Verschrobener Mix aus Fakten und Fantasie

 

 

James Fenimore Cooper „The Last of the Mohicans, Deutsch „Der letzte Mohikaner“

 

Die fünf Lederstrumpf-Romane von James F. Cooper faszinieren seit ihrer Erstpublikation. „Der Letzte Mohikaner“ erschien 1826 und liegt in diversen deutschen Übersetzungen vor, die früheste von Leonhard Tafel 1841. Die von mir benutzte Ausgabe ist eine Übersetzung von C. Kolb (wer auch immer das sein mag), die von Rudolf Drescher bearbeitet wurde, offenbar einem Heimat- und Familienschriftsteller des 19. Jahrhunderts. „Der letzte Mohikaner“ ist Band 2 der fünf Bände, und wenn das Interesse bis heute anhält, dann vor allem wegen der „spannenden“ Kampfszenen zwischen konträren Gegnern, zum Beispiel Briten und Franzosen, die im Zuge des Siebenjährigen Krieges auf amerikanischem Boden Indianervölker auf der einen und anderen Seite hineinzogen.

 

Wahrscheinlich ist „Der letzte Mohikaner“ ohne Bearbeitung (vor allem als Jugendbuch) heute kaum noch genießbar. Die mir vorliegende Ausgabe erschien zwar in geringfügig ferner Vergangenheit, atmet aber so sehr die Verankerung im 19. Jahrhundert, dass man nur den Kopf schütteln kann. Die Verschrobenheit des Denkens, der umständlich gedrechselte Satzbau, sie fordern einem heutigen Leser zumindest Geduld ab. Auch gutwillige Leser haben es schwer, in die Handlung hineinzufinden, ich musste das Buch zweimal lesen, um überhaupt die Personen zu identifizieren. Die Bezeichnungen „der Kundschafter“, „Hawkeye“, „La Longue Carabine“, „der alte Weidmann“ und „Natty Bamppo“ stehen alle für den Trapper Lederstrumpf, ohne dass einem das je erklärt würde, auf den ersten Blick fragt man sich, wo da schon wieder eine neue Person herkommt und wie man sie einordnen müsste. Mit anderen Figuren geht es einem nicht viel besser.

 

Zwar gründet Coopers unerschütterlicher Ruhm auf der Tatsache, dass er einer der ersten amerikanischen Autoren überhaupt war und offenbar der erste, der aus der Indianerthematik Geschichten machte. Zwar gilt er als Klassiker, aber man sollte seine literarische Qualität nicht mit der eines wirklich großen Autors verwechseln. Seine Personenzeichnung ist auch abgesehen von der Namensverwirrung zweitklassig. Um überhaupt Personen zu charakterisieren, setzt Cooper auf deren äußere Gegensätze statt auf innere Konflikte. Da ist der rüstige alte Munro, schottisch gebürtiger Kommandant des britischen Forts William Henry. Sein hinsichtlich Anschaulichkeit äußerster Gegensatz besteht in dem skurrilen Prediger und Psalmensänger David Gamut. Am eklatantesten versagen Coopers Charakterisierungskünste bei Frauenfiguren – da brauchte es wie bei einem Groschenautor hier die schwarzlockige Kora als Gegensatz zu der ätherisch zarten, blonden Alice. Na, und was für ein Kontrast zwischen dem brutalen Huronenscheusal Magua (auch „Le Renard Subtil“ genannt) und seinem Widerpart, dem edlen, in sich ruhenden Mohikaner Unkas!

 

Manche Leser fühlen sich womöglich angesprochen von der detaillierten Schilderung indianischen Lebens besonders gegen Ende, wo es um die Begräbniszeremonie von Unkas und Kora geht. Aber wie leb(t)en die Indianer wirklich – Cooper hatte kaum eigene Kontakte. Als „Der letzte Mohikaner“ erschien, warf ein gewisser Giacomo Beltrami ihm ein Plagiat vor. Beltrami hatte 1823 einige Monate bei den Sioux gelebt und 1824 das Buch „La découverte des sources du Mississippi“ publiziert - Cooper hat offenbar wörtlich daraus abgeschrieben. Noch dazu war Cooper weit entfernt von einem objektiven Verständnis indianischer Verhaltensweisen, aus heutiger Perspektive sind viele seiner Formulierungen über die „Wilden“ (womit meist die Huronen als Gegner der Mohikaner gemeint sind) einfach rassistisch.

 

Bei aller Kritik sollte man aber Coopers wirkliche Stärken nicht verschweigen. Die liegen einmal in Schilderungen unberührter Natur und deren topographischen Gegebenheiten, als da sind dichter Baumbewuchs, Seen, bewaldete Bergzüge, Abhänge, fester oder feuchter Waldboden… alle diese Dinge sind wichtig für das Aufspüren von oder Verstecken vor Gegnern, Natur wird nur scheinbar um ihrer selbst willen beschrieben. Richtig Talent hat Cooper nämlich da, wo es um Kampfhandlungen geht, da wird jeder Schuss, jede Deckung, jeder Treffer detailliert als Teil kämpferischer Strategie auf beiden Seiten beschrieben.

