Opfer mörderischer Gier: die Osage-Indianer
David Grann: „Killers of the Flower Moon“, New York 2017
Deutsch: „Das Verbrechen“, ein True-Crime-Thriller
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Vor rund 100 Jahren spielte sich in Oklahoma/USA etwas ab, was sich bei den Betroffenen als Generationen-Trauma bis heute auswirkt: eine beispiellose Mordserie, begangen von angesehenen weißen Bürgern an Osage-Indianern. Wie der New Yorker Journalist David Grann nach peniblen Recherchen schlussfolgern muss, ist bislang nur die Spitze des Eisbergs bekannt und (mühsam genug) vor Gericht gebracht, aber aufseiten staatlicher Institutionen scheint das Interesse an weiteren Nachforschungen gleich null. Immerhin verschaffte auch Filmregisseur Martin Scorsese dem vergessenen Skandal neue Aufmerksamkeit mit der Verfilmung von Granns Tatsachen-Krimi „Killers of the Flower Moon“ – Scorsese hält wieder einmal Amerika den Spiegel vor das dauerretuschierte, hässliche Gesicht.
Amerika und seine „Indianer“ - die indigenen Völker scheinen heute keine Rolle mehr zu spielen, man könnte meinen, der Genozid, mit dem sie „integriert“ werden sollten, sei erfolgreich gewesen, aber das ist ein Irrtum. Wie die meisten „Stämme“ mussten auch die Osage ihr angestammtes Land in Kansas verlassen und wurden in einen wüsten, steinigen Landstrich in Nordost-Oklahoma gezwängt, in dem Jagd und Ackerbau so gut wie unmöglich waren, der Plan bestand wohl ebenso wie bei den anderen mehr als 500 Nationen darin, sie einfach verhungern zu lassen. Bei den Osage misslang gründlich, seit sich riesige Ölvorkommen in der kargen Erde auftaten. Ölsucher mussten fortan den Osage eine Pacht für Bohrungen zahlen, und da die Versteigerungen sich in immense Höhen schraubten, gehörten die Osage irgendwann zu den reichsten Leuten der Welt.
Dagegen musste etwas unternommen werden, und es war nur der Anfang, dass weiße Behörden und Anwälte sich zu Treuhändern, in Wirklichkeit zu Vormündern aufspielten, die den Reichtum der „Wilden“ verwalteten, beziehungsweise ihnen vorenthielten und in die eigene Tasche schaufelten. Mitunter wurden Gelder ihren Besitzern auch dann vorenthalten, wenn sie in dringenden Notfällen gebraucht wurden, die Vormünder ließen lieber Kinder sterben, als Zahlungen freizugeben. Aber die Heimtücke dieser Praxis wurde noch systematisch optimiert. Wie Grann anhand jahrelangem, pedantischem Aktenstudium herausfand, entwickelte sich ein regelrechtes Netzwerk unter den weißen Bürgern, wer welchen „Indianer“ mit welchem Vermögen zugewiesen bekam und wer nicht.
Die Praxis sah so aus: Eine weiße Person heiratete eine indianische, um in den Genuss von deren Vermögen zu kommen, und um das Vermögen zu steigern, wurde in der indianischen Familie mal eben jemand umgebracht – mit „Diabetes“ oder „Schwindsucht“ verschleiert und von weißen Ärzten attestiert, die natürlich zum Netzwerk gehörten. Wer es ganz eilig hatte, griff zur Schusswaffe, wobei etwa im Fall der durch Kopfschuss getöteten Osage Anna Brown die Patrone nie gefunden wurde, Ärzte hatten sie rechtzeitig entfernt. Wer auch immer Verdacht schöpfte oder etwa polizeiliche Aussagen machen wollte, gehörte bereits zu den Todeskandidaten. Die teuflischste Figur in dem landesweiten Netz spielte sich als größter Wohltäter auf: Viehhändler William Hale, Onkel von Ernest und Bryan Burkhart, die für ihn arbeiteten, wobei Ernest mit Annas Schwester Mollie verheiratet war gemäß dem Plan, auch Mollie zu beseitigen, wenn diese nach dem Gifttod ihrer Mutter deren Vermögen „geerbt“ hätte.
