Vertrauen über die Fremdheit hinweg

 

Cheyenne Warrior   ("Krieger der Cheyenne") USA 1994

 

Das traditionelle Western-Handlungsgerüst „Indianer gegen Weiße“ wird hier gründlich durcheinander gebracht: Die brutalsten Killer von Weißen sind Weiße selber, doch auch die im Grunde friedlichen Cheyenne müssen sich gegen aggressive Pawnee verteidigen. Aber die Linien werden noch subtiler verschlungen: Der Inhaber einer einsamen Handelsstation ist ein Weißer, der durch Heirat mit einer Cheyenne in den Stamm aufgenommen wurde und auch nach deren Tod (an den von Weißen verursachten Pocken) mit den Cheyenne-Kriegern befreundet bleibt.

 

Diesen Handelsposten erreicht das junge weiße Ehepaar Rebecca und Matthew Carver, sie schwanger, er ein kopf- und rücksichtsloser Abenteurer, der das entspannte Verhältnis des Händlers mit den Cheyenne nicht verstehen kann. Nach eintägigem Aufenthalt macht er sich als braver Rassist frühmorgens auf den Weg, um zwei obskure weiße Büffeljäger, die den Posten am Tag zuvor „besucht“ und wieder verlassen haben, vor den Cheyenne zu warnen. Aber da er ein teures Gewehr besitzt, wird er von den beiden Kriminellen nicht etwa dankbar aufgenommen, sondern kurzerhand erschossen. Sie töten auch den Händler, der dem unvorsichtigen Dummkopf Matthew hinterher geritten ist, so dass in dem kleinen Holzhaus unvermutet nur noch Rebecca (Kelly Preston) übrig bleibt. Wenn da nicht noch die Cheyenne vom Abend zuvor wären, die nun von den Pawnee überfallen werden. Außer dem zukünftigen Häuptling Hawk (Pato Hoffmann), der bei dem Scharmützel verletzt wird,  und ihr ist dann niemand mehr da.

 

Wie die schwangere Rebecca es schafft, den bewusstlosen Hawk über die Holztreppe ins Haus und dann auch noch ins Bett zu ziehen, um ihm womöglich das Leben zu retten, bleibt das Geheimnis des Drehbuchschreibers, aber es gelingt, der Mann erholt sich und lässt sich von ihr sogar die Kugel aus dem Bein schneiden. Sehr zögernd kommen die beiden sich etwas näher, bis Hawk irgendwann wieder zu seinem Stamm reitet, was Rebecca nicht schreckt: Sie wird im Holzhaus bleiben, die Handelsstation allein betreiben und ihr Kind zur Welt bringen. Hawk hat seine Zweifel.

 

Das Drehbuch setzt sehr wirkungsvoll auf gelegentliche Überraschungen. In der entspannten Ruhe ihrer Einsamkeit setzen bei Rebecca plötzlich die Wehen ein, und mitten in der Nacht springt die Tür auf, im Dunkeln zwei Gestalten, deren Gesichter sie sieht: Es sind Hawk und seine Mutter. Der Cheyenne scheint ein unglaubliches Timing für Entbindungen zu haben, denn fürsorglich hat er die eigene Mutter als  Beistand für Rebecca hergebracht - eine Verantwortung, zu der ihr Ehemann nicht fähig gewesen wäre.

 

Zudem übernimmt in der Folge Hawk eine Arbeit, die ein Cheyenne eigentlich von einer Frau erwartet: Holz herbeischaffen, bei Haushaltsverrichtungen helfen. Das Paar wächst subtil zusammen und lebt allmählich wie eine kleine Familie, fast als wäre das Baby Hawks Sohn. Aber der Stamm hat dafür kein Verständnis, die Cheyenne kommen und sehen irritiert, was aus Hawk geworden ist, er droht seine Position und seinen Respekt bei ihnen zu verlieren. Erneut muss er die Station verlassen, erneut fürchtet er, anders als Rebecca selbst, um ihre Sicherheit. „Der vorige Inhaber hier war auch allein“, wehrt sie seine Befürchtungen ab. „Ja, aber der war durch seine Frau ein Cheyenne“, gibt Hawk zu bedenken. Kann sie sich nicht ein Leben mit ihm bei seinem Stamm vorstellen? Nein. Sie muss doch an ihren Sohn und seine Zukunft denken. Und Hawk muss an die Zukunft seines Stammes denken.

 

Er berät sich mit seiner Mutter. Die guckt unbewegt geradeaus und sagt: „Du weißt, was zu tun ist.“ Hawk geht ins Haus, packt Rebecca und schleppt die schreiende und strampelnde Frau zum Planwagen, die Mutter hat das Baby aus der Wiege genommen, und Hawk zündet das Haus an. Fassungslos sieht Rebecca in die Flammen: Dahin kann sie nicht zurück – für Hawk ist es die einzige Möglichkeit, Rebecca entgegen ihrem Dickkopf zu retten. Auf dem Weg nach Osten trifft der Planwagen bald auf einen Weißen, der sich im Kampf mit anderen Weißen befindet, denn der Bürgerkrieg ist ausgebrochen. Aber der Mann wird Rebecca zu Menschen bringen, bei denen sie leben kann und in Sicherheit ist. Hawk und sie müssen sich trennen.

 

Für jeweils kurze Zeit waren beide über ihren Schatten gesprungen und haben für den anderen, der ihnen fremd war und doch wieder nicht, Verantwortung übernommen. Und der Schatten ist bei Hawk deutlich länger, er hat die Sicherheit Rebeccas über seine Liebe gestellt und aus Liebe – zu ihr und zu seinem Stamm – auf sie verzichtet, ein Verhalten, das einem Roman von Goethe hätte entstammen können.

 

Schade, dass Regisseur Mark Griffiths keine nordamerikanischen Indigenen für diese Geschichte eingesetzt hat: Pato Hoffmann als Hawk ist Bolivianer (Aymara, Quechua, mit spanischem und deutschem Hintergrund), aber immerhin erfahren mit Western-Indianerrollen. Der (soweit sich feststellen ließ) einzige Schauspieler eines Plains-Stammes ist der Comanche Joseph Wolves Kill als Running Wolf in einer Nebenrolle – was angesichts der Talente dieses Mannes verschenkt ist: Aktivist in der American Indian Bewegung, ist er nicht nur Schauspieler, sondern auch Maler, Powwow-Tänzer und vertraut mit traditioneller indianischer Handwerkskunst. Auf seiner Website https://wolveskill.tripod.com/ kann man Gemälde von ihm sehen.

 

24. Oktober 2023             Copyright Christel Heybrock