Wie arbeiten indianische Heilkünstler?
Medicine Grizzlybear Lake: „Native Healer. Initiation into an Ancient Art“
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Ich bin eine weiße Europäerin. Ich bin nicht ganz unvertraut mit indianischer Spiritualität, die mein Leben mit einer anderen Denkweise bereichert hat. Aber die Methoden indigener Schamanen sind eine ganz andere Dimension und meiner Lebensperspektive bisher so unvertraut wie einem Regenwurm das Ulmer Münster. Dennoch habe ich kaum ein Buch mit solcher Zuneigung und Intensität gelesen wie das von Medicine Grizzlybear, dessen „ziviler“ Name Robert G. Lake ist.
Es war mir von Anfang an bewusst, dass die Heilkunst indianischer Schamanen von bloßem Hokuspokus weit entfernt sein würde – aber wie riskant sowohl die jahrelange Ausbildung als auch die Ausübung ihrer Tätigkeit für die heilenden Personen (Männer und Frauen) tatsächlich sein würde, davon hätte ich mir keinen Begriff gemacht. Und auch nicht davon, mit welch rückhaltloser Offenheit ein praktizierender Heiler die Methodik seiner „Geheimnisse“ ausbreiten würde vor einer Öffentlichkeit voll potentiellem Unverständnis – es gehört vielleicht der Mut der Verzweiflung dazu angesichts der Tatsache, dass das Wissen um indigene Heilkunst immer mehr verschwindet. Das Buch von Medicine Grizzlybear nimmt einen modernen, sehr bewussten Standpunkt ein, indem es sich selbst verortet an der Schnittstelle einer weißen Kultur, die sich langfristig selbst zerstört, und einer indigenen, die zugleich von der weißen Kultur überrannt wird. Was lässt sich in dieser historischen Situation überhaupt noch bewirken?
Medicine Grizzlybear konstatiert weitsichtig am Schluss seines Buches, dass weniger die Gesamtheit der weißen Kultur mit ihrer Technologie, ihren mathematisch orientierten Wissenschaften und ihrer hektischen Wirtschaftslastigkeit eine Bedrohung der indigenen Mentalität sei, dass mithin das alte Wissen nicht so sehr durch den Druck von außen schwinde, sondern im Gegenteil von innen. Dem Vergessen der alten ganzheitlichen Heilmethoden und der traditionellen Lebensauffassung müsse Einhalt geboten werden, wenn indigene Menschen sich nicht gänzlich selbst verlieren wollten. Und das Buch ist ein Ruf, mit dem das Verschwinden aufgehalten werden könnte.
Versucht man, die Methodik indigener Heilkunst zusammenzufassen (und natürlich wichtige Details außer Acht zu lassen), so geht die heilende Praxis von zwei Standorten aus: einmal von der Person des Heilenden selbst, der mit vollem physischem und psychischen Einsatz nicht selten sein eigenes Leben riskiert – und zum andern von der Person des Kranken, in dessen Nöte der Heilende sich einfühlen muss. Um zu ergründen, was genau den Kranken krank macht, muss der Heilende sich wieder einmal in den ganzen Komplex von physischen und spirituellen Lebensstrukturen hineindenken, um die Ursache(n) für den Zustand des Kranken herauszufinden. Dabei kann dem Heilenden die spirituelle Kraft von Tieren helfen, es können bei der Visionssuche, die der Heilende an sich selbst durchführen muss, Zusammenhänge entdeckt werden, die sich bei dem Kranken bisher nicht gezeigt haben. Obwohl einige Hospitäler und ihre weißen Ärzte heilende Rituale am Krankenbett zulassen, sind die Unterschiede der indigenen und weißen Medizin fundamental.
