Ein polnischer Autor rekonstruiert eine indianische Lebensgeschichte

 

Arkady Fiedler: „Buffalo Child“, mit Illustrationen von Michael Franke

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Indianische Erzähler haben immer wieder über ihre Kindheit geschrieben – seit sie sich in der Welt der Weißen schreibend (freilich nicht in ihrer Muttersprache) orientieren konnten. Es sind immer wieder Erzählungen über eine unbeschwerte, wenngleich durch das Eindringen der Weißen bedrohte Kindheit, und die weißen Leser machen sich vielleicht hin und wieder bewusst, dass zwar nicht das Schreiben, wohl aber das Erzählen zu den kulturellen Basisfähigkeiten von Indianern gehört: Jagd- und Kampferfolge, spannende oder lustige Begebenheiten wollen schließlich am Lagerfeuer beim Tanzspiel „Das erlebte ich“ oder im Tipi berichtet werden, und dass inzwischen die Nachfolger der weißen Eroberer fast mit dabei sitzen – es ist Zeichen für die immer noch unzerstörte Offenheit und Mitteilungsfreude der Erzähler und vielleicht auch der Wunsch, verstanden zu werden von denen, die ihnen Tod und Verderben brachten. Was für eine Resilienz!

 

Die hatte auch das Erinnerungsbuch des Blackfoot-Indianers Buffalo Child nötig, das 1929 erstmals in USA erschien: in einer offenbar schmerzhaft gekürzten Fassung, denn der Verlag hatte sich geweigert, Passagen zu publizieren, die das Verhalten weißer Eroberer als das schilderten, was es war: hinterlistig, brutal und unmenschlich. Der polnische Journalist und Reiseschriftsteller Arkady Fiedler (1894-1985), Autor von 32 Büchern, berichtet im Vorwort einer Ausgabe von „Buffalo Child“, dass er einst in Kanada auf zwei Männer stieß, die Buffalo Child noch gekannt hatten und die verlorenen Passagen aus dem Gedächtnis rekonstruieren konnten. Nach Fiedlers Tod erschienen die Kindheitserinnerungen 2012 in rekonstruierter Form,  inzwischen liegt die dritte, von Peter Marsh und Wolfgang Stohr überarbeitete Ausgabe vor (2018), wobei natürlich nicht mehr überprüft werden kann, was noch Originaltext und was Ergänzung oder Erweiterung der anderen Autoren ist.

 

Dennoch hat das Buch einen ganz eigenen, anschaulich-leichten Erzählfluss, getragen von einer stets differenzierten Perspektive hinsichtlich von Familienverhältnissen und Ereignissen des Stammeslebens. So tritt die Familie des Erzählers von Beginn an als gespalten auf: der Vater Vertreter traditioneller indianischer Lebensweise, der Onkel dagegen fortschrittsgläubig und im Begriff, seine Tochter dem hinterhältigen weißen Händler Dick Ruxton zur Frau zu geben. Dieser Ruxton tut sich in der Folge immer wieder als krimineller Charakter hervor, aber durch seine Händlerkontakte wird er bei den Stämmen akzeptiert – bis man ihn irgendwann zum Teufel jagt.

 

Eingebettet in meist karges indianisches Alltagsleben, in Schilderungen von Landschaft, Tierwelt und die heftigen Kinderträume eines Jungen treten einige Ereignisse besonders hervor, so der Verlust eines engen Freundes, Buffalos Cousin Struppiger Adler, der zusammen mit dem Onkel Grollender Donner den Stamm verlässt und bei einem Zwischenfall getötet wird. Es ist der erste Verlust von insgesamt dreien, die dem Jungen in Laufe der Handlung von den Weißen zugefügt werden. Die indianische Gesellschaft wird durchaus nicht als vollkommen friedfertig dargestellt, immer wieder ist man „auf dem unreinen Pfad“, um sich für Überfälle und Verluste zu rächen – aber trotz solcher Feindseligkeiten gelingen immer wieder auch Versöhnungen und Zusammenhalt.

 

Ein Vorfall, der weite Teile des Buches beherrscht, hängt damit zusammen, dass eine Gruppe der Crow von Ruxton zu einem Überfall überredet wurde: ausgerechnet auf die Separatisten unter Grollender Donner. Es ging darum, deren Pferde zu stehlen und auf dem Handelsstützpunkt Fort Benton zu verkaufen. Trotz der Meinungsverschiedenheiten mit dem Onkel steht Buffalo Childs Gruppe wieder auf dessen Seite und will die Pferde zurück: Welche Chancen hätte ein Kriegszug gegen die Crow, beziehungsweise gegen Ruxton? Der „Geheimnismann“, der Witshasha Wakán, in deutschsprachiger Literatur stets als „Medizinmann“ bezeichnet, befragt wie vor jeder Kriegshandlung die „unsichtbaren Kräfte“ über Erfolg oder Misserfolg und verkündet, es werde keine Verluste geben. Wie später bei der Beschreibung des traditionellen Sonnentanzes ist auch die Zeremonie der Kriegsbefragung ein eindrucksvoller Vorgang, nur dass sich in diesem Fall die Weissagung zunächst als falsch herausstellt und erst Jahre nach dem Tod des Geheimnismanns bestätigt. Einer der Blackfoot, die Ruxton und die Crow noch überfallen können, bevor sie Fort Benton erreichen, kehrt aus dem Kampf nicht zurück und wird für tot gehalten.

