Indianerjunge zwischen allen Stühlen
Sherman Alexie: „The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian”
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Es ist eine fetzige Schüler-Geschichte, in der Ich-Form geschrieben von einem 14-Jährigen Spokane-Indianer, der eine unglaublich mutige Entscheidung trifft – trotz einer physischen Behinderung, derentwegen er notorisch gehänselt wird, verlässt er temporär seinen Heimatort Wellpinit im Reservat, um in einer benachbarten „weißen“ Schule in Reardan mehr zu lernen. Damit setzt er sich zwischen alle Stühle – im Reservat und von seinem besten Freund Rowdy wird er als „Verräter“ betrachtet, unter den weißen Kindern und Lehrern an der neuen Schule kann er sich nur langsam durchsetzen, aber er kann es!
Zwischen allen Stühlen fühlt man sich mitunter aber auch als Leser. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, den englischsprachigen Originaltext in einer Ausgabe des Stuttgarter Klett-Verlags heranzuziehen. Der Vorteil – die Ausgabe ist für den deutschen Englischunterricht eingerichtet mit Erklärungen vieler Begriffe, die einem nicht immer geläufig sind. Alexies wunderbar rotziger Text mit seinen lockeren Slang-Ausdrücken erschließt sich durch die Fußnoten oft sehr viel besser. Aber es geht einem damit wie meist in solchen Fällen – Wörter, die man bestens kennt, werden „unten“ erläutert, und solche, die man auch im Lexikon nicht findet, bleiben kommentarlos stehen. Und da der kleine Roman auch in deutscher Übersetzung auf dem Markt ist, fragt man sich, ob die Entscheidung für diese Ausgabe richtig war, ganz abgesehen davon, dass man sich als erwachsener Leser an ungewohnter Schullektüre delektiert.
Aber keine deutsche Ausgabe kann die unbekümmerte Frische und Frechheit des Originals wiedergeben, eine Frechheit, hinter der sich so viel Sensibilität und Nachdenklichkeit verbergen. Alexies Roman ist stark autobiographisch, es ist seine eigene Schülerzeit, seine Zugehörigkeit zum Reservat, zu den wie eingeschlossen dort lebenden Menschen, von denen die meisten alkoholkrank sind. Es sind seine eigenen Erfahrungen in der Familie mit einem liebevollen, aber alkoholabhängigen Vater, mit dem unerwarteten Tod von Großmutter, Schwester und einem Freund der Familie. Und es sind seine Erfahrungen, sich in einer fremden „weißen“ Welt zurechtfinden und durchsetzen zu wollen. Unversehens werden da auch mentale Unterschiede deutlich, die oft sachbezogene Kälte von Weißen, die Tendenz des müden, kampflosen Versumpfens von Indigenen, die im Zuge der genozidalen Kolonisierung ihrer Identität beraubt wurden.
Dass Arnold Spirit alias Junior, wie er im Roman heißt, schließlich von Weißen anerkannt, geachtet, vielleicht sogar geliebt wird, ist nur die eine Hälfte seines Erfolges. Seine Beziehung zum Reservat hat darunter gelitten, am meisten die zu seinem Freund Rowdy, der Juniors „Verrat“ nicht verkraftet. Dennoch ist es gerade Rowdy, der am Schluss über seinen Schatten springt und Juniors Identität als Indianer bestätigt: Junior habe, so sagt er, auf anderer Ebene das nomadisierende Leben indianischer Vorfahren fortgesetzt – auch die mussten ihren Standort immer wieder verändern, um zu überleben. Was anderes tut ein Indianerjunge, der sich ins Ungewisse, nämlich unter Weiße begibt?
Wie schwierig diese Doppelidentität in der Realität ist, zeigt Alexies Biographie als Erwachsener: An der Universität wollte er zuerst Medizin, dann Jura studieren, musste aber wegen Alkoholproblemen aufgeben. Vielleicht war das nur gut so, denn zum Schreiben wurde er damit buchstäblich gezwungen. Heute ist Alexie ein anerkannter, viel gelesener und vielseitiger Autor, der beispielsweise mit dem Roman „Reservation Blues“ und dem Drehbuch zu dem Film „Smoke Signals“ Aufsehen erregte. Er schreibt amerikanisches Englisch, also die Sprache der Weißen, aber er schreibt mit indianischer Mentalität. Das ist einfach wunderbar, man möchte ihn immer weiter lesen.
