Zu Ohìyesa "Red Hunters and the Animal People"
Im Gegensatz zu den anderen zehn Geschichten wird diese fast ausschließlich aus der Perspektive der roten Jäger, nicht aus der der Tiere erzählt, obwohl die Ähnlichkeiten zwischen tierischen und menschlichem Verhalten auch hier eine Rolle spielen.
Der Elk = Wapiti wird von Indianern wegen seiner Eleganz, seiner Kraft und seinem Stolz bewundert, Wapiti-Damen gelten als kokett und anspruchsvoll. Jugendliche Indianer ahmen die Liebesrufe von Elkmännern nach, wenn sie ein Mädchen beeindrucken wollen – und kluge Jäger können ohnehin Tierlaute täuschend ähnlich imitieren.
Bei Tawahinkpayota (Many Arrows), dem angesehenen Jäger und Kämpfer der Big Cat Band der Sioux, bricht das Jagdfieber aus, die Jahreszeit ist günstig, alles steht in voller Pracht, die Elk-, Hirsch- und Antelope- (Pronghorn-) Herden sind zahlreich, die Männer haben nach Tawahinkpayotas Ansicht genug Büffel in der Prärie gejagt, jetzt sollen mal die edleren Tiere an die Reihe kommen, die Band braucht feines Hirschleder für Zeremonien, die Damen brauchen Stachelschweinborsten und Elk-Zähne zur Schmuckherstellung. Tawahinkpayota lädt vier Freunde ein, Flying Bee, Black Hawk, Antler und Charging Bear. Nach leckerem Mahl und Canunpa-Rauchen weiht er die Männer in seinen Plan ein, etwa wie und von welchen Seiten man sich der Elk-Herde nähert, um möglichst lange unbemerkt zu bleiben, da gibt es so manchen Trick erfahrener Jäger. Vor allem soll die Jagd traditionell ablaufen – die Pferde bleiben außerhalb, die Männer nehmen nur Pfeil, Bogen und bestenfalls Messer mit, man geht den Elks also gewissermaßen auf Augenhöhe entgegen.
Trotz bester Planung ist einem das Jagdglück nicht immer hold. Die Elkherde ist nicht ganz allein an der Stelle, sondern von zahlreichen anderen Tieren durchsetzt. Als Flying Bee mit Tarnzweigen auf dem Kopf auf die Wapitis zuläuft, laufen aus der Richtung der anderen Tiere Charging Bear, Tawahinkpayota und Antler auf die Herde zu und schießen - aber die von überall aufgescheuchten Elks stieben donnernd davon. Ein weiterer Versuch wird ein paar Wochen später unternommen. Die Jäger haben wieder zwei große Herden entdeckt und ziehen dorthin in die Gegend von Smoky Hill. Inzwischen ist es Paarungszeit bei den Elks, und der prächtige, stolze Chief Hehaka, ein wahrer Monarch, bewacht seinen Harem, um zudringliche Rivalen zu vertreiben. Die Jäger beziehen wieder ihre Positionen, greifen aber nicht an, weil sie sich nicht sattsehen können an Hehaka und dem Schauspiel, wie vorwitzige Jungböcke, denen sich die Elkdamen interessiert nähern, von dem stolzen Herrscher zur Räson gebracht werden.
Und hier wechselt Ohíyesa doch wieder die Perspektive und versetzt sich in die tragische Situation des Herrschers. Im Gegensatz zu den fünf Sioux haben Yanktons in Unkenntnis der Situation die Herde attackiert, die entsetzt auseinanderstob, während der Chief sich ganz allein ins Gebirge rettete. Er kann seine Situation gar nicht fassen: Er, der Monarch, hat plötzlich sein Volk verloren. Aber er besinnt sich auf sich selbst: „To-morrow at sunrise my voice shall open the call upon the old elk hill!... If any buck should desire to meet me in battle, I am ready!”
Der einsame Herrscher frisst erstmal etwas und wandert dann herum, bis er auf einer Ebene im Tal tatsächlich wieder eine große Damenherde erblickt – natürlich bewacht von einem noblen Chief. Die rituellen Calls der beiden Elkmänner ertönen, der eine von oben, der andere von unten – Liebes- und auftrumpfende Anspruchsrufe, die dem jeweiligen Gegner signalisieren: ICH bin hier. Die fünf Sioux ahnen, welches Duell jetzt kommt und retten sich schleunigst auf die höchsten Bäume, und dann stürmen die Rivalen schon aufeinander zu, zwei gleichrangige Gegner, die ihre Köpfe aneinander stoßen, ihre Geweihe verhaken, einander auf die Knie zwingen und enorme Muskelkräfte einsetzen. Der Monarch setzt nach langem Kampf seine letzten Reserven ein und reißt dem Gegner die Seite auf, was der andere mit gleicher Wucht beantwortet. Tödlich verletzt, lassen sie voneinander ab und fallen nach wenigen Schritten zu Boden.
Die Damen verlassen fluchtartig die Stätte, während die Jäger herbei eilen, um die Kämpfer zu ehren. Der Monarch atmet noch, sein Gegner ist tot. Flying Bee hält seine gefüllte Pfeife dem Monarch entgegen: „Let thy spirit partake of this smoke, Hehaka!... May I have thy courage and strength when I meet my enemy in battle!” Die Männer streuen Tabak um die beiden Kämpfer, und Black Hawk nimmt eine der beiden Adlerfedern aus seinem Haar, um sie am Kopf des Monarchen zu befestigen. Zutiefst beeindruckt treten die Sioux den Rückzug zu ihren Tipis an – mit leeren Händen, ohne Jagdbeute.
The Challenge - die Herausforderung – thematisiert ein Tierschicksal, obwohl die Geschichte zunächst von Jägern zu handeln scheint. Ein dominierender Wapitibock verliert seinen Harem, und einfühlsam beschreibt Ohíyesa, dass dieses Pech einem Selbstverlust gleichkommt. In der Brunftzeit definiert sich der Elk als Herrscher, der mit seinen Brunftrufen, den Calls, seine Dominanz bestätigen muss. Er muss das auch einem Rivalen gegenüber, der das Gleiche von sich selbst durchsetzen muss. Es kann nicht anders enden als mit beider Tod. Die tief bewegten Indianer sehen in dem heldenhaften Kampf des „Monarchen“ ein Vorbild, und das ist mehr als Ausdruck von Anerkennung und Bewunderung – es ist eine Identifikation, verbunden mit der Bitte um dieselbe spirituelle Stärke, im Fall eines Kampfes den Tod nicht zu scheuen. Indianische Männer mussten mit solchen Situationen rechnen, um den Stamm, die Band, die Frauen und Kinder zu schützen. Die Bedingungslosigkeit dieser Mentalität erinnert an die Kaitsenko-Krieger der Kiowa, die an ihrem Platz stehen mussten, bis der Gegner besiegt war oder sie selber den Tod fanden. Die Erzählumg greift tief in traditionelles indigenes Selbstverständnis hinab.