Ist Gott geographisch begrenzt?
Vine Deloria jr.: „Gott ist rot“
Schwierig, den Text zu kategorisieren. In den ersten Kapiteln vertritt der Religionsphilosoph und Politikwissenschaftler Vine Deloria jr. (1933-2005, Yankton-Dakota) vor allem die politischen Rechte der Indianer, und zwar mit messerscharfen Beweisen für das völlig inakzeptable, fundamental rassistische Verhalten der weißen Institutionen. Diese Partien waren seinerzeit im Rahmen der AIM (American Indian Movement) nötig und aufrüttelnd und sind es bis heute, denn viel geändert hat sich in der zunehmend gespaltenen amerikanischen Bevölkerung wohl nichts. Zu den großen Gefahren für die amerikanische Demokratie gehören damals wie heute das unterschiedliche Bildungsniveau und der mangelnde Zugang zu politischen Informationen – Halbbildung, der Ansturm von Mindbombs durch Werbung sowie Rassismus und Gewalt sind das Grundproblem der USA.
Halbbildung kann man Deloria nicht vorwerfen, wohl aber, dass er allzu viele Aspekte seiner religionsphilosophischen Auseinandersetzung ausschließlich auf amerikanische Erscheinungsformen christlichen Verhaltens bezieht – er scheint die europäische Ablehnung von christlichen Predigern wie Billy Graham und dessen bewusst erzeugter Massenhysterie nicht zu kennen. Aber zum Grad von Belesenheit des Autors gehört leider auch, dass er dem russischen Arzt und Psychoanalytiker Immanuel Velikovsky (1895-1979) auf den Leim ging, der die Kulturgeschichte der Menschheit zurückführte auf katastrophische und später vom kulturellen Gedächtnis wieder verschüttete Ereignisse. So erklärt Velikovsky den Niedergang neolithischer Völker im Nahen Orient und das Entstehen des Judentums durch kosmische Einwirkungen: Spekulationen über tollkühne Bahnverschiebungen von Mars und Venus sowie einen dadurch entstandenen, der Erde gefährlichen Kometen… diese Fantasien sind so hanebüchen und fern jeder astronomischen Realität, dass man darüber in schallendes Gelächter ausbrechen könnte. Deloria nahm das leider unreflektiert völlig ernst.
Wo man ihn selber ernst nehmen muss, ist seine Konfrontation von christlichen mit indianischen Werten, wenn man auch seine Auffassung nicht nachvollziehen kann, dass eine Religion zum Scheitern verurteilt sein müsse, wenn sie sich von dem geografischen Ort entfernt, an dem sie entstand. So sei das Judentum sinnvoll in einer Wüstenregion entwickelt worden (vom Islam ist keine Rede bei ihm), während das Christentum eine verhängnisvolle Entwicklung eingeschlagen habe, seit es sich auf den europäischen Kontinent und darüber hinaus verbreitet habe. Bei diesem Argument zeigt sich eben Delorias fundamentale und letztlich distanzlose Bindung an indianisches Denken, das seine Spiritualität aus dem realen Kontakt mit Land, Weite und Atmosphäre des amerikanischen Kontinents entwickelte. Die Gegensätze zum Christentum sieht er immerhin in einem unterschiedlichen Verständnis von Ort und Zeit.
Diese Gegensätze hätten sich viel schärfer heraus arbeiten lassen, wenn Deloria sich probehalber von indianischem Denken und seiner eigenen ortsbezogenen Mentalität hätte lösen können. Der Knackpunkt bei den gegensätzlichen Denkmustern besteht ja darin, dass Judentum/Christentum Unterwerfer-Religionen sind und dass vor allem das Christentum den biblischen Auftrag verfolgte, sich die Erde untertan zu machen. Dabei entstanden und werden bis heute fortgesetzt perfide Macht- und Unterwerfungskonstruktionen, die sich bis ins persönliche Verhalten der Gläubigen auswirken. Die Zeit-Bezogenheit christlichen Verhaltens äußert sich als Machtmechanismus im Zwang zu immer „Neuem“, zum Wert des „Neuen“ an sich, weil Ausbeutung und Unterwerfung ständig erneuert werden müssen: Sie werden nämlich aufgezehrt von denen, die ausbeuten. Diesen Zusammenhang sowie die christliche, durch Jesus gesühnte Sünde hätte man sich bei Deloria konturenreicher definiert gewünscht.
Aber gelungen ist ihm dafür die Schilderung der kosmischen Verbundenheit indianischen Denkens und die Realitätsbezogenheit indianischer Spiritualität. Da indianisches Denken keine Unterwerfung und damit keine Sünde kennt, ist Jesus hier nicht nötig. Gott als fundamentales Weltprinzip ist von indianischer Spiritualität, nicht aber vom Christentum erfasst worden, das seine zerstörerische Gottesauffassung mit Gewalt verbreiten musste. In Wahrheit also: „Gott ist rot“ – „in diesem Land“, fügt Deloria hinzu. Was meint diese Ortsbestimmung? Ist es nur ein Beharren darauf, dass auf dem nordamerikanischen Kontinent das Christentum im Grunde nichts zu suchen hat? Oder gibt es für Deloria letztlich doch keine Auffassung von einem grundsätzlichen Schöpferprinzip, bleibt Religion für ihn doch nur eine geografisch gebundene und damit keineswegs allgemeingültige Auffassung? Das widerspricht anderen indianischen Denkern, Medizinmännern und Weisen, die sich durchaus als Teil einer kosmischen Ganzheit bis hinauf zu den Sternen empfinden und sich bei aller Integration in „die Erde“ nicht als geografisch definiert betrachten. Mit etwas mehr analytischer Präzision hätte das ein tolles, erkenntnisreiches Buch werden können.
Vine Deloria jr., „Gott ist rot” („God Is Red“,1973), aus dem Amerikanischen von Anneliese Rudwaleit, Lamuv Taschenbuch 201, 191 S., Göttingen 1996, ISBN 3-88977-459-8
15. August 2025, Copyright Christel Heybrock