Ein strahlender Held, erbärmlich gescheitert
Franzobels Roman „Die Eroberung Amerikas“ über die Florida-Expedition Hernando de Sotos 1539-1543
Wenn jemals ein großes Unternehmen spektakulär scheiterte, dann die Expedition des spanischen Conquistadors Hernando de Soto (um 1500-1542) nach Florida. De Soto war wenige Jahre zuvor siegreich aus Peru nach Spanien zurückgekehrt, nachdem er zusammen mit Francisco und Hernando Pizarro praktisch das Inkareich unterworfen und beachtliche Reichtümer erworben hatte. Die Goldschätze der Inka und der von Hernán Cortéz unterworfenen Azteken waren weder den Eroberern noch dem spanischen Herrscherhaus genug, es galt, mehr zu entdecken, mehr Reichtümer zu finden, die Macht der Krone zu erweitern. De Soto ließ sich von Kaiser Karl V. mit der Erkundung und Unterwerfung Floridas beauftragen und brach mit einer ganzen Flotte, 800 Mann, 300 Pferden, Proviant und Waffen am 6. April 1538 nach Übersee auf. Er sollte nie mehr zurückkehren – er scheiterte grandios und starb noch während des ganzen mühseligen Unternehmens vier Jahre später am Mississippi.
Der österreichische Schriftsteller Franzobel, der sich 2017 bereits des Medusa-Floßes angenommen hatte, einer anderen ebenso spektakulären historischen Katastrophe, war von der Diskrepanz zwischen Anspruch und Ausgang so fasziniert, dass er wieder zur Feder griff und in die historischen Fakten einen barock ausufernden Roman wob. Je elender die Expeditionsteilnehmer sich zwischen Mücken, Alligatoren und feindlichen Indianern vorankämpfen, desto praller, unverblümter und, mit Verlaub, partiell geschmackloser wird auch Franzobels Literaturerzeugnis.
Grundsätzlich wird kaum eine Gelegenheit ausgelassen, Seemannsgarn, Gaunergeschichten, Familiendramen, Intrigen, Sex und Sadismus mit der Expeditionsroute zu verknüpfen. Und nicht genug damit, werden schon mal mitten im Kapitel nicht nur Schauplatz und handelnde Personen gewechselt, sondern gleich das Jahrhundert, so dass der Leser sich plötzlich in der New Yorker Anwaltskanzlei von Trutz Finkelstein wiederfindet statt in Havanna, wo de Sotos Gemahlin Isabella als Gouverneurin die Stellung hält. Übrigens heißt der ehrgeizige Goldsucher bei Franzobel eingedeutscht Ferdinand Desoto.
Nun kann kein Kritiker einem Autor ungebremste Fabulierlust vorwerfen, soweit sie sinnvoll ausformuliert wird. Daran kann man hier gelegentlich zweifeln und fragt sich grundsätzlich nach Franzobels Perspektive als Autor. Hatte der Mann seine Figuren, die historischen Ereignisse, seine Sprache immer im Griff? Was die Personen betrifft, so ist deren Anzahl beachtlich und eben noch überschaubar, wenn man sich die Mühe macht, sie zu notieren. Zwar kann man die beiden Gauner Bastardo und Cinquecento dank ihrer skrupellosen Tätigkeit im Kopf behalten und auch Desotos Neffen Juan, einen wohlgenährten Dominikanerpater, der in möglichst jedem unterworfenen Indianerdorf ein Kreuz errichtet und Taufen veranstaltet. Desotos Weggefährte Luis de Moscoso, genannt Mosquito, prägt sich wenig ein, auch die Umrisse von Juan de Añasco, genannt Plattnase, und die von Schatzmeister Hernández de Biedma verschwimmen im Lauf des Lesens so wie etliche andere. Aber dafür rankt sich um fast jede Person noch eine eigene Geschichte samt fernen Familienmitgliedern, und den Gipfel macht wohl der an orientalischen Märchenerzählern orientierte Elias Plim, der das Blaue vom Himmel herunterfantasiert.