Klett English Editions, Stuttgart 2009, 3. Auflage, Art by Ellen Forney, 236 Seiten, ISBN-10: 312578042X, ISBN-13: 978-3125780422
28. Mai 2024 Copyright Christel Heybrock
An Indian Boy Caught Between Two Worlds
Sherman Alexie: *The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian*
It is a spirited coming-of-age story, written in the first person by a 14-year-old Spokane Indian boy who makes an incredibly courageous decision: despite a physical disability for which he is constantly teased, he temporarily leaves his hometown of Wellpinit—located on the reservation—to attend a neighboring "white" school in Reardan in search of a better education. In doing so, he finds himself caught between two worlds: on the reservation, and by his best friend Rowdy, he is viewed as a "traitor"; meanwhile, among the white students and teachers at his new school, he struggles to find his footing—yet he ultimately succeeds!
At times, however, the reader, too, feels caught between two worlds. I took the opportunity to read the original English text in an edition published by the Stuttgart-based Klett publishing house. The advantage of this edition is that it is tailored for German English-language classrooms, featuring explanations for many terms that might not be immediately familiar to the reader. Thanks to the footnotes, Alexie’s wonderfully brash prose—replete with casual slang expressions—often becomes much more accessible. Yet, as is often the case with such editions, one encounters a familiar frustration: words one knows perfectly well are explained "down below" in the footnotes, while those one cannot even find in a dictionary remain entirely uncommented. And since the novella is also available on the market in a German translation, one is left to wonder whether choosing this particular edition was truly the right decision—quite apart from the fact that, as an adult reader, one finds oneself delighting in a piece of literature typically assigned as school reading.
However, no German edition could ever fully capture the carefree freshness and audacity of the original—an audacity that conceals such profound sensitivity and thoughtfulness. Alexie’s novel is deeply autobiographical; it chronicles his own school days, his belonging to the reservation—and to the people living there in a state of virtual confinement, most of whom suffer from alcoholism. It draws on his personal family experiences: a loving yet alcohol-dependent father, and the unexpected deaths of his grandmother, his sister, and a family friend. It also reflects his experiences of attempting to navigate and assert himself within an alien "white" world. In the process, mental disparities become starkly apparent—the often clinical detachment of white people, and the tendency among Indigenous people toward a weary, passive stagnation, having been stripped of their identity in the wake of genocidal colonization.
The fact that Arnold Spirit—alias "Junior," as he is known in the novel—is ultimately accepted, respected, and perhaps even loved by white people constitutes only one half of his success. His relationship with the reservation has suffered as a result—most notably his bond with his friend Rowdy, who cannot come to terms with what he perceives as Junior’s "betrayal." Yet it is precisely Rowdy who, in the end, manages to rise above his own resentment and affirm Junior’s identity as an Indian: Junior, he suggests, has simply continued the nomadic existence of his Indian ancestors on a different plane—for they, too, were compelled to constantly change their location in order to survive. What else is an Indian boy doing when he ventures into the unknown—specifically, into the world of white people?