Das Beispiel des Kranken, der seinem weißen Arzt beschrieb, sein Bauch fühle sich an wie eine Schlangengrube, bringt es auf den Punkt. Der weiße Arzt sagt: „Na, wir werden mal eine Röntgenuntersuchung und ein paar Laborproben machen, um herauszufinden, was bei Ihnen los ist.“ Der Schamane sagt: „Also, wir werden mal mit Ihren Schlangen reden, um herauszufinden, warum Sie so von denen gequält werden.“ Wenn die Ursache der Krankheit psychischer Natur ist, wird weiße Medizin überhaupt nichts herausfinden. Der Schamane dagegen wird ungelöste Konflikte, Fehlverhalten und negative spirituelle Einflüsse in der Umgebung des Kranken herausfinden und daran arbeiten, oft mit Unterstützung von Reinigungsriten, Pflanzen und spirituellen Stärkungen - der Kranke wird stets ganzheitlich als Person aufgefasst statt als Konvolut von Labordaten.
Was dabei ganzheitlich bedeutet, lässt sich für weiße Denkart schwer erfassen. Die Heilkräfte etwa von Pflanzen, Tieren und Steinen, von Wasser, Feuer und anderen Naturkräften befinden sich ja nicht außerhalb des Heilenden wie des Kranken – alle zusammen sind Teil eines Gewebes von Leben, in dem sich heilende und zerstörende Kräfte die Waage halten und genutzt, beziehungsweise eingedämmt werden müssen, um den Kranken zu stabilisieren. Zwar sind Heiler und Kranker Teil dieses Systems, aber die spirituellen Kräfte von Pflanzen usw. bestehen auch für sich selbst und müssen als Individuen respektiert werden, damit sie just in der Situation helfen – wollen! Denn nur dann können sich Heilkräfte voll entfalten, wenn nicht nur der Kranke, sondern auch das lebendige Heilmittel als Individuum verstanden wird. Medicine Grizzlybear legt größten Wert auf das Einverständnis der Lebewesen, die ihre spirituellen Kräfte zur Verfügung stellen, und rät zu einer Art Bittgebet, um beispielsweise einer Pflanze zu erklären, warum man sie braucht und dass man ihr etwa in Form von Tobacco eine Gegenleistung anbietet.
Das sind nur Beispiele aus einer Heil- und Lebenspraxis, deren Risiken und Komplexität einem weißen Mediziner völlig unbekannt sein dürften – weil weißes Denken die Komplexität spiritueller Energien nicht wahrnimmt. Das Buch konfrontiert den weißen Leser mit seinen erstaunlichen kulturellen Defiziten, indem es ihn eine Welt erahnen lässt, die er bisher für nicht existent gehalten hat. Es ist aber eben diese Gesamtheit der sichtbaren und unsichtbaren Lebenskräfte, die Menschen in sich selbst verankern und sie ihr Leben als sinnvoll erfahren lässt. Man mag dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen, man liest es mit Liebe und lässt zu, dass es einen begleitet, auch wenn man nicht krank ist und man niemals selbst zum Heiler würde.
Quest Books, Wheaton, Il, 8. Aufl. 2016, 199 S., ISBN-13: 978-0-8356-0667-7
3. November 2023 Copyright Christel Heybrock
How Do Native American Healers Work?
Medicine Grizzlybear Lake: "Native Healer: Initiation into an Ancient Art"
I am a white European woman. I am not entirely unfamiliar with Native American spirituality, which has enriched my life with a different way of thinking. However, the methods of indigenous shamans belong to a completely different dimension—one that, until now, has been as foreign to my life perspective as Ulm Minster is to an earthworm. Nevertheless, I have rarely read a book with such affection and intensity as this one by Medicine Grizzlybear—whose "civilian" name is Robert G. Lake.
