Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"
Wechah ist ein Waschbär, als Baby von Wasulas Vater von einer Jagd mitgebracht und von der jungen Frau wie ein menschliches Wesen aufgezogen. Das heißt - so wie Indianer ihre Kinder aufziehen, mit Strenge, Liebe und gegenseitigem Respekt. Wasula ist ein Einzelkind und eine tolle Person – Waldläuferin, Haushälterin, sie kann Tipis aufbauen, aber auch nähen, sticken, einfach alles, und sie ist eine begehrte Partie unter jungen Männern.
Aber wer auch immer ihr den Hof macht, muss mit Wechah rechnen. Der vorwitzige Waschbär ärgert ihre potentiellen Liebhaber nach Kräften, mopst ihnen Mokassins, Tomahawk, Pfeil und Bogen, zieht sie an den Haaren, reißt ihnen die Decke weg oder die Feder aus dem Haar. Wasula ist es recht, aber als er einmal in seinem Übermut sogar die junge Brut in einem Vogelnest ausraubt, muss sie ihn bestrafen. Sie stülpt ihm einen Beutel aus Büffelleder über, bindet seine Vorderpfoten zusammen, lässt ihn einen Tag lang fasten und in der Nacht von ihrem Hund bewachen. Der Hund allerdings schläft ein, und Wechah ruft leise seine Artgenossen zu Hilfe: Wasula „… had discovered that his people have danger-calls and calls for help quite different from their hunting and love calls.“
Und tatsächlich ist ein großer Waschbär dem Ruf bereits gefolgt – die Dorfhunde erwachen und schlagen an, die Jäger stürzen aus ihren Tipis, und Wasula hat Mühe, sie von Schüssen abzuhalten. Doch sie ziehen lachend ab, als sie Wechas Situation erfahren, und Wasula befreit ihren Liebling und nimmt ihn mit ins Tipi. Der Leser könnte glauben, Wechah sei perfekt gezähmt, aber das trifft nicht zu. Er ist von Streifzügen stets von allein zurückgekommen. Hat er die Möglichkeit geschätzt, bei dem Mädchen seinen Spieltrieb auszutoben? Der besondere Charakter dieser Bindung erweist sich bei einer Katastrophe: Nach einer erfolgreichen Jagdsaison geraten die Männer in eine Auseinandersetzung mit den Ojibwe und werden alle getötet. Es ist Winter, Zeit der Schneestürme. Die Fleischvorräte sind irgendwann verzehrt – und es gibt keine Jäger. Die Dorfgemeinschaft sieht dem Hungertod entgegen.
Wasula greift Bogen, Köcher und Pfeile ihres Vaters, nimmt die Schneeschuhe und macht sich auf, Wechah kommt neugierig mit. Und er ist es, der das Dorf rettet, indem er Wasula Spuren jagdbarer Tiere im Schnee zeigt, die sie nicht hätte finden können. Sie scheinen einander in ständigem Führungswechsel zuzuarbeiten – Wechah entdeckt die Spuren, Wasula erlegt die Tiere, und zum Schluss schnappt der Waschbär auch noch jede Menge Fische zwischen Eisschollen aus einem Fluss. Aus Dankbarkeit beschließen die Dorfbewohner, keine Waschbärfallen mehr aufzustellen.
Als das Frühjahr kommt, tollt Wechah überall herum, die Bewohner sehen seine Spuren, aber ihn selber nicht mehr. Wasula entdeckt ihn schließlich auf einem Baum, von dem er nicht herunter will – da oben sitzt Wechawee, ein Raccoon-Mädchen. Wasula, erleichtert, dass ihr Freund am Leben ist, singt für die beiden ein Hochzeitslied. Die Geschichte zeigt exemplarisch Bindungen in der indigenen Gesellschaft. Bindungen, die mit Besitz und Dominanz nichts zu tun haben, sondern auf der Basis wechselseitiger Anerkennung und Entscheidungsfreiheit funktionieren. Das Füreinandereinstehen geschieht ebenso unspektakulär wie die Lösung aus der Beziehung, ein Teil der Bindung bedeutet auch zu akzeptieren, dass der andere sich löst.