Kinderbuch? Englisch-Text für Schüler? Historisches Dokument?
Oliver Spencer „Kidnapped by Indians“
Rätselhaft, welche Erwägungen deutsche Schulbehörden veranlassten, die Indianerthematik in Form von Originaltexten in Lehrpläne aufzunehmen. Aber schaden konnte es ja auch vor mehr als 20 Jahren nicht. „Kidnapped by Indians“ ist ein kleiner Text über einen Vorfall im Jahr 1792, als der zehnjährige Oliver Spencer auf dem Nachhauseweg nach einer Familienfeier von zwei Indianern aufgegriffen und verschleppt wurde. Der Text ist in verschiedenen Ausgaben überliefert, ich habe ein 40seitiges Heftchen des Ernst Kletts Verlags (3. Auflage 2003) mit dem Hinweis „Retold by Kenneth L. Warner, mit Worterklärungen von Heinrich Eden, Studienrat in Hamburg“.
Es erhebt sich also die ungeklärte Frage, ob es sich um eine Nacherzählung von Warner oder um Spencers Originaltext handelt. Wie dem auch sei, eine besondere Ausführlichkeit lässt sich dem Bericht ohnehin nicht bescheinigen. Und wie das so ist mit fremdsprachigen, von Vokabeln begleiteten Texten, so muss man auch hier just die Wörter separat nachschlagen, die einem selber nicht, wohl aber offensichtlich Studienrat Eden geläufig waren. Womöglich haben Englisch-Schüler Spencers Beschreibung eines glimpflich ausgegangenen Abenteuers dennoch spannend genug gefunden, um ihre Sprachkenntnisse zu erweitern.
Aber was kann ein Leser darüber hinaus an Erkenntnissen gewinnen? Leider nicht viel, denn der Text bleibt stets an der Oberfläche des Geschehens, an der verständlichen Angst des Jungen vor dem, was auf ihn zukommt, bei den Strapazen seiner Entführung bis hin zu den Dörfern der Indigenen, beim Aufenthalt in der Hütte der Schamanin Coo-coo-cheeh, bei der er sich etwas nützlich macht. Durch die Kontakte zwischen Weißen und Indianern auf einem Handelsposten können schließlich Verbindungen zu Spencers Familie in der Nähe von Fort Washington geknüpft werden, so dass er nach wenigen Wochen seine Eltern und sein „weißes“ Leben wieder findet.
Man hätte gern etwas erfahren über den Anlass der Entführung, über eine indigene Lebensweise, von der mehr als nur alltägliche Banalitäten in den Blick kamen. Aber nicht einmal den Namen des indigenen Volkes erfährt man, und sehr merkwürdig mutet eine Passage an, als der Junge nach einem vergeblichen Fluchtversuch von den beiden Indianern mit Ruten geschlagen wurde – niemals wurden Kinder von Indianern geschlagen. Aufgrund der stets prekären Lebensverhältnisse galten Kinder bei sicherlich allen Stämmen als „sacred beings“ – garantierten sie doch den Fortbestand des Volkes, und womöglich war der Entführung des weißen Jungen der Tod eines indianischen Kindes vorausgegangen.
Reichlich irritierend ist der sachliche Duktus der Schilderung, der den Leser stets auf Distanz hält. Der Junge verbrachte offenbar ohne jede Neugier und emotionale Beteiligung eine Zeit bei Menschen, die im Gegensatz zu ihm „in der Natur zuhause“ waren. Für manch ein Jungenherz hätte das Erlebnis eine temporäre Befreiung aus zivilisatorischen Zwängen sein können, nicht bei ihm. Umso rätselhafter die Wertschätzung, die diesem kargen Bericht über Jahrzehnte und wahrscheinlich über Jahrhunderte (Spencers Lebensdaten: 1781-1838) zukamen.
Rühmt eine gebundene amerikanische Ausgabe, antiquarisch bei Amazon erhältlich für fast 35 Dollars, Spencers „Account of His Captivity Among the Mohawk Indians“ als „culturally important and part of the knowledge base of civilization”, so scheinen explizit deutsche Verlage der Auffassung gefolgt zu sein, “that this work is important enough to be preserved, reproduced, and made generally available to the public”. Nacherzählt von einem Herrn (?) G.A. Giles, zierte der Bericht das Verlagsprogramm von B.G. Teubner (Leipzig, Berlin) im Jahr 1934 bereits in 3. Auflage. Und auch der Klett Verlag brachte ihn seit 1954 mehrfach heraus, 1969 als “englischsprachiges Kinderbuch“. Und da der Text sowohl in USA als auch hierzulande gemeinfrei ist, dürften die Klett-Ausgaben nicht die letzten gewesen sein. Bis ein Leserpublikum mit anderen Ansprüchen Spencers Abenteuer irgendwann gelangweilt in den Regalen liegen lässt. Ich denke, dass die Zeit endlich gekommen ist.
Reihe Echo English Readers, Klett Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-12-536100-1
24. Dezember 2024 Copyright Christel Heybrock