Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"
Büffeldame Hinpoha hat ein Kälbchen geboren – ein weißes! Es ist die Color of Royalty, das scheinen die Büffel ebenso zu wissen wie die Lakota, denen einst die Weiße Büffelkalbfrau die Spiritualität der Canunpa, der Sakralpfeife, brachte. Hinpoha versteckt ihr Baby im hohen Gras und begibt sich zurück zu ihrer Herde, die sie wegen der Geburt verlassen hat. Bei der Herde findet eine Trauerfeier statt – die bisherige Königin, die weiße Büffelkuh Ptesanwee, ist gestorben, alle kommen daher zusammen, Bisonkühe und die Bullen, und erweisen der Toten die Ehre.
Die große Herde weckt aber auch die Aufmerksamkeit der Indianer, die zur Frühjahrsjagd aufrufen – der Medizinmann old Buffalo Ghost bereitet die Zeremonie vor, mit der das Jagdglück beschworen wird. Die Zeremonie besteht nicht nur aus dem Gebrauch der Canunpa, sondern auch aus Tänzen für die Büffelspirits, damit sie den Weg in die Spirit-Welt antreten können: Die Identifikation mit den Lebewesen, die man töten will, endet nicht mit deren Tod. Die Jagdstrategie sieht vor, die Büffel in großen Scharen zum Shaeyela River zu treiben, dem abschüssigen Ufer des Cheyenne River, wo drei Gruppen der Jäger sie angreifen können.
Zum Erstaunen der Indianer lässt sich die Herde aber nicht geschlossen treiben, sondern teilt sich in verschiedene Richtungen, manche Tiere laufen in den Wald, einige brechen durch die Linien der Jäger, andere laufen gar nicht weg, sondern tun sich zusammen und bilden einen Verteidigungsring. Einige Jäger reiten gegen den Ring vor mit Hunden und Gesängen, aber als der Anführer „hanta, hanta yo!“ (dann mal los) ruft und ein Reiter vorprescht, wird der von einem Riesenbullen sofort auf die Hörner genommen und bleibt tot liegen.
So ein Büffelverhalten haben die Jäger noch nie beobachtet – gegen Wölfe bilden Büffel mitunter einen Ring, aber gegen Indianer? Doch plötzlich lösen die Büffel den Ring und setzen sich langsam in Bewegung, die Kühe zuerst, die Bullen hinterher, in einer langen Linie. Als sie den Platz freigegeben haben, sehen die Männer die tote weiße Büffelkuh und verstehen alles. Sie nähern sich respektvoll wie auf heiligem Grund und trauern mit, verstreuen Tabak rund um die tote Königin und brechen den Frühjahrsjagdgang ab.
Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein, aber es ist nur die eine Hälfte. Die andere spielt ein paar Monate später, das weiße Kälbchen ist größer und stark geworden und wird von Hinpoha in die Herde eingeführt, wo Mutter und Kind überall mit Staunen und Respekt begrüßt werden. Die Versammlung der Bison-Herde hat die Indianer wieder aufmerksam gemacht, und ein Scout konnte sogar das weiße Kalb ausfindig machen. Das ist eine Sensation, und im Gegensatz zu Behauptungen, die Lakota hätten niemals Jagd auf heilige weiße Büffel gemacht, planen die Männer in Ohíyesas Geschichte genau das – das Erlegen eines weißen Büffels würde dem Stamm Glück und Ehre über Generationen bringen.
Im Teyo-Tipi (Ratstipi) wird diskutiert, wie man das weiße Kalb, diesen „Spirit auf Erdenbesuch“, einfangen könnte, denn die Herde wird es verteidigen. Man zieht also in einen Kampf, Männer und Pferde werden schon mal kriegsbemalt. Dann eines warmen Maimorgens machen sich ein paar hundert Krieger auf zu der riesigen, friedlich grasenden Herde, in deren Mitte das weiße Kalb geschützt wird – die Büffel haben sogar Außenposten aufgestellt. Und mit hokahey preschen die Indianer donnernd vor, während die Büffel ihrerseits staubaufwirbelnd sich wieder zum Kreis formieren – mehrere Tausend Hörnerpaare gegen bemalte Reiter, die den Ring nicht aufbrechen können. Bis ein erfahrener alter Kämpfer zur brennenden Fackel greift, woraufhin die Herde flieht und das Kalb mit dem Lasso eingefangen wird.
Der Rest der Geschichte wird in wenigen Zeilen, aber als Höhepunkt berichtet – für rationale weiße Leser irritierend. Dass die Herde ihrer spirituellen Führung beraubt wurde und das Kalb getötet werden muss, ist nicht der Rede wert. Der Stamm ist überzeugt, dass es „der Wille des Great Mystery“ sei, „to recall the spirit of the white chief,“ womit wohl die Weiße Büffelkalbfrau gemeint ist, die den Lakota die Canunpa und die spirituellen Zeremonien brachte. „Wir werden ihr weißes Fell erhalten, es wird von Generation zu Generation weiter gegeben… wir werden nie mehr hungern, und wo immer sich das Fell befindet, wird es im Überfluss Nahrung geben für die Indianer.“ Es ist eine Art „Gott-Essen“, wie der polnische Literaturwissenschaftler Jan Kott (1914-2001) einst über griechische Tragödien schrieb: Man nimmt die sakrale Instanz in sich auf und nährt sich von ihr, sie ist es letztlich, die den Essenden das Leben sichert. Es ist also nicht nur die materielle Substanz, die in den Körper des Essenden übergeht, sondern auch die spirituelle. Wie geht das noch mal, wenn Katholiken den Leib Christi verspeisen, der in der Eucharistie real anwesend ist?