Missglückter Neo-Western
„The Bygone“ („In den Fängen des Wolfes“) USA 2019
Man hätte sich diese Story wirklich besser erzählt gewünscht – ruhiger, intensiver, konzentrierter. Regisseur und Drehbuchautor Graham Phillips packte in eine verworrene, von logischen Brüchen nur so strotzende Handlung alles hinein, was ihm so einfiel, vor allem viel Gewalt und Blut. Von der komplexen Situation in, ja wo? Angeblich in einem von Ölbohrungen durchsetzten Lakota-Reservat im mittleren Westen (gedreht wurde offenbar in Oklahoma, und zwar mit staatlicher Förderung).
Also in diesem einst von Indigenen bevölkerten Überall und Nirgendwo geht eine ehemals blühende Ranch aus dem Besitz einer indianisch-weißen Mischfamilie ihrem Ende entgegen. Der Bruder des Nochbesitzers, ein brutaler Fiesling, der sich mit Erinnerungsstücken an Indianerschlächter George Custer delektiert, hat die Ranch heimlich an das Bohrunternehmen verkauft, während sein Neffe, der das Erbe seiner indianischen Mutter gern erhalten hätte, damit beschäftigt ist, ein von Zuhältern misshandeltes Lakotamädchen zu retten - über die Identität der Hauptdarstellerin Sydney Schafer als Waniya ist außer ihrem Geburtsdatum 4. Juli 2001 in Las Vegas nichts zu erfahren. Die einzige gesichert indianisch besetzte Rolle ist die von Tokala Black Elk als Bear - auch Tokala Clifford – geboren 1984 als Sohn einer Lakota-Mutter im Reservat Pine Ridge.
Ein geschundenes, zerstörtes Land, dessen einstige Schönheit gelegentlich aufblitzt. Heruntergekommene, geschundene Menschen, brutal, gewissenlos, verroht – zwischen denen alte indianische Ethik und Solidarität manchmal erinnert wird, so bei Kip Summer (gespielt von Regisseur Graham Phillips) und seinem Freund Bear. Von der Komplexität der Situation zwischen sterbendem Familienunternehmen, der gnadenlosen Ölindustrie und dem darum herum blühenden Prostitutionsgewerbe war Phillips sichtlich überfordert. Bereits die Situation, dass die Polizei nach der von ihrem Zuhälter entführten Waniya sucht, ist einigermaßen unrealistisch – um vermisste Indianermädchen kümmern sich in USA weitgehend nur Familien- und Stammesangehörige, und auch die meist vergeblich.
Und dann findet der Sheriff auch noch heraus, zwischen welchen Pipeline-Rohren und in welchem Arbeitercamp sich Zuhälter und Mädchen befinden, und zum Schluss findet auch noch Kip heraus, in welchem unzugänglichen Folterkeller die an einen Sadisten verkaufte Waniya festgehalten wird, und obwohl beide mehrfach schwer verletzt wurden, können sie zum Schluss davonreiten, Ende gut, alles gut. Man wird den Eindruck nicht los, dass wüste Gewaltszenen die eigentliche Zielvorstellung waren – es soll ja Leute geben, die so was spannend finden.
1.Juni 2025 Copyright Christel Heybrock