Nach außen reich mit riesiger Viehherde (die er kalten Herzens dem Feuertod überließ, um die Versicherung zu kassieren), galt Hale als Freund und Helfer in der Not, lieh Geld, sprach Trost zu und trug eigenhändig schon mal den Sarg einer von ihm selbst ermordeten Person. Es war Ernest, der ihn mit einer Aussage vor Gericht schließlich zu Fall brachte, obwohl er sich dabei selbst belastete. Hales manipulatorische Persönlichkeit war so unerschütterlich skrupellos, dass man sich bei der Lektüre von Granns Buch kaum eine Vorstellung davon machen möchte – eine derart kriminelle Energie konnte sich wohl nur in einem entsprechenden Umfeld entwickeln, in dem Gauner und Gesetzlose in der Gier nach dem schnellen Geld ungehindert „arbeiten“ konnten. Zusammen mit Hales Untaten wurden in den 1920er Jahren insgesamt 24 Morde aufgedeckt, wobei Hale noch aus der Haft heraus versuchte, die Anklage gegen ihn umzudrehen und Zeugen zu beseitigen. Ohne den genialen Ermittler Tom White und sein Team, die für das neu gegründete FBI unter Edgar Hoover tätig waren, wären diese Fälle nie aufgeklärt worden.
Es ist David Grann hoch anzurechnen, dass er es nicht beließ bei der Rekonstruktion dieser Morde, sondern Nachkommen der damals geschädigten Familien kontaktierte. Wie tief das Trauma bis in die heutige Generation nachwirkt, die von den ausgeplünderten Ölquellen nichts mehr hat, musste er dabei feststellen. Aber auch – wie wenig damals wirklich aufgedeckt wurde. Die Täter scheinen sich als Mörder völlig normal empfunden zu haben, und die dabei ergaunerten Gelder dürften sich auch in deren Familien bis heute, aber dort keineswegs als Trauma, auswirken. Es müssen seinerzeit Hunderte von Morden geschehen sein, es gab praktisch keine Indianerfamilie, in der kein merkwürdiger Todesfall vorkam.
Ja – das ist Amerika, ein Kontinent, der auf Gewalt, Gier und Hass errichtet wurde und dessen Zerrissenheit nicht heilen wird ohne die Aufarbeitung des Genozids in all seinen, das große Land überspannenden Facetten – Oklahoma war nur ein spezielles Tatfeld von vielen. Granns Buch und wohl auch Scorseses Film geben einen Anstoß, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
David Grann „Das Verbrechen. Die Osage-Morde und das FBI“, aus dem amerikanischen Englisch von Henning Dedekind, 416 S., mit vielen Abbildungen, Anmerkungen, Bibliographie, btb Taschenbuch, München 2018, ISBN 978-3-442-71727-9
10. September 2023 Copyright Christel Heybrock
Victims of murderous greed: the Osage Indians
David Grann: *Killers of the Flower Moon*, New York 2017
German edition: *Das Verbrechen* (The Crime), a true-crime thriller
Around a century ago, events unfolded in Oklahoma that continue to affect the descendants of those involved as a form of generational trauma: an unprecedented series of murders committed by respected white citizens against the Osage Indians. As the New York journalist David Grann concludes after meticulous research, what has come to light—and been brought to court (with great difficulty)—is merely the tip of the iceberg; meanwhile, state institutions appear to have absolutely no interest in further investigation. At least film director Martin Scorsese has drawn renewed attention to this forgotten scandal by adapting Grann’s true-crime account, *Killers of the Flower Moon*—once again holding a mirror up to America’s perpetually airbrushed, ugly face.
