Krimi aus dem Indianerreservat
David Heska Wanbli Weiden: „Winter Counts“
„Heska Wanbli” heißt auf Lakota „Berg Adler“ – der Autor ist Bürger der Sicangu Lakota Nation in South Dakota (wo er aber nicht lebt), Schauplatz seines Romans ist das Lakota Rosebud Reservat. Dass es dort etwas anders zugeht als in einer weißen Community, kann der Leser erwarten, es dürfte mit ein Grund sein, das Buch zu lesen. Und die Sicht aus Indianerland lohnt sich, im Reservat herrscht eine auf den ersten Blick erfrischende Lockerheit und ein ebensolches Durcheinander. Auf den zweiten Blick herrschen dort freilich auch Gewalt und Kriminalität: Weiden erzählt aus der Perspektive von Virgil Wounded Horse, dem „Auftragsschläger“ des Reservats, wie eine der handelnden Personen ihn charakterisiert.
Die eigentlich sinnvolle Funktion übt er aus, weil FBI und Bundespolizei sich nur bei Schwerverbrechen in die Gerichtsbarkeit des Reservats einmischen, ansonsten müssen die Indianer allein für Gerechtigkeit sorgen. Der Autor ist selber Anwalt und kennt sich aus mit der Situation. Dass er versucht, aus Virgil einen im Grunde netten Kerl zu machen, kann man ihm leider nicht ganz abnehmen. Trotz seiner gelegentlich einsichtigen Momente und dem Versuch, mit seiner Ex- und Erneut-Freundin Marie und seinem Neffen Nathan ein einigermaßen geordnetes Leben zu führen, versteht er sich derart gründlich auf brutale Gewalt, dass man Virgil eigentlich zu just den Verbrechern zählen müsste, die er bekämpft. Der Autor löst diese Diskrepanz niemals auf, man muss es ihm als literarische Schwäche anrechnen, dass er einen Schläger als im Grunde kumpelhaften Draufgänger hinstellt.
Das Buch liest sich auf weite Strecken wunderbar leicht, flott und anschaulich, mit einem Tonfall zwischen Selbstironie und Cleverness. Eingeflochten in den Textfluss sind immer wieder speziell indianische Verhaltensweisen und Erkenntnisse, so beispielsweise kämpft Marie, deren Vater Ben Short Bear Präsident des Tribal Councils werden will, für eine natürlichere Ernährung der Indianer. Als Situationen innerer Heilung werden Zeremonien wie die Schwitzhütte und die Yuwipi-Zeremonie zitiert. Weiden bekennt selbst, er habe sich dabei an Berichten aus der indianischen Literatur bedient, und mitunter haben diese Schilderungen auch nur den simplen Zweck, den Erzählfluss dramatisch höher anzustauen.
Denn im Grunde ist Weidens Erzählweise alles andere als indianisch, sein (erster) Roman realisiert perfekt das Schema weißer Kriminalromane: Gewalt, Liebe, Spannung, und erst ganz zum Schluss kommt heraus, wer der eigentliche Übeltäter ist - in diesem Fall tatsächlich Maries Vater Ben, der eine Drogenpillen-Gang beherrscht und sich das Geschäft nicht durch eine gegnerische Heroin-Gang vermasseln lassen will. Und wer gemäß dem Titel „Winter Counts“ erwartet hätte, hier ginge es um die alten Kalender-Bilder der Lakota, die im Winter jeweils die Ereignisse des Jahres festhielten, der muss sich sagen, dass der Begriff an den Haaren herbeigezogen, aber nicht zum inneren Zentrum der Romanstruktur wurde. Man liest das Buch zwar gerne und immer wieder fasziniert – aber so recht wollen einige Dinge nicht zusammen passen. Die weiße amerikanische „Kultur“ von Gewalt als Problemlösung und dem Gewalttäter als strahlendem Sieger – sie hat hier wohl ziemlich abgefärbt.
Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke, herausgegeben von Jürgen Ruckh, 459 S., Polar Verlag, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-948392-46-8
3. April 2024 Copyright Christel Heybrock