Eine große Stammesgemeinschaft zerbricht
The Broken Chain USA Fernsehen TNT 1993
„Broken Chain“ bedeutet hier nicht etwa gesprengte Fesseln, sondern das Zerbrechen einer friedensstiftenden Bindung der sechs Irokesen-Stämme im Südosten der Großen Seen:
Mohawk – Oneida – Onondaga – Cayuga – Seneca und später: Tuscarora.
Die Stämme waren vereint durch die gemeinsame Sprache der Irokesen und durch den Mythos vom Großen Friedensstifter, der u.a. den Mohawk in Visionen erschien, mit dem Bündel der fünf (sechs) Bänder in der Hand.
Der von Regisseur Lamont Johnson kenntnisreich gedrehte Film schildert dramatische Ereignisse in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Hauptperson ist eine bedeutende historische Persönlichkeit: der Mohawk Thayendanegea = Joseph Brant (Eric Schweig), der sich im Laufe der Entwicklung nicht nur mit seinem Bruder Lohaheo (J.C. White Shirt) überwirft, dem späteren Häuptling der fünf Stämme, sondern durch tragische Fehleinschätzung auch den Zusammenhalt der Stämme opfert. Der Film spielt in den Jahren 1754-1785, zunächst in der Zeit des „French and Indian War“, der sich als Teil des Siebenjährigen Krieges nicht auf europäischem, sondern auf dem Gebiet der Kolonien in der Neuen Welt abspielte. Mit Krieg und Schauplatz ist bereits angedeutet, welchen ungeahnten Zerreißproben indigene Nationen unterworfen wurden, die mit den europäischen Machtkämpfen gar nichts zu tun hatten. Wobei zu diesen Zerreißproben später noch ganz andere hinzukamen.
In der mutterrechtlichen Gesellschaft der sechs Stämme, in der Clan-Mütter die Wünsche und Nöte ihrer Mitmenschen erkunden, Häuptlinge vorschlagen und Entscheidungen mit ihnen zusammen besprechen, ist das Leben mit den kulturell völlig anders geprägten weißen Händlern und die Verbindung mit den Engländern unter König George II. zunächst friedlich und wechselseitig befruchtend. Thayendanegea, der von den Engländern den Namen Joseph Brant erhält, bekommt eine Ausbildung in englischen Schulen nebst christlicher Unterweisung (in der historischen Realität, nicht im Film, übersetzt er zusammen mit einem anglikanischen Missionar sogar das Markus-Evangelium) und steigt im Laufe seiner militärischen Erfolge gegen die Franzosen zum Captain der britischen Armee auf. Nicht im Film auch die Tatsache, dass er 1776 Freimaurer wird und die Insignien von König Georg II. persönlich erhält. Was der Film sehr wohl thematisiert, sind Thayendanegeas exquisite Militärkarriere und seine Persönlichkeit als hoch gebildeter, den Engländern etwas zu nahestehender Vertreter seines Volkes – Eric Schweig mit seinem ebenmäßigen, klugen Gesicht und athletischer Körperpräsenz bringt das glaubhaft zum Ausdruck
Tragisch nur, dass die politische Entwicklung zwischen Indigenen, Engländern, Franzosen und weißen Siedlern irgendwann keine Übereinkünfte mehr zulässt. Eine brüchige Situation entsteht bereits 1758 durch die Schlacht bei Fort Carillon gegen die Franzosen: Die erweisen sich als überraschend starke Gegner. Dann brechen die Unabhängigkeitskriege aus – für die Irokesen in keiner Weise vorhersehbar, dass die Engländer sich gewaltsam von ihrem Mutterland trennen wollen und dabei hinüber und herüber indigene Stämme zur Unterstützung in ihre kriegerischen Auseinandersetzungen einbinden.
Hat Thayendanegea bisher die sechs Stämme militärisch hinter sich und die Engländer auf seiner Seite, so folgen ihm irgendwann nur noch vier der Nationen im Kampf der Briten gegeneinander. Trotz aller Warnungen, vor allem vonseiten seines realistisch denkenden Bruders Lohaheo, verlässt Thayendanegea sich auf Verträge mit den Engländern, die den Stämmen Land zusichern, und zwar auch gegen die weißen Siedler, die allein durch ihre wachsende Zahl enormen Druck aufbauen.
Unter welchem Druck auch aufseiten der Engländer eine Person wie Armeegeneral Sir William Johnson (1715-1774) stand, macht Pierce Brosnan mit verzweifelter Leidenschaft und letztlichem Scheitern deutlich: Den Mohawk seit Jahren eng verbunden und von ihnen sogar als Ehren-Sachem geachtet - er ist zudem mit Thayendanegeas Schwester Molly verheiratet - sieht er es kommen, dass Verträge unterm Ansturm der weißen Siedler nicht mehr zu halten sind und die Mohawk ihn als Verräter betrachten. Die Lage spitzt sich zu, als er unter seiner Führung einen Kriegszug der sechs Nationen gegen die Delaware befiehlt, die britische Siedler getötet haben – aber unter den aktuellen Feinden befinden sich auch Kämpfer der Seneca, also des Irokesen-Bundes, die sich ebenso gegen Siedler wehren mussten.