Und da der Roman ja sozusagen ein Road Movie darstellt, weil der ganze Tross sich von Florida aus nordwestlich über die heutigen US-Bundesstaaten Mississippi, Arkansas und Oklahoma bis nach Texas und wieder zum Golf von Mexiko bewegt, kommen auf jeder Station die entsprechenden Indigenen und deren Führungspersönlichkeiten hinzu, wobei stets Beute gemacht wird, was Nahrungsmittel, Hunderte von Trägern und ortskundige Führer betrifft. Manch einer wie der Spanier Juan Ortiz, der als Indigenisierter im Einflussbereich von Häuptling Mokosso entdeckt wird, bleibt als Dolmetscher bei der Expedition. Und dann ist da noch ein weiterer Schauplatz auf Kuba, wo Desotos Frau Isabella mit dem indianischen Diener Julius Cäsar, Plantagen- und Sklavenbesitzer Vasco Porcallo, später auch mit der Inka-Prinzessin von Curicuillor lebt, der Schwester des ermordeten Atahualpa, die von Desoto eine Tochter hat und schließlich einen Sklavenaufstand anzettelt…
Eines muss man Franzobel zu Gute halten: dass er der Merchandise-Heldenverehrung, die entlang des mutmaßlichen Expeditionszuges als De-Soto-Trail heute blüht, die grauenvolle historische Realität entgegenhält. Desoto ging es nicht um Erkundung, sondern um Raub und Unterwerfung. Er zog mit seinen Leuten eine breite Spur von Gewalt, Verwüstung, Blut und Schrecken durchs Land. An jeder Station wurde den Indigenen das Requerimiento verlesen, die amtliche Bekanntmachung, dass sie jetzt Untertanen Kaiser Karls V. seien, dem sie Tribut und Gehorsam schuldeten. Die Indigenen begriffen schnell, was das bedeutete und wehrten sich, wobei sie grundsätzlich unterlegen waren, aber nicht ohne der Truppe empfindliche Verluste zuzufügen. Ein Desaster für beide Seiten wurde am 18. Oktober 1540 die Schlacht von Maubilia, wo der Kazike Tuscaloosa offenbar wusste, was ihm bevorstand, und Desoto in eine Falle lockte. Bei der ausbrechenden Feuersbrunst wurden fast alle Perlen vernichtet, die die Expedition anstelle von Gold zuvor hatte rauben können, bei neunstündigen Kämpfen kamen 3000 Indianer und 150 Spanier ums Leben, von den 800 Mann, mit denen die Expedition gestartet war, waren zu dem Zeitpunkt noch 500 am Leben.
Franzobel lässt mitunter im Bewusstsein der Spanier sekundenkurze Einsicht aufblitzen in die Verbrechen, die sie da begehen. Er lässt vor Beginn der Expedition in Kuba den Bischof von Nicaragua auftreten, der die Grausamkeiten des spanischen Vorgehens an Inkas und Azteken kritisiert, aber resigniert feststellt, auf welch verlorenem Posten er steht. Zu Beginn der Expedition ist Sklavenbesitzer Porcallo mit einem Versorgungsschiff noch dabei, um weitere Sklaven zu rekrutieren. Als er mit seinen Begleitern von bewaffneten Indianern aufgehalten wird, werden kurzerhand zwölf von ihnen getötet, nachdem sie über Jesus Christus und ihre Seelenrettung informiert wurden. Desoto wird gewarnt vor den Gefahren: „Unsere Mission ist gottgewollt. Mir kann nichts passieren.“ Mit Trompeten-Alarm, Fahnen, Schwertern und Kavallerie rücken die Spanier gegen armselige Dörfer vor, fühlen „Gott auf unserer Seite“, während Desoto sich bei Widerstand fragt: „Warum konnten diese Wilden nicht kooperieren? Wofür kämpften sie?“ Und: wo gibt es endlich das Gold?
Die offenbar anarchisch-barocke Mentalität des Autors Franzobel lässt es nicht bei der Schilderung grauenvoller und unappetitlicher Vorkommnisse, sondern schmückt die auch noch aus in einer kaum definierbaren Haltung aus Zynismus und Detailfreude. Immer wieder kippt Franzobels sprachmächtige Energie in metaphorischen Müll um, etwa als Bastardo auf Seite 229 einen Jungen um ein Haar erwürgt: „Da ging Ruben dazwischen… stieß Bastardo zu Boden und drückte sein Gesicht in den Staub, bis die Lippen spitz wurden wie ein mit Hämorrhoiden garnierter Hühnerarsch.“ Oder Seite 508, als der sterbende Rodrigo dem verblüfften Elias mitteilt, dass er sein Vater sei: „Elias war, als hätte er seinen Hoden auf eine Flasche gelegt, diese über ein Feuer gehalten und neugierig zugesehen, wie der Testikel hineingezogen wurde.“ Hä? Sie sind auf fast jeder Seite zu finden, diese Entgleisungen, und sie lassen den Leser kopfschüttelnd zurück.
Franzobel: „Die Eroberung Amerikas“, Roman nach wahren Begebenheiten, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2021, 543 S., ISBN 978-3-552-07227-5
6. Dezember 2025 Copyright Christel Heybrock