America and its "Indians"—indigenous peoples seem to play no role in the country today; one might think the genocide intended to "integrate" them had succeeded, but that is a misconception. Like most "tribes," the Osage were forced to leave their ancestral lands in Kansas and were driven into a desolate, rocky stretch of northeastern Oklahoma where hunting and farming were all but impossible; the plan—as with the more than 500 other nations—was likely simply to let them starve. In the case of the Osage, however, this plan failed spectacularly once vast oil deposits were discovered beneath the barren soil. From then on, oil prospectors had to pay the Osage for drilling rights, and as auction prices skyrocketed, the Osage eventually became some of the wealthiest people in the world.
Something had to be done about this, and it was only the beginning when white officials and lawyers appointed themselves as trustees—or rather, as guardians—managing the wealth of the "savages," or else withholding it and lining their own pockets. Funds were sometimes withheld from their rightful owners even in cases of dire emergency; the guardians would sooner let children die than release the payments. Yet the insidious nature of this practice was refined even further. As Grann discovered through years of meticulous examination of records, a veritable network emerged among white citizens, determining who was assigned which "Indian" and their assets—and who was not.
The practice worked like this: a white person would marry a Native American to gain access to their wealth, and to increase that fortune, a member of the Native American family would simply be killed—with the cause of death disguised as "diabetes" or "consumption" and certified by white doctors who were, naturally, part of the network. Those in a hurry resorted to firearms; in the case of the Osage woman Anna Brown, who was killed by a gunshot to the head, the bullet was never found—doctors had removed it in time. Anyone who grew suspicious or intended to give a statement to the police was immediately marked for death. The most diabolical figure in this nationwide network posed as a great benefactor: cattleman William Hale, uncle to Ernest and Bryan Burkhart, who worked for him. Ernest was married to Anna’s sister, Mollie—part of a scheme to eliminate Mollie as well, once she had "inherited" her mother’s fortune following the latter’s death by poisoning.
Outwardly a wealthy man with a massive herd of cattle (which he callously left to perish in a fire to collect the insurance money), Hale was regarded as a friend and a source of help in times of need; he lent money, offered comfort, and even personally carried the coffins of people he had murdered himself. It was Ernest who ultimately brought about his downfall through court testimony, even though doing so incriminated himself. Hale’s manipulative personality was so unshakably unscrupulous that one can scarcely fathom it while reading Grann’s book—such criminal energy could likely only develop in an environment where crooks and outlaws could "operate" unchecked in their greed for a quick buck. Along with Hale’s crimes, a total of 24 murders were uncovered during the 1920s, with Hale attempting—even from behind bars—to turn the case against him around and eliminate witnesses. Without the brilliant investigator Tom White and his team, working for the newly formed FBI under Edgar Hoover, these cases would never have been solved.
David Grann deserves great credit for not stopping at a mere reconstruction of these murders but instead reaching out to the descendants of the victimized families. In doing so, he discovered just how deeply the trauma still affects the current generation—a generation that derives no benefit from the oil wells that were once plundered. He also realized how little was actually exposed. The perpetrators seem to have viewed themselves as perfectly normal, even while committing murder; the ill-gotten gains likely continue to affect their families to this day—though certainly not as a source of trauma. Hundreds of murders must have taken place at the time; there was practically no Native American family that did not experience a suspicious death.
Yes—this is America, a continent built on violence, greed, and hatred. Its deep divisions will not heal without a reckoning with the genocide in all the facets that span this vast land—and Oklahoma was merely one specific crime scene among many. Grann’s book—and presumably Scorsese’s film as well—provide an impetus; nothing more, but certainly nothing less.
David Grann, *Das Verbrechen. Die Osage-Morde und das FBI* [Killers of the Flower Moon], translated from American English by Henning Dedekind, 416 pages, with numerous illustrations, notes, and bibliography; btb paperback, Munich 2018, ISBN 978-3-442-71727-9
September 10, 2023 Copyright Christel Heybrock
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