Deutscher Indianerfilm ohne Indianer
„Apachen“ DEFA 1973
Die DEFA (Deutsche Film AG) in der DDR (Deutsche Demokratische Republik = Ostdeutschland) produzierte zwischen 1966 und 1985 insgesamt 15 Indianerfilme – die meisten ohne indigene Darsteller, aber mit historischen Ansprüchen und aus gut gemeinter indianischer Perspektive. Damit war die DEFA zwar mental ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus, aber nicht, was den Realismus der Inszenierungen betrifft. Denn aufgrund der politischen Abschottung zwischen Ost und West war es kaum möglich, an authentischen Schauplätzen in USA und Kanada zu drehen. Wer von einem Anspruch etwa Kevin Costners ausgeht, wird die DDR-Produktionen auf den ersten Blick unfreiwillig komisch finden.
„Apachen“ beispielsweise spielt um 1846/48 an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, wurde aber in Bulgarien und im Gebiet der Hohen Tatra gedreht. Die imposanten Saguaro-Kakteen der mexikanischen Wüste hatte Regisseur Gottfried Kolditz wahrscheinlich nie gesehen – in seinem Film sind es seltsam in die Länge geknautschte, graugrüne Gebilde offenbar aus Pappe, die für Wüstenfeeling sorgen sollen. Der DDR-Romancier und Spaßvogel Lothar Dräger (1927-2016), der sich immer mal mit Indianer-Themen beschäftigt hatte, fungierte als „Fachberater“ indianischer Kultur und Verhaltensweisen – was zwar inhaltlich gelungen, aber von den Schauspielern schwer auszuführen war.
Dass die Kostümbildner anstelle langer schwarzer Männerhaare sichtbar auf Perücken zurückgreifen mussten, wäre vielleicht mit authentischem Haarwuchs vermeidbar gewesen, hätte den Darstellern aber wohl das reale Leben in der DDR erschwert, wo solche unsozialistischen Entgleisungen nicht üblich waren. Und der Hauptdarsteller, Gojko Mitiƈ als Apachenkrieger Ulzana, trat zwar als DEFA-Chefindianer in fast allen Filmen der Reihe auf, war aber von Geburt Serbe – in „Apachen“ tat er sein Bestes, vor allem zu Pferde, doch ein indigener Darsteller wäre anders aufgetreten.
Das Schweigen, die innere Ruhe, die spirituellen Gewissheiten indigener Mentalität lassen sich nicht einfach nachmachen. Das wird vor allem in einer Szene deutlich, als Ulzana den Tod eines seiner Kämpfer dessen Ehefrau mitteilen muss. Die beiden stehen etwa zwei Meter voneinander entfernt und nähern sich auch nicht, was als respektvolle Haltung unter Indigenen sinnvoll war – der deutsche Zuschauer fragt sich nur, warum zwei Leute, die miteinander reden, dermaßen steif da stehen, denn die innere Notwendigkeit wird vonseiten der Darsteller nicht erkennbar.
Was die DEFA-Indianerfilme von amerikanischen Streifen unterscheidet, ist auch der Verzicht auf dramatisch hochgezwirbelte und optisch attraktive Geschichten, und das bezieht sich vor allem auf das Fehlen junger Damen mit Sexappeal, die schießwütig-liebenswerte Raubeine umgarnen. Ein Thema wie Liebe oder Erotik fehlt in „Apachen“ völlig. Dennoch kommt Spannung zustande, und jenseits aller Einschränkungen der DEFA-Indianerfilme muss man eine Ernsthaftigkeit anerkennen, die vielen originalen Western bewusst fehlt. Der Fokus wird statt auf oberflächliche Unterhaltung gezielt auf politische und soziale Konflikte gelegt, womit die DEFA-Filme der indigenen Wirklichkeit ungleich angemessener sind als amerikanische Western, in denen gesetzlose Kriminelle zu Helden stilisiert werden.
In „Apachen“ passiert Folgendes. Am Standort der Indianer in der Gegend um Santa Rita wird eine Kupfermine von dem mexikanischen Betreiber Ramón ausgebeutet. Die Apachen erhalten dafür den Zugang zu Lebensmitteln und werden von Ramón zu einer jährlichen Fiesta geladen, auf die sich alle freuen und auf der es auch mit Alkohol schon mal hoch hergeht. Aber Amerikaner haben Silbervorkommen auf Apachengebiet entdeckt und eine skrupellose Abordnung geschickt, um den Boden für eine ganz andere Art von Bergbau vorzubereiten. (Obwohl nur am Rande Teil der Filmhandlung, kündigt sich hier die kolonialistische Expansion Amerikas an, die in diesen Jahren zum offenen Krieg gegen Mexiko führte.) Ramón wird, unbemerkt von der unbewaffneten, fröhlich eintreffenden Apachenmenge, außer Gefecht gesetzt, die kriminelle Bande hat offenbar Vollmacht, rücksichtslos in eigenem Ermessen zu handeln.
