Die Fakten von Kolonialisierung und Widerstand

 

 

Christian F. Feest:      „Das rote Amerika. Nordamerikas Indianer“

 

 

Es ist fast 50 Jahre her, seit das Buch des österreichischen Ethnologen Christian F. Feest erschien und deutschsprachigen Lesern die Geschichte der amerikanischen Urbevölkerung vor Augen führte: Aus den einst vitalen Völkern wurden im Verlauf der gewaltsamen Eroberung des Kontinents Entrechtete, in Reservate Abgedrängte und politisch Vergessene. Nun sind 50 Jahre eine lange Zeit, und inzwischen hat nicht nur Feest weitere Publikationen verfasst, sondern es haben auch Historiker wie der Finne Pekka Hämälainen und der Schweizer Aram Mattioli sich der Geschichte und Gegenwart der indigenen Nationen Nordamerikas angenommen und deren Resilienz konstatiert.

 

 

In USA wie in Europa hat sich durch diese Publikationen aber nicht viel verändert. Befinden sich die Natives in USA weiterhin in sozialem Abseits und politischer Irrelevanz, so sind sie in Europas breiter Öffentlichkeit praktisch kein Thema. Wird über das Ringen nach sozialer Gerechtigkeit vonseiten der schwarzen Bevölkerung immer mal berichtet, so scheint es in Medien, die gelegentlich über Amerikas Landschaftsschönheiten berichten, als gäbe es überhaupt keine Indianer und als wären sie auch nie existent gewesen.

 

 

Davon ausgenommen sind indianerspielende Kinder, Karl-May-Festspiele und ein paar empathische, nun ja: Spinner, die Hilfsprogramme aus der Alten Welt in die Neue schicken und die Natives zumindest mental etwas stärken. Feest stellt in seinem Buch durchaus auch die Frage, woher die immer noch vorhandene Indianer-Bewunderung von Leuten kommt, deren Vorfahren doch am Untergang dieser Menschen mitgewirkt haben – jaja, der „edle Wilde“ spielt da wohl eine Rolle, die insgeheim auch etwas belächelte moralische Überlegenheit der roten Menschen über das wenig moralische Verhalten der weißen. Feest geht diesem Fragenkomplex hier aber nicht auf den Grund.

 

 

Überhaupt ist sein Buch nicht unbedingt tiefschürfend, was Mentalität und spirituelle Bindungen der Natives betrifft. Dafür liefert es Fakten, zu denen man sonst keinen einfachen Zugang hat: Dokumente, politische Entscheidungen, Statistiken über soziale und arbeitsrechtliche Bedingungen, über Gesundheitswesen, Berufsaussichten, juristische Gegebenheiten, Einrichtungen weißer Machtausübung wie das berüchtigte Bureau of Indian Affairs (BIA) und andere Maßnahmen zur Erschwerung und Unterdrückung akzeptabler Lebensbedingungen. Allein die Literaturliste ist mehr als 30 Seiten lang.

 

 

Und was Feests Buch vollends unverzichtbar macht, sind die Schilderungen indianischen Widerstands in den sechziger/siebziger Jahren, die er hautnah miterlebt hat – die Besetzung der einstigen Strafinsel Alcatraz vor der Küste von San Francisco 1969 und des Dorfes Wounded Knee 1973. Alcatraz, ein praktisch unbewohnbares Felseneiland, sollte ein Stück Indian Country werden. Die roten Rebellen beriefen sich dabei sarkastisch auf ihr „Entdeckerrecht“ und boten den weißen Behörden sogar einen Kaufpreis an, nämlich wie einst die Holländer beim „Erwerb“ von Manhattan: 24 Dollar in Glasperlen und Tuchstoff. Darüber hinaus sollte für die Weißen ein Reservat errichtet werden, beschützt durch ein „Bureau of White Affairs“, und man stellte ihnen die „Unterweisung  in indianischer Lebensart und Religion in Aussicht, um die Weißen aus ihrer barbarischen und unglücklichen Situation zu befreien.“

 

 

Da möchte man doch heute noch den Natives zurufen: Leute, mitákuyepi, wo seid ihr denn, so was hat doch immer noch Potential?! Aber ach, Alcatraz ist wie die Besetzung von Wounded Knee an allen möglichen Umständen gescheitert, nicht zuletzt daran, dass die felsige Gefängnisinsel so ungemütlich zum Leben und Wohnen ist. Und die Welt hat sich seither mehrmals verändert. Indigene Menschen sind außerhalb der Reservate in scheinbarer Assimilierung erfolgreiche Wissenschaftler, Künstler und Wirtschaftsleute geworden, während ihre Stammesgenossen abseits der Städte an Krankheiten, Hunger, Kälte und sozialer Stagnation leiden - bei Jugendlichen ist die Selbstmordrate in den Reservaten erschreckend hoch.

 

 

US-Präsident Joe Biden hatte vielerorts indigene Rechte gestärkt, die Rückgabe von Land ermöglicht und überhaupt Aufmerksamkeit auf indigene Bedürfnisse   gerichtet – Verbesserungen, die unter der Trump-Regierung systematisch rückgängig gemacht werden. Will man Feests Buch, das keineswegs überholt ist, eine Schlussfolgerung entnehmen, dann ist es eine, die sich offenbar ständig fortsetzt: Der Umgang der Weißen mit den indigenen  Nationen ist auf breiter Basis böswillig, arrogant und inkompetent geblieben.

 

 

463 S. mit Namens-, Sachregister und Bibliographie, Europaverlag Wien 1976, ISBN 3-203-50577-0

 

 

27. April 2025 Copyright Christel Heybrock