Zombie-Horror ertrinkt in Ketchup-Strömen

 

 

Blood Quantum               Kanada 2019

 

 

Was für eine großartige indianische Dystopie hätte das werden können! Man denke: unter weißen Siedlern bricht eine scheußliche Zombieseuche aus, gegen die nur die Indianer im Reservat Red Crow in Quebec immun sind. Es wäre eine Art Umkehrung der realen historischen Situation gewesen, in der weiße Kolonisatoren die indigene Bevölkerung durch gezielt verbreitete Pockeninfektionen dezimierten – an den zerstörten Familienstrukturen leiden Indigene heute noch. Und tatsächlich lässt der Film auch wehrhafte indianische Spiritualität mit geheimnisvollen Zitaten anklingen. Zudem macht der Anfang Hoffnung auf eine mitreißende Geschichte: Ausgeweidete Lachse schnellen wieder hoch und machen sich davon, ein erschossener Hund bricht zähnefletschend aus einem Auto hervor, in dem sein Kadaver abgefahren werden sollte, während ein nichtsnutziger junger Indianer auf einem hohen Verladebalken sitzend auf darunter vorbeifahrende Autos geschissen hat. Die Kamera kippt die Horizontlinie und deutet an, dass die normale Ordnung sich umkehrt, sie zeigt banale Gegenstände wie den schwappenden Kaffeespiegel in einer Tasse in Nahaufnahme - es scheint, als würden leblose Dinge ein Eigenleben beginnen.

 

 

Aber ach, es scheint nur so. Was sich in der Folge entwickelt, ist ein Fastnichts an Handlung, deren Substanzlosigkeit aufgebläht wird durch ein unglaubliches, präpubertäres Gemansche mit offenbar ganzen Fässern von Ketchup und Innereien, mit abgeschnittenen Köpfen, spastisch schreienden und zerhackten weißen Menschen – sie alle suchen im Reservat Heilung, die ihnen natürlich nicht gewährt wird. Aus der Dunkelheit von Blut, Feuer und beim Gemetzel ramponierten Bauruinen kommt der Film nicht mehr raus, selbst die leidlich hellen, nebelgrauen Schluss-Sequenzen mit dem Boot, in dem sich der junge Indianer Joseph (Forrest Goodluck) und seine weiße Freundin Charlie (Olivia Scriven) mit ihrem neu geborenen Baby in ein besseres Leben begeben wollen, sind von hoffnungsloser… ja, Unlogik. Charlie ist aufgrund ihrer Schwangerschaft von der Seuche verschont geblieben, aber jetzt, da das Baby auf der Welt ist, scheint sie bedroht und wird von Joseph erschossen. Tja, und das Baby, das ja nun die Gene beider Eltern hat? Wird es zum Halb-Zombie heranwachsen? Vergessen Sie‘s!

 

 

Vergessen Sie am besten den ganzen Film, der nach einer Viertelstunde zunehmend weniger berührt und den man nur noch kopfschüttelnd und manchmal sogar einnickend an sich vorbeilaufen lässt.  Eine Schande ist aber, wie große indigene Schauspieler, allen voran Michael Greyeyes, völlig unter ihren Fähigkeiten verheizt werden. Für differenzierte Menschendarsteller hat das misslungene Machwerk keinen Platz, weil es keine differenzierten Figuren gibt. Hoffentlich hat für die indigenen Darsteller wenigstens die Gage gestimmt. Das mutmaßliche Sponsoring der Ketchup-Industrie hätte dafür immerhin sorgen können. Aber wie soll man beurteilen, dass nicht nur fast die gesamte Besetzung – abgesehen von den „weißen“ Rollen - aus indigenen Darstellern besteht, sondern dass auch Regisseur Jeff Barnaby (1976-2022), früh an Krebs verstorben, ein Mi’kmaq war – von einer indigenen Sicht auf die Schrecken einer Epidemie kann man wirklich nicht reden. Warum nur hat er in einem ohnehin zweifelhaften Genre, das jeder indigenen Kultur Hohn spricht,  so hemmungslos herumgeklotzt?

 

 

Indigene Darsteller, soweit sie sich ermitteln ließen

 

 

Michael Greyeyes          -  Traylor (Plains Cree)

 

Elle-Májiá Tailfeathers - Joss (Kainai First Nation)

 

Forrest Goodluck            - Joseph (Navajo)

 

Kiowa Gordon                  - Lysol (Hualapai Nation from Peach Springs)

 

Brandon Oakes                - Bumper (Akwesasne Mohawk)

 

Kawennáhere Devery Jacobs     - James  (Mohawk)

 

Gary Farmer                      - Moon (Cayuga)

 

William Belleau               - Shooker (Nation nicht zu ermitteln, Eltern Überlebende der Residential Schools)

 

Stonehorse Lone Goeman          - Stammesführer Old Gisigu (Seneca, Ojibwe)

 

 

 

1.Oktober 2025                 Copyright Christel Heybrock