Wenn Systeme zusammenbrechen…

 

Waubgeshig Rice: „Mond des verharschten Schnees“ (“Moon of the Crusted Snow“)

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Dass der Winter im Norden Kanadas lang werden kann, wer könnte es sich nicht vorstellen? Aber für die einst aus dem Süden vertriebenen Anishinaabe-Indigenen wird dieser Winter nach Jahrzehnten der Vertreibung zu einer weiteren lebensbedrohlichen Herausforderung: Im (fiktiven) Reservat fällt der Strom aus, die Verbindung zur Außenwelt und damit die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten bricht zusammen, dafür schneit es ohne Unterlass, und es wird immer kälter. Die Gemeinschaft aus ein paar hundert Menschen muss rationieren, auf eigenen Verstand und vor allem auf Zusammenhalt setzen, um zu überleben: Sie muss sich auf fast vergessene traditionelle Werte besinnen, die ihnen vor der Kolonisierung durch die weiße Zivilisation das Leben gesichert hatten und es nun wieder tun müssen.

 

Das liest sich bis über die Mitte des kleinen Romans ruhig, ohne dramatische oder gar spannende Ereignisse, es gibt schöne, sehr präzise Beobachtungen der sich verändernden atmosphärischen Bedingungen, die Farben der Wintersonne im Schnee, die zunehmend verschneiten und schließlich vereisten Wege, der Zustand des Gemeindehauses, die Familie der Hauptfigur Evan Whitesky und seiner Frau Nicole mit den beiden Kindern, der Umgang der Menschen im Rez miteinander… das alles ist scheinbar recht konventionell erzählt – mit einem Manko an individueller Personenzeichnung, die über äußere Merkmale kaum hinwegkommt. Ein Manko, das erklärlich wird, wenn man berücksichtigt, dass es in dieser Geschichte keine kontroversen Zuspitzungen gibt, die aus dem individuellen Bewusstsein von handelnden Personen entstehen würden.

 

Und je länger man liest, desto fesselnder wird die Geschichte dennoch - dass „Indianer“ traditionell große Geschichtenerzähler sind, erweist sich auch hier. Als zwei Jungs, die in der nächst gelegenen Großstadt die Schule besuchten, plötzlich auf geklauten Schneemobilen im Reservat auftauchen und berichten, wird es klar: Der Zusammenbruch der Systeme beschränkt sich nicht auf das Reservat, sondern hat auch die Welt der Weißen getroffen. Das wird nur zu deutlich, als kurze Zeit später der grobschlächtige, dominant auftretende Weiße Justin Scott auftaucht und im Reservat aufgenommen werden will, weil er Hunger hat. Scott benimmt sich, wie Weiße von Indigenen wahrgenommen werden – aggressiv, undurchschaubar, gewalttätig. Obwohl ihm mit Misstrauen begegnet wird, gelingt es ihm, ein paar Indigene, die bereits zuvor den Halt verloren hatten, auf seine Seite und das Reservat in einige Unordnung zu bringen. Und Scott bleibt nicht der einzige Weiße, der im Reservat Hilfe sucht. Die Geschichte kulminiert, als Evan eines Tages in Scott eine Art kannibalistisches Ungeheuer erkennt.

 

Das Erzählen aus indigener Mentalität ist anders als das Erzählen weißer Autoren. Nur so viel: Dieser Winter dauert nicht „einen Monat“, sondern zwei Jahre. Viele Reservatsbewohner verhungern und erfrieren, aber viele, auch Evans Familie, überleben durch Rückbesinnung auf ihre jahrtausendealten Werte und ihre Sprache, durch Voraussicht, Ruhe und gegenseitiges füreinander Einstehen. Zum Schluss können Evan, Nicole und die Kinder das Reservat verlassen und sich weiter in die schützende Tiefe der kanadischen Wälder zurückziehen – sie haben den Norden in sich aufgenommen, obwohl sie einst andere Lebensräume gewohnt waren. Der Leser seufzt, nicht ganz erleichtert, und hofft, dass es in einer möglichen Realität trotz der vordringenden weißen Holzindustrie die schützende „Tiefe der kanadischen Wälder“ überhaupt noch gibt. Und als weißer Leser steht man auch wie Justin Scott vor einer möglichen Zukunft – nämlich irgendwann Schutz suchen zu müssen bei Indigenen, nachdem die weiße Zivilisation ihre eigenen Lebensräume zerstört hat. Indigenes Erzählen – das ist eine Besinnung auf die Vergangenheit und zugleich eine Beschwörung der Zukunft.

