Indianer, die großen Unbekannten

 

Sechs Autoren plädieren für „Winnetou. Karl May in kritischen Zeiten“

  

Da kochen Emotionen auf mehreren Seiten schon mal hoch: Kulturelle Aneignung! Siegerarroganz! Entwürdigung indigener Völker! Soll man Karl Mays „Winnetou“-Bücher heute noch lesen? War sein edler Apachenhäuptling nichts als ein von christlich-weißer Fantasie geschaffenes Konstrukt, waren Karl Mays Indianer nur eine Utopie als Gegenwelt zur eigenen, in der man sich nicht mehr  wiederfand?

 

Sechs Autoren haben in einem Sammelband eine Klarstellung im Zeitalter woker Verbissenheit versucht, aber das Unternehmen ist allzu heterogen ausgefallen, als dass die Grundlinie einer Verständigung gezogen worden wäre. Zwei Autoren – Kunstpädagoge Andreas Brenne und Publizist Klaus Farin - stellen die Winnetou-Romane als herausragende Beispiele optimal recherchierter Unterhaltungsliteratur heraus, geschrieben von einem Autor, der sich zutiefst mit seinen ungewöhnlichen Figuren identifizierte und stets für deren Rechte in der Realität einstand. Für illegale kulturelle Aneignung gibt es da kaum eine Grundlage.

 

Zwei weitere Autoren – die Karl-May-Forscher Gunnar Sperveslage und Johannes Zeilinger – verlassen Karl Mays Indianer-Ebene und widmen sich seinen fiktiven orientalischen Reiseromanen, und da das Problem kultureller Aneignung in Bezug auf die Kulturen afrikanischer und islamischer Länder ja gänzlich anders liegt, sollten sie aus der Diskussion eigentlich ausgenommen werden. Herausgeberin Gabriele Haefs gar ist als Nordistin und Übersetzerin skandinavischer Sprachen noch weiter von Indianern entfernt, auch wenn sie das abenteuerliche Narrativ erwähnt, die Mandan-Indianer (verwandt mit der Sioux-Sprachfamilie), seien aus Wales oder Island nach Nordamerika eingewandert.

 

Fast gänzlich auf Karl May verzichtet jedoch Ethnologe Christian Feest, Autor zahlreicher Publikationen über die indigenen Nationen Nordamerikas. Sein Beitrag liest sich wie eine haarsträubende historische Anekdotensammlung über die Wahrnehmung von Europäern bezüglich der fremden „Wilden“ – und eine fundamentale Fremdheit setzt sich ja bis heute fort, eine Fremdheit, die tiefere Ursachen hat als die grauenvolle, fünfhundertjährige Unterwerfung. Wenn man als weißer Leser Feests Beitrag verinnerlicht, möchte man sich am liebsten hinter einer Mauer verstecken, um die niederschmetternde Kontinuität der Miss- und Halbverständnisse, des millionenfachen weißen Fehlverhaltens,  der heuchlerischen Missionierungsversuche und der hochstaplerischen Nachahmungen für immer aufzugeben.

 

Und was einen grundsätzlich an diesem Buch wundert, ist die Tatsache, dass indigene Autoren selber zwar einige Male kurz zitiert, aber offenbar nie zu eigenen Beiträgen eingeladen wurden. Warum fragt niemand die Leute selber, was sie über Winnetou als deutsche Idealfigur eines „Nobel Savage“ denken? Was sie über das spezielle Verhältnis der Deutschen zu „Indianern“ denken? Was dabei wohl heraus käme?

 

Höchst wahrscheinlich eine Vielfalt einander für- und widersprechender Stimmen. Die kolonialen Verletzungen sind existenziell und werden in Jahrhunderten nicht vergessen, Karl May hin oder her. Die „Indianer“ lehnen die Begriffe „Native Americans“ oder „Indigenous Peoples“ eigentlich alle ab und möchten als Nationen benannt werden so wie die Europäer als Italiener, Ungarn oder Deutsche. Die „Indianer“ wissen zugleich, dass die Weißen ihnen nicht nur Land, Kultur, Sprache, Ethik geraubt haben – sondern dass es auch Weiße waren und sind, die etwas von den verschwundenen Werten bewahren können. Was wüssten wir von Black Elks Großer Vision ohne die Aufzeichnung John Neihardts? Was von Charles Eastman, ohne dass er das Trauma einer weißen Schule durchgemacht und dass seine weiße Frau (wie angemessen auch immer) seine Texte redigiert hätte? Was von dem Lakota-Schamanen John Fire Lame Deer ohne Richard Erdoes?

