Entführt und gefunden – nette Familiengeschichte

 

 

Owen P. Dabney „Seven years with the Indians” 1897

 

 

Es ist das einzige literarische Werk, das von diesem Autor bekannt ist, eine Erzählung, die auf eigenen Erfahrungen basiert, aber nichts anderes als eine Erzählung ist. Geschickt und nicht ohne Spannung aufgebaut, nur sehr milde rassistisch, was ungewöhnlich ist für die Entstehungszeit, und zum Schluss gibt es nach so vielen physischen Grenzerfahrungen auch ein Happy End, Friede Freude Eierkuchen für alle Beteiligten.

 

 

Wer allerdings erwartet hat, der Leser müsste doch etwas über das Alltagsleben der Nez Percé erfahren, von denen die kleine Lillian entführt wird, sieht sich enttäuscht. Sieben Jahre sind für ein Kind eine lange Zeit, in der es sich selbst und seine Lebensperspektive entscheidend verändern kann – aber nichts davon hier. Es geht nur darum, die traurige Geschichte von Lillians Entführung und die spannende ihrer Wiederauffindung zu erzählen, was mit hübschen, fast filmisch anschaulichen Szenenwechseln berichtet wird und in glücklicher Heimkehr endet. Dabei kehrt nicht etwa nur die mittlerweile fast erwachsene Lillian nach Hause, sondern ebenso ihr Kinderfreund Mathew, der sie nach Monaten der Mühsal in der Wildnis von Yellowstone nein, eigentlich nicht gefunden hat… die beiden stoßen fast zufällig aufeinander, man fasst es ja kaum. Und endlich zuhause auf der Ranch ihrer beider Eltern in einem der lieblichen Täler, gesellt sich eine dritte Person hinzu – die wegen Lillians Flucht von ihrem Stamm ausgestoßene Häuptlingstochter Lewanna, die sich all die Jahre liebevoll um Lillian gekümmert hat. Sie ist inzwischen Christin geworden, na bitte, white supremacy,  und hat eine kuschelige Zukunft als Ehefrau eines der Rancher.

 

 

Mit literarischem Talent erzählt, würden sich für diese Familiengeschichte üppige Illustrationen anbieten, die es leider nicht gibt – die detaillierte Beschreibung der zahlreichen Yellowstone-Naturschönheiten fordert das eigentlich heraus. So muss man sich die entsprechenden Bilder aus anderen Publikationen selbst zusammensuchen, wenn man denn möchte, und sich im  Übrigen freuen an der differenzierten Charakterzeichnung der handelnden Personen und an dem doch recht einfühlsamen und freundlichen Umgang mit „Indianern“, deren Lebensraum freilich durch Goldgräber und Eisenbahnbau zunehmend bedroht wird. Das allerdings ist nicht mehr Thema des 84 Seiten schmalen Bändchens. Die Perspektive bedrohter Völker einzunehmen – es wäre 1897 denn doch zu weit gegangen für einen weißen Autor.

 

 

84 S., Copyright 2017 Big Byte Books printed in France, ISBN 9781520753881

 

 

27. Oktober 2024       Copyright Christel Heybrock