 

Ganz komprimiert wird das gegen Ende, als Kora, bedrängt von dem Huronen Magua, kniend auf einem Felsvorsprung ihren Tod ersehnt. Der sie schützen wollende Unkas springt von oben herab, um Magua zu attackieren, als ein Kampfgefährte Maguas Kora erdolcht – warum? Damit agiert er gegen die Intentionen seines Häuptlings, der Kora zur Frau begehrt…. Magua stürzt sich denn auch auf seinen eigenen Mann, Unkas trennt die beiden, liegt aber am Boden, so dass Magua ihm das Messer in den Rücken stoßen kann. Unkas steht dennoch auf und tötet nun Koras Mörder. Magua ersticht darauf den nicht mehr kampffähigen Unkas (den als Sohn von Häuptling Chingachgook letzten Mohikaner) und versucht über das schwierige Berggelände zu fliehen. Als Hawkeye ihn anschießt, stürzt er in den Tod, womit auch die Huronen ihren Häuptling verloren haben. Es ist eine kurze Textpassage, bei der sich Coopers Meisterschaft in diesem Genre zeigt.

 

In verstörendem Kontrast dazu stehen Passagen, die auf Kampf-Choreographien folgen und sich zwischen den Schwestern Kora und Alice abspielen: „Ihr Gebet war innig und still, die Opfer ihres edlen Gemüts brannten hell und rein auf den geheimen Altären ihrer Herzen, und ihre neu belebten irdischen Gefühle drückten sich in langen, glühenden, wenn auch sprachlosen Liebkosungen aus.“  Du liebe Güte.

 

Worum geht es überhaupt in dem Roman? Cooper bezieht sich partiell auf historische Ereignisse wie das Ringen zwischen Briten und Franzosen um das britische Fort William Henry im Jahr 1757 an der heutigen kanadischen Grenze. Bedrängt von französischen Truppen unter Louis-Joseph de Montcalm hat der britische Kommandant George Munro durch einen Boten Verstärkung von General Webb angefordert, der mit 5000 Mann im etwas entfernten Fort Edward stationiert ist. Die Franzosen haben den Boten auf dessen Rückkehr abgefangen und setzen nun nach allen Formen diplomatischer Höflichkeit den bedrängten Munro der Situation aus, dass die Verstärkung abgelehnt wurde und Montcalm sein Fort besetzen wird. Munro befiehlt den Abzug, nachdem er noch den tapferen jungen Major Heyward Duncan mit dem Schutz seiner beiden Töchter beauftragt hat. Die Franzosen sind jedoch mit den aggressiven Huronen verbündet (die Briten mit den zivilisierten Delaware=Mohikanern) und können nicht verhindern, dass beim Abzug die „Wilden“ ein tatsächlich historisch verbürgtes Massaker mit mehreren Hundert Toten anrichten.

 

Nur teilweise historisch sind Munros Töchter Kora und die zarte Alice, in die Duncan verliebt ist – Cooper entnahm das Motiv dreier von Indianern entführter junger Damen von mit ihm befreundeten Siedler-Familien, ein Ereignis, das viel später stattfand, aber Cooper wohl als Kontrast zu seinen Kampfszenen faszinierte. In den Wirren des Massakers und der Fluchtversuche bemächtigt sich der Huronenchief Magua der beiden Munro-Töchter – er hat ein Auge auf Kora geworfen und will sich durch eine Verbindung mit ihr an Munro rächen, der ihn einmal misshandelt hat. Kora lehnt ihn natürlich ab, kann aber die Entführung nicht verhindern. Die Handlung besteht danach hauptsächlich darin, dass Chingachgook, Unkas, Hawkeye und Major Duncan die beiden Mädchen suchen, bei denen sich auch der seltsame Prediger und Sänger David Gamut befindet.

 

Irgendwann taucht Gamut zufällig bei dem Suchtrupp auf und berichtet, Kora und Alice seien getrennt, Kora sei zu einem benachbarten Volk gebracht worden, aber Alice befinde sich im Huronendorf in der Nähe. Duncan beschließt einen tollkühnen Auftritt in diesem Dorf und tritt als Heiler zusammen mit David bei den Huronen auf. David  gilt bei den Huronen als „heiliger“ Irrer und wird überall akzeptiert, so dass auch Duncan unbehelligt bleibt. Im Dorf kommen derweil Huronen mit zwei Gefangenen von einem Kriegszug zurück – die Gefangenen sind Unkas und ein Hurone, der sich zuvor schuldig gemacht hat und mit einem Messer getötet wird, während Unkas der Marter vorbehalten bleibt. Und dann schwingt sich Cooper zu ganz großem Kino auf.