Alexie’s own biography as an adult illustrates just how difficult this dual identity is to sustain in reality: at university, he initially intended to study medicine, then law, but was forced to drop out due to alcohol-related problems. Perhaps this was a blessing in disguise, for it literally compelled him to turn to writing. Today, Alexie is a renowned, widely read, and versatile author who has garnered significant attention with works such as the novel *Reservation Blues* and the screenplay for the film *Smoke Signals*. He writes in American English—the language of white people—yet he writes with an Indigenous sensibility. It is simply wonderful; one finds oneself wanting to read him endlessly
Klett English Editions, Stuttgart 2009, 3rd Edition, Art by Ellen Forney, 236 pages, ISBN-10: 312578042X, ISBN-13: 978-3125780422
May 28, 2024 Copyright Christel Heybrock
Translation by Google
Ein Basketballspiel, das alles entscheidet
Sherman Alexie: „Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers“
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Sherman Alexies „Absolutely True Diary…” auf Deutsch, aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung. Als Leser ist man bei fremdsprachiger Literatur immer in einer Zwickmühle – der Originaltext wird einem nie so vertraut wie ein Text in der eigenen Sprache. Es ist nur: liest man einen fremdsprachigen Text, weil man Vertrautheit sucht? Diese Frage stellt sich hier immer wieder, wenn man zuvor die unverblümt freche, vom Temperament eines Indianer-Teenagers durchdrungene Originalausgabe gelesen hat. Da war einem nicht alles geläufig, vor allem als Nicht-Basketballspieler das dramatische Spiel des Ich-Erzählers gegen seinen Nicht-mehr-Freund Rowdy, ein Spiel, in dem die existenzielle Problematik des Indianerjungen Arnold Spirit alias Junior sich entscheidend verdichtet: Arnold, aufwachsend im Spokane-Reservat im US-Bundesstaat Washington, entschließt sich als einziger seiner Community, auf eine weiße Highschool zu gehen, und wird fortan von vielen Stammesgenossen, vor allem von Rowdy, als Verräter angesehen. Und nun spielen die Spokane-Indianer gegen die weißen Highschool-Jungs, Arnold gegen Rowdy, und Arnold gewinnt das Spiel für die Weißen und weint, weil er nicht mehr weiß, wie er zwischen zwei Stühlen leben soll.
Der Konflikt kommt einem deutschsprachigen Leser in der Übersetzung näher, obwohl der Schmerz der schwierigen Identitätssuche ja in der Tiefe das ganze Buch durchzieht. Aber Alexie vertritt in seinem autobiografischen Jugendroman einen so unbekümmert rotzigen Sprachstil, dass man sein volles Vergnügen an dieser „Oberfläche“ hat, die freilich die Konflikte zwischen den Kulturen nicht verdeckt und auch nicht die Erfahrungen von Todesfällen, von Angst und Scheitern. Ist die Übersetzung in dieser Hinsicht adäquat? Sie kommt mir nicht immer so vor. Die Übersetzer lassen schon mal einen Satz aus, warum auch immer. Sie übertragen den Indianerslang in eine Art Teenager-Speak und setzen dadurch manchmal einen drauf, wenn der Original-Text viel einfacher und direkter ist. Die Übersetzer verfolgen mitunter auch eine Tendenz, Aussagen, die sich speziell auf eine Person beziehen, zu verallgemeinern. Das stört den frischen Drive des Originals, das schleift Ecken und Kanten ab und veranlasst zum Drüberweglesen statt zum Hängenbleiben an Unvertrautem. Während man das Original immer wieder lesen möchte, hat man mit der Übersetzung rasch genug – es ist zu wenig Fremdheit darin zurück geblieben. Wie auch immer Übersetzer sich bemühen, ihr Amt ist eine Unmöglichkeit, weil Sprachen und Mentalitäten nicht gegeneinander aufgewogen werden können.
Wie geht man als Leser damit um? Am besten zweigleisig. Es ist mühsam und zeitraubend, ein Buch parallel gleich zweimal zu lesen, das Original immer neben der Übersetzung. Manchmal lohnt es sich. In diesem Fall wird man, von Alexie mitgerissen, die Übersetzung über Seiten hinweg einfach vergessen. Übrigens – in beiden Ausgaben sind die Zeichnungen von Ellen Forney ein ungetrübtes Vergnügen, sie sind so nah am Text, dass man immer wieder glaubt, sie seien von Alexie selbst. Als amerikanische Künstlerin mit bipolarer Störung scheint sie Alexie-Arnolds Konflikt zwischen zwei Welten uneingeschränkt zu verstehen.
dtv Verlagsgesellschaft, München, 13. Auflage 2022, mit Illustrationen von Ellen Forney, 270 S., ISBN 978-3-423-78259-3
6. Juni 2024 Copyright Christel Heybrock
A Basketball Game That Decides Everything
Sherman Alexie: *The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian*
Sherman Alexie’s *Absolutely True Diary…* in German, translated from the English by Katharina Orgaß and Gerald Jung. As a reader, one is always in a quandary when it comes to foreign-language literature—the original text never feels quite as familiar as a text in one’s own language. The question is simply this: does one read a foreign-language text *because* one is seeking familiarity? This question arises repeatedly here, particularly if one has previously read the original edition—unabashedly cheeky and thoroughly imbued with the temperament of a Native American teenager. In that version, not everything felt familiar—especially to a non-basketball player—such as the first-person narrator’s dramatic game against his *no-longer-friend* Rowdy: a game in which the existential struggle of the Native American boy, Arnold Spirit (alias Junior), reaches a decisive climax. Arnold, growing up on the Spokane Reservation in the U.S. state of Washington, decides—as the only member of his community to do so—to attend a white high school; consequently, he is henceforth viewed by many of his fellow tribal members—most notably Rowdy—as a traitor. And now, the Spokane Indians are playing against the white high school boys—Arnold against Rowdy—and Arnold wins the game for the white team, yet weeps, for he no longer knows how to navigate his life, caught as he is between two worlds.
