Ritual für die misshandelte Erde

 

 

„Clearcut“    Kanada 1991       (Kahlschlag, bzw. Die Rache des Wolfes)

 

Ein großer „Indianerfilm“, von der weißen Rezeption völlig missverstanden und unterschätzt. Zusammen mit dem ebenso im Hintergrund gebliebenen „Dreamkeeper“ bildet „Clearcut“ eine kontroverse Dualität – hier ein kompromissloses Drama, bei „Dreamkeeper“ ebenso kompromisslos die vielfältige Welt ausschließlich indigener Mythen. Beide Filme sind nur noch mit dem meisterhaften Durchbruch „Dances with Wolves“ von Kevin Costner vergleichbar.

 

Die ungeheure Zerstörung kanadischer Wälder durch die Holz- und Papierindustrie ist Thema von „Clearcut“. Der Film des polnischen Regisseurs Ryszard Bugajski hätte, so weiße Kritiker, mit seinem blutigen Werk den Mythos vom „edlen Wilden“ zerstört und gezeigt, zu welcher Brutalität die Vertreter indigener Völker in Wirklichkeit fähig seien. Mehr Heuchelei, als sich in diesen blinden Urteilen äußert, geht ja wohl nicht.

 

Der Plot ist schnell erzählt: Der Industrielle Bud Rickets (Michael Hogan) lässt in Kanada (der Film wurde in der Thunder Bay, Ontario, gedreht) ganze Landstriche unwiederbringlich verwüsten, überall ist der Boden aufgerissen, gefällte Bäume stapeln sich an Straßenrändern, es wird ungebremst weiter und immer weiter gefällt, gesägt und vernichtet. Die ansässigen Menschen protestieren, die Presse filmt, als Alibi angeblicher Gesetzeskonformität kümmert sich ein erfolg- und ahnungsloser junger Anwalt um die Interessen der Indigenen: Peter Maguire (Ron Lea), der dem Häuptling Wilf (Floyd Red Crow Westerman) seine guten Absichten kundtut.

 

Es ist klar, dass Maguire nie auch nur einen einzigen Prozess gegen diese Industrie gewinnen wird, während Holzmagnat Bud Rickets auch noch den Standpunkt verbreitet, es sei alles nur zum Besten der Natives: Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser, Lebensmittelversorgung – wie würde es den Leuten wohl gehen, wenn die Fabrik geschlossen würde? Häuptling Wilf, alt, freundlich, verschlossen und von gänzlich indigener Geduld, lädt den jungen Anwalt zum Schwitzbad in die Kuppelhütte ein, damit er sich selbst erfahren möge – aber der Indigene Arthur (Graham Greene) ist da ganz anderer Ansicht, nämlich überzeugt, dass man der unglaublichen Gewalt, die der Natur angetan wird, nur mit Gewalt antworten kann.

 

Es ist eine ungewöhnliche Rolle, sicherlich die anspruchsvollste, die der kürzlich verstorbene Greene jemals verkörpert hat. Mit katzenhafter Geschicklichkeit und Zielstrebigkeit führt er indianisches Handeln vor, das in seiner „Grausamkeit“ für die Weißen und wohl auch für viele weiße Zuschauer unverständlich bleibt. Aber Arthur bewegt sich in der weißen Welt nicht nur ebenso sicher wie in der uralten seines Stammes, sondern auch mit verblüffender Unverschämtheit:  Im Nu hat er ein paar lärmende Zeitgenossen im Zimmer nebenan zum Schweigen gebracht, indem er sie alle mit Klebeband umwickelt und dabei Mund und Augen nicht ausgelassen hat. Und mit derselben einfallsreichen Geschicklichkeit kidnappt er sowohl den Industriellen Bud als auch den hilflosen jungen Anwalt Maguire, setzt sie ins Kanu und fährt sie in die „Wildnis“, nicht ohne unterwegs noch eine kleine Schlange aus seiner Tasche hervorgezaubert  und ihr den Kopf abgebissen zu haben. Auch Spinnen, so stellt sich später heraus, isst er schon mal – typisch „unzivilisiert“ und eine Bedrohung für die beiden weißen Entführungsopfer, die um Haltung ringen.

 

"Wir besuchen unsere Mutter"

 

In der „Wildnis“ kommt es zu Rangeleien, bei denen Bud und Maguire sich zunehmend in Lebensgefahr fühlen und verletzt werden. Als vorläufiger Höhepunkt wird der mit Klebeband immer noch gefesselte Bud schrecklich misshandelt, indem Arthur ihm ein Bein übers Feuer hält und vom verbrannten Fleisch die Haut abzieht: „Ich entrinde ihn“, antwortet er Maguire, der ihn entsetzt fragt, was er da macht. Natürlich ist das in „weißen“ Augen von heimtückischer, perverser Brutalität – aber es ist nur das, was weiße Holzfäller den Bäumen und nicht nur einem einzigen Baum antun. Aus indigener Perspektive gibt es keinen Unterschied zwischen Erde, Pflanze, Tier und Mensch, sie alle sind gleichberechtigte Lebewesen und schmerzempfindlich. Arthur macht einfach nur das an einer einzigen Person, was Weiße an Tausenden von Bäumen (die für ihn  nichts anderes sind als Personen) ständig tun.