 

„Moon of the Crusted Snow“, Toronto 2018, aus dem kanadischen Englisch von Thomas Brückner, 220 S., Wagenbach Taschenbuch 842,  Berlin 2021, ISBN 978-3-8031-2842-3

 

19. November 2023       Copyright Christel Heybrock

 

When Systems Collapse...

 

 Waubgeshig Rice: *Moon of the Crusted Snow* 

 

It is easy to imagine how long winter can be in northern Canada. But for the Anishinaabe people—once driven from the south—this particular winter becomes yet another life-threatening challenge following decades of displacement. In the (fictional) reservation, the power fails, and the connection to the outside world—and with it, the supply of food and medicine—collapses; meanwhile, snow falls ceaselessly, and the temperature steadily drops. The community of a few hundred people must ration resources and rely on their own ingenuity—and above all, on solidarity—to survive. They must rediscover the almost-forgotten traditional values that sustained their lives before colonization by white civilization, and which must now do so once again.

 

For more than half of the short novel, the narrative unfolds calmly, devoid of dramatic or even suspenseful events. There are beautiful, precise observations of the shifting atmospheric conditions: the colors of the winter sun on the snow, the paths becoming increasingly buried in snow and eventually turning to ice, the state of the community hall, the family life of protagonist Evan Whitesky and his wife Nicole (along with their two children), and the way the reserve’s residents interact with one another. All of this is told in a seemingly conventional manner—albeit with a shortcoming in characterization, as the descriptions rarely go beyond physical traits. This flaw becomes understandable, however, when one considers that the story lacks the kind of contentious conflicts that arise from the individual inner lives of the characters.

 

Yet, the longer one reads, the more compelling the story becomes—proving once again that Indigenous peoples are, by tradition, great storytellers. When two boys who attended school in the nearest city suddenly appear on the reservation with their story (riding stolen snowmobiles), it becomes clear: the systemic collapse is not confined to the reservation but has struck the white world as well. This becomes all too apparent when, shortly thereafter, a crude, domineering white man named Justin Scott shows up, seeking refuge on the reservation because he is starving. Scott embodies the very traits Indigenous people often attribute to white people: aggression, unpredictability, and violence. Despite being met with suspicion, he manages to win over a few Indigenous residents who had already lost their way, throwing the reservation into disarray. And Scott is not the only white person to seek help there. The story reaches its climax when, one day, Evan recognizes Scott as a kind of cannibalistic monster.

 

Storytelling rooted in an Indigenous mindset differs from that of white authors. Suffice it to say: this winter lasts not just "a month," but two years. Many reservation residents starve or freeze to death, yet many—including Evan’s family—survive by reconnecting with their ancient values and language, and through foresight, composure, and mutual solidarity. In the end, Evan, Nicole, and the children are able to leave the reservation and retreat deeper into the protective embrace of the Canadian wilderness; they have internalized the North, even though they were once accustomed to different environments. The reader sighs—not entirely with relief—hoping that, in a possible reality, the protective "depths of the Canadian wilderness" still exist at all, despite the encroaching white logging industry. And as a white reader, one is also confronted with a future scenario akin to Justin Scott’s: the prospect of eventually having to seek refuge with Indigenous people after white civilization has destroyed its own habitats. Indigenous storytelling—it is a reflection on the past and, at the same time, an invocation of the future.

