Leitfaden für die Literaturbranche in Kanada

 

 

Gregory Younging „Elements of Indigenous Style”, Canada 2018

 

Deutsch: “Elemente indigenen Stils”, 2024

 

 Der Titel könnte zu Verwechslungen führen. Das Buch wendet sich nicht an vergleichende Literaturwissenschaftler, die über stilistische Besonderheiten indigener Autoren forschen, sondern an die Literatur- und Verlagsbranche in Kanada. Autor Gregory Younging (1961-2019), Angehöriger der Opaskwayak Cree Nation, war selbst auf vielen Ebenen in dieser Branche aktiv, hatte einen Master in Publizistik, einen Doktor in Erziehungswissenschaften, war Lektor, Redaktions- und Verlagsleiter des indigenen Theytus Books Verlags und stellvertretender Forschungsleiter für die Truth and Reconciliation Commission of Canada.

 

Wie kommt ein deutscher Verlag wie Merlin dazu, seinen Lesern einen Leitfaden für kanadische Verhältnisse anzubieten? Tatsächlich formuliert Younging nicht nur einen Verhaltenskodex für den Umgang mit indigenen Autoren und ihrem traditionellen Wissen, sondern fordert grundsätzlich ein anderes Bewusstsein für indigene Denk- und Schreibweisen. Allzu oft hat er offenbar als Lektor und Verlagsleiter erlebt, dass indigene Autoren von Weißen in der Branche nicht verstanden wurden, dass ihre Texte nach weißen Maßstäben und damit unangemessen redigiert wurden.

 

Das von ihm geforderte Umdenken bedeutet in knappen Worten, die fundamental andere Kultur indigener Völker wahrzunehmen und zu akzeptieren. Indigene Kulturen sind um Jahrtausende älter als weiße. Sie wurden durch die brutale Kolonisierung vorübergehend, aber nicht grundsätzlich geschwächt. Sie wurden nicht assimiliert und erobert, sie wurden allen gezielten Vernichtungsmaßnahmen zum Trotz keine willenlosen Opfer, sondern sind aktive Repräsentanten ihrer Kulturen geblieben. Der Schreibstil indigener Autoren basiert auf zirkulärem Denken statt auf dem linearen Zielbewusstsein von Weißen – wer das nicht akzeptieren kann, sollte die Finger von indigenen Autoren lassen, beziehungsweise diese von verständnislosen Lektoren. „Alles ist mit der ersten Zeile verbunden und mündet an die letzte als ein Kreis des Verstehens“, heißt es. Und die indigene Autorin Lee Maracle erklärt: Um etwas in eine ‚Eurostruktur‘ zu bringen, muss ich es Zeile für Zeile linear tun – was ihrem Denken und Schreiben, also ihrer Authentizität zuwider läuft.

 

Ein besonderes Problem sind Veröffentlichungsrechte, die, so Younging, seit Jahrhunderten bei indigenen Kulturen bestehen, aber in Europa erst mühsam ausgearbeitet werden mussten. Modernes „weißes“ Copyright bedeutet, dass Autoren (beispielsweise in Deutschland und USA) bis zu 70 Jahre nach ihrem Tod geschützt sind (in Kanada sind es 50 Jahre). Bis dahin müssen sie oder ihre rechtlichen Nachkommen Vergütungshonorare erhalten, danach sind ihre Texte gemeinfrei. Weiße Publizisten und Lektoren, die beispielsweise eine traditionelle indigene Legende oder einen Mythos veröffentlichen wollen, begeben sich auf Glatteis – diese alten, nicht an bestimmte Personen gebundenen Geschichten sind keineswegs gemeinfrei, sondern gehören dem jeweiligen Volk, das über einen der Elders oder den Stammesrat um Erlaubnis gebeten und anschließend honoriert werden muss. Grundsätzlich gilt, dass etwa Journalisten, die über bestimmte Sachverhalte, etwa  in einem Reservat, recherchieren und schreiben wollen, das niemals ohne Rücksprachen und persönliche Kontakte mit den Betroffenen tun sollten.

 

Youngings Ratschläge dürften wohl im deutschsprachigen Raum nur selten relevant sein, sie sind auch so ausdrücklich auf die kanadische Szene zugeschnitten, dass sie bereits in USA auf andere Gegebenheiten stoßen würden. Dennoch kann auch hierzulande der Appell nicht schaden, „Indianer“ (ein völlig unangemessener Begriff) nicht länger als Gegenstand nostalgischer Erinnerung zu betrachten. Sie sind aktive moderne Menschen mit einem sehr viel anderen geistesgeschichtlichem Hintergrund. Auch mit einem anderen ethischen Hintergrund. Würde nicht schaden, von ihnen zu lernen. Und auch das zu lernen: dass es nicht richtig ist, alles ans Licht von Wörtern zu zerren. Zu indigenen Stilelementen gehört auch Schweigen.

 

 

Gregory Younging „Elements of Indigenous Style.  A Guide for Writing by and about Indigenous Peoples”, Brush Education Inc., Edmonton/Canada 2018

 

“Elemente indigenen Stils. Wie schreibt man über Indigene und ihre Kultur?“, Deutsch von Michael Raab, 200 S., Anmerkungen, Register, Merlin Verlag, Gifkendorf 2024, ISBN 978-3-87536-348-7

 

24. August 2025         Copyright Christel Heybrock