Nachdem auch der von ihnen als widerborstig erkannte Ulzana gefesselt ins Haus gebracht wurde, feuern die Männer mit einer Kanone mitten in die ahnungslose Menge und erschießen dann jeden, der noch lebt. Das Ausrottungsprogramm dient nicht nur dem künftigen Silberabbau, sondern auch den Kriminellen persönlich - für jeden Männerskalp sind ihnen 100 Dollar, für jeden Frauenskalp 50 Dollar, für Kinderskalps 25 Dollar zugesichert, und die räumen sie nun an den Toten ab, säuberlich getrennt in verschiedenen Säcken. Nicht nur solche Massaker, sondern auch die Praxis der Skalpverkäufe waren in der Realität Teil der systematischen Vernichtung der indigenen Bevölkerung, das Drehbuch stützt sich auf Tagebuchnotizen europäischer Siedler in Tucson.
Eine Handvoll Apachen und Ulzana können sich im Film retten – wie der junge Krieger sich aus den Fesseln befreit und übers Dach entkommt, entspricht durchaus klassischem Western-Niveau. Der kleine Trupp findet Zuflucht bei einem benachbarten Apachenstamm, mit dessen Hilfe das „Gesetz der Rache“ verfolgt werden kann. Was so brachial klingt, hat wenig mit individueller Wut zu tun, sondern – was im Film nicht erläutert wird – mit einer Wiederherstellung von gestörtem Gleichgewicht, wozu die Überlebenden spirituell verpflichtet sind. In dem Zusammenhang werden die Lebensmittelvorräte der Mexikaner vernichtet, die bei Ramón angestellt waren, aber ihn nun verlassen haben, um in ihre Dörfer zurückzukehren. In der Nacht können die Apachen auch die Wasservorräte der Mexikaner vernichten, so dass die sich nun gegenseitig attackieren.
Auch Johnson, Anführer der kriminellen Amerikanerbande, fällt in Ulzanas Hand – man bindet den Fiesling über einem Ziehbrunnen fest, so dass er das Wasser vor sich hat, in der Wüstenhitze aber nicht daran kommt. Doch eine militärische Abordnung der Amerikaner ist unterwegs und erspäht die Vorgänge. Johnson wird von diesen Männern gerettet und zu seinen Kumpanen zurück gebracht, und als Ulzana ihn dort wieder aufspürt, fällt er nun selbst in die Hände der Skalpjäger. Johnson plant freudig Ulzanas langsamen qualvollen Tod, er und seine Männer haben ihn an einen Baum gebunden und beginnen ihn zu peitschen. Doch Ulzana wird von seinen Leuten gefunden und in einem unbewachten Moment befreit, so dass nun ihrerseits die Apachen das Lager der Skalpjäger angreifen können. Die Situation wird im Wortsinn brenzlig für sie, als die Apachen die Hütten anzünden, aber die skrupellosen Ganoven erwarten die amerikanischen Soldaten zur Unterstützung. Als einer der Männer mit einem Notruf zu den Truppen durchkommt, priorisiert das Militär jedoch ein anderes Vorgehen und lässt die Ganoven im Stich. Ulzana und seine Getreuen können die Mörderbande unschädlich machen, und zum Schluss besiegt Ulzana persönlich seinen Hauptgegner Johnson, der im Feuer ums Leben kommt.
Die Apachen haben das Gesetz des Gleichgewichts (der Rache) wieder hergestellt, aber sie wollen das Gebiet angesichts des drohenden Silberabbaus verlassen. Letzte Einstellung: Ulzana und seine Getreuen reiten entspannt davon – aber wohin? Andernorts sollte es in der Realität für sie ja nicht besser werden, und vielleicht hat Gojko Mitiƈ , der auch am Drehbuch zu „Apachen“ beteiligt war, aus diesem Grund 1974 eine Fortsetzung unter dem Titel „Ulzana“ gedreht.
Außer den eingangs erwähnten Schwächen kommt noch eine dramaturgische Misslichkeit hinzu, die aber an der sozialen Grundaussage nichts ändert. Es geht in diesem Film nicht zum zwei Gegner, die einander bekämpfen, sondern unübersichtlich um mehrere, deren Haltung nicht immer eindeutig ist. Die Apachen stehen klar auf einer Seite – aber auf der anderen befinden sich der mexikanische Minenbetreiber Ramón und dessen mexikanische Angestellte, es befinden sich ferner, teilweise gegen die Mexikaner agierend, die kriminellen Amerikaner unter Johnson, die sich auf der Flucht vor Ulzanas Kriegern auch noch teilen und nicht verhindern können, dass ihr dynamitbeladener Planwagen explodiert. Und obendrein gibt es die amerikanischen Militärs, die sich um die Kriminellen und deren silbergierigen Auftraggeber nicht kümmern, sondern einen Eroberungskrieg gegen Mexiko vorbereiten. Die verzwickten, changierenden „Frontlinien“ machen das Geschehen undurchsichtig und erschweren für den Zuschauer die Zuordnung von Freund und Feind. Die komplexe, sicherlich an der historischen Wirklichkeit orientierte Situation hätte einen wirklich bedeutenden Regisseur verlangt, der die Komplexität der Wirklichkeit als solche hätte erkennen lassen.
8. Februar 2025 Copyright Christel Heybrock