 

 

*Moon of the Crusted Snow*, Toronto 2018, translated from Canadian English by Thomas Brückner, 220 pp., Wagenbach Paperback 842, Berlin 2021, ISBN 978-3-8031-2842-3

 

November 19, 2023        Copyright Christel Heybrock

Translation by Google

 

 

 

Anishinaabe suchen ihr altes Zuhause

 

Waubgeshig Rice: „Moon of the Turning Leaves” (Deutsch: “Mond des gefärbten Laubs”)

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Waubgeshig Rice, ein kanadischer Anishinaabe-Autor, berichtete in „Moon of the Crusted Snow“ vom Ausfall aller zivilisatorischen Systeme, Strom, Lebensmittel, Transport, nichts funktionierte mehr, und ein eiskalter Winter sowie von Hunger ins Indianer-Reservat getriebene weiße Kriminelle verschlimmerten die Situation zusätzlich. In dem Buch „Moon of the Turning Leaves“ hat Rice die Geschichte fortgesetzt – überzeugender noch, dichter und spannender (beide Romane sind auch in deutscher Übersetzung erschienen). Fünf Großfamilien hatten damals das Reservat verlassen und sich in die Wälder nach Norden zurückgezogen. Zehn Jahre später scheint der Lebensraum dort aber nicht mehr zukunftsfähig, und Evan Whitesky, einer der Führer seit dem Reservat, berät sich mit Freunden, ob der Weg nach Süden nicht in die alte Vor-Reservat-Heimat führen könnte. Sechs Leute sollen das erkunden, sie starten im Frühsommer den rund 1000 Kilometer weiten Weg zum Lake Huron und wollen nach zwei Monaten zurück sein.

 

Sie ahnen nicht, wie gefährlich die Reise ist, Rice steigert das langsam, ohne in ein dramaturgisches Muster zu verfallen. In manchen Nächten wacht Nangohns, Evans‘ 15-jährige Tochter, durch ein Knacken unter den Bäumen kurz auf, ein paar Tage später ist es ein großer Bär, der sich über ihre Vorräte und den Rucksack von Evans Freund Tyler hermacht. Auch die Erde selbst hält Gefahren für die Waldläufer bereit – der erfahrene  J. C. gerät mit einem Bein so unglücklich in eine Felsspalte, dass er sich erschießt, um seine Gefährten nicht weiter aufzuhalten. Der Weg führt nicht nur durch Wälder und an Seen und Flüssen vorbei, sondern auch durch das verfallene alte Reservat und beklemmende postzivilisatorische Infrastruktur – überwucherte Straßen, menschenleere Ruinen, verwüstete Tankstellen, selbst Vögel scheinen die Orte zu meiden. Dennoch werden die Wanderer beobachtet und sogar beschossen - wie sich herausstellt, von Vertretern einer marodierenden weißen Organisation, die als sektenähnliches Netzwerk fungiert und sich wie die alten Siedler „ihr Land zurückholen“ will. In einer dieser Begegnungen wird Evan tödlich verwundet – erreicht aber mit den Gefährten noch die ersehnte Insel im Lake Huron, wo die Anishinaabe bleiben werden.

 

Rice erzählt das alles mit einer filmischen Präzision, aber auch entspannter Akzeptanz. Wer zu Beginn vermutete, die junge Nangohns werde als „starke, besondere Frau“ aufgebaut, sieht bald den Irrtum ein – es gibt keine Haupt- und Nebenfiguren, alle sind gleich wichtig, alle berühren gleichermaßen, weil alle unaufgeregt füreinander einstehen. Auch die Formen der Natur, die reißenden Flüsse, die felsigen Wege durch Gestrüpp, Hunger, Durst, Gefahren, sie sind literarisch gleichwertig, und der Leser identifiziert sich ebenso zwanglos wie intensiv mit allem. Zwei bewegende Szenen verliert man dennoch nicht aus dem Kopf: die Geburt eines kleinen Mädchens zu Beginn des Buches und Evans Sterben am Seeufer gegen Ende. Beides begleitet von liebevoller zeremonieller Einbettung, die das menschliche Leben als sinnvoll erscheinen lässt.

