Deutscher Indianerfilm über einen nie gebrochenen Vertrag

 

 

„In einem wilden Land“                                              Deutschland 2013

 

 

Dass dieser ungewöhnliche Film von Regisseur Rainer Matsutani bei Publikum und Kritik so schlecht wegkam, liegt wohl nur daran, dass er so ungewöhnlich war/ist. Man denke: ein deutscher Indianerfilm und dann auch noch mit historischem Hintergrund – selbst der hat es in sich. Der einzige nie gebrochene Friedensvertrag zwischen Indianern und Weißen ist das 1847 geschlossene Abkommen zwischen einem deutschen Siedlertreck und dem Comanchenkriegshäuptling Buffalo Hump (um 1800 - nach 1861). Es ist kein ganz großer, aber ein schöner Film geworden, handwerklich sauber, spannend und einfallsreich, aber nicht, ohne Nachdenklichkeit zu hinterlassen. Zu den erstaunlich gelungenen Details gehört die Idee, die Melodie des deutschen Volkslieds „Kein schöner Land in dieser Zeit“ als musikalisches Leitmotiv einzusetzen – verblüffend, welch völlig neue Bedeutung die allzu heimatlastige Tonfolge in der Weite einer anderen Landschaft bekommt.

 

 

Der Film fängt an mit der Not schlesischer Weber, deren Aufstand blutig niedergeschlagen wird – Anlass für einige Überlebende wie die hübsche junge Mila (Emilia Schüle), sich einem preußischen Adelsverein anzuschließen, der in Amerika eine Kolonie gründen will. Und das ist gleich die erste Lektion: Kaum angekommen in dem fernen Land, hat der Adel nichts Besseres vor, als seine feudalistische Herrschaftshaltung fortzusetzen. Da ist zwar die feine, sensible junge Gräfin Cecilie von Hohenberg (Nadja Uhl), aber auch ihr unbekümmert arroganter, gewalttätiger Ehemann Oberst Graf Arnim, der darauf hingewiesen wird, dass nicht alles so läuft wie in der Heimat: Benno Fürmann antwortet darauf mit stahlblau blitzenden Augen: „Wo ich bin, da ist Preußen!“

 

 

Vielleicht hat Fürmann die beste Rolle wegen des zwiespältigen Charakters von Graf Arnim, der den Treck der Siedler durch Comanchenland führen soll, aber aus Machtgier nicht vor dem Mord an Cecilias Onkel Prinz Carl zu Kronach zurückschreckt. Alle anderen Charaktere sind etwas eindimensional, aber stets glaubhaft und natürlich angelegt. Im Grunde hätte Comanchenhäuptling Buffalo Hump der Gegenspieler von Graf Arnim sein müssen, diese politisch kontroverse Funktion wird aber nicht ausformuliert, und so ist Wesley French, ein kanadischer Chippewa, damit beschäftigt, die meiste Zeit grimmig dreinzuschauen und sich dennoch seiner hübschen Geisel Mila allmählich näher zu fühlen. Ein indigener Darsteller von größerem Potential hätte wohl aus dieser Situation andere Nuancen herausgeholt.

 

 

Der einzige dramaturgische Fehler besteht meiner Ansicht nach aus einem psychologischen Missgriff. Es ist kaum denkbar, dass Buffalo Hump nach dem (historischen) Fort-Parker-Massaker weißer Sicherheitskräfte zwar Mila als Unruhe stiftende weiße Frau ein für alle Mal verstößt, aber kurze Zeit später wie selbstverständlich wieder an seine Seite lässt, damit der Friedensvertrag durch ihre Vermittlung auf den Weg gebracht werden kann. Nun ja, man sieht darüber weg, weil mit dem konfliktlösenden Ende-gut-alles-gut der Zuschauer ja nicht unglücklich entlassen wird. Und letztlich auch schön, wie Mila und Buffalo schließlich Seite an Seite in ihr Leben bei den Comanchen reiten – Vorbild war auch hier ein historischer Fall, der freilich weniger glücklich endete: Bei eben dem erwähnten Massaker wurden weiße Kinder von Comanchen entführt, die neunjährige Cynthia Ann Parker (1825/27-1870) lebte fortan voll integriert bei Comanchen, bis 1860 Texas Ranger sie entdeckten und „nach Hause“ brachten, was die Frau nicht verkraftete: Sie nahm sich zehn Jahre später nach etlichen Fluchtversuchen das Leben durch den Hungertod. Ihr Sohn Quanah Parker (1849? – 1911) wurde später ein berühmter Häuptling im Kampf gegen weiße Siedler.

 

Der Konflikt mit Buffalo Hump ist übrigens auch Nebenthema in der amerikanischen TV-Serie „Comanche Moon“ – hier gibt der Cherokee Wes Studi den Comanchen-Kriegshäuptling.

 

 

25. Oktober 2023            Copyright Christel Heybrock