Auch täuschende Spuren sind Spuren

 

Linus Reichlin: „Manitoba“, Roman

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Selten lässt ein fesselndes Buch den Leser so tieftraurig zurück. Man fühlt mit diesem mitteleuropäischen (Schweizer) Autor, beziehungsweise seiner icherzählenden Hauptfigur, die an allem krankt, woran weiße Mitteleuropäer uneingestanden kranken – dem latenten Gefühl, zwischen all den Bequemlichkeiten des hochtechnisierten Lebens den Sinn verloren zu haben, die Begründung, warum man überhaupt da ist. Gäbe es eine Lücke, wenn man nicht (mehr?) existierte, würde man jemals vermisst?

 

Der Icherzähler ist ein recht erfolgreicher Schriftsteller und hat im Hintergrund noch eine Bindung, die er sich spät bewusst macht: In seiner Familiengeschichte sind sieben Achtel weiße Vorfahren, aber ein Achtel ist ein Arapaho-Indianer, mit dessen ungeborenem Kind seine Urgroßmutter einst von einer jesuitischen Missionsschule in Wyoming in die Schweiz zurückkehrte – ein  weißer Pelzhändler hatte den Vater ihres Kindes ermordet, was in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts kein großes Verbrechen  war. Dieser unbekannte Urgroßvater ist es, der den Icherzähler bisher in der Tiefe seiner Existenz festgehalten hat, aber nun, da er alt wird, einen  erwachsenen Sohn, eine geschiedene Frau und Herzbeschwerden hat, will er es genauer wissen. Indem er einem alten Manuskript seiner Urgroßmutter folgt, plant er ein  Buch über den Vorfahr und dessen Stamm und begibt sich nach USA, findet die Missionsschule, in der seine Urgroßmutter einst Indianerkinder unterrichtete, und wird von einem Ute-Indianer namens Cloud ermutigt, sich als Stammesmitglied der Arapaho einschreiben zu lassen.

 

Was dann folgt, ist furchtbar und eine einzige Demontage. Bei der Stammesbehörde stellt sich heraus, dass der von der Urgroßmutter angegebene Name des Mannes gar kein Name, sondern nur ein beliebiges Wort ist. Dass an der Missionsschule, deren Akten  den Stammesverwaltern vorliegen, nur Nonnen unterrichteten und der Name der Urgroßmutter gar nicht vorkommt. In all die wachsende Verzweiflung platzt auch noch die in Europa stattfindende Preisverleihung von Jonas, dem wenig liebevollen Sohn des Icherzählers, ebenfalls Schriftsteller, der von seinem Vater erwartet, bei der Ehrung anwesend zu sein, obwohl er ihn sonst lieber nicht in seiner Nähe hat. Jonas wirft seinem Vater just das vor, was ihn selber umtreibt - Eifersucht auf den Erfolg des anderen.

 

Um seine Balance und vielleicht doch noch zum Schreiben zu finden, begibt sich der Icherzähler ins nahe Kanada, wo er abseits der Zivilisation eine Blockhütte gebucht hat, der Termin der Preisverleihung ist ihm wegen des psychischen Drucks unangenehm, er blendet ihn leidlich aus. Ein paar Tage lebt er in der Blockhütte, aber als er einmal vom Wasserholen am nahen See zurückkommt, steht sie in hellen Flammen. Am benachbarten Schuppen die Worte: „Wasichus, get off!“ Die zu neuem Selbstbewusstsein erwachenden Indigenen wollen keine Weißen hier. Mehr tot als lebendig verlässt der Icherzähler die „Wildnis“ und kehrt rechtzeitig zur Preisverleihung nach Europa zurück, wo Sohn und Ehefrau Hanna ihn kurz begrüßen und dann sich selbst überlassen. Seine Herzmedikamente führen zu Albträumen, und der letzte Satz des Buches: „Ich befand mich inmitten eines Ereignisses von epochalen Ausmaßen, und ich wusste nicht, wo mein Platz darin war“ - dieser Satz bezieht sich jetzt auf die gesamte existenzielle Situation des Mannes. Das Achtel Indianerblut in ihm war eine Täuschung, er hat sich selbst nicht mehr.