Der einfühlsam und handwerklich optimal gestaltete Film wechselt immer wieder zwischen familiären und militärischen Situationen, wobei ein Zeitraum von immerhin einigen Jahrzehnten überspannt wird. Für Rezipienten, die womöglich nur spannende Unterhaltung erwarten, ist das schwierig, weil Handlungsstränge notgedrungen durch die wechselnden Perspektiven zerrissen werden. So stirbt die einflussreiche Großmutter Gesina (Buffy Sainte-Marie), Frau des Stämmesprechers Seth (Wes Studi) mitten in den zunehmend schwierigen Verhältnissen, indes die Ehe zwischen Molly und General Johnson noch funktioniert. Thayendanegea selber nimmt Peggy zur Frau, Gefangene aus der Auseinandersetzung mit den Delaware – sie stirbt bei der Geburt des gemeinsamen Kindes. Thayendanegeas Bruder Lohaheo (J.C. White Shirt) heiratet Gesinas Enkelin Catherine, die sich lange nicht zwischen den beiden Brüdern entscheiden kann und ihr erstes Kind nach Thayendanegea „Joseph“ nennt – es ist eindrucksvoll, wie persönliche Verletzungen ohne Hass zugunsten des Zusammenhalts weggesteckt werden. Selbst Thayendanegea und Lohaheo lassen es über unterschiedlichen politischen Einschätzungen nicht zur Entzweiung kommen.
Lohaheo verliert durch diese Haltung schließlich sein Leben: Er wird Häuptling der Stämme-Gemeinschaft, lässt sich aber wider besseres Wissen von Thayendanegea zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mitnehmen - bei Three Rivers geht es Engländer gegen Mutterland, und beide Parteien haben indianische Krieger eingebunden. Bevor die Schlacht beginnt, erhebt sich Lohaheo und geht mit erhobenen Armen auf die feindliche Stellung zu, in der sich Oneida befinden, Verbündete aus den sechs Stämmen: „Geht zurück!““ ruft er, um in letzter Sekunde das Friedensbündnis zu retten. Er wird sofort erschossen.
Es ist das Ende eines friedlichen Zeitalters. Thayendanegea rächt den Tod des Bruders und steckt Kolonistensiedlungen in Brand, die antworten mit gleicher Münze, zerstören die Langhäuser, die heiligen Insignien, töten und brandschatzen, es geht gegen eine ganze unverstandene, gehasste Kultur, und die verbündeten Truppen der Engländer lassen sich nicht mehr blicken. Im Gegenteil, 1779 wird der hoch dekorierte Captain Thayendanegea gar von John Sullivan (1740-1795) vernichtend geschlagen, dem Anführer einer berüchtigten Strafexpedition gegen die aufständischen Irokesen. 1784 wird den verbliebenen, nur noch ein paar Tausend Menschen zählenden Irokesen ein Reservat in Kanada zugewiesen, wohin Thayendanegea seine Leute führt.
Der Film endet mit der erfreulichen Feststellung, dass sich die Stammesgemeinschaft heute erholt hat und ihre Kultur weiter bzw. von neuem pflegt. Thayendanegea blieb als historische Person auch nach dem Zusammenbruch unerschütterlich anglophil. Offenbar hatten ihn Engländer und Christentum so nachhaltig geprägt, dass er bis zu seinem Tod 1807 als Missionar, Übersetzer religiöser Texte und Gründer der anglikanischen Kirche in Ontario tätig war. Aufgrund der komplexen Thematik, die sich aus historischem Grund immer weiter zuspitzt, mutet der Film den Zuschauern einiges an Mitdenken zu. Nach dem ersten Anschauen sind historische Informationen von „außen“ hilfreich - erst ein zweites Anschauen kann die beachtliche Leistung von Regie, Kamera und Darstellern erkennen lassen.
Indigene Darsteller:
Eric Schweig Joseph Thayendanegea (Inuk)
Wes Studi Chief and Tribe Speaker Seth (Cherokee)
Buffy Sainte-Marie Grandmother Gesina, Ehefrau von Seth (Cree)
Graham Greene Spirit des Peace Makers (Oneida)
Michael Spears Young Lohaheo (Lower Brulé Sioux)
Floyd Red Crow Westerman Tribe Elder (Sisseton Dakota)
(1936-2007)
Ted Thin Elk (1919-1997) Onondaga Sachem (Lakota)
Nathan Lee Chasing His Horse Young Joseph Thayendanegea (Lakota)
Casey Camp-Horinek Oneida Clan Mother (Ponca Nation of Oklahoma)
Eine indigene Zugehörigkeit von J.C .White Shirt (Lohaheo) ließ sich weder feststellen noch ausschließen
7. Oktober 2025 Copyright Christel Heybrock