 

Indigene Autoren  erzählen anders – ohne hochgepuschte Dramaturgie, aber auch ohne philosophisches Grübeln.  Europäische Leser auf der Suche nach „Spannung“ müssen umdenken - die Wirklichkeit ist die Tiefe, sie erneuert sich wie die Flüsse, der Wind, wie Tage und Nächte.

 

-„Moon of the Turning Leaves”, 305 S., Random House Canada, Toronto 2023, ISBN 9780735281585

-“Mond des gefärbten Laubs", aus dem kanadischen Englisch von Thomas Brückner, 285 S., Wagenbach Taschenbuch 868, Berlin 2024, ISBN 978-3-8031-2868-3

 

24. März 2024                  Copyright Christel Heybrock

 

Anishinaabe Seek Their Ancestral Home

 

Waubgeshig Rice: *Moon of the Turning Leaves*

 

In *Moon of the Crusted Snow*, Canadian Anishinaabe author Waubgeshig Rice chronicled the collapse of all societal systems—power, food, and transport all failed—while a freezing winter and white criminals driven by hunger into the Indigenous reservation further exacerbated the crisis. Rice continues the story in *Moon of the Turning Leaves*—delivering a narrative that is even more compelling, richly textured, and suspenseful (both novels have also been published in German translation). Five extended families had left the reserve back then, retreating into the northern forests. Ten years later, however, that habitat no longer seems viable for the long term; Evan Whitesky, a leader since their time on the reserve, consults with friends about whether a journey south might lead them back to their ancestral homeland—the territory inhabited before the reserve system was established. A group of six sets out to scout the route in early summer, embarking on a journey of roughly 1,000 kilometers to Lake Huron with the aim of returning within two months.

 

They have no idea just how perilous the journey will be; Rice ratchets up the tension gradually, avoiding predictable dramatic tropes. On some nights, Nangohns—Evan’s fifteen-year-old daughter—is briefly roused by the sound of snapping twigs in the woods; a few days later, a large bear raids their supplies and tears into the backpack belonging to Tyler, a friend of Evan’s. The land itself also poses dangers to the travelers: J.C., an experienced woodsman, gets his leg trapped in a rock crevice so badly that he shoots himself to avoid holding back his companions. The journey leads not only through forests and past lakes and rivers but also through the dilapidated old reservation and oppressive post-civilizational infrastructure—overgrown roads, deserted ruins, and ravaged gas stations; even the birds seem to shun these places. Yet the travelers are watched and even fired upon—by members, as it turns out, of a marauding white organization that operates like a cult-like network and seeks to "reclaim its land," much like the early settlers. During one of these encounters, Evan is mortally wounded—though he and his companions do manage to reach the longed-for island in Lake Huron, where the Anishinaabe will make their home.

 

Rice narrates all of this with cinematic precision, yet also with a sense of calm acceptance. Anyone who initially suspected that young Nangohns was being cast as a "strong, special woman" soon realizes their mistake—there are no major or minor characters; all are equally important and equally moving, for they all stand up for one another without fanfare. The elements of nature—rushing rivers, rocky paths through the undergrowth—along with hunger, thirst, and danger, hold equal literary weight, and the reader identifies with everything as naturally as they do intensely. Two deeply moving scenes, however, remain etched in the mind: the birth of a baby girl early in the book and Evan’s passing by the lakeshore near the end. Both moments are framed by loving ceremonial acts that imbue human life with meaning.

 

Indigenous authors tell stories differently—without contrived dramatic tension, yet also without philosophical brooding. European readers in search of "suspense" must shift their perspective: reality lies in depth; it renews itself just as rivers, the wind, and the cycle of day and night do.

 

 

- "Moon of the Turning Leaves", 305 pp., Random House Canada, Toronto 2023, ISBN 9780735281585

- "Mond des gefärbten Laubs", translated from Canadian English by Thomas Brückner, 285 pp., Wagenbach Taschenbuch 868, Berlin 2024, ISBN 978-3-8031-2868-3

 

March 24, 2024     Copyright Christel Heybrock

Translation by Google