 

Ein Hurone bittet den „Heiler“ Duncan zur Frau seines Sohnes, die todkrank in einer Höhle darniederliegt. Duncan, der Chief und  ein irgendwie auftretender zahmer Bär gelangen durch ein System von Gängen zu dem Höhlenraum, wo die Kranke liegt, umringt von Frauen nebst David, der weiß, wo im selben Höhlensystem sich Alice befindet. Es stellt sich heraus, dass in dem zahmen Bären niemand anderes als Hawkeye steckt – der hat in nullkommanix einfach mal eben einen Bären getötet, ausgeweidet, den Balg präpariert und als Kostüm hergerichtet. Darin bewegt er sich dermaßen bärengemäß, dass nicht mal die kenntnisreich-misstrauischen Huronen etwas merken, anscheinend finden sie plötzlich auftauchende zahme Bären völlig normal.

 

Aber es kommt noch toller. Duncan hat Alice gefunden und ist noch in einer keuschen Szene an ihrer Seite, als unerwartet Magua auftaucht. Mit einer Drohung will er die Höhle  verlassen, wird aber vom „Bären“ daran gehindert und findet sich schließlich am Boden, gefesselt und geknebelt von Hawkeye und Duncan. Die beiden verlassen zusammen mit Alice mithilfe von Tricks und Lügen das Bergsystem. Duncan plant, Alice zu den Delaware zu bringen, während der „Bär“ bei den Huronen bleiben will, um den bedrohten Unkas zu retten. Und in Unkas` einsamem Gewahrsam treibt Cooper die Unwahrscheinlichkeiten auf die Spitze. Unkas klettert ins Bärenkostüm und Hawkeye tauscht die ungewöhnliche Kleidung des Psalmensängers David mit seiner eigenen, während in Hawkeyes Trapper-Outfit David allein zurück bleibt – in der Hoffnung, dass ihm schon nichts passieren wird, wenn die Huronen ihn entdecken. Und tatsächlich können Hawkeye und „Bär“ Unkas unbehelligt das Dorf verlassen, der Tumult bricht aus, als sie in Sicherheit sind. Magua wird vermisst – und schließlich in den Höhlen gefunden. Lärm. Durcheinander. Racheschwüre. Etwa zwanzig Huronen ziehen los gegen die Delaware und holen sich noch spirituelle Stärkung am Biberteich, nicht ahnend, dass in einem der Biber Chingachgook steckt.

 

Soweit Coopers Kostümfest. Zwischen Verfeindung und Verbrüderung von Huronen und Delaware zieht er im Folgenden etliche verwirrende Fäden, in deren Verlauf der etwas altersdemente Delaware-Chief Tamenund die Ehe zwischen Kora und Magua befiehlt und Hawkeye und Duncan gefesselt werden. Unkas gilt bei seinem eigenen Volk offenbar als Spion der Weißen und wird der Menge zur Marter überlassen. Als man ihm die Kleidung herunterreißt, zeigt sich sein Schildkröten-Tattoo, spirituelles Zeichen aller Delaware-Stämme, und die Situation kehrt sich um. Was bleibt, sind Maguas Ansprüche auf Kora, die er schließlich mitnimmt. Auf den nächsten 20 Seiten ist nun richtig Krieg zwischen Huronen und rund 200 Delawaren, die sich strategisch über verschiedene Stellen in der Wildnis aufteilen. Sie nähern sich schließlich einem Sieg, bis es zu der zuvor beschriebenen tödlichen Szene am Felsabhang mit Kora, Magua und Unkas kommt.

 

Ein für Coopers Mentalität erstaunliches spirituelles Detail schält sich dem Leser erst auf den zweiten Blick aus dem Kampfgetümmel – Unkas` nie erklärte, aber fundamentale Verbindung mit Kora. Den an Koras und Unkas` toten Körpern trauenden Delaware-Mädchen ist das aber völlig klar, und sie wünschen den beiden in der anderen Welt eine glückliche Gemeinsamkeit. Bleibt noch der alte Chief Tamenund, der das Geschehen prophetisch schließt: „Die Blassgesichter sind Herren der Erde, und die Zeit der Rothäute ist noch nicht wiedergekommen. Mein Tag ist zu lang gewesen.“

 

Die Schwächen und der kämpferische Drive von Coopers Roman haben „Bearbeitungen“, viele in Form von Spielfilmen, immer wieder herausgefordert, auch weil die Adapteure sich relativ frei fühlen und eigene Geschichten fantasieren konnten. Die Spannweite zwischen frühen Stummfilmen und aufwändig blutigen Produktionen wie 1992 dem Film von Michael Mann mit Russell Means, Wes Studi und Eric Schweig enthält auch liebevoll gemachte Familienserien wie die von 1994 mit Lee Horsley als Hawkeye und Rodney Grant als Chingachgook. Und die Geschichte vom letzten Mohikaner ist damit sicher nicht am Ende.

 

James Fenimore Cooper: „The Last of the Mohicans“, Deutsch „Der letzte Mohikaner“, in der Bearbeitung der Übersetzung von C. Kolb u. a. durch Rudolf Drescher, mit Illustrationen von O. C. Darkley und einer Nachbemerkung von Peter Härtling, 455 S., Insel Taschenbuch 1584, Ffm. 1993, ISBN 3-458-33284-7

 

 

6. Februar 2025                Copyright Christel Heybrock