 

Und die Pferde, die dabei erbeutet werden, sind auch nicht die, um die es den Blackfoot geht. Wie sich herausstellt, ist es Ruxton gelungen, sie tatsächlich nach Fort Benton zu bringen. Vier Kundschafter der ahnungslosen Blackfoot informieren den Kommandanten des Forts über den Raub in der Erwartung, die Pferde würden ihnen nun zurück gegeben. Das Gegenteil tritt ein: Der Kommandant inhaftiert die vier Männer und droht, sie zu hängen. Auch eine Abordnung der Blackfoot, die glauben, es müsse ein Missverständnis korrigiert werden, wird von dem brutalen Kommandanten bedroht und kann froh sein, dass sie selbst mit heiler Haut davon kommt.

 

Es gehört zu den tollen Geschichten in diesem Buch, auf welche Weise die Blackfoot ihre vier gefangenen Krieger zurückbekommen: durch Erpressung. Der Zufall will es, dass Buffalo Child in seiner kindlichen Unbekümmertheit auf der Straße einem weißen kleinen Jungen spontan ein Holzpferdchen schenkt und dass sich eine Freundschaft daraus entwickelt. Doch Indianerspiele sind auch für Indianer nicht immer gefahrlos. Die beiden Jungs spielen am Wasser, der weiße Junge fällt hinein und wird sofort weit abgetrieben, mit äußerster Anstrengung gelingt es Buffalo Child und seinem großen treuen Hund, den Jungen und sich selber zu retten. Der Stamm hat die Chance, den weißen Jungen als Geisel zu behalten – er ist der Sohn des brutalen Kommandanten und kann nun ausgetauscht werden gegen die vier Krieger, die immer noch ohne jedes Recht inhaftiert sind.

 

Immer wieder vertrieben vom Ansturm weißer Siedler, bewegt sich der Stamm Richtung Kanada. Buffalo Child wird allmählich erwachsen und erkennt mutig, dass sein Volk nur durch eine Veränderung von Lebensgewohnheiten die Chance des Überlebens hat. Er verlässt seine Familie, um auf eine der berüchtigten weißen Carlisle-Schulen zu gehen: Nur mit weißer Bildung wird er den Weißen gewachsen sein. So bekommt er später nur durch Berichte anderer mit, was sich in der kanadischen Reservation abspielt, nachdem sein Bruder Mighty Voice in Saskatchewan einen Aufstand unterstützt hat. Mighty Voice verschanzt sich mit zwei Getreuen gegen eine Übermacht weißer Sicherheitskräfte und sieht gelassen seinem Tod entgegen: Mehr als tausend bewaffnete Männer umzingeln gerade mal drei Indianer, von denen Mighty Voice wie zum Hohn auch noch sein weithin hörbares Todeslied anstimmt – es wird kein ruhmreicher Sieg der Weißen, aber ein ruhmreicher Tod der anderen, und dass das Buch mit einer Perspektive von Stärke und Gelassenheit endet… es ist wohl der einzigartigen Würde und Selbstgewissheit indianischer Mentalität zuzuschreiben.

 

Wie sagte doch einer der „Besiegten“ in Kevin Kostners Filmreihe „500 Nations“? „Es ist nichts entschieden. Wir sind noch da.“

 

Indian Summer Edition, Neubrandenburg, 3. Aufl. 2018,  296 S., ISBN 978-3-947488-22-3

11. Dezember 2021  Copyright Christel Heybrock

 

A Polish Author Reconstructs a Native American Life Story

Arkady Fiedler: *Buffalo Child*, with illustrations by Michael Franke

 

Native American storytellers have repeatedly written about their childhoods—ever since they became able to navigate the world of white people through the written word (albeit not in their native tongues). These are invariably tales of a carefree childhood—one, however, threatened by the encroachment of white settlers. And white readers may occasionally realize that while writing itself may not be a traditional skill, storytelling certainly ranks among the fundamental cultural competencies of Native Americans. After all, successes in hunting and battle—as well as exciting or humorous incidents—beg to be recounted around the campfire, during the ceremonial dance-game known as "What I Experienced," or within the tipi. The fact that the descendants of the white conquerors now sit almost alongside them—listening in—stands as a testament to the storytellers' still-undiminished openness and eagerness to share; perhaps, too, it reflects a desire to be understood by those who once brought them death and destruction. What resilience

 

Such resilience was certainly required for the memoir of the Blackfoot Indian known as Buffalo Child, which first appeared in the United States in 1929. It was published in a version that had evidently been painfully abridged, as the publisher had refused to print passages that depicted the conduct of the white conquerors for what it truly was: treacherous, brutal, and inhumane. In the preface to a later edition of *Buffalo Child*, the Polish journalist and travel writer Arkady Fiedler (1894–1985)—author of thirty-two books—recounts how, while traveling in Canada, he once encountered two men who had personally known Buffalo Child and were able to reconstruct the lost passages from memory. Following Fiedler’s death, his childhood memoirs were published in 2012 in a reconstructed form; a third edition—revised by Peter Marsh and Wolfgang Stohr—is now available (2018), though, naturally, it is no longer possible to verify which parts constitute the original text and which are additions or expansions by the other authors.

