Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"
Die Szene spielt im Innern der Bad Lands in South Dakota, in stark zerklüftetem, fast unzugänglichen Terrain am Cedar Butte. Schroffe Felswände, enge Schluchten und Kamine machen die Gegend nicht nur für indigene Jäger, sondern sogar für die meisten Tiere gefährlich – wer da einmal bei der Verfolgung einer Fährte eine falsche Route wählt, findet sich an einem Ort, an dem es keine Umkehr gibt. Wenn man aus- oder abrutscht, fällt man womöglich in einen tiefen Kamin, aus dem man nicht mehr hochkommt. Einzig die Spoonhorns sind an diesen Lebensraum angepasst…und indigene Jäger stellen ihnen nach wegen ihrer Hörner. Spoonhorns = Löffelhörner sind Dickhornschafe (Ovis canadensis), die auf fast senkrechten Felsen klettern können. Die Böcke tragen Hörner, die sich mit zunehmendem Alter eindrehen, bis zu 30 Pfund schwer und bis zu 80 cm lang werden können. Ohíyesa berichtet aus einer von Weißen unberührten Vergangenheit – heute sind die Bad Lands ein Nationalpark, die Spoonhorns waren 1925 ausgerottet, werden aber seit 1964 wieder angesiedelt, immerhin sollen dort inzwischen wieder 80 Tiere leben.
Die Böcke hatten wegen der schweren langen Hörner mitunter Probleme, ans Weidegras zu kommen, sie mussten den prachtvollen Kopfschmuck immer mal abschaben, Ohíyesa notiert, dass sie dies diskret abseits der Herde an geheimem Ort taten. Die beiden kühnen Indianer, die offenbar neue Löffel brauchen (aus den Hörnern wurden auch andere Gegenstände geschnitzt), können an einer Stelle hören, dass lautstark Hörner abgeschabt werden – sie sind also auf dem richtigen Weg: „This chipping-place is a monastery to the priests of the spoonhorn tribe. It is their medicine-lodge.“
Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt, die aufeinander zulaufen und mit dem Zusammenstoß enden: Da ist einmal das Spoonhorn-Paar, und da sind zum andern die beiden ortskundigen Freunde auf Beutesuche. Die Männer: geschickte, gelenkige Jäger mit Erfahrung, was das Gelände sowie das Verhalten der Tiere betrifft. Die beiden Spoonhorns: Sie bringt auf einem schmalen, etwas bewaldeten Vorsprung ein Lämmchen zur Welt. Er ist der Chieftain, ein älterer, erfahrener Herrscher, der sich seiner Würde bewusst ist.
Die beiden Männer haben sich lautlos angeschlichen, die Morgendämmerung steht bevor, und plötzlich sehen sie ihn da stehen hoch oben auf einer Terrasse, der Chieftain des Cedar Butte, der sein Reich überblickt, nicht ahnend, dass er beobachtet wird. „Soll ich ihn erschießen?“ fragt Wacootay. „No, do not do it“, sagt Grayfoot, „he is a real chief. He looks mysterious and noble… We have plenty of buffalo meat… All we want is spoons…” Dann sehen sie die große Spur des Muttertiers und entdecken sogar das Lämmchen, weil es nach der Mutter ruft. Wacootay will es töten, aber Grayfoot: nein, wir brauchen ja kein Fleisch, wir brauchen nur Horn für Schöpflöffel. Wacootay, gewöhnt zu jagen ausschließlich wegen der Fleischversorgung, akzeptiert den Standpunkt des Freundes, der ihm erklärt: „I believe they are people as much as we are… Although they do not speak our tongue, we often seem to understand their thought. It is not right to take the life of any of them unless necessity compels us to do so…”
Und Grayfoot lehrt ihn die Erfahrungen und Beobachtungen, die er mit den Spoonhorns gemacht hat, wie sie miteinander kämpfen, ihre Jungen erziehen, wie Generationen wechseln, wie sie sich in dem Gelände behaupten, in dem um ein Haar eben auch Wacootay abgestürzt wäre… Auch die Animal People können sich gegen die Jäger schützen: “How often we are outwitted by the animals we hunt! The Great Mystery gives them this chance to save their lives by eluding the hunter, when they have no weapons of defence.”Und danach handelt jetzt das Mutterschaf, das die beiden Jäger durchaus wahrgenommen hat, es nimmt sein Baby und verlässt den Ort, um weiter unten die Herde zu informieren, die sich auf die Flucht begibt.
Aber der Chieftain hat die Gefahr noch immer nicht bemerkt. Er ist müde vom Schaben und legt sich noch mal hin für ein Nickerchen. Die Jäger sehen ihre Chance. Grayfoot: „Shoot now! A warrior is always a warrior – and we are looking for horn for spoons.” Der alte Chief schreckt auf, aber zu spät -Wacootays Pfeil trifft ihn tödlich. „My friend, the noblest of chiefs is dead!“ sagt Grayfoot, und die Männer “stood over him, in great admiration and respect for the gray chieftain.”
Alter, Selbstüberschätzung und mangelnde Vorsicht haben den Chief das Leben gekostet. Das klingt für weiße Leser nach Bestrafung, aber es handelt sich nicht um Schuld. Der Chief ist sozusagen abgestürzt an sich selber – ein Chief, der nicht mehr wachsam ist, kann seine Herde nicht schützen und steht auf der Kippe, von einem helleren Kopf ersetzt zu werden. Für die beiden Jäger ist es große „Medizin“, den Bock gerade noch auf dem Gipfel seines Lebens getötet zu haben – der Tod setzt immer auch Energien frei. Mangelnde Wachsamkeit in einem Lebensraum, in dem jeder das eigene Überleben durch das Leben anderer sichern muss, ist bereits die Schwelle zum Lebensverlust. Jedes Lebewesen hat eine Chance, sich zu behaupten - temporär. Die beiden Indianer sind nicht ohne Mitgefühl, Grayfoot hat Mitgefühl bis zur Empathie, und die Lebensleistung des Chiefs fordert beiden Respekt und Bewunderung ab. Aber sein Leben muss jeder selber schützen. Wie anders hätte der Chief wohl seines beendet – durch einen Absturz und jämmerliches Verenden in einer Schlucht? Durch den Riss eines Pumas, den Biss einer Schlange? Vielleicht war es kein schlechter Tod für ihn, über den Tod hinaus respektiert zu werden.