 

Mehr noch, es gibt einen zunächst nicht erkennbaren Hintergrund: Bevor Buds Misshandlung stattfindet, nähern sich zwei weiße Elchjäger der einsamen Bucht, so dass Bud und Maguire die Chance zur Flucht sehen, aber die Jäger werden von Arthur aufgehalten: Sie seien in Indianerland eingedrungen und hätten bei einer Zeremonie gestört: „Wir besuchen unsere Mutter, es ist ein Ritual!“ Maguire steht daneben und weiß nicht, was er in seiner Verzweiflung dazu sagen soll, was hat er mit Arthurs Mutter zu tun und was soll diese blödsinnige Erklärung? Das werden wohl auch die meisten Zuschauer so sehen und schnell vergessen. Tatsächlich aber ist es das, was Arthurs Handeln definiert: Die Entführung und Misshandlung von Bud und Maguire ist ein Ritual, das Arthur für die verletzte Erde durchführt, nach indianischem Verständnis für die „Mutter“ der Menschen. Der Film demonstriert also letztlich ein erschreckendes, aber fast zwangsläufiges indianisches Opferritual.

 

Und das führt Arthur auch an sich selbst durch: Bei einer weiteren Schwitzreinigung, bei der alle Drei um glühende Steine herum in der dunklen Kuppelhütte sitzen, beginnt Arthur zu singen – die alten Ritualgesänge seines Stammes, wobei er sich selbst in die Brust und dann ein Fingerglied abschneidet, das er als Opfer emporhält. Die Szene in der Schwitzhütte endet für Arthur in einem kontrollierten Trancezustand, für die beiden anderen in namenlosem Entsetzen und Unverständnis. Zu Arthurs Selbstverletzung ist zu sagen, dass physische Verletzungen häufig Teil indianischer Zeremonien sind, aber auch aus Gründen der Trauer ausgeübt werden – die Vorstellung, die dahinter steht, entspricht einer bedingungslosen, mit dem Opfergedanken verbundenen Selbstöffnung. Die Lakota beispielsweise erklären ihre Verletzungen beim Sonnentanz damit, dass sie keine Besitztümer hätten, die sie der Erde/Sonne opfern könnten (was der Realität entspricht), das Einzige, was sie opfern könnten, sei der eigene Körper.

 

Gegen Ende der „Zeremonie“, die sich insgesamt über mehrere Tage erstreckt und  für Bud die Aussicht enthält, an einem indianischen Opferplatz hoch oben auf einem Felsen getötet zu werden, damit er „sieht, wie die Erde im Sterben liegt“, wird es Maguire zu bunt. Er streift sein wirkungsloses weißes Zivilisationsverhalten ab, greift Arthur an und verletzt ihn ernsthaft. Was dann folgt, ist eine kurze, wortlose, einzigartige Szene:  Arthur, wider Erwarten getroffen, staunt ein wenig und geht ins Wasser, langsam, offenbar mit dem physischen Wissen, dass er sterben wird. Mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken im Wasser liegend und langsam tiefer sinkend, mischen sich in seinem Blick Ungerührtheit, Drohung und Einsicht in die eigene Verletzlichkeit. Er sieht Maguire lange an, es ist ein unglaublicher, indianischer Blick, der das Wissen um den eigenen Tod und um das hartnäckige Überleben der Indigenen enthält. Ein Blick, der sagt - okay, du hast mich getötet, aber nicht beseitigt, ich sterbe, aber ich bin nicht weg. Das hier ist mein Platz und ich bleibe. Dann verschwindet er in der Tiefe und taucht nicht mehr auf.

 

In der Nacht erscheint Häuptling Wilf – welche Rolle hat er hinter den Kulissen eigentlich gespielt? – und fährt das Kanu mit Bud und Maguire zum Dorf zurück, wo Polizei und Krankenhaus warten. Der Film umkreist im Grunde zwei große Themen: das eine ist ein ethisches Problem. Gibt es überhaupt ein ethisches Verhalten, mit dem man wirkungsvoll gegen Gewalt handeln kann? Wäre es ethisch, die Gewalt der Holzindustrie einfach zu ertragen, den Untergang der Wälder, der Tiere und der dort lebenden Menschen einfach hinzunehmen? Wenn das nicht ethisch ist – worin könnte ethisches Verhalten dann bestehen? Mit Gesetzen gegen Gewalt vorzugehen – es funktioniert nur dann, wenn Gesetze auch angewandt werden. Wäre es ethisch, Gewalt gegen Gewalt einzusetzen, so wie Arthur zu handeln scheint, und dann hinnehmen, wenn man dennoch womöglich scheitert? Wobei man festhalten muss, dass die Gewalt, die Arthur ausübt, nur ein Bruchteil dessen ist, was die Holzindustrie verursacht. Und dass er Gewalt nicht aus kalter Rache ausübt, sondern als Demonstration für die Weißen und zugleich als Opfer für die misshandelte Erde. Das ethische Problem des Films ist nicht lösbar. Es wäre lösbar, wenn die Holzfabrik geschlossen würde.