 

Der Roman ist sehr differenziert, mit sensiblen Nuancen geschrieben, und die Frage der Zugehörigkeit, die Menschen ihre Identität gibt, spielt auf verschiedenen Ebenen eine Rolle. Sie beschäftigt auch Sohn Jonas auf freilich etwas gequälte Art – bei der Preisverleihung hält er eine Dankesrede über das mögliche Ichbewusstsein von Elefanten. Dass bei den Grausamkeiten der Kolonisierung die indigenen Kulturen der USA und damit auch das Ichbewusstsein der Menschen ausgelöscht werden sollten – es ist das zentrale Problem noch heutiger Indianer. Dem Icherzähler passiert also genau das, was Indianern zuvor passierte – ihre Identität wurde ausgelöscht, sie haben ihre Bindungen, sie haben alles verloren.

 

Aber warum besteht überhaupt die Faszination von Weißen an der fremden Kultur? Das ist vielen Indigenen einerseits  bewusst, andererseits wegen der Gefahr kultureller Aneigung eine Bedrohung. Ihre Kultur, ihre Ethik war und ist im Grunde der weißen Zivilisation überlegen, die sich nur dank ihrer alles niederwalzenden Anzahl von Menschen den Kontinent aneignen konnte. Wer nach Sinn sucht, wer eine Bindung an die Ursprünge von Leben sucht, muss sie bei Indigenen suchen, und viele Weiße suchen keine verstehende Näherung, sondern täuschen sie einfach vor - die Urgroßmutter ist ein klassisches Beispiel.

 

Hat sie in ihrem Manuskript also schlankweg gelogen? War sie gar nicht in USA? Ist der Vater ihres Kindes in Wahrheit jener unsympathische Pelzhändler?  War der "Indianer" das kaltherzige Mittel, um einen sexuellen Unfall zu vertuschen? Der Stachel im Fleisch bleibt – der Großvater existiert schließlich. Wie bei heutigen Indigenen, die ja längst hätten ausgerottet sein sollen,  ist der Stachel ihrer Existenz nun das Zentrum ihrer Identität, ebenso wie eine Täuschung plötzlich die Identität des Icherzählers ist. Was für eine historische Entwicklungen übergreifende Bindung! Reichlin ist womöglich nicht auf diesen Gedanken gekommen, aber gerade, dass keine präzisen Daten und dennoch eine vielleicht nur gewünschte Bindung zu finden sind, ist etwas zutiefst Indigenes. Die Art, wie die Lebenssituationen der Indigenen und des Icherzählers einander spiegeln, erinnert an das zirkuläre Denken indigener Kultur und schafft auf einer unerwarteten Ebene letztlich doch eine distanzierte Nähe.

 

Wäre der Icherzähler eine reale Person, würde man ihm raten, sich den Nachkommen seiner ersehnten Vorfahren nun doch etwas zu nähern, Vertrauen aufzubauen und sich womöglich gegen katastrophale Lebensumstände uneigennützig zu engagieren. Wie war doch das Kinship-Prinzip der Sioux? Persönlicher Einsatz war ihnen stets wichtiger als nachweisliche Blutsverwandtschaft, Stammesverwaltung hin oder her.

 

278 S., Galiani Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-131-7

 

12. Januar 2025          Copyright Christel Heybrock

 

Even misleading traces are traces

 

Linus Reichlin: *Manitoba*, a novel

 

Rarely does a gripping book leave the reader feeling so deeply melancholy. One empathizes with this Central European (Swiss) author—or rather, with his first-person protagonist—who suffers from the very ailments that afflict white Central Europeans without them ever admitting it: the latent sense of having lost all meaning amidst the comforts of a high-tech existence, the loss of any reason for being here at all. Would there be a void if one ceased to exist (or had already ceased to do so)? Would one ever be missed?

 

The narrator is a reasonably successful writer who harbors a connection to the past—one he only fully acknowledges later in life. His family history is seven-eighths white, but one-eighth is Arapaho; his great-grandmother had returned to Switzerland from a Jesuit mission school in Wyoming carrying the unborn child of an Arapaho man—a man murdered by a white fur trader, an act that was hardly considered a major crime in the 1890s. It is this unknown great-grandfather who has held a deep, lingering grip on the narrator’s existence; now, however—as he ages, with an adult son, a divorced wife, and heart trouble—he wants to know more. Following an old manuscript left by his great-grandmother, he plans a book about this ancestor and his tribe. He travels to the US, locates the mission school where his great-grandmother once taught Native American children, and is encouraged by a Ute man named Cloud to register as a member of the Arapaho tribe.

