Ein Jesuit in rätselhaftem Land
Black Robe Kanada, Australien 1991
Nach mehr als dreißig Jahren ist „Black Robe“ immer noch einer der großen „Indianerfilme“. Die Besonderheit: der Film ergreift nirgends Partei für oder gegen die weißen Eindringlinge oder die Natives. Wobei freilich ausgeklammert wird, welche Bedrohungen und langfristigen Folgen das Auftauchen der Europäer für die nordöstlichen Stämme des amerikanischen Kontinents hatte – dass der Verdacht, die Weißen hätten Krankheiten wie die Pocken eingeschleppt, nur zu begründet war, wird hier erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt.
Das Anliegen des australischen Regisseurs Bruce Beresford wie offenbar auch des Romans von Drehbuchschreiber Brian Moore war, die Unvereinbarkeit zwischen jesuitischer Missionierung und indigenen Lebensbedingungen zu schildern. Der Gegensatz zwischen dem aus Rouen kommenden jungen Jesuitenpater Laforgue (Lothaire Bluteau) und den Algonquin, die den Pater zwecks Missionierung zu den Huronen bringen sollen, ist unüberbrückbar, und letztlich musste die historische Jesuitenstation bei den Huronen ja auch scheitern (was nur im Abspann erwähnt wird). Als nichtkatholischer Zeitgenosse fragt man sich schon gelegentlich, wie Jesuiten nur auf die Idee kommen konnten, den Kreuzestod Jesu samt einer sehr speziellen katholischen Jenseitsvorstellung anderen Menschen aufzuzwingen, Menschen mit einer spirituellen, hoch differenzierten Naturauffassung vom Leben schlechthin. Das letztlich erschreckende Experiment ist ja bis heute nicht gelungen, und da, wo Indianer zu Katholiken gemacht wurden, hat ihr Lebensglück nicht gerade zugenommen. Auch das wird nicht ausgeführt in diesem Film – dass bereits die Hierarchie religiösen Denkens und Handelns den Natives fremd sein musste und fremd blieb.
Was trotz der Ausklammerung aller konkreten Differenzen den Film faszinierend macht, ist vielleicht eben die ganz alltägliche Unvereinbarkeit der Mentalitäten. Die jesuitische „Zivilisation“ wird als nicht weniger fremd und irritierend dargestellt wie die indianische Spiritualität, in der Träume und Vorahnungen eine wichtigere Rolle spielen als „Wirklichkeit“. Was die Kluft überbrücken kann, ganz unkatholische Liebe und Begehren, gelingt nur dem jungen Liebespaar Annuka (Sandrine Holt, Tochter des Algonquinhäuptlings Chomina) und Daniel (Aden Young), der freilich kein Jesuit ist. Zur Faszination des Films trägt wesentlich die Macht der Bilder und der kanadischen Landschaft bei, deren ruhige, umfassende Präsenz eine Sprache ist, an der katholischer Jenseitsglaube scheitern musste. Besonders in der extremen Totalen oder von oben ist die Landschaft fast ein Beweis gegen die Menschen: Sie ziehen nur eben eine temporäre dünne Linie, wenn sie über den Fluss paddeln oder im Schnee ihren Weg zurücklegen. Ein eindrücklicheres Bild ständiger Bedrohung menschlicher Existenz inmitten ungebändigter Natur ist kaum vorstellbar.
Die Musik von Georges Delerue, die in Pater Laforgues Rückblenden, beziehungsweise wohl unbewusst in seinen Gedanken anwesend ist, tut ein Übriges – sie verbindet genial Motive christlicher Sakralmusik aus dem Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit dem Ausgeliefertsein menschlichen Lebens in dieser Landschaft. Der Film umgeht bewusst jeden Diskussionsansatz hinsichtlich der Probleme zwischen Weißen und Natives: Er zeigt sie einfach, die existenzielle Kluft.
Indigene Darsteller:
- August Schellenberg (1936-2013), Mohawk – Algonquin-Häuptling Chomina
- Tantoo Cardinal, Cree, Métis – Chominas Frau
- Gordon Tootoosis (1941-2011), Cree, Stoney – Aenons
- Lawrence Bayne, Cree – Neehatin
- Raoul Max Trujillo, Genízaro – Kiotsaeton
- Billy Two Rivers, Mohawk – Ougebmat
- Denis Lacroix, Cree - Taratande
21. Oktober 2023 Copyright Christel Heybrock