Zu Ohíyesa "Red Hunters and the Animal People"

The Sky Warrior

 

Noch eine Geschichte, in der Tiere einem Menschen das Überleben sichern. Da ist das Adlerpärchen Hooyah und ihr Ehemann Wambelee (auf Lakota auch: Wanbli). Und da sind die Jäger Opagela und Matoska (eigentlich: Mato Ska = Weißer Bär), die sich auf Bären- oder Hirschjagd machen und auf das Adlerpärchen stoßen, das ebenfalls bei der Jagd ist. Wanbli hat sich eines Rehkitzes bemächtigt und sich auf dessen Rücken verkrallt, und Matoska zückt bereits Pfeil und Bogen, denn Indianer brauchen immer Adlerfedern. Aber Opagela stoppt ihn: „Das sind meine Freunde!“ Wanbli fliegt über sie hinweg, eine Bärenklaue, die an seinem Hals hängt, ist deutlich zu sehen, und Opagela beginnt zu erzählen.

 

Vor Jahren wurde er bei einem Kampf mit den Ute durch einen Knieschuss verletzt. Seine Gefährten trugen ihn zu dem Bach, der heute deswegen Wounded Knee heißt, aber da kam es zu einer War-Party mit den Crow, und Opagela wurde auf eigenen Wunsch dort gelassen, weil er glaubte, sich am Kampf beteiligen zu können. Aber tagelang lag der verletzte Warrior ohne Nahrung und Wasser im Gebüsch und glaubte sich bereits dem Tode nah inmitten einer Natur, die vor Leben und Nahrung nur so strotzte. Plötzlich sprang eine Hirschkuh über ihn hinweg. Von ihren beiden Kitzen wurde eines von einem riesigen Adler gepackt, bevor es sich retten konnte, und der Vogel begann seine Beute auch gleich zu verspeisen – Opagela kaute und schluckte bei jedem Bissen mit leerem Magen mit, bis er es nicht mehr aushielt und leise „hallo, Freund“ zu dem königlichen Vogel hinüberrief. Der setzte seine Herrschermiene auf und schien überrascht und empört. „Hallo, Freund“, fuhr Opagela fort, „es ist Zeit, einen sterbenden Krieger aufzumuntern…

 

Da erblickte der Adler ihn und ließ seine halb verzehrte Beute erschrocken los, so dass Opagela zu ihm herüber humpeln konnte. Adler sind hilflos, wenn sie eine große Beute gefressen haben, sie können dann für Stunden nicht fliegen, und sie sind auch nicht gut zu Fuß, sodass Wanbli mit ausgebreiteten Flügeln vor Opagela liegen blieb. Der band den Vogel mit weitem Lasso an einen Baum und machte sich über den Rest der Beute her, aber da beide den Ort nicht verlassen konnten, fingen sie an, sich aneinander zu gewöhnen: „Little by little we became friends.“

 

 Am zweiten Tag kam Wanblis Frau Hooya angeflogen und schimpfte heftig. Beim nächsten Mal versuchte sie, Opagela anzugreifen, aber der hatte seine Kraft zurück gewonnen und schwang den Bogen über seinem Kopf, so dass sie heftig flügelschlagend davonflog. Das wiederholte sich einige Male. Schließlich blieb Hooya in einiger Entfernung sitzen und beobachtete die Szene, wobei sie mit ihrer Gegenwart dem Ehemann Mut machte. Ein paar Mal kreiste sie über den beiden „Männern“ und rief Wanbli beruhigende Laute zu. Mittlerweile nahm der Adler Fleischstücke aus Opagelas Hand an – und die Brocken, die Opagela Wanblis Frau hinwarf, nahm auch Hooyah an.

 

Irgendwann konnte Opgela wieder jagen und kurze Strecken gehen, so dass er dem Pärchen erklärte, er müsse nun zurück zu seinen Leuten. Als Dank für die Lebensrettung und zur Besiegelung der Freundschaft hängte er Wanbli eine Bärenklaue aus seinem Halsschmuck um, Hooya erhielt eine kleine Männerfigur, die Opagela aus einem Hirschhuf geschnitzt hatte. Aber die Vögel wollten noch nicht fort, so dass Opagela jedem von ihnen zwei Federn entnahm und sich ins Haar steckte. Dann flogen sie weg, und Opagela machte sich auf. Auf seinem ganzen Humpelweg nach Hause kam Wambelee immer wieder vorbeigeflogen, um nach ihm zu sehen.

 

Matoska hat fasziniert zugehört. Aber, fragt er, wieso hast du so viele Adler getötet? – „Ich habe keinen einzigen getötet“, erwidert Opagela und berichtet von einer Jagdmethode, die auch bei Scott Momaday überliefert wird: Man gräbt ein tiefes Loch in die Erde, so dass man darin hocken oder stehen kann. Man fängt ein Kaninchen, versteckt sich in dem Loch, das mit Ästen und Zweigen zugedeckt wird, wobei das tote Kaninchen sichtbar darauf liegt. Wenn dann ein Adler die Beute fangen will und aufsitzt, packt man ihn von innen an den Beinen, zieht ihm zwei Schwanzfedern aus und lässt ihn wieder los – bei Momaday wird der Adler getötet. „Aber“, sagt Opagela, „so was macht man mit keinem Adler zweimal, beim zweiten Mal tricksen sie einen aus. Aber diese beiden – wir kennen einander, und ich habe die Geschichte niemand erzählt. Sag es nicht weiter.“

 

Zwei Dinge faszinieren an dieser kurzen Erzählung – die genaue Verhaltensbeobachtung und die ungewöhnliche Situation. Dass es sich nicht um blanke Fantasie handelt, wird aus dem Verhalten der beiden Tiere deutlich, dem Zögern von Wambelee, als er am Ende freigelassen wird, der Hartnäckigkeit von Hooyah, die ihren Partner in einer so verstörenden Situation findet und ihn zu befreien sucht. Einen wesentlichen Vertrauensschub gewinnt Wambelee sicherlich durch ein Detail – Opagela hält ihn an einem so langen Lasso, dass der Vogel selbst in der Fessel ein Kleintier erlegen kann. Obwohl hier der Mensch das Geschehen vorgibt, gehen die Vögel eine langfristige Bindung ein, ohne gezähmt zu werden. Dass die ebenso lose wie dauerhafte Beziehung etwas Besonderes ist, deutet sich durch Opagelas Bitte an, darüber zu schweigen. Mit dem Schweigen wiederholt sich auf nonverbaler Ebene das Geschehen – es ist eine geschützte, aber nicht eingeengte Beziehung zwischen gleichrangigen Lebewesen.