Kleiner Meilenstein  der Filmgeschichte

 

 

„Broken Arrow“ („Der gebrochene Pfeil“)              USA 1950

 

Das muss man sich heute mal vorstellen: 1950 – in Deutschland fährt Bundeskanzler Konrad Adenauer das Land in eine Ära von  Muff, Spießertum und Wohlstand. In der DDR wird das Ministerium für Staatssicherheit gegründet. Die USA befinden sich im  Korea-Krieg, während nach innen der unsägliche Senator Joseph McCarthy eine Ära von Angst und Repressionen für Kulturschaffende einrichtet und gleichzeitig die traumatisierende Praxis anhält, dass indianische Kinder ihren Familien entrissen werden, um in christlichen Internaten „zivilisiert“ zu werden.

 

In dieser Zeit wagt es ein Filmregisseur wie Delmer Daves (1904-1977), sich auf die Seite der Chiricahua-Apachen zu stellen und bei weißen Kinogängern Verständnis für die Ethik und das Verhalten von längst vernichtet geglaubten indigenen Feinden zu wecken. Daves seinerzeit ungewöhnliche Perspektive hat eine Vorgeschichte. Während seines Jurastudiums arbeitete er als „prop boy“ – eine  Art Inspizient oder Mädchen für alles - für den Filmregisseur James Cruze (1884-1942), den heute keiner mehr kennt. Cruze drehte 1923 den Stummfilm-Western „The Covered Wagon“ mit indigenen Komparsen. Daves scheint damals nicht nur eine filmische Prägung, sondern auch tiefe Bewunderung und Empathie für „Indianer“ erhalten zu haben. Jedenfalls spielte die Erfahrung noch fast ein Vierteljahrhundert später eine Rolle.

 

Daves Film „Broken Arrow“, basierend auf dem Roman „Bloodbrother“ von Elliott Arnold, widmet sich einer Episode im Leben von Häuptling Cochise (1805-1874), der zusammen mit einigen wenigen Weißen 1872 versuchte, für sein Volk Frieden zu schließen mit den brutalen Eroberern. Befreundet mit dem  weißen Scout Tom Jeffords (1832-1914) und mit Unterstützung  von Bürgerkriegsveteran General Oliver Otis Howard (1830-1909), schien sogar eine Aussicht auf Erfolg zu bestehen. Die Apachen unter Cochise hielten sich an alle Verträge, die aber bald, wie praktisch alle Vereinbarungen zwischen Weißen und Indigenen, von Weißen gebrochen wurden. Cochise starb zwei Jahre später, und sein Sohn Nachise schloss sich dem Gegenspieler seines Vaters an, dem legendären Geronimo, Apachenhäuptling der Bedonkohe-Band, der den Vertrag von vornherein abgelehnt hatte. Nach weiteren zehn Jahren Kampf gegen die Weißen musste auch Geronimo einsehen , dass er verloren hatte.

 

Der Film hat die historischen Ereignisse in ein publikumsnahes Erzählwerk eingepasst und endet nach dem brutalen Vertragsbruch der Weißen mit einem versöhnlichen Ausblick, den es in Wirklichkeit nicht gab. Eine Liebesgeschichte zwischen Tom Jeffords und einer jungen Apachen-Schamanin, die bei dem Angriff der Weißen ums Leben kommt, ist vor allem insofern ein Zugeständnis ans Publikum, als eine legitime Bindung zwischen indigener Frau und weißem Mann im Kino seinerzeit kaum vermittelt werden konnte. Delmer Daves scheute sich jedoch nicht, trotz der erzählerischen Einebnungen von realen Ereignissen den Finger auf Konflikte zu legen, die vielen Zuschauern wohl unangenehm aufstießen. Etwa, was das Schicksal von Friedensstiftern betrifft – sie werden stets entweder als gefährliche Naive oder als Verräter beargwöhnt, und ihr Erfolg ist oft von kurzer Dauer.

 

Der Mut des Regisseurs ist, zwanzig Jahre vor „Little Big Man“ und vierzig Jahre vor Kevin Costners Durchbruch „Der mit dem Wolf tanzt“, ein Meilenstein in der kulturellen Verarbeitung eines historischen Grauens, das auch heute noch am  liebsten verdrängt wird. Ein kleiner Meilenstein freilich, denn ein ganz großer Film zu diesem Thema konnte 1950 gar nicht entstehen, und der sauber erarbeitete Streifen blieb auch filmhistorisch folgenlos. Dass die Hauptrollen mit weißen statt partiell mit indianischen Darstellern besetzt wurden – auch das wäre damals nicht anders möglich gewesen. Der Mohawk Jay Silverheels (1912-1980) als Geronimo ist außerhalb der indianischen  Massenszenen der einzige indigene Darsteller.

 

Immerhin vermittelt Jeff Chandler glaubhaft die Kraft, Würde und moralische Geradlinigkeit von Cochise. Debrah Paget als junge Schamanin gab sich alle Mühe, den Konflikt zwischen korrektem Stammesverhalten und Liebe zu einem Weißen darzustellen, tatsächlich hatte sie die wohl schwierigste Rolle zwischen den beiden männlichen Repräsentanten – James Stewart als Tom Jeffords brauchte nur ein aufrechter Freund und Weißer zu sein, viel Glanz war in seiner Rolle nicht angelegt. Man sieht diesen Film aus einem vergangenen Jahrhundert immer noch gern, auch wenn die Zeit mächtig darüber hinweg gebraust ist.

 

 

24. Oktober 2023            Copyright Christel Heybrock