 

Überleben ist eine Frage von Jahrtausenden

 

Das zweite Problem ist die „Integration“ der Indigenen in die Auffassung der Weißen von dieser Welt und wie man in dieser Welt handelt. Das lässt sich nicht völlig, aber halbwegs lösen, und die Lösung findet ja auch täglich in der Realität statt: American Natives (hier kanadische First Nations) bleiben auch in einer weißen Zivilisation  sie selbst dank einer über Jahrtausende entwickelten Resilienz. Sie, und nicht die Weißen, sind Vertreter der älteren Kultur, die sich behaupten wird. In diesem Zusammenhang muss noch einmal die Rolle von Häuptling Wilf betrachtet werden. Er ist von eindrucksvoller, sanfter Selbstgewissheit – der Film spiegelt indianisches Selbst- und Weltverständnis in den beiden Kontrastpersonen Arthur einerseits und Wilf andererseits. Dass Wilf genau weiß, was Arthur mit den Weißen macht, ja sogar weiß, wo Arthur sich jeweils befindet, obwohl der mit den beiden weißen Männern in der Wildnis immer mal den Platz wechselt, das ist offensichtlich, denn er taucht unvermittelt immer mal wieder bei ihnen auf. Am Schluss ist auch er es, der die Verletzten im Kanu nachhause fährt: „Schönes Feuer, weißer Mann“, sagt er, nachdem er lautlos übers Wasser zu ihrem Lagerfeuer geglitten ist: „Es ist Zeit, nachhause zu kommen“, fügt er noch hinzu

 

Wilfs Charakter entzieht sich jeder „weißen“ Definition, er repräsentiert nicht die von Arthur sarkastisch ausgespielte „Wildheit“, er repräsentiert die letztlich geheimnisvolle indianische Zivilisiertheit. Nach weißen Maßstäben hätte er Arthur an seinem grausamen Handeln hindern müssen, aber er lässt es einverständig zu. Und er ist es, der mit verblüffender Erkenntnis die richtigen Fragen stellt, etwa als Maguire sich im Gespräch mit ihm beklagt, wie wenig er die Rechte der Indianer gegen die Holzindustrie durchsetzen kann. Wilf: „Bist du sauer für uns oder für dich selber?“ Er gibt Maguire auch die Gelegenheit, sich zu entscheiden für die Indianer oder für die Holzindustrie, aber Maguire kann nicht anders handeln als halbherzig durch Kompromissversuche – weil er feige und weil das durch seine weiße Sozialisierung vorgegeben ist.

 

Wilf repräsentiert ein Denken, in dem nicht nur Traum und Vision mit der Realität ebenbürtig sind, sondern auch eines, das ganz andere Zeiträume überspannt, unausgesprochen sieht er sich in einem Zeitfluss von Jahrtausenden. Insofern ist es geheimnisvoll doppeldeutig, wenn er Maguire über dessen juristischen Misserfolg lächelnd beruhigt, so ein Kampf dauere eben lange. Bei einer Szene im Wald nach Buds Misshandlung versucht er durch die Erzählung einer Legende zu erklären, was eigentlich vor sich geht – dass jemand gestoppt werden muss, der zu viel Zerstörung anrichtet. „Was soll ich mit deinen Märchen“, schreit der verzweifelte Maguire ihn an: „Sag mir, wie ich das hier stoppen kann, sag mir, was das alles hier bedeutet?!“ Wilf klappt in unendlicher Sanftmut die flachen Hände zusammen: „Der Traum ist irgendwann zu Ende!“ Klapp, als könnte man aus einem Albtraum wie dem, der sich soeben abspielt, mit einem Luftzug, einem leisen Klatschen wieder heraus. Für Wilf ist das so, und er meint damit wohl nicht nur den Albtraum, der den beiden Weißen angetan wurde, sondern auch den viel längeren, viel schrecklicheren, der seinem und dem Lebensraum seiner alten Kultur angetan wird. Auch dieser Albtraum – letztlich eine Episode. Sie wird sehr lange dauern, Wilf wird das Ende nicht mehr erleben. Aber es wird kommen, das Ende der weißen Männer.

 

 

Indigene Darsteller:

 

 

Graham Greene (1952-2025), Oneida                                           - Arthur

 

Floyd Red Crow Westerman (1936-2007), Sisseton Dakota     - Wilf

 

Tom Jackson, Cree                                                                           - Tom Starblanket

 

 

14. September 2025       Copyright Christel Heybrock