In translation, this conflict feels more immediate to a German-speaking reader—even though the pain of this arduous search for identity permeates the entire book at a deeper level. Yet in this autobiographical young adult novel, Alexie employs a linguistic style so uninhibitedly brash that one derives sheer pleasure from this very "surface"—a surface that, admittedly, neither obscures the conflicts between cultures nor glosses over experiences of death, fear, and failure. Is the translation adequate in this regard? It does not always strike me as such. The translators occasionally omit a sentence—for whatever reason. They translate the "Indian slang" into a kind of teen-speak, sometimes going a step further than the original text, which is often much simpler and more direct. The translators also occasionally show a tendency to generalize statements that refer specifically to a single individual. This disrupts the fresh momentum of the original; it smooths away its rough edges and quirks, encouraging the reader to skim over the text rather than pausing to dwell on the unfamiliar. While one feels compelled to reread the original again and again, one quickly has one’s fill of the translation—too little of the original’s foreignness remains within it. No matter how hard translators strive, their task remains an impossibility, for languages and mentalities simply cannot be weighed against one another.
How, then, should a reader approach this? Ideally, on two tracks simultaneously. It is a laborious and time-consuming undertaking to read a book twice in parallel—keeping the original constantly at one’s side while reading the translation. Yet sometimes, it is well worth the effort. In this particular case—swept along by Alexie’s narrative—one will often find oneself forgetting the translation entirely for pages at a time. Incidentally, in both editions, Ellen Forney’s illustrations are an unadulterated delight; they are so closely attuned to the text that one repeatedly finds oneself believing they were drawn by Alexie himself. As an American artist living with bipolar disorder, she appears to possess a profound and unreserved understanding of Alexie—or rather, Arnold’s—conflict between two worlds.
dtv Verlagsgesellschaft, Munich, 13th Edition (2022), with illustrations by Ellen Forney, 270 pp., ISBN 978-3-423-78259-3
June 6, 2024 Copyright Christel Heybrock
Translation by Google
Schnoddriger Indianerroman – etwas zu einseitig gesehen
Patrick Charles: Textanalyse und Interpretation zu Sherman Alexie „The Absolutely True Diary“
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Wo gibt’s das schon, dass ein Roman systematisch auseinander genommen, durchgekaut und analysiert wird? In der Reihe „Königs Erläuterungen“ des Bange Verlags findet man noch mehr derart ausgequetschte Erzählwerke, von „The White Tiger“ des indischen Autors Aravind Adiga bis zu Stefan Zweigs “Schachnovelle“. Bei Sherman Alexies „Absolut wahrem Tagebuch…“ war der Anlass wohl die Tatsache, dass deutsche Schüler anhand des fetzigen Jugendromans eines Indianers den Englisch-Unterricht stressfreier erleben und noch dazu eine Menge Informationen über die US-amerikanischen Indianerreservate erhalten. Patrick Charles, der die Textanalyse in seiner Muttersprache Englisch verfasste (er lebt als Übersetzer in Berlin), holte auf 156 klein gedruckten Seiten aber derart weit aus, dass man sich fragt, ob Schülern das eigene Denken erspart werden soll – oder gehört das Bändchen eigentlich sogar in die Hände des Lehrkörpers? Würde es einem jungen oder älteren Leser nicht genügen, Alexies wahrlich nicht komplizierten Roman einfach zu lesen und selber zu überdenken?