 

Nevertheless, the book possesses a unique, vivid, and fluid narrative flow, sustained by a consistently nuanced perspective regarding family dynamics and the events of tribal life. From the very outset, for instance, the narrator’s family appears deeply divided: the father represents the traditional Native American way of life, while the uncle—a believer in progress—is on the verge of giving his daughter in marriage to the treacherous white trader, Dick Ruxton. Ruxton subsequently distinguishes himself time and again as a criminal figure; yet, thanks to his trading connections, he remains accepted among the tribes—until, eventually, he is run out of town.

 

Set against the backdrop of a largely austere Native American daily life—amidst descriptions of the landscape, wildlife, and the intense childhood dreams of a young boy—certain events stand out in particular. One such event is the loss of a close friend—Buffalo’s cousin, Shaggy Eagle—who leaves the tribe alongside the uncle, Grumbling Thunder, only to be killed in a subsequent incident. (Since I only got the German edition, the names were re-translated here by Google and may be different from the original text.) It is the first of three losses inflicted upon the boy by white men over the course of the narrative. Native American society is by no means portrayed as entirely peaceable; time and again, individuals set out "on the unclean path" to exact revenge for raids and losses—yet, despite such hostilities, moments of reconciliation and solidarity frequently prevail.

 

One incident that dominates a significant portion of the book stems from the fact that a group of Crow warriors was persuaded by Ruxton to carry out a raid—specifically, against the separatist faction led by Grumbling Thunder. The objective was to steal their horses and sell them at the trading post of Fort Benton. Despite their disagreements with their uncle, Buffalo Child’s group once again stands by his side and seeks to reclaim the horses: What chances would a war party have against the Crow—or, for that matter, against Ruxton? The "Mystery Man"—the *Witshasha Wakán*, invariably referred to as a "medicine man" in German-language literature—consults the "invisible forces" regarding the likelihood of success or failure, just as he does before every act of war, and declares that there will be no casualties. Much like the subsequent description of the traditional Sun Dance, this ceremony of wartime divination is a powerful and impressive ritual; yet in this instance, the prophecy initially proves false, only to be vindicated years after the Mystery Man’s death. One of the Blackfoot warriors—who manage to ambush Ruxton and the Crow before they reach Fort Benton—fails to return from the fight and is presumed dead.

 

Moreover, the horses captured during the raid are not the ones the Blackfoot were after. As it turns out, Ruxton had actually succeeded in bringing them safely to Fort Benton. Four scouts from the unsuspecting Blackfoot party inform the fort’s commander of the theft, fully expecting that the horses would now be returned to them. Instead, the opposite occurs: the commander imprisons the four men and threatens to hang them. Even a delegation of Blackfoot, believing that a misunderstanding simply needs to be cleared up, is threatened by the brutal commander—and counts itself lucky to escape with its own skins intact.

 

One of the most remarkable stories in this book recounts how the Blackfoot eventually retrieve their four captive warriors: through blackmail. As fate would have it, Buffalo Child—in his childlike innocence—spontaneously gifts a small wooden horse to a white boy he encounters on the road, and a friendship blossoms between them. However, playing "Indians" is not always without peril, even for actual Indians. The two boys are playing by the water when the white boy falls in and is immediately swept far downstream; only through a supreme effort do Buffalo Child and his large, loyal dog manage to save both the boy and themselves. The tribe now has the opportunity to hold the white boy as a hostage—for he is the son of the brutal commander—and to exchange him for the four warriors who remain unjustly imprisoned.

 

Repeatedly driven from their lands by the onslaught of white settlers, the tribe gradually makes its way toward Canada. Buffalo Child slowly comes of age and courageously recognizes that his people stand a chance of survival only if they adapt a different way of life. He leaves his family to attend one of the notorious white Carlisle schools, realizing that only by acquiring a white education can he hope to stand on equal footing with the white man. Consequently, he learns only through the accounts of others what transpires back in the Canadian reservation after his brother, Mighty Voice, supports an uprising in Saskatchewan. Mighty Voice entrenches himself alongside two loyal companions against an overwhelming force of white security personnel, facing his death with composure: more than a thousand armed men surround a mere three Indians—one of whom, Mighty Voice, as if in defiance, strikes up his death song, audible far and wide. It will not be a glorious victory for the whites, but a glorious death for the others; and the fact that the book concludes with a perspective of strength and serenity is, in all likelihood, attributable to the unique dignity and self-assurance inherent in the Native American spirit.

 

As one of the "vanquished" remarked in Kevin Costner’s film series *500 Nations*: "Nothing has been decided. We are still here."

 

Indian Summer Edition, Neubrandenburg, 3rd ed. 2018, 296 pp., ISBN 978-3-947488-22-3

December 11, 2021 | Copyright Christel Heybrock

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