 

Als Weißer, der Indianern zugetan ist und sich für sie einsetzen möchte, gibt es dennoch keinen Grund zu übertriebenem Selbstbewusstsein. Denn die Frage, was man als Weißer denn imstande ist zu verstehen von den „Anderen“, ist gar nicht zu beantworten. Man kann sich nur selber sagen, dass man nicht gänzlich weiß, was man da versteht, weil man in eine andere Person nicht hineinschlüpfen kann. Es muss einem Weißen zu denken geben, dass in John Neihardts Black-Elk-Aufzeichnungen just die Passagen am intensivsten und überzeugendsten wirken, die im wörtlichen Transkript nicht enthalten sind, die der große Seher also nicht gesagt hat.

 

Andererseits: was ist es denn, was Weiße - und vielleicht vor allem Deutsche, auch den Autor Karl May – an „Indianern“ faszinierte? Was wir als tiefe, vielleicht doch in uns selbst verankerte Wahrheit empfinden, tatsächlich als Gegenbild zu der zerfallenden weißen Zivilisation? Ist der finnische Historiker Pekka Hämäläinen einer Suggestion zum Opfer gefallen, wenn er die Lakota-Spiritualität als einzigartig empfindet? Sind indigene Selbstäußerungen wie die von Chief Dan George über die Notwendigkeit der Liebe oder großer Schriftsteller wie Joseph Marshall III über das Geschenk des Schweigens, wie die von Leslie Marmon Silko oder Scott Momaday über die Kraft von Mythen und Zeremonien – sind sie Täuschungen, denen wir auf den Leim gehen? Oder sind sie die letzten Wahrheiten, die der Menschheit noch zur Verfügung stehen?

 

Ich kenne die Bibliothek von Karl May nicht, ich weiß nicht, welche Autoren ihm Ethik und Spiritualität von „Indianern“ nahegebracht haben und wie zuverlässig sie waren. Aber viele seiner Äußerungen deuten trotz seiner Qualität als bloßer Unterhaltungsautor darauf hin, dass er verstanden hat, was wir verstehen sollten: Dass diese andere, die Gegenwelt einmal existiert hat und dass sie immer noch latent da ist in indigenen Menschen. Dass sie begonnen haben, sich zu erinnern an sich selbst. Dass die Widerständigkeit von AIM (American Indian Movement) nicht auf die sechziger, siebziger Jahre beschränkt war. Dass indigene Menschen Wege finden werden, ihre Werte von neuem zu verankern in einer anderen Welt, aber dass es nicht hilfreich ist, sich als Weiße da hineinzumogeln, sei es durch Esoterik oder durch Kostümfeste. War es Tommy Orange, der meinte, letztlich sei es egal, ob ein Indianer sich in der Prärie oder auf dem Asphalt einer Metropole befände? Schließlich sei die Erde ja nicht weg. Indigene stellen nur noch zwei Prozent der amerikanischen Bevölkerung, aber: „We are still there“ – Europäer jedoch sollten nur zuhören und respektieren, was sie vielleicht nie ganz verstehen, ganz gleich, wie nah sie sich den "Anderen" manchmal auch fühlen.

 

Herausgeber Klaus Farin und Gabriele Haefs: „Winnetou. Karl May in kritischen Zeiten“, mit einer Einführung von Klaus Farin, mit Beiträgen von Christian Feest, Andreas Brenne, Johannes Zeilinger, Gunnar Sperveslage und einem Nachwort von Gabriele Haefs, Verlag Hirnkost, Berlin 2025, 231 S., zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-98857-045-1

 

3. Dezember 2025                  Copyright Christel Heybrock