianerverhalten, denn Wolf und Mensch jagen oft gemeinsam, so auch hier. Der Wolf führt den Mann zu einem im Schnee nach Gras scharrenden einsamen  Bison, den Zechah erlegen kann – genug Nahrung für Mann, Wolf und die Indianerfamilien. Es ist klar, dass der Wolf so viel Fleisch abkriegt, bis er satt ist.

 

Aber auch Hootay ist auf den Spuren der beiden Jäger und hofft auf Nahrung. Zechah, beschäftigt mit dem Zerteilen des Bisons,  hört ihn brummen, und als er aufblickt, ist Hootay bereits da und will den Wolf angreifen. Der kann sich gerade noch zwischen zwei Felswänden retten, aber Hootay stürzt dabei tief in eine Schneemulde, aus der er nicht mehr herauskommt. Zechah sieht seine Chance gekommen, zum federgeschmückten Helden zu werden – der durch heftiges Treten immer tiefer sinkende Hootay  ist eine leichte Beute. Aber. Und hier passiert das Entscheidende. Hootay scheint zu ihm zu sprechen, jedenfalls nimmt Zechah das tief innen wahr: Nein, Zechah, schone das Leben eines alten Kriegers! My spirit shall live again in you. You shall be henceforth the war prophet and medicine-man of your tribe… Und Zechah steckt den Pfeil wieder ein.

 

Zurück bei den Tipis seiner Leute wird er freudig empfangen, und High Head sichert ihm die Warbonnet zu. Als man den zerlegten Bison abholen will, findet man Hootay tot in der Schneewehe ohne eine einzige Verletzung. Man veranstaltet eine ehrenvolle Opferung für den großen alten Kämpfer. Welche Worte aber von Hootays Spirit  in Zechahs Herz drangen, davon hat er nie gesprochen. Und Zechah wurde später zum berühmten War Prophet. Der Spirit des Bären, den er geschützt und in sich aufgenommen hatte, gab Zechah seine Identität und darüber hinaus eine Wirkungsposition, die weit über die kleine Band hinaus ging.

 

Der Bär ist ein machtvolles Spirit-Tier. Die Intensität dieser Geschichte erinnert an die Spirit Hunt, die Ohíyesa im Vorwort erwähnt. Mensch und Bär kommunizieren auf einer stummen spirituellen Ebene und finden eine temporäre Übereinstimmung. Kraft, Intuition und Weisheit des Bären werden Teil von Zechahs Person, es ist, als hätte der todgeweihte Hootay seine Fähigkeiten losgelassen und an Zechah weiter gegeben als Dank für den Augenblick der Empathie.