From the very beginning, I was aware that the healing arts of Native American shamans would be far removed from mere hocus-pocus; yet, I could not have possibly imagined just how perilous—both during the years of training and in its actual practice—this work would truly be for the healers themselves (both men and women). Nor could I have anticipated the unreserved openness with which a practicing healer would lay bare the methodology behind his "secrets" before a public rife with potential misunderstanding—perhaps it takes the courage of desperation to do so, given the fact that knowledge of indigenous healing arts is steadily vanishing. Medicine Grizzlybear’s book adopts a modern, highly self-aware stance, positioning itself at the crossroads of a white culture that is—in the long run—destroying itself, and an indigenous culture that is simultaneously being overrun by that very white culture. What, then, can still be accomplished in such a historical situation?
With great foresight, Medicine Grizzlybear observes at the conclusion of his book that the primary threat to the indigenous mentality is not so much white culture in its entirety—with its technology, its mathematically oriented sciences, and its frenetic economic focus—but rather that the ancient knowledge is not fading due to external pressures; on the contrary, it is vanishing from within. The forgetting of ancient holistic healing methods and the traditional worldview must be halted if indigenous peoples are not to lose themselves entirely. And this book serves as a call—one that could help stem this disappearance.
If one attempts to summarize the methodology of indigenous healing arts (while naturally setting aside important details), the healing practice proceeds from two distinct points of departure: first, from the person of the healer themselves—who, with total physical and psychological commitment, not infrequently risks their own life—and second, from the person of the patient, into whose distress the healer must empathetically immerse themselves. To fathom precisely what is making the patient ill, the healer must once again mentally enter into the entire complex web of physical and spiritual life structures in order to uncover the root cause(s) of the patient's condition. In this process, the spiritual power of animals may aid the healer; furthermore, during the vision quest—which the healer must undertake personally—connections may be revealed that have not yet manifested in the patient. Although some hospitals and their white physicians permit healing rituals at the bedside, the differences between indigenous and Western medicine remain fundamental.
The example of the patient who described to his white doctor that his abdomen felt like a pit of snakes drives this point home perfectly. The white doctor says: "Well, let's run an X-ray and take a few lab samples to find out what's going on with you." The shaman says: "Right, let's have a talk with your snakes to find out why they are tormenting you so." If the root cause of the illness is psychological in nature, Western medicine will discover absolutely nothing. The shaman, by contrast, will identify unresolved conflicts, misconduct, and negative spiritual influences within the sick person’s environment and work to address them—often with the aid of cleansing rites, plants, and spiritual reinforcements. The sick person is invariably perceived holistically as a complete individual, rather than merely as a compilation of laboratory data.
What "holistic" truly signifies in this context is often difficult for the Western mindset to fully grasp. The healing powers inherent in plants, animals, stones, water, fire, and other forces of nature do not exist *outside* of either the healer or the patient; rather, all are integral parts of a vast web of life—a living fabric in which healing and destructive forces constantly balance one another, and which must be harnessed or contained, respectively, in order to stabilize the sick person. While both healer and patient are indeed constituents of this system, the spiritual forces of plants and similar entities also possess an independent existence; they must be respected as distinct individuals if they are to be willing—and thus able—to offer their aid in the specific situation at hand. For healing powers can only fully unfold when not only the patient, but also the living remedy itself, is recognized and understood as a unique individual. Medicine Grizzlybear places the utmost emphasis on this mutual understanding of living beings that offer their spiritual powers, and suggests a form of supplication—for instance, explaining to a plant why one needs it and offering something in return, such as tobacco.
These are merely examples drawn from a healing and life practice whose risks and complexities would likely be entirely unknown to a Western medical practitioner—because Western modes of thought fail to perceive the complexity of spiritual energies. The book confronts the Western reader with their own astonishing cultural blind spots by allowing them to glimpse a world they had previously believed to be non-existent. Yet it is precisely this totality of visible and invisible life forces that anchors human beings within themselves and enables them to experience their lives as meaningful. One finds it impossible to put this book down; one reads it with affection and allows it to serve as a companion—even if one is not ill and would never aspire to become a healer oneself.
Quest Books, Wheaton, IL, 8th ed. 2016, 199 pp., ISBN-13: 978-0-8356-0667-7
November 3, 2023 Copyright Christel Heybrock
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