 

What follows is harrowing—a process of total unraveling. At the tribal authority, it turns out that the man's name provided by the great-grandmother is not a name at all, but merely an arbitrary word. Furthermore, the records held by the tribal administrators reveal that only nuns taught at the mission school in question, and the great-grandmother’s name does not appear there at all. Amidst this growing despair, the narrator is confronted with the upcoming awards ceremony in Europe for his son, Jonas—himself a writer, though not a particularly affectionate son. Jonas expects his father to attend the honor, even though he generally prefers to keep him at a distance. Jonas accuses his father of the very thing that plagues him—jealousy of the other’s success.

 

Seeking to regain his balance—and perhaps find his way back to writing—the narrator travels to nearby Canada, where he has booked a log cabin far from civilization; the date of the awards ceremony weighs on him due to the psychological pressure, so he tries his best to block it out. He spends a few days in the cabin, but upon returning from fetching water at the nearby lake, he finds it engulfed in flames. Scrawled on the adjacent shed are the words: "Wasichus, get off!" The Indigenous people, awakening to a new sense of self-confidence, want no white people there. More dead than alive, the narrator leaves the "wilderness" and returns to Europe just in time for the ceremony, where his son and his wife, Hanna, greet him briefly before leaving him to his own devices. His heart medication triggers nightmares, and the book’s final sentence—"I found myself in the midst of an event of epochal proportions, and I did not know where my place in it was"—now refers to the man's entire existential situation. The one-eighth Native American blood he claimed was an illusion; he has lost himself.

 

The novel is written with great nuance and sensitivity, and the question of belonging—which shapes a person's identity—plays a role on various levels. It also preoccupies the son, Jonas, in a somewhat tortured manner; at the awards ceremony, he delivers an acceptance speech discussing the potential self-awareness of elephants. The fact that the cruelties of colonization aimed to eradicate the indigenous cultures of the USA—and with them, the people's very sense of self—remains a central issue for Native Americans today. The first-person narrator thus experiences precisely what happened to Native Americans in the past: the erasure of identity and the loss of all ties and everything they held dear.

 

But what is it that fascinates white people about this unfamiliar culture? Many Indigenous people are aware of this fascination, yet they also view it as a threat due to the risk of cultural appropriation. Fundamentally, their culture and ethics were—and remain—superior to white civilization, which was only able to claim the continent through sheer, steamrolling numbers. Anyone seeking meaning or a connection to the origins of life must look to Indigenous peoples; yet many white people take an overly simplistic approach to this connection or merely feign it—the great-grandmother is a classic example.

 

So, did she simply lie in her manuscript? Was she never in the USA at all? Is the father of her child, in reality, the unlikable fur trader? Was the "Indian" merely a cold-hearted expedient to cover up a sexual mishap? The thorn in the flesh remains—after all, the grandfather does exist. Just as with Indigenous people today—who ought to have been wiped out long ago—the thorn of their existence has become the core of their identity, as well as that of the narrator. What a bond, spanning such vast historical developments! Reichlin may not have arrived at this specific thought, but the very fact that there are no precise dates—and yet a connection exists, perhaps one born of mere longing—is something profoundly Indigenous. The way the life circumstances of the Indigenous people and the narrator mirror one another evokes the circular thinking of Indigenous culture, ultimately creating a sense of "distant closeness" on an unexpected level.

 

If the narrator were a real person, one would advise him to finally draw a little closer to the descendants of the ancestors he so yearns for, to build trust, and perhaps to selflessly commit himself to helping them in the face of catastrophic living conditions. What was the Sioux principle of kinship, after all? Personal commitment always mattered more to them than demonstrable blood ties—tribal administration notwithstanding.

 

Linus Reichlin, „Manitoba“, a novel, 278 pp., Galiani Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-131-7

 

January 12, 2025             Copyright Christel Heybrock

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