Nun gut, vielleicht macht man sich ohne derartige Anleitungen die verschiedenen Aspekte des wunderbar schnoddrigen Erzählwerks nicht völlig bewusst - die Frage etwa nach der Identität (der Icherzähler geht als Indianerjunge auf eine weiße Schule und muss sich in zwei Kulturen zurechtfinden) oder das Problem von Gewalt und Alkoholmissbrauch in den Reservaten, aber auch die Romanstruktur, bei der ein Basketballspiel den Höhepunkt abgibt… Das alles könnte unschwer dem Gehirn eines normalen Lesers überlassen bleiben, der dennoch womöglich gern mit der Nase darauf gestoßen wird. Was man selber nicht herausfinden würde, ist freilich die Rezeption von Alexies Roman in den USA, die sehr zwiespältig war und vielleicht noch ist. Dass der schnoddrige Grundton und die freimütig behandelte Thematik jugendlicher Sexualität vielen besorgten Eltern gegen den Strich ging/geht und sie dazu brachte, das Buch aus öffentlichen und Schulbibliotheken verbannen zu wollen – es ist ein Symptom für die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft und deren teilweise perfide Realitätsverweigerung. Patrick Charles betont meines Erachtens dennoch etwas zu penetrant die elende Situation der ihrer Identität beraubten Indigenen in den Reservaten – eine Situation, die genau von solchen moralinsauren Aktivisten ignoriert wird - wobei sie konsequent deren Ursachen leugnen, nämlich die brutale Kolonisierung durch die weißen Eroberer, deren angeblich gottesfürchtige Mentalität bis heute fortwirkt.
Patrick Charles lässt in Interview-Zitaten Alexie selbst zu Wort kommen - der Spokane-Indianer hat auf den Zustand seiner indigenen Gesellschaft einen nüchtern-sarkastischen Blick und sieht auch die Hinwendung weißer Autoren und Rezipienten zu Indianern kritisch. Da werde zu viel idealisiert und von längst vergangener Größe und Heldenhaftigkeit phantasiert – Armut und Elend seien aber Situationen, in denen es keine Größe mehr gebe. Im Gegensatz zu den Weißen würden Indianer wie Alexie beide Welten am eigenen Leib erfahren – Weiße dagegen hätten nur eine Perspektive: ihre eigene.
Es ist ja gut, dass Alexie den weißen Blick auf „Indianer“ etwas zurecht rückt. Es gibt aber sehr wohl auch Weiße, die in Reservaten leben und wissen, wie es da zugeht. Und die Aussage von Alexies Roman kann nicht darauf reduziert werden, dass es indianische Werte im Gegensatz zu denen der Weißen gar nicht mehr gibt. Es kann nicht sein, dass den fast vernichteten indigenen Nationen auch der Rest von angeblich in Elend und Trunksucht versumpfender Identität abgesprochen wird. Es gibt immer noch indigene ethische Werte, die von Weißen aus Ignoranz nicht geteilt werden - Alexie selber ist ein strahlendes Beispiel dafür: Resilienz, Mut, die psychische Energie, sich über Angst hinwegzusetzen und nach sich selbst zu fragen. Die Bildung des Individuums als ethisch bewusstem Wesen gehörte einst zu den traditionellen Zielen indianischer Erziehung. Und wer den Roman, wie es sich eigentlich gehört, nach beiden Seiten hin liest, stellt ebenso fest: Zu indianischen Werten zählen in den Reservaten immer noch das soziale Miteinander, das Verbundensein und das Einstehen füreinander über den Nebel der Trunksucht hinweg. Alexie sieht sich auch selbst immer noch als Indianer. Warum wohl? Nach den Interview-Zitaten, die notgedrungen nur Bruchstücke seiner Perspektive wiedergeben, hätte er eigentlich in der weißen Gesellschaft aufgehen müssen. Seine Basis-Resilienz ist jedoch eine über Jahrtausende erworbene Kulturleistung, und die ist nicht weiß.
Sherman Alexie, “The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian”, Königs Erläuterungen Spezial, Analyse/Interpretation in englischer Sprache, von Patrick Charles, Bange Verlag, Hollfeld, 3. Auflage 2022, 156 S., ISBN 978-3-8044-3125-6
15. Juni 2024 Copyright Christel Heybrock
A Sassy Novel About Native Americans—Viewed a Bit Too One-Sidedly
Patrick Charles: Text Analysis and Interpretation of Sherman Alexie’s *The Absolutely True Diary*
Where else do you find a novel being systematically taken apart, chewed over, and analyzed in such detail? In the "Königs Erläuterungen" series published by Bange Verlag, one can find even more narrative works subjected to such intense scrutiny—ranging from *The White Tiger* by Indian author Aravind Adiga to Stefan Zweig’s *Chess Story* (*Schachnovelle*). In the case of Sherman Alexie’s *The Absolutely True Diary...*, the impetus was likely the fact that German students can experience their English lessons with less stress by engaging with this spirited young adult novel by a Native American author, while also gaining a wealth of information about Native American reservations in the U.S.
However, Patrick Charles—who wrote this text analysis in his native English (he works as a translator in Berlin)—went into such exhaustive detail across 156 pages of fine print that one begins to wonder whether students are meant to be spared the effort of thinking for themselves. Or perhaps this little volume actually belongs in the hands of the teaching staff instead? Wouldn't it suffice for a reader—whether young or old—to simply read Alexie’s novel (which is, after all, hardly complicated) and reflect upon it on their own?
Well, perhaps without such guides, one might not become fully aware of the various facets of this wonderfully sassy narrative work—such as the question of identity (the first-person narrator, a Native American boy attending a predominantly white school, must navigate between two cultures) or the issues of violence and alcohol abuse within the reservations, as well as the novel’s structural design, in which a basketball game serves as the climactic high point.
All of this could quite easily be left to the intellect of an ordinary reader—though such a reader might nonetheless appreciate having their nose pointed directly toward these specific elements. What one would *not* likely discover on one’s own, however, is the reception Alexie’s novel met with in the United States—a reception that was, and perhaps remains, highly ambivalent. The fact that the brash tone and the frank treatment of adolescent sexuality rubbed—and continues to rub—many concerned parents the wrong way, prompting them to seek to ban the book from public and school libraries, is a symptom of the polarization within American society and its sometimes insidious denial of reality.
In my view, however, Patrick Charles places perhaps a bit too much insistent emphasis on the wretched plight of Indigenous people in the reservations—people who have been stripped of their identity. This is a situation that is, ironically, ignored by precisely those moralizing activists who consistently deny its root causes: the brutal colonization by white conquerors, whose supposedly God-fearing mentality continues to exert its influence to this very day.
Through interview excerpts, Patrick Charles allows Alexie himself to speak—a Spokane Indian who casts a sober, sarcastic eye upon the state of his own Indigenous community and views with skepticism the fascination that white authors and audiences often show toward Native Americans. He argues that there is too much idealization—too much fantasizing about a bygone era of greatness and heroism—whereas poverty and misery are conditions in which no such greatness remains. Unlike white people, Alexie and other Native Americans experience both worlds firsthand; white people, by contrast, possess only a single perspective: their own.
It is certainly a good thing that Alexie helps to correct the "white gaze" directed at Native Americans. Yet there are, in fact, white people who live on reservations and know exactly what life is like there. Furthermore, the message of Alexie’s novel cannot be reduced to the claim that Indigenous values—in contrast to those of white society—have ceased to exist entirely. It would be unconscionable to deny these nearly annihilated Indigenous nations even the remnants of an identity that is allegedly—and unfairly—dismissed as having merely succumbed to misery and alcoholism. There still exist indigenous ethical values that, out of ignorance, are not shared by white people—and Alexie himself is a shining example of this: resilience, courage, and the psychological energy to rise above fear and engage in self-examination. The cultivation of the individual as an ethically conscious being was once among the traditional goals of Native American upbringing. And anyone who reads the novel—as it truly deserves to be read—with an eye toward both sides will likewise observe: Native American values within the reservations still include social solidarity, a sense of interconnectedness, and a willingness to stand up for one another, even through the fog of alcoholism.
Alexie, too, continues to view himself as a Native American. And why is that? Judging by the interview quotes—which, by necessity, offer only fragmentary glimpses of his perspective—one might have expected him to have been fully assimilated into white society. Yet his fundamental resilience is a cultural achievement forged over millennia—and that achievement is not white.
Sherman Alexie, “The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian,” *Königs Erläuterungen Spezial* (Special Study Guide Series), Analysis/Interpretation in English by Patrick Charles, Bange Verlag, Hollfeld, 3rd Edition 2022, 156 pp., ISBN 978-3-8044-3125-6
15. June, 2024 Copyright